Sonderheftsonderkritik

“In schöner Regelmäßigkeit ist Fußball doch immer das Gleiche”, soll Hans Meyer gesagt haben. Und zu keinem Zeitpunkt hat er mehr Recht als zum Saisonstart. Trainingslager, Transfers, Fehlstarter und Durchstarter. Überraschung ist etwas anderes. Dazu die Sonderhefte. Mit Spielern auf Mannschaftsfotos, die beim Erscheinen schon woanders untergekommen sind. Zu den Sonderheften gehört natürlich dann auch wie jedes Jahr Sonderheftkritik. Einen Abgesang auf die Sonderhefte, dem ich mich nur anschließen kann, hat Kai Pahl bei allesaussersport.de geschrieben.

Sportbild, Kicker und 11Freunde

Darum setze ich mal bei den drei Klassikern unter den Sonderheften den Schwerpunkt etwas anders. Wie nimmt der zukünftige Rentezahler im Haushalt die Hefte auf? Da haben Sportbild und Kicker ganz klar die Nase vorne. Das Kaufargument für den Kicker ist die Stecktabelle, die an die Kinderzimmertür gepappt gehört. Als zusätzliche Quengelware gibt es dieses Mal noch Aufkleber von allen Erst- und Zweitligateams. Verklebt wurden fast alle. Sogar Hoffenheim. Nur Energie Cottbus schaute in die Röhre. Wichtig für das zahlenverrückte Kind ist die Kaderübersicht mit der Angabe von Gewicht und Körpergröße. Der absolute Liebling ist Schalkes dritter Torhüter Lars Unnerstall. 100 Kilogramm verteilen sich auf 1,98 Meter.

Die Sportbild ist Pflichtprogramm. Allerdings hat sie kaum Mehrwert. Keine Gewichtsangaben. Körpergröße Fehlanzeige. Allerdings ist sie immer als erste im Handel. Das einzige Kaufargument.

Das sogenannte Sonderheft der 11Freunde gleitet kaum beachtet durch die Hände des Juniors. Hängt vielleicht mit der arg rückwärts gerichteten Retro-Berichterstattung zusammen, die einen Siebenjährigen als Zielgruppe klar verfehlt. Das Titelbild kommt richtig gut an. Allerdings vor allem wegen der Star Wars Optik. Ist gerade das Non plus ultra auf dem Schulhof. Mario Gomez (O-Ton Junior: “Die Pfeife!”) als Prinzessin Leia kommt auch ganz gut. Männer in Frauenkleidern eben. Das kleine Beiheftchen wird durchgeblättert. Die Autos sind ganz interessant. Einen Zusammenhang zwischen den Autos und den Fußballklubs kann das schlaue Kind aber auch nicht finden.

Lokale Helden

Die Fußballwoche ist die einzige Zeitschrift, die so etwas wie tiefere Berichterstattung bietet. Jedenfalls zu Berliner Mannschaften. Lange Interviews mit den Vereinspräsidenten von Hertha und Union, eine detaillierte Vorstellung der Neuzugänge und eine kurze Darstellung der Saisonaussichten. Alle anderen Teams, die nicht irgendwie das Verbreitungsgebiet Neufünfland haben, werden auf Zugänge, Abgänge, Kader und Adresse eingestampft. Konzentration auf das Wesentliche. Da ist es egal, ob es sich um Borsussia Dortmund oder Paderborn handelt. Die weiteren Ligen werden intensiv beleuchtet. Bis zur Kreisliga C 4. Abteilung. Überraschendes gibt es auch hier nicht, aber dafür wieder solides Handwerk auf 186 Seiten.

Natürlich gibt es noch die herrlichsten Mannschaftsbilder, die man sich wünschen kann. Wo die 11Freunde ins Archiv stiefeln, schöpft die Fußballwoche aus dem reichhaltigen aktuellen Fundus. Die Spieler des FC St. Pauli schauen alle in eine andere Richtung, der VFC Plauen sitzt in den Hartplastikschalen auf der Tribüne, während der VfB Oldenburg es mit Längs- und Querstreifen auf dem Bild versucht. Den Vogel schießt RB Leipzig mit dem Mannschaftsfoto im neuen Bahntunnel ab. Der von mir hochgeschätzte Perry Bräutigam, momentan Torwart-Trainer in Leipzig, muss sich allerdings etwas an die Röhre schmiegen, damit es passt. Die finanzielle Not von Carl-Zeiss Jena mag man daran erahnen, dass sich Bäcker Scherer aus Zeulenroda, Sponsor und Fan, mitten ins Mannschaftsbild stellen durfte. Die Fußballwoche – irgendwie schrullig. Passt zu Berlin.

Angebot und Nachfrage

Diese beiden Anzeigen, die sich in der aktuellen Fußballwoche bei den Ergebnissen und Neuigkeiten der Kreisliga B finden, bieten die Chance, inne zu halten. Naheliegend, dass sich beide Inserenten zusammentun könnten. Aber in welcher Situation stecken beide? Und was sagen sie uns?
Zunächst der Verein, der sich in Nordberlin verortet, was alles nördlich von Mitte sein kann. Vielleicht Prenzlauer Berg oder doch weit in Pankow oder Reinickendorf? Vielleicht gibt sich damit auch der Nordberliner SC zu erkennen? Man wünscht sich mit dieser regionalen Einordnung einen Trainer, der in der Nähe lebt. Einen Trainer, der weiß, wie das Umfeld im Bezirk aussieht, in dem sich seine Spieler bewegen. Außerdem soll es ein neuer Trainer sein. Der Verein öffnet sich der modernen Trainingslehre. Aber die Regularien müssen gewahrt bleiben. Eine entsprechende Fußballehrerlizenz ist vorzuweisen. Da bereits jetzt schon für die kommende Saison gesucht wird, trifft der zu verpflichtende Trainer auf ein vorausschauend arbeitendes Umfeld. Der bisherige Trainer setzt sich vielleicht wie per Handschlag abgesprochen zur Ruhe.
Im Gegensatz zu dieser ruhigen Anzeige wirkt das Inserat des Trainers auf Vereinssuche laut. Der Leser kann ihn sich buchstäblich vorstellen, wie er an der Seitenlinie wütet und die Wasserflasche zu Boden wirft. Er brüllt die Spieler an, die er als unfähig schimpft und spricht dem Vereinsvorstand, der ihm diese Spieler vorgesetzt hat, jeglichen Sachverstand ab. Wahrscheinlich hat er sich gesagt: “Denen werde ich es zeigen!” Die Forderung “mit realistischen Zielen” zeigt, dass die Wut noch nicht verraucht ist. Vielleicht wurde er gerade entlassen, weil ein Saisonziel nicht mehr zu erreichen war. Der Schlag mit der Faust auf dem Tisch ist das Ausrufezeichen am Ende der Bedingung. Ein Mann der klaren Worte, der nicht lange herumredet und deshalb auf Chiffre verzichtet und Mobiltelefon und E-Mail direkt angibt. Ein Verein, der Zucht und Ordnung als Saisonziel ausgibt, der meint, die eigene Mannschaft sei ein Sauhaufen, der bekommt sicher einen hervorragenden Trainer.

Getestet: Der Sport-Tag

Die Idee ist nicht neu und in Ländern wie Italien, Portugal oder Spanien funktioniert sie auch leidlich gut: Eine tägliche Sportzeitung. In Deutschland hingegen hat sich dieses Konzept bis heute nicht gegen die qualitativ und quantitativ starken Sportteile der Tageszeitungen und das zweimal in der Woche erscheinende Magazin Kicker durchsetzen können. 2006 im Zuge der WM-Euphorie startete die B.Z. in Berlin mit der Sport-BZ einen Versuch, über die WM hinaus eine tägliche Sportzeitung zu etablieren und scheiterte.

Seit heute wird die Zeitschrift “Der Sport-Tag” herausgegeben. Da die Zeitung zunächst im Verbreitungsgebiet Berlin startet und dann sukzessive auf Deutschland ausgeweitet werden soll, haben wir uns zu einem ersten Test entschlossen.

Die Zeitung ließ sich problemlos an einem Zeitungskiosk mit üblichem Angebot kaufen. Das war auch so angekündigt. Vom Layout macht die Ausgabe nicht viel her. Sie ist übersichtlich gegliedert, kommt aber etwas billig herüber. Das mag an dem Stern liegen, der auf der Titelseite prangt und dem Leser „NEU! nur 0,50 €“ entgegenbrüllt. Vielleicht kommt der Eindruck auch vom Schlagschatten, der hinter „Der Sport-Tag“ liegt.

Der inhaltliche Aufmacher ist das gestrige Formel 1 Rennen. Das geht für eine tägliche Sportzeitung in Ordnung. Links daneben werden die Ergebnisse der 1. und 2. Bundesliga gelistet. Darunter wird ein Hintergrundtext zur Situation der Hertha und den Ausschreitungen im Olympiastadion angeteasert. Sehr klar auch die Appetizer mit Bild zu Ribéry, Eisbären und Manchester United.

Schlägt man die Zeitung auf, wird auf einer Seite der Rennverlauf geschildert. Die Platzierungen sucht man zunächst vergeblich, da auf der rechten Seite yet another Interview mit Michael Schumacher samt Infografik zu seiner Karriere zu finden ist. Erst auf Seite vier befindet sich eine kleine Grafik der Rennplatzierungen und einer gleich großen meines Erachtens überflüssigen bildlichen Darstellung aller Streckenprofile. Das war es.

Das nächste übliche Sportthema sind die beiden Bundesligapartien vom Wochenende. Eine Seite für Bremen gegen Hoffenheim und eine für Leverkusen gegen Hamburg. Der Text steht unter jeweils fast halbseitigen Bildern. Ihm wird zusätzlich noch von einer Aufstellungsgrafik samt sehr schmaler Information zu Torfolge und Auswechslung Platz genommen. Inhaltlich sind die Spielberichte belanglos und machen nicht den Eindruck, jemand sei vor Ort gewesen. Lediglich der Spielbericht zum Sieg der Leverkusener enthält einen nichtssagenden O-Ton von Jupp Heynckes, der auch von Sky oder EyeP.TV hätte kommen können. Sprachlich sind die Texte in einem routinierten 08/15-Agenturstil geschrieben, der niemandem weh tut. Allerdings bieten sie auch entsprechend nichts. Auf weitere Statistiken zum Spiel oder Benotungen der Spieler muss man komplett verzichten. Es gibt lediglich eine größere Tabelle, Torschützenliste, Übersicht der demnächst gesperrten Spieler und eine Kreuztabelle. Ganz harte Hausmannskost. Wenn Leckerbissen geplant sind, hat man sie sich wohl noch aufgespart.

Die Berichte zu den Spielen der 2. Liga bekommen jeweils eine halbe Seite, wobei je nach Bildgröße und Aufstellungsgrafik nur Platz für Texte zwischen 26 und 56 Zeilen bleibt. Detailliert ist anders. Der Statistikteil sieht genauso wie der zur ersten Liga aus. Übersichtlich, könnte man wohlmeinend sagen.

Ganz dünn wird es bei der 3. Liga. Klar gab es viele Spielausfälle. Aber wenn von 36 Zeilen die Hälfte der Aufzählung der ausgefallenen Spiele gewidmet wird, dann ist das lustloses Abhandeln. Die vier stattgefundenen Spiele werden wie folgt dokumentiert:

Am Samstag konnten zumindest vier Begegnungen ausgetragen werden. Kickers Offenbach spielte gegen Jahn Regensburg 0:0. Die Braunschweiger Eintracht setzte sich zu Hause mit 1:0 gegen die SpVgg Unterhaching durch. Das Spiel Werder Bremen II gegen den FC Ingolstadt 04 endete torlos. Und der VfL Osnabrück konnte trotz eines Unentschiedens gegen den Wuppertaler SV seine Tabellenführung verteidigen.

Es wäre sicherlich kein Problem, den ganzen Text zu zitieren, da die Schöpfungshöhe hier bei Normalnull liegt.

Zu den angeteaserten Hintergrundberichten. Die Geschichte um Frank Ribéry wird auf einer Seite ausgebreitet. Es geht um seine Zukunft bei den Bayern oder woanders. Kurz: Man erfährt gar nichts. Kein Statement des Vereins, des Trainers, anderer vermeintlich interessierter Vereine, der Berater oder gar von Ribéry selbst. Vielmehr eine kurze Abhandlung seiner bisherigen Karriere, die locker auch aus der Wikipedia kommen könnte und ein paar Informationen zu den Einkommen französischer Sportstars aus der L’Equipe. Der Hintergrundbericht zur Hertha krankt ebenfalls an mangelnder Eigenrecherche und konstatiert nur Offensichtliches. Interessanterweise findet sich kein Wort zum Platzsturm nach dem Spiel. Die finden sich einige Seiten weiter zusammengefasst unter der Überschrift „Tatort Bundesliga“. Dort werden allerdings nur O-Töne zusammengefasst und Zusammenhänge zu der Pyroaktion Nürnberger Anhänger in Bochum und Gewalttätigkeiten Rostocker Anhänger im März gezogen. Beschäftigung mit den Anhängern, Nachforschen bei den Beteiligten oder in Frage stellen von schematisch wiederkehrenden vermuteten Zusammenhängen: Fehlanzeige.

Ein wirklich schlimmer Lapsus ist die Mini-Rubrik „Bundesligasprüche“, die auf Schülerzeitungsniveau vermeintlich witzige Zitate sammelt.

Die internationalen Ligen werden mit je einer halben Seite abgespeist. Zwischen 17 und 26 Zeilen verbleiben neben Bild, Tabelle und Spieltagsübersicht für einen Text zum Spieltag. Nun ja.

Drei Seiten gibt es für den restlichen Sport wie Handball, Eishockey oder Wintersport. Der auf der Titelseite versprochene Text zu den Eisbären war nicht zu finden. Dafür gab es nur eine kurze Ergebnisübersicht und eine lieblose Tabelle, für die sich nicht einmal Trennstriche zwischen den einzelnen Platzierungen haben finden lassen.

Ein Kreuzworträtsel ohne Sportbezug füllt die vorletzte Seite während die letzte Seite das Sportfernsehprogramm des Tages präsentiert. Dabei die Kanäle von Sky, Eurosport und ESPN.

Ernüchternd lässt sich feststellen, dass sich kein Artikel in der Zeitung fand, der einigermaßen interessant war, obwohl das sportliche und nichtsportliche Geschehen vom Sonntag das durchaus hergegeben hätte. Die Texte hinterlassen den Eindruck, dass sie auch in einer Gratiszeitung hätten stehen können. Und das ist ein vernichtendes Signal. Gegen den Sportteil einer normalen seriösen Tageszeitung kommt der Sport-Tag nicht an. Und da schließe ich agenturbelieferte Blätter wie meinetwegen die Mitteldeutsche Zeitung ein. Über den Preis konkurriert die Zeitung auch nicht mit diesen Zeitungen, die im Schnitt doppelt soviel oder noch mehr kosten. Aber selbst Tabloids, die in im gleichen Preissegment liegen und wie man sie in Berlin mit Bild, Berliner Kurier und BZ gleich dreimal hat, pointieren die Sportereignisse besser. Es ist also die Frage, welches Profil der Sport-Tag entwickeln möchte. Denn er bräuchte eines, um zu bestehen. Gegen die Lokalsportberichte der Tageszeitungen kann er jedenfalls überhaupt nicht ankommen. Das stiefmütterliche Abhandeln der 3. Liga zeigt, dass dort der Kampf um Anteile auch gar nicht erst aufgenommen werden soll. Magazine wie die Fußballwoche für Berlin oder der Kicker bundesweit beziehen ihre Stärke durch die Beobachtung vor Ort. Knapp gesagt: Es fehlt dem Sport-Tag an Qualität.

Der an Sportereignissen interessierte Leser kennt die Inhalte, die im Sport-Tag präsentiert werden, bereits aus dem Fernsehen oder Netz. Auch hier lässt sich also keine Zielgruppe erkennen. Es ist schon merkwürdig, wie eine Zeitung ohne eine vernünftige Zielgruppenanalyse oder deren inhaltliche Umsetzung, durch Investoren auf dem deutschen Zeitungsmarkt etabliert werden soll. Schade um das Geld. Klar übrigens, dass die Zeitung auch keine ansprechende Internetpräsenz hat.

Wer sich durch die Kritik angespornt fühlt, kann sich allerdings noch als Redakteur bewerben. Es findet sich im Heft eine entsprechende Stellenanzeige.