+++ EIL +++ Kein Mord in Britz! +++ EIL +++

Es ist ja kein Geheimnis, dass ich beim Berliner Kurier arbeite und dazu momentan den schönsten Draußenjob habe, den sich Unionfans vorstellen können: Beim Training zuschauen und dafür noch bezahlt werden. Ein anderer schöner Nebeneffekt ist, dass ich relativ schnell herausbekommen kann, was sich hinter so “knackigen” Schlagzeilen wie “Pyrotechnik bleibt verboten” verbirgt.

 
Bild: unveu.de

Als ich das gelesen habe, dachte ich zuerst an die schnodderige Schlagzeile “Kein Mord in Britz!” Das bekomme ich in der Redaktion zu hören, wenn eine Nachricht keinen Nachrichtenwert hat. “Pyrotechnik bleibt verboten” passt perfekt in diese Kategorie. Das war aus Agentursicht also das Ergebnis eines Hintergrundgespräches vom neuen DFB-Sicherheits-Chef Hendrik Große Lefert und DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus mit Journalisten. Nicht genug, um in den Medien aufzutauchen. Das wussten auch die Kommunikations-Strategen von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und schickten eine Pressemitteilung raus: Repräsentative Umfrage: 84 Prozent der Fans gegen Pyro-Technik – 80 Prozent fordern harte Bestrafung. Zahlen sind toll. Journalisten lieben Zahlen.

84 Prozent. In Worten: vierundachtzig. Bei soviel Zustimmung wird sogar der Genosse Putin in Moskau ganz grün vor Neid. Ich auch. Ein Anruf beim DFB schickt mich durch Warteschleifen und endet beim typischen schnellen Recherchehemmer: “Schicken Sie uns doch mal eine E-Mail!” Bei der DFL geht es fixer. Mir wird erklärt, was sich hinter der repräsentativen Umfrage von tns-infratest verbirgt.

Angerufen wurden 2000 Bundesbürger. Davon entpuppten sich nur 960 als fußballinteressiert. Und nur die 960 wurden tatsächlich zum Thema Pyro befragt. Wir wissen also nicht, wie fußballinterressiert die Befragten sind: Schauen sie nur Nationalmannschaft bei EM oder WM? Verfolgen sie die Bundesliga? Gehen sie vielleicht auch mal ins Stadion? Gar regelmäßig? Das wissen wir alles nicht.

Zu den Ergebnissen. 84,4 Prozent der Fußballinteressierten sind gegen Pyrotechnik. Wie bei jeder Umfrage bestimmt auch hier die Frage das Ergebnis. Gefragt wurde zuerst: “Das Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion ist verboten. Soll dieses Verbot bestehen bleiben?”* Antwortoptionen: ja/nein

Zweite Frage: 79,5 Prozent sind für eine harte Bestrafung, wenn das Pyrotechnikverbot missachtet wird. Die Frage lautete: “Pyrotechnik ist gefährlich. Sie ist schädlich für den Fußball und soll deshalb hart bestraft werden. Stimmen Sie dem zu?”* Antwortoptionen: ja/nein

Bei solch suggestiver Fragestellung und begrenzter Antwortmöglichkeit hätte ich im Studium wohl Schläge kassiert. Hier soll ganz klar ein bestimmtes Ergebnis erzielt werden. Schwarz oder weiß. Ja oder nein. Um Kompromisse wie zum Beispiel der Möglichkeit des kontrollierten Abbrennens von Pyro ging es in dieser Umfrage nie. Hier soll Stimmung für die Richtung des DFB und der DFL gemacht werden. Und zwar vor dem Fankongress, der am Wochenende im Berliner Kosmos stattfindet. Dort sind sowohl der DFB-Sicherheits-Chef und der DFL-Geschäftsführer vor Ort. Warum? Um Gesprächsbereitschaft zu zeigen? Ist ja schön und gut. Aber worüber eigentlich noch?

*Ich habe die Fragen am Telefon mitgeschrieben. Es kann also sein, dass der Satzbau nicht hundertprozentig mit dem Original übereinstimmt.

Reliquien

Es könnte so einfach sein. Man schnappe sich eine der reflexhaften Pressemitteilungen vom “Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft”, Rainer Wendt, mit denen er die Medien des Landes nach jedem Aufruhr versorgt, und seziere sie. Aber das wäre zu simpel, denn diese “Forderungen” sind durchsichtig und folgen lediglich dem Prinzip “Je unsinniger und plaktiver, desto eher werden sie verbreitet.” Sich an Aussagen der Deutschen Polizeigewerkschaft oder der Gewerkschaft der Polizei abzuarbeiten hieße in dem Kontext, demjenigen Aufmerksamkeit zu schenken, der am lautesten schreit. Das kann man anderen wie dem Geschäftsführer von Borussia Dortmund überlassen, der über Rainer Wendt sagt: “Wenn ich sehe, dass er sich wie ein Innenminister aufspielt und zu allem seinen Senf dazu gibt, platzt mir der Kragen.”

Interessant wird es, wenn sich Personen mit Bedacht äußern, die Entscheidungen so vorbereiten können, dass sie zur Abstimmung kommen können. Ein Beispiel dafür ist Holger Hieronymus, stellvertretender Geschäftsführer der DFL und für den Spielbetrieb verantwortlich. Und der sagt in einem Interview mit dem ZDF (das gesamte fast zehn Minuten lange Gespräch ist sehr sehenswert) folgendes:

Stadion der Zukunft. Sieht das so aus wie in Amerika? Keine Stehplätze mehr, nur noch Sitzplätze, die ja sowas [Anm. d. Red.: gemeint sind die Vorfälle im Olympiastadion beim Spiele Hertha – Nürnberg] minimieren würden?

Ich glaube, und wenn ich mir die Diskussionen, die noch nie so intensiv geführt worden mit der Fanszene wie 2010, ansehe und wir immer wieder darauf hingewiesen haben, dass für den Fall, dass wir keine deutliche Qualitätsverbesserung im Sinne von weniger Ausschreitungen sehen können, dann wird es irgendwann auch an Reliquien gehen, die es in deutschen Stadien immer noch gibt. Das sind Stehplatzbereiche und zehn Prozent Gästetickets. All diese Dinge haben wir bereits in Frage gestellt in der Diskussion mit den Fans. Ich glaube, wir werden über diese Maßnahmen all along reden müssen. Und ich hoffe nicht, dass wir dann eine Stadionstruktur wie in Amerika oder auch in England haben werden. Allerdings müssen die Maßnahmen, die wir uns überlegen, greifen, um dies zu verhindern.

Die Diskussion mit den Engländern, die ja als erste versucht haben, das Hooligan-Problem in den Griff zu bekommen und dabei relativ erfolgreich waren. Die Zäune sind wieder weg.

Ja, ich denke der Erfahrungsaustausch mit den Kollegen aus England sieht so aus, dass wir die Maßnahmen die seinerzeit vorgenommen worden sind, nachvollziehen können. Sie haben letztendlich zu einer Form des Erfolges geführt, dass es zumindest innerhalb der Stadien diese Ausschreitungen in der Form nicht mehr möglich sind.

In diesen Zusammenhang muss die Entscheidung des FC St. Pauli und der Hamburger Polizei gesehen werden, lediglich 500 Sitzplatzkarten personalisiert an Rostocker Anhänger zu verkaufen. Natürlich ist dieses Vorgehen ein Dammbruch. Der Berliner Polizeipräsident Glietsch wollte bereits vor zwei Jahren den Anhängern von Dynamo Dresden die Anreise verbieten und nahm für sich auch das Totalverbot von Partien in Anspruch. Die Dresdner Ultras reagierten mit einem größtenteils eingehaltenen Boykott des Spiels.

Sämtliche Anhänger befinden sich angesichts solcher Forderungen in einer Lose-Lose-Situation. Zunächst wird eine große Drohkulisse aufgebaut und mit Maximalforderungen unterlegt. Anschließend wird ein “Kompromiss” gefunden, der vorher von Verein wie Anhängern rundweg abgelehnt worden wäre. So spricht Paulis Präsident Littmann jetzt nach der Einigung mit der Polizei von der “weitestgehend möglichen Wahrung der Fanrechte“. Natürlich passiert bei einer solcherart zu einem Hochsicherheitsspiel hochgejazzten Partie erwartungsgemäß nichts, was anschließend nur mit dem hohen Sicherheitsaufwand begründet wird. Beweisen kann diese Aussage niemand.

Der 1. FC Wundervoll feierte erst gestern mit einer Kinopremiere erneut den Bau seines fast reinen Stehplatzstadions. Das Stadion an der Alten Försterei besitzt neben 2460 Sitzplätzen 16.540 Stehplätze. Eine Grundbedingung für Präsident Dirk Zingler bei der Planung und für die Mitarbeit der Fans an diesem Stadion war der Erhalt der Stehplätze entsprechend den Kriterien für den Spielbetrieb von DFL und DFB. Die Stehplätze sind ein Selbstverständnis für die Fankultur des Vereins. Maßnahmen wie in England aufgrund der Umsetzung von Vorschlägen des Taylor-Reports wären das Ende der Atmosphäre, die man mit Union verbindet.Aus diesem Grunde befindet sich der Verein in einer Findungsphase, wie mit Anhängern umgegangen werden soll, die sich nicht an die Regeln halten. Bewusst wurde auf plakative Maßnahmen verzichtet und die Diskussion in die Vereinsgremien gegeben. Die bald erwarteten Ergebnisse und ihre Wirksamkeit werden für alle von immenser Wichtigkeit werden. Sie werden das Verhältnis von Verein, Fans, Verband und Sicherheitskräften bestimmen.

Holger Hieronymus hat leider nicht ausgeführt, wie er Reliquie meinte: Gegenstand religiöser Verehrung oder Überbleibsel…