TeeCee: u.n.v.e.u.

Tino Czerwinski ist tot. Ich konnte es nicht fassen und saß fassungslos in meinem Büro, als ich die Mitteilung von Union las. TeeCee gehörte zu den Menschen, die Union zu dem gemacht haben, was den Verein heute ausmacht. Mit Beharrungswillen. Jeden Umständen trotzend. Und streitbar. Nie den einfachsten Weg nehmend, sondern die eigene Haltung zur Leitlinie des Handelns machen. Das ist unbequem und versperrt auch gerne Mal den Weg zu dem, was gemeinhin als Erfolg verstanden wird. Aber dafür bleibt man immer gerade.

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Wie man Fußball aushält

Dieser Text über TeeCee erschien zuerst im November 2014 im Köpenicker Magazin Maulbeerblatt.

Tino Czerwinski moderiert die Fantreffen des 1. FC Union Berlin so lange es Fantreffen gibt. Er steht damit, ebenso wie durch seine frühere Tätigkeit im Vereinspräsidium, in der Öffentlichkeit. Klar, dachte ich: Den kenn’ ich natürlich. Der heißt in echt TeeCee, und den kennen doch alle. Seine Arbeitskollegen sagen Tino, nicht TeeCee. In seinem Spind hängt ein Union-Trikot, “weil man nie weiß, wie der Tag wird.” Tino arbeitet im Oberstufenzentrum KIM. Junge Erwachsene machen hier ihr Abitur oder eine Berufsausbildung in Medienberufen. Er kam aus dem Werk für Fernseh-Elektronik, von der Betriebsberufsschule.

teecee
Foto: Stefanie Fiebrig

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Teve070 – 1.FC Union Berlin: Ein Fußballklub in der DDR

Die aktuelle Debatte um den dreijährigen Wehrdienst von Unions Präsidenten Dirk Zingler beim Wachregiment Felix Dserschinski des Ministeriums für Staatssicherheit haben wir zum Anlass für eine Sonderausgabe des Podcasts genommen. Gemeinsam mit Tino Czerwinski (aka TeeCee, Moderator des Fantreffens bei Union) und Jan diskutieren wir die These, dass das transportierte Image von Union als "Anti-DDR-Verein" dazu geführt hat, die Fallhöhe für die Medienrelevanz von Zinglers Biographie herzustellen. Wir versuchen herauszufinden, wie viel von diesem Image Legende und wie viel tatsächlich Schnittmenge mit der erlebten Realität in der DDR ist. Zum Schluss überlegen wir, wie eine in unseren Augen überfällige Auseinandersetzung mit der Geschichte von Union in der DDR aussehen könnte. Als Bonus gibt es ab 51:17 Min ein viertelstündiges Gespräch mit Andora, in dem er seine Sicht auf Unions Geschichte in der DDR schildert. Andora ist Popart-Künstler und Unionfan. Er wurde in der DDR zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt und später freigekauft. Die Tonqualität ist etwas anders als sonst. Das liegt daran, dass wir in einem Café in Köpenick bzw. in Mitte aufgenommen haben.

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Neulich bei AF.tv

Am letzten Donnerstag war ***textilvergehen*** zu Gast bei AF.tv. Moderiert von Pressesprecher Christian Arbeit durften Tino Czerwinski, Gerald Karpa und ich Fragen an Dirk Zingler, den Präsidenten des 1.FC Union Berlin, stellen.

Nachdem die vergangene Saison mit einigen überraschenden Entscheidungen endete, war der Gesprächsbedarf der Unionfangemeinde enorm. Das spiegelte sich im Forum und auf diversen Internet-Plattformen wider und dürfte auch den Ausschlag dafür gegeben haben, dieses erste Interview zur neuen Spielzeit in einem etwas anderen Rahmen zu präsentieren. Während sonst mit Christian Arbeit oder Hannes Teubner Mitarbeiter der Pressestelle durch die Gespräche führen, waren es dieses Mal drei zwar dem Verein verbundene, aber eben nicht dort angestellte Personen, die nach Antworten suchten. Es mag anfangs etwas holpern, es ist dennoch der Blick von außen, der den Unterschied macht.

Erwartungsgemäß wurden denn auch recht ausführlich die Personalien Christian Beeck, Nico Schäfer und Theo Gries erörtert. In gewisser Weise war das therapeutisch. Vereinsführung und Fans starten hoffentlich befreiter, mit etwas weniger emotionalem Ballast in den heutigen Trainingsauftakt. Ein bißchen Zukunftsmusik gab es dennoch. Die neue Haupttribüne soll so schnell wie möglich gebaut werden. Aber, und das wünsche ich mir in Beton gegossen, “auf eine Art, die zu uns passt.”

Der zweiteilige Beitrag kostenfrei bei www.aftv-online.de anzusehen, setzt aber eine Registrierung voraus.

Dominic Peitz ist nicht Messi und Michael Parensen nicht aus der Region.

Auch wenn sich in dieser Woche viele Fragen dem Spiel gegen Hertha BSC unterordnen, werden die Punkte voraussichtlich in anderen Spielen geholt. Möglicherweise zuhause gegen Osnabrück. Hoffentlich mit Michael Parensen und Dominic Peitz. Beide sind angeschlagen, beide waren trotzdem gestern beim Fantreffen in der Q-Bar. Die ersten, weil drängendsten Fragen galten natürlich der Einsatzfähigkeit beider Spieler. Und nein, Gewissheit darüber gibt es nicht.

Direkt von der ärztlichen Untersuchung kommend sagte Michael Parensen “Der einzige Punkt: Ich muss damit klarkommen. Alles andere hilft nicht, sie können nicht viel machen. Das ist irgendwie eine ganz blöde Stelle, wir sind uns noch nicht ganz im Klaren, warum ich dort Schmerzen habe. Fest steht, dass ich´s immer wieder hab, und mich das im Spiel immer mal wieder behindert. Aber wir werden alles versuchen, dass es eventuell bis zum Wochenende klappt, aber ich allerspätestens zum Heimspiel gegen Osnabrück wieder auf dem Platz stehe. Ich werde auf die Zähne beißen und alles versuchen, was möglich ist.”

Bei Dominic Peitz verhält es sich ähnlich. Sein Auge ist nach wie vor leicht lädiert. Eine neue Maske aus Hartplastik und einem Silikonüberzug wurde bereits angefertigt, nachdem die Carbon-Maske offenbar das Gegenteil von Schutz bot. “Ich hoffe, dass sie funktioniert.” – Klar ist aber auch “Zwei Wochen dauert so ein Nasenbeinbruch. Die Gefahr besteht darin, dass, wenn ich nochmal was auf die Nase bekomme, ich dann langfristig ausfalle. Ich weiß nicht, ob ich in den sauren Apfel beißen muss und am Samstag nicht spielen kann. Aber auch ich werde alles dafür tun, dass ich spielen kann.”

Der weitere Verlauf des Abends war vor allen Dingen unterhaltsam. Michael Parensen kannte Nina Hagens “Du hast den Farbfilm vergessen” nicht und entschuldigt sich mit “Ich komm nicht aus der Region.” Charmanter hat noch nie jemand “Ich bin nicht aus´m Osten” gesagt. Dominic Peitz wunderte sich noch immer ein bißchen über die Fair-Play-Medaille der Deutschen Olympischen Gesellschaft, mit der er ausgezeichnet worden war. “Ich wollte damit gar nichts ausdrücken, ich hab mich einfach bloß an die Regeln gehalten”, meinte er rückblickend über seine Aktion, die die gelbe Karte für Gegenspieler Chong Tese verhinderte. Von Moderator Tino Czerwinski mit der Tatsache konfrontiert, er sei zwar nicht so gut wie Messi, aber im Grunde viel beliebter, gelangen beiden, Peitz  und Czerwinski, nur mühsam ein würdevolle Gesichter. “Wir haben den Glücksfall, dass beim Fußball 11 Spieler in einer Mannschaft stehen. Ich habe 10 Kameraden, die meine Schwächen wettmachen, das sind schon mal 10 mehr als bei einem Tennisspieler.”

So ganz kam man dann um das Derby-Thema doch nicht herum. Die Stimmung in der Mannschaft, Dominic Peitz? “Ob wir jetzt 12 Verletzte haben oder 15 oder die A-Jugend da hinschicken müssen, ist uns relativ wurscht – wir wollen das Spiel gewinnen, das steht fest. Wir werden uns nicht verrückt machen lassen. Lasst uns einfach das Spiel spielen!”

Rede und Antwort stehen

Der Stadtteil Oberschöneweide war einmal so etwas wie der industrielle Pulsschlag von Berlin. Wo aber einst Läden standen, finden sich nun Automatencasinos und Dönerbuden. Um die Lenkung des Wandels kümmerte sich bis 2007* ein Quartiersmanagement. Von der ursprünglich prägenden Industrie ist nicht viel geblieben. Das ehemalige Fabrikgelände von AEG und später Kabelwerk Oberspree (KWO) heißt nun Campus Wilhelminenhof der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Gegenüber in einer Kneipe lädt Moderator Tino Czerwinski zu Saisonbeginn immer Teammanager und Trainer zum Fantreffen des 1. FC Union Berlin ein.

Manager Christian Beeck, Moderator Tino Czwerwinski, Trainer Uwe Neuhaus

So, wie es für den VfL Bochum schon günstigere Momente für Jahreshauptversammlungen gegeben hat, ist auch die Situation für Teammanager Christian Beeck und Trainer Uwe Neuhaus bereits einmal rosiger gewesen. In Vereinskreisen hatte man nicht das “allerlustigste Fantreffen” erwartet. Nun ist es nicht so, dass sich die beiden Verantwortlichen für den Profibereich vor Schulterklopfen nicht mehr hätten retten können. Aber dass die Veranstaltung beinahe kuschelig verlief, war überraschend. Das lag zu einem wesentlichen Teil an der selbstkritischen Analyse des Trainers.

Dieser ordnete die erste Zweitligasaison in zwei Teile ein. Die erste Saisonhälfte sei überdurchschnittlich und die zweite unterdurchschnittlich verlaufen. Christian Beeck hingegen erklärte den Anwesenden, was richtiger Abstiegskampf sei. Und so fiel auch sein Fazit zum ersten Jahr in der zweiten Liga aus: “Das war eine schöne ruhige und gemütliche Saison.” Der Manager kam den Anhängern mit viel Witz und Verve, während Neuhaus sachlich und ruhig analysierte. Es ist genau diese Mischung, die die Anspannung von Beginn an löst und jeglichem Missfallen den Wind aus den Segeln nimmt.

Uwe Neuhaus erläuterte die Saisonvorbereitung und die Arbeitsteilung im Trainerstab. Dabei glitt er nie ab in die übliche Sprache, die Pressekonferenzen vor und nach Spielen so austauschbar macht. Zwar gab es in der Substanz nicht viel Neues zu hören, aber für die anwesenden Fans war es die Möglichkeit, sich einmal ein ungefiltertes Bild zu machen.

Die Systemfrage stellte sich Uwe Neuhaus zwar auch. Aber er machte sie für sich abhängig vom vorhandenen Spielermaterial. Entscheidend sei, wie sich die Spieler auf dem Platz bewegen und das System mit Leben erfüllen würden. Daher sei die Diskussion um Systeme für ihn überschätzt. Das Kernproblem liegt für den Trainer seit geraumer Zeit in der Verwertung der Torchancen. In der vieldiskutierten Frage nach der Aufstellung des schon lange glücklosen Stürmers John-Jairo Mosquera nahm sich Neuhaus auch selbst nicht von der Kritik aus: “Vielleicht habe ich zu lange an ihm festgehalten.” Er verwies aber auch auf die anderen Stürmer, die in der gleichen Zeit ähnlich erfolglos waren. Die Spieler im Sturm seien momentan nicht am Leistungslimit, und das sei natürlich auch die Verantwortung des Trainers. Und er fühle sich persönlich auch dafür verantwortlich.

Vereinspräsident Dirk Zingler beim Fantreffen am 5. Oktober 2010

Angesprochen auf den “Kapitänsfluch” hatte Uwe Neuhaus eine unkonventionelle Lösung parat: “Wir müssen nur irgendeinen suchen, den wir zum Kapitän machen können, aber eigentlich gar nicht brauchen.” Während an anderen Orten bei Tabellenplatz 15 und dem Beisammensein von Fans, Manager und Trainer eine explosive Stimmung herrscht, wurde in der Kneipe viel gelacht. Auch Vereinspräsident Dirk Zingler, der zwischen den Zuschauern saß, machte einen gelösten Eindruck. Vielleicht liegt das daran, dass spürbar ist, dass die Verantwortlichen im Verein daran arbeiten und die Situation nicht auf die leichte Schulter nehmen. Vielleicht hat der durchschnittliche Unionanhänger auch genug Misserfolg erlebt, so dass ein 15. Tabellenplatz keinen Angstschweiß mehr auslöst. Christian Beeck hat dazu seine persönliche Einstellung: “Wir müssen nicht in jedes Stück Holz beißen, das herumliegt. Ich habe als Spieler 15 Jahre lang Abstiegskampf mitgemacht. Wenn ich mich da jedes Mal nach einer 4:1 Niederlage in Freiburg zerfressen hätte bis Donnerstag, dann hätte ich jetzt schneeweiße Haare.”

* Der Hinweis auf das 2007 beendete Quartiersmanagement kam von Sterni Peng auf Facebook. Danke.

Ruhe bewahren

Fantreffen. Es ging um das Thema “Fußball und Recht”. Und neben dem Moderator Tino Czerwinski nahmen noch der Sicherheitsbeauftragte des 1. FC Union Berlin, Sven Schlensog, Mario Bartels von der Einsatzgruppe Hooligans der Berliner Polizei und der Rechtsanwalt Dirk Gräning teil. Gräning hat im Vorfeld in einem Dossier häufige Tatbestände aufgeschlüsselt und an Beispielen erläutert.

Die Reizthemen sind klar: Wer legt fest, was ein Risikospiel ist, und was bedeutet das eigentlich? Wie kommt es zu Stadionverboten, und welche Möglichkeiten gibt es, dagegen vorzugehen? Wer wird in das Zentralregister Gewalttäter Sport aufgenommen, und wie kommt man da wieder raus? Die Stimmung ist umso gereizter, je jünger die Anwesenden sind. Der Moderator versucht, die verkrampfte Stimmung etwas zu lockern, indem er eigene Erfahrungen anbringt. Allerdings hinken die Anekdoten, da sie größtenteils in der DDR spielen und damit in einem komplett anders verfassten Staat. Dass gerade Berliner es in der DDR nicht einfach hatten, wenn sie sich außerhalb der Hauptstadt bewegten, kommt hinzu. Daher kamen diese Erzählungen – und das ist nicht despektierlich gemeint – an, als ob Opa vom Krieg erzählen würde.

Risikospiele

Interessant, wenn auch im Kern nicht hilfreich für die Belange der einzelnen Anhänger, waren die Ausführungen von Sven Schlensog, wie es zu den Einschätzungen von Risikospielen kommt. In einer Sicherheitsberatung wird der Erkenntnisstand des Vereins und im Zweifelsfall der der Berliner Polizei und des Gastvereines ausgewertet. Dazu kommt eine Umfrage vor der Saison durch den DFB, in der die einzelnen Vereine gebeten werden, die zu erwartenden Gastvereine und das Verhältnis zu beschreiben. Es liegt dabei auf der Hand, dass diese Einschätzung durch den Saisonverlauf immer überholt wird. Der Entscheidung “Risikospiel” folgen dann eine bis mehrere Sicherheitsbesprechungen mit der Polizei. Dabei kann es sein, dass dem für den 1. FC Union Berlin zuständigen Abschnitt 66 die Vollmacht für den Einsatz entzogen und an eine andere Stelle vergeben wird. Es ist also nicht so, dass die Personen bei Polizei und Verein, die sich von der Arbeitsebene gut kennen, zwangsläufig auch beim Einsatz bzw. bei den Sicherheitsbesprechungen miteinander zu tun haben werden.

Auch das Spiel gegen den FC St. Pauli wird ein Risikospiel sein. Denn ein Risikospiel muss nicht aus einer Rivalität der Fangruppen herrühren. In diesem Fall sei es ein Risikospiel aus organisatorischer Sicht, erklärt der Sicherheitsbeauftragte. Im Blickpunkt steht dabei das ausverkaufte Stadion an der Alten Försterei und die damit verbundenen Anforderungen bei der An- und Abreise. Außerdem das Unwissen, ob Karten aus dem Heimkontingent nach Hamburg verkauft wurden. Dies könne bei entsprechendem Verlauf der Partie unerfreuliche Auswirkungen haben. Aus polizeilicher Sicht würde noch das politische Engagement der Anhänger St. Paulis eine Rolle spielen. Dies allerdings nicht rund um das Fußballspiel, sondern in der Beobachtung der Gästefans nach dem Spiel. Was der Beamte von der Einsatzgruppe Hooligans damit meinte, ließ er offen.

Aus der Einschätzung Risikospiel ergeben sich unterschiedliche Auflagen. Dies kann eine Kapazitätseinschränkung des Stadions sein, eine Erhöhung der Ordnerzahl oder ein Alkoholverbot im Stadion. Interessanter Fakt dabei: Der DFB untersagt prinzipiell den Alkoholausschank bei Spielen der oberen Ligen. Allerdings gebe es Ausnahmeregelungen. So habe laut Schlensog der 1. FC Union eine Ausnahmegenehmigung erhalten die als Auflage vorsieht, bei Wünschen durch die Polizei den Ausschank einzuschränken. Zusätzlich zu den Vorkehrungsmaßnahmen gibt es meist vor der Stadionöffnung noch eine kurze Besprechung, die auf die Witterung und die Anreise der Gästefans Bezug nimmt.

Was bei dem betriebenen Aufwand etwas wundert: Es gibt keine vorgeschriebene Evaluation der getroffenen Maßnahmen nach dem Spiel. Diese betreibt die Polizei zum Beispiel alleine. Jeder kennt die Argumentation der unterschiedlichen Polizeigewerkschaftler, die bei Vorfällen von zu wenig Einsatzkräften sprechen und bei ausbleibender Eskalation dies der Präsenz der eingesetzten Polizeibeamten zugute halten. Gerade um dieser Law & Order Sicht etwas entgegenzusetzen, wäre eine sachliche Überprüfung der getroffenen Maßnahmen nach Risikospielen sinnvoll. Sven Schlensog schloss mit der Bemerkung, dass er aus heutiger Sicht bestimmten Wünschen der Polizei nicht mehr unbedingt Folge leisten würde, da diese anderweitig zu einer Gefährdung der Zuschauer führen könnten.

Platzverweis

Was die Gäste beim Fantreffen wirklich umtrieb, waren allerdings Maßnahmen, von denen sie im Einzelfall selbst betroffen sind. Zunächst stellte Rechtsanwalt Gräning fest, dass durchaus eine vermehrte strafrechtliche und verwaltungsrechtliche Auseinandersetzung festzustellen sei. Prinzipiell bewege man sich als Fan, gerade bei Auswärtsfahrten in einer größeren Gruppe, in einem strafrechtlich gefährlichen Bereich. Dass ein seit Jahrzehnten als vermeintliches Kavaliersdelikt geltender Umstand wie Schalklau strafrechtlich als Raub verfolgt wird, erstaunte auch den Moderator. Aber jenseits davon gab Gräning Hinweise, wie man sich zum Beispiel beim Aussprechen eines Platzverweises zu verhalten habe. Es gibt dafür kein Widerspruchsrecht, sondern der ausgesprochene Platzverweis tritt sofort in Kraft. Zwar sollte man von dem jeweiligen Beamten Auskunft darüber bekommen, warum der Verweis ausgesprochen wurde, für welchen Zeitraum und Ort er gilt. Allerdings wurde von allen Beteiligten davon abgeraten, sich auf Diskussionen einzulassen, da ein Nichtbefolgen dieses Platzverweises bereits verfolgt würde. Der Platzverweis an sich hat noch keine Konsequenzen.

Stadionverbot

Stadionverbote betrachtet der Rechtsanwalt als verwaltungsrechtlichen Nebenaspekt, wobei die betroffenen Anhänger diesen als deutlich schwerwiegender wahrnehmen würden. Die Vereine werden mit der Akzeptanz der Lizenzunterlagen zu einer Kooperation mit der DFL und dem DFB gezwungen, die sich aus den Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen ergibt. Diese Kooperationspflicht besteht momentan für die obersten vier Ligen. Bei Union wird laut Schlensog weitestgehend versucht, vor der Aussprache von Stadionverboten den Betroffenen eine Anhörung vor den Vereinsgremien zu ermöglichen. In eindeutigen Fällen würde allerdings das Stadionverbot ausgesprochen, und der Betroffene könne im Nachhinein auf eigenen Wunsch angehört werden. Auf keinen Fall würden diese Prüfungen, zu den die Anhörungen gehörten, wie bei anderen Vereinen durchaus üblich, an Kanzleien ausgelagert werden. In diesem Zusammenhang machte der Sicherheitsbeauftragte auf die momentane Situation aufmerksam, in der ein solches defensives Verhalten auf dem absteigenden Ast sei. Verantwortlich sei dafür die Spirale, an der zur Zeit Fans und Polizei drehten. Er mahnte daher zur Vorsicht, was jede Aktion betreffe, da sich damit vermeintlicher Regelungsbedarf für Politiker ergebe, die keine Berührungspunkte zum Thema Fußballfans hätten. Als Beispiel nannte er die Sitzung des Innenausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses nach dem Platzsturm im Olympiastadion.

“Gewalttäter Sport”

Ein weiteres Thema war die Erfassung von Personen bei der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze in der sogenannten Datei “Gewalttäter Sport”. Darin erfasst werden ein Katalog von Straftaten rund um Sportveranstaltungen. Auskunft über einen möglichen Eintrag bekomme man laut Bartels, indem man einen Antrag auf Auskunft beim jeweiligen Landeskriminalamt stelle. Unzufriedenheit mit der Datei in der praktischen Polizeiarbeit wird geäußert, da einige Dienststellen jede Straftat in der räumlichen und zeitlichen Nähe einer Sportveranstaltung dort erfassen würden. Damit würde diese Datei durch Datenmüll unbrauchbar. Ob das stimmt und welchen Nutzen diese Datei wirklich hat, war an diesem Abend nicht zu erfahren. Von Rechtsanwalt Gräning kam die beruhigende Auskunft, dass ein Eintrag in der Datei keinerlei Einfluss auf Verurteilung bzw. Strafmaß in einem Verfahren hätte.

Bei den Fragen war die Frustration vieler Anwesenden spürbar, die sich erhofft hatten, Klarheit zu Einzelfällen zu erfahren. Das funktionierte, wenn konkrete Sachverhalte unabhängig vom entsprechenden Einzelfall nachgefragt wurden. Woran zum Beispiel der Beamte zu erkennen sei, der bei einem Einsatz wirklich etwas zu sagen hätte. Dazu erklärte Bartels, der den ganzen Abend einen sehr ruhigen Eindruck machte, dass bei behelmten Polizisten dieser Beamte einen circa drei Zentimeter breiten Streifen auf dem Helm tragen würde. Bei unbehelmten Beamte sei dies schwieriger. Dort würde man diese an drei Kreisen auf dem rechten Arm erkennen. In der Diskussion war auch die Resignation spürbar, als Anwalt Gräning von den Verfahren nach einem von vielen als überhart empfundenen Einsatz in Paderborn erzählte. Zwar seien fast alle Verfahren eingestellt worden. Doch betreffe das auch die Verfahren gegen die Polizei, da nur wenige der Aufforderung nachgekommen seien, Video- und Fotomaterial als Beweismittel abzugeben. Für Aufsehen hatte in Paderborn gesorgt, dass lokale Einsatzkräfte einen Berliner Beamten der Einsatzgruppe Hooligan verletzten.

Zum Abschluss mahnte der Sicherheitsbeauftragte des Vereins nochmals mehrfach, Situationen vor Ort zu “entemotionalisieren” und lieber im Nachhinein zu klären. Das hätte zwar nicht immer Aussicht auf Erfolg, würde aber auch nicht zu Lasten der Anhänger gehen. Bezeichnend, dass daraufhin ein emotionaler Disput zur Entemotionalisierung folgte.

Ein eigentliches Problem bei diesem ganzen Thema ist der mangelnde Respekt und das fehlende Verständnis von unterschiedlichen Seiten der anderen Seite gegenüber. Von polizeilicher Seite gibt es zum Beispiel bis heute aufgrund der föderalen Struktur keinen Ansprechpartner für bundesweit vernetzte Faninitiativen. Das ist eindeutig fehlender politischer Wille. Auch die Unfähigkeit, sich manchmal lieber zurückzunehmen, spielt in dem Konglomerat Fans, Verbände, Polizei, Medien und Polizeigewerkschaften eine große Rolle. Dazu konnte diese kleine Veranstaltung sicherlich nur wenig beitragen. Was sie aber durchaus geschafft hat, ist die Vermittlung von Wissen, wie bestimmte Entscheidungen zustande kommen. Ein Wunsch wäre, in Zukunft durchaus offensiver mit solchen Entscheidungen wie Risikospiel umzugehen und zu erläutern, aus welchem Grund welche Maßnahmen ergriffen worden. Dass den Anhängern der einzelnen Klubs dabei selbst eine gewichtige Rolle zukommt, überzogenen Forderungen den Wind aus den Segeln zu nehmen, ist leider noch nicht überall angekommen.