Wie polizeiliche Betretungsverbote für Fußballfans das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit erschüttern

Gestern war die Haupttribüne gut gefüllt, weil die HTW ihre Immatrikulationsfeier im Stadion durchführte. Ich finde das vor allem gut, weil es zwei regional starke Magneten wie die Hochschule für Technik und Wirtschaft und den 1. FC Union miteinander verknüpft. Und es sah gut aus. Hier der Beitrag der Abendschau vom RBB:

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Stadionverbote fordern statt sich mit den Ursachen beschäftigen

Bernd Schultz ist Präsident des Berliner Fußballverbands. Eigentlich könnte nach diesem Satz Schluss sein, weil er mit dem Profifußball in Berlin nichts zu tun hat und über die Attraktivität des Amateurfußballs in unserer Stadt schweige ich lieber. Aber Bernd Schultz hat eine starke Meinung zu dem Überfall auf das Kleinfeld-Spiel der AK40 zwischen Union und BFC am Freitag Abend:

Im Gegensatz zu Stimmen beim 1. FC Union bin ich der Meinung, dass konsequent durchgeführte Stadionverbote durchaus ein Mittel sind.

Das sagt er in der Bild. Wie Stadionverbote den Vorfall am Freitag Abend verhindert hätten, verschweigt Bernd Schultz. Aber ich helfe ihm da gerne aus: Sie hätten nichts verhindert. Das häufige Mittel eines bundesweiten Stadionverbots ist nicht bis zu Spielen der AK40 gültig. Im Zweifelsfall hätte ein lokales Betretungsverbot da mehr Wirkung gehabt. Allerdings bringt das auch nichts bei Spielen ohne Ordnungsdienst und Sicherheitskonzept. Im Falle einer Festnahme von Tätern könnten diese höchstens noch für den Verstoß gegen das Verbot belangt werden. Aber als Präventivmaßnahme bringt das soviel wie ein Schild am Sportplatz, auf dem steht “Schägerei verboten!”

Foto: Matze Koch

Im Kurier relativiert Schultz die Forderung nach Stadionverboten, indem er dort sagt: “Die sind zwar nicht das allein seligmachende Mittel. Aber es wäre ein klares Zeichen gewesen.” Ein Zeichen setzen, auch wenn es nichts bringt. Nichts verdeutlicht die Erfolge des Berliner Fußballverbandes mehr als dieser Satz. Das ist pure Hilflosigkeit gepaart mit Aktionismus.

Kommen wir zum nächsten, dem BFC Dynamo. Der Klub schreibt auf seiner Website: “Der BFC Dynamo verurteilt diesen feigen Überfall und fordert eine lückenlose Aufarbeitung der Vorfälle durch den 1. FC Union.” Wieder so eine Forderung. Ich verurteile diesen Überfall auch, wie ich jede Schlägerei verurteile. Apropos lückenlose Aufklärung: Wie hat der BFC den Einsatz von Feuerlöschern seiner Anhänger gegen die Polizei bezeichnet, der für den Großteil der verletzten Polizisten beim Regionalliga-Derby verantwortlich war? Hier haben wir es: “Beim Verlassen des Gästeblocks, nach Ende der Partie, kam es aufgrund der versperrten Abgangswege vereinzelt zu Auseinandersetzungen zwischen Fans des BFC Dynamo und den Ordnungskräften, wobei es leider mehrere Verletzte gab.”

Und auch der 1. FC Union sollte nicht zu kurz kommen. Unabhängig von strafrechtlichen Aufarbeitung durch die Polizei hätte ich gerne eine Auseinandersetzung im Verein darüber, wie der Umgang mit dem BFC in Zukunft aussehen soll. Wo ist denn die Grenze, wenn ein paar provozierende Nasen bei einem Altherrenspiel zu solch einer Selbstjustiz führen? Gilt das demnächst auch für Jugendspiele? Auch die Dimensionen sollte sich jeder vor Augen führen. Was hat der 1. FC Union durch solche Vorfälle zu verlieren?

Und dann noch dieser Kommentar im Kurier, in dem Bunki einen Traum aufschreibt, in dem alle dem BFC die kalte Schulter zeigen. Ein anderer sei ihm gerade zerstört wurden:

Der, dass ich mit meiner Tochter, der Bunkine, ungestört in die Alte Försterei gehen kann. Und nicht immer vorsichtig in den Busch gucken muss, ob da irgendwelche Kasperköppe daraus hervorspringen. Danke dafür!

Ich weiß ja nicht, in welche Försterei Bunki geht, aber ich gehe seit Jahren mit meinen Kindern ins Stadion. Und zwar immer Stehplatz. Von Sektor 3 bin ich in den inoffiziellen Familienblock Sektor 4 umgezogen. Weil dort einfach mehr Platz ist. Der gefährlichste Moment, den ich erlebe, ist der, wenn ich die “Purzelchen” vergessen habe. Ernsthaft Bunki, komm doch mal rüber und schau es Dir an.

Podcast zum Thema Kollektivstrafen beim 1. FC Köln

Anlässlich der Auseinandersetzungen zwischen organisierter Fanszene und dem 1. FC Köln war ich gestern Abend beim Bockcast zu Gast. Neben mir sprachen zwei Effzeh-Fans und Maik vom Fanzine Übersteiger des FC St. Pauli. Je länger ich über dieses Gespräch nachdenke, desto mehr bin ich der Meinung, dass die Haltung des 1. FC Union nicht naturgegeben ist und wir sie auch schützen müssen. Vor Leuten wie Bernd Schultz und Leuten, die deutlich mehr Druck ausüben können.

Den ganzen Podcast gibt es hier.

Der Spielabbruch in Stockholm: Meine Fragen und die Antworten des 1. FC Union

Am Sonnabend, den 19. April erschien in der Berliner Morgenpost ein Artikel von mir, der sich mit der Aufarbeitung des Platzsturms und des anschließenden Spielabbruchs beim Testspiel des 1. FC Union bei Djurgardens IF in Stockholm am 25. Januar beschäftigte. Ausgangspunkt waren die öffentlichen Ankündigungen von Präsident Dirk Zingler zur raschen Aufarbeitung (Video). Die Frage, die ich mir stellte: Welche dieser Schritte ist Union seitdem tatsächlich gegangen. Der Titel des Artikels lautete: Viel versprochen, nichts gehalten

Vor Anpfiff in Stockholm drangen Union-Anhänger bis zur Mittellinie des Spielfeldes vor.Foto: Koch

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Teve093 [extra] – Funktionäre auf Auswärtsfahrt

Plötzlich waren sie alle gleich beim Fankongress 2012 im ehemaligen Berliner Kino Kosmos. Fans, Funktionäre und die zahlreichen Journalisten. Kurz nach eins aßen die meisten eine Suppe. Entweder eine Tomatensuppe oder dem Veranstaltungsort entsprechend eine Berliner Erbsensuppe. Ein Erfolg war schon das offene Gespräch zwischen Funktionären und den Fans. Aber bei aller Freude über den gelungenen Dialog war keine Seite so blauäugig, die großen, scheinbar unüberbrückbaren Differenzen zu übersehen: Kontrolliertes Abbrennen von Pyro im Stadion, zersplitterte Spieltage mit unmöglichen Anstoßzeiten und die oft als willkürlich empfundenen bundesweiten Stadionverbote.


Bild: Sebastian Fiebrig

Gerade die Stadionverbote bieten eine viel emotionalere Diskussion als die festgefahrene Pyro-Debatte. Denn wer einmal bei einer Auswärtsfahrt von der Polizei zum Stadion begleitet wurde, weiß wie leicht dort die Situation an oft unscheinbaren Kleinigkeiten eskalieren kann. Dann das übliche: Personalienfeststellung einer großen Gruppe und Einleitung eines Ermittlungsverfahrens wegen Landfriedensbruch etc. Es muss gar nicht zu einer Verurteilung kommen. Schon das Ermittlungsverfahren reicht für ein Stadionverbot.

Und genau diese Aushebelung der Unschuldsvermutung heizt die Stimmung bei jeglicher Diskussion um Stadionverbote an. Und so hatte der seit Oktober amtierende Sicherheitsbeauftragte des DFB, Hendrik Große Lefert, von Anfang an keinen leichten Stand in der Diskussion: “Wem gehört der Ball? Der Fußball zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und Privatrecht: Stadionverbote: Präventivmaßnahme oder Ersatzstrafrecht?” Ganz links außen saß er etwas verloren da. “Ein selbstgewähltes Schicksal”, gab er danach zu. Er hatte sich den Platz freiwillig ausgesucht. Vielleicht weil er nicht im Mittelpunkt stehen wollte. Doch dort stand er ohnehin. Jede Frage, jeder Vorwurf an den Verband richtete sich stellvertretend Hendrik Große Lefert.

Die Diskussion verlor sich etwas in juristischen Scharmützeln und rhetorisch nicht ungeschickt fragte der Sicherheitsbeauftragte das Podium: “Wo ist denn bei ihnen die Grenze? Sie wollen doch sicher auch nicht jeden im Stadion sehen?” Der Kniff ist klar: Seid mit mir oder unterstützt Leute, die sich außerhalb des gesellschaftlichen Konsens bewegen.

Abgesehen davon machte Hendrik Große Lefert den Eindruck, als sei er die personifizierte friedliche Koexistenz. Geschenke hatte er zwar nicht im Gepäck, aber ein Scharfmacher ist er eben auch nicht. Im Nachgespräch machte er auch deutlich, wo seine Grenzen liegen: “Ich bin mit George Orwell und Ray Bradbury groß geworden. Für mich ist jedes Szenario eines Überwachungsstaates ein Horror-Szenario.”

Abgesehen davon, dass er bei Amtsantritt wohl eher keine blühenden Landschaften vorgefunden hatte, möchte er sich nicht an den großen Themen abarbeiten, die momentan wohl nicht zu stemmen sind. Er will in kleinen Schritten die Kommunikation am Spieltag vor Ort verbessern, um in Einsatzsituationen Eskalationen zu vermeiden. Und er nimmt sich Zeit für die AG Fandialog. Den Rest hebt sich Große Lefert vielleicht für später auf. Denn auch er weiß, dass nichts in Stein gemeißelt ist. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Und er blickt gedanklich nach England: “Bei Taylor hat auch niemand gedacht, dass er sich mit diesem Konzept durchsetzt.”

On Air:

avatar Marco Noli (Fananwälte)
avatar Hendrik Große Lefert (DFB-Sicherheitsbeauftragter)
avatar Antje Hagel (Fanprojekt Offenbach)
avatar Jannis Busse (Ultras Hannover)
avatar Gerd Dembowski (Sozial-Wissenschaftler)
avatar André Waiß (Sicherheitsbeauftragter Energie Cottbus)
avatar Nicole Selmer (Journalistin)

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