Tag Archive for 'FC St. Pauli'

Sitzkissenhooligans

Das Unentschieden gegen Düsseldorf muss zwingend bewundert werden. Aber da zeitgleich in Rostock beim Spiel gegen St. Pauli nicht nur Wunderkerzen gezündet wurden, reden wir noch einmal (schon wieder) über den Einsatz von Pyrotechnik. Als Gegenbeispiel zum harmlosen Raucheinsatz der Düsseldorfer Fans taugen da leider die Vorkommnisse bei Hansa. Wir fassen schon einmal zusammen, was durch die rigorose Linie gegen Pyro in Stadien erreicht wurde: Nichts! Anhand einer kleinen Talkrunde mit Jens Langeneke diskutieren wir die Grenze verbaler Gefühlsausbrüche.

In der Küche sitzen und reden: Steffi, Robert, und Sebastian.

Themen:

Mannschaftsaufstellungen; Spielbewertung; Michael Parensen hadert (O-Ton: 6:42 Min); Christoph Menz wundert sich über zu früh abgepfiffene Zweikämpfe (O-Ton: 8:26 Min); Lamentieren lohnt sich; Die Geschichte von Norbert Meier macht es leicht, der Mannschaft Schauspielerei vorzuwerfen; Jens Langeneke diskutiert mit einem Fan an der Seitenlinie (Bild 1, Bild2); Die Grenzen verbaler Gefühlsausbrüche (Antidiskriminierungsklausel Stadionordnung §6 Punkt 2d); Pyrotechnik legalisieren; Pyro im Stadion wird im TV live nicht gezeigt; Video von jubelnden Rostocker Fans nach Beschuss des Gästeblocks; Strafen, noch höhere Strafen – Eskalation nutzt nur Hardlinern; Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS); Rainer Wendt (DPolG): “In der derzeitigen Situation müssen wir leider jedem Fußball-Fan sagen: Wer ins Stadion geht, begibt sich in Lebensgefahr.“; Interview mit Gunter A. Pilz (Deutschlandfunk); Die Spezialtaktik für einen Auswärtssieg in Rostock;

Vielen Dank an AFTV für die O-Töne von Michael Parensen und Christoph Menz.

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(Länge: 53:25 Min; Dateigröße: 47,2 MB)

Geile Atmosphäre. Keine Punkte.

Beim Spiel gegen den FC St. Pauli gab es für Unioner aus dem Spiel heraus wenig Grund zur Freude. Dazu war die Partie am Ende zu eindeutig. Das ist dann immer der Moment, wo unser Freund Jan auf der Gegengerade trotzig sagt: “Ich gehe nicht zum Fußball. Ich gehe zu Union.” Und ehrlich gesagt ist das beim aktuellen Tabellenstand das perfekte Statement zum Spiel. Flutlicht. Stehplatzstadion. Heiserkeit. Fußball pur eben.

In der Küche sitzen und reden: Steffi, Hans-Martin und Sebastian.

Themen:

Intro; Mannschaftsaufstellungen durch Stadionsprecher Christian Arbeit; Spieleinschätzung; Ahmed Madouni über Pressing (O-Ton: 10:47 Min); Markus Karl fand die Atmosphäre geil (O-Ton: 13:47 Min); Das Herz von St. Pauli hat gefehlt; Trainer André Schubert macht den Mike Büskens (O-Ton: 21:37 Min); Sebastian findet ihn als Trainer toll; Etat-Tabelle Zweite Liga (Vorletzter: SC Paderborn); Union fehlt noch etwas nach ganz oben, findet Torsten Mattuschka (O-Ton: 26:41 Min); Finden auch: BZ, Bild, Kurier, Tagesspiegel; Findet auch Uwe Neuhaus (O-Ton: 29:20 Min); Trainerkritik wegen der Auswechslung Savran für Mosquera; John-Jairo sollte mal mit Kenan telefonieren (Theaterkritik); Standards bei Union jenseits von Torsten Mattuschka (Du bist der beste Mann!); Uwe Neuhaus hat ein Bankproblem; Dafür ist Jan Glinker wieder eine Bank (Kicker-Statistik); Union gegen Pauli, die etwas andere Atmosphäre (fliegende Bierbecher, Kaugummis und Feuerzeuge); Michael Parensen verlängert und wir spielen sein Lied (55:22 Min); Keule in neuer Garderobe jetzt mit besseren Chancen bei Maskottchenrennen; Braunschweig – Macht’s noch einmal Jungs.

Vielen Dank für die O-Töne von Ahmed Madouni, Markus Karl, Uwe Neuhaus und André Schubert an AFTV, das Klubfernsehen des 1. FC Union Berlin.

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(Länge: 72:30 Min; Dateigröße: 62,5 MB)

Bilder: Stefanie Lamm

Mit dem Kosmos im Einklang

Und plötzlich ist alles prima. Lange gab es nicht mehr solche Gefühle nach einem Spiel. Drei Punkte. Blauer Himmel und nur ein paar kleine rosa Wölkchen am Firnament. Diese Wölkchen streiten sich, ob Mattuschkas Freistoß das Tor des Monats war. Wie es zu solch vielen Ballverlusten beider Mannschaften kam. Warum ein Torwart, der am Ball vorbeifliegt, einen Freistoß bekommt, und ob es für Benyamina schwieriger war, den Ball im Tor unterzubringen oder den aus dem Abseits startenden Mosquera von einer Ballannahme abzuhalten. Probleme? Wir doch nicht!

Im Podcast ist übrigens ein Freud’scher Versprecher harmloser Natur enthalten. Wer ihn zuerst findet, bekommt gegen Bielefeld ein Bier ausgegeben. Einfach in den Kommentar schreiben.

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Wie es sein sollte.

Fanfreundschaften sind die Freundschaftsbänder von Wolfgang Petry in den Fußballstadien des Landes. Gerne garniert mit pathetischen Sprüchen wie “In Treue vereint”. So kommt es, dass sich Anhänger von Hertha zu den Fans des Karlsruher Sportclubs in den Gästeblock stellen. Nicht aus lokalem Interesse und der Prüfung der S-Bahnverbindung für die (wahrscheinliche) Anreise in der nächsten Spielzeit, sondern aus Fanfreundschaft.

Mit Fanfreundschaft kann man das Punktspiel zwischen dem 1. FC Wundervoll und dem magischen FC am Sonnabend aber nicht erklären. Auch der mediale Wettbewerb, den die Fußballwoche bereits am Montag der letzten Woche ausrief, indem sie Florian Bruns fragte, welche Verein kultiger sei, bringt kaum Erkenntnis darüber, was das Besondere an dieser Begegnung ist. Ausgerechnet Sky hatte in seiner Übertragung aber einen Erklärungsansatz gebracht. Sie betonten das Aufeinandertreffer zweier Vereine, die sich trotz Kommerzialisierung ihre Identität zu bewahren suchen. Und: Respekt. So sprach der Kommentator des Fanradios von St. Pauli kurz vor Spielbeginn, dass man über Union durchaus diskutieren könne. Zur Atmosphäre im Stadion und dem Engagement der Anhänger beim Stadionbau könne man aber nur sagen: Respekt!

Zum Respekt gehört immer auch das Kennenlernen und Verstehen des anderen und damit das Aufbrechen der wagenburgartigen Wir-Identität, hinter der sich gerne verschanzt wird. Parolen wie “Euer Hass ist unser Stolz” oder “Keiner mag uns – Scheißegal” illustrieren solch ein Verhalten. Reflexartig würde zum Beispiel das Vorspielgrillen am Freitag Abend mit Anhängern von St. Pauli, dem HSV, Babelsberg 03, FC Bayern und eben Union zum Risikogrillen erklärt werden. Aber es wurde ein Kennenlernen, das sich jenseits der transportierten unverrückbaren Grenzen bewegte. In Bildsprache übersetzt: Hamburger tranken Berliner Pilsner und Berliner Astra.

Der Sonnabend begann früh. Sehr früh. Bereits kurz vor neun Uhr sammelten sich reisewillige Anhänger der beiden Vereine gemeinsam am Anleger von Eddyline am Berliner Dom. Wer bis dato noch kein Gefühl dafür hatte, wie es bei der Verteilung der Dauerkartenanträge durch die Ultras St. Pauli dieses Jahr zuging, bekam beim Einstieg auf das Flaggschiff “Viktoria” eine Demonstration davon. Ab da regierte die Glückseligkeit. Entweder, weil man das erste Frühstück mit Bier und Wiener Würstchen einnahm und bis zum Kanzleramt schipperte, oder weil es die Möglichkeit gab, sich in Wechselgesängen mit den anderen Booten einzusingen. Das Herz von St. Pauli und Eisern Union.

Die Berliner Zeitung brachte die Polizeipräsenz rund um das Stadion auf den Punkt:

Das Szenario passte zu diesem Tag, an dem die Einstufung als Risikospiel durch die Deutsche Fußball Liga und die massive Polizeipräsenz wie Verschwendung von Steuergeld wirkte. Warum müssen Fans derart bewacht werden, die sich mögen? Ach, hätten die Herren in Grün besser den Verkehrsabfluss geregelt, der chaotisch verlief, weil die Infrastruktur um das Stadion keine Spiele mit 19 000 Fans verträgt. So endete die Party im Stau.

Im Stadion: Anfeuerung der eigenen Mannschaft. Choreographien für das eigene Team von den Rängen. Kampf um die Punkte auf dem Platz ohne Nickeligkeiten und ausgiebiges Wälzen auf dem Rasen. Ein Stadionsprecher, der wie immer sein Herz sprechen lässt, als er erst die obligatorische Begleitung der Auswärtsfans durch die Polizei zum am weitesten entfernt liegenden S-Bahnhof samt 15minütiger Wartezeit im Gästeblock ankündigt, um dann hinzuzufügen: “Wer will, darf aber auch alleine nach Hause gehen.” Dem Gegner wurde mit Applaus nach dem Spiel nicht nur der Respekt für ein Fußballspiel bezeugt. Sondern ausgerechnet von der Waldseite, wo die Ultras vom Wuhlesyndikat stehen, bekam der unterlegene Gast Anfeuerungsrufe für die restlichen Spiele um den Aufstieg.

Und der ganze Tag hatte rein gar nichts mit Fanfreundschaft zu tun. Sondern es ging nur um viele Anhänger, die eine ähnliche Idee davon haben, wie sie Fußball erleben wollen.

Frag doch mal die Maus!

Malermario: “Warum trägt man bei UNION den Bunki der Woche, und dazu in rosa ?”

Zum Trainingsauftakt nach Weihnachten fielen neben den mittrainierenden Juniorenspielern und Testspieler Paul Thomik vor allem Björn Brunnemann und Dominic Peitz auf. Beide trugen über der Trainingskluft Leibchen, die sie von den anderen Spielern abhoben. Auf dem gelben Hemd von Peitz stand “KDV der Woche” und auf dem rosa Oberteil von Brunnemann “Bunki der Woche”.

2009_12_28_bunki_der_woche

Beides sind “Auszeichnungen” für diejenigen, die beim Ausschießen, zum Beispiel beim Lattenschießen, als letzte übrig bleiben. Die Leibchen müssen bis zur Weitergabe an den nächsten im Training getragen werden. Mitgebracht aus Hamburg hatte diesen Brauch Nico Patschinski, der mittlerweile vom Arbeitsamt finanziert beim ehemaligen Verein des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR spielt. Bei St. Pauli ist es Brauch, dass die letzten vier beim Ausschießen für eine Woche Brösel-Shirts tragen müssen.

Als Union in der Spielzeit 2005/06 durch die Oberliga-Nord des Nordostdeutschen Fußballverbandes tingelte, hielt sich die Medienaufmerksamkeit für den am Abgrund taumelnden Verein in Grenzen. Lediglich zwei Journalisten waren beständig dabei: Mathias Bunkus vom Berliner Kurier und Klaus-Dieter Vollrath von der Bild. Wie genau die Wahl auf die beiden fiel, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Es war eine Wertschätzung der Arbeit der beiden Journalisten, die sich mal in Zuneigung und mal in Abneigung äußerte. Trotzdem Patsche nicht mehr bei Union ist, hat sich der Brauch gehalten. Und eine Ablösung der beiden Shirts ist nicht in Sicht, auch wenn heute ungleich mehr Medienberichterstatter den Verein begleiten.

Wie es zu der Farbwahl kam, ist unklar. Klar ist allerdings, dass Björn Brunnemann die Farbe rosa auch schon zu seinen Hamburger Zeiten ausgezeichnet stand.

Nüchtern betrachtet: Der 14. Spieltag

71 oder 72 Minuten (auf eine gemeinsame Stoppuhr konnten sich die anwesenden Journalisten nicht einigen) soll sie am Montag gedauert haben die Analyse des Spiels bei St. Pauli. Das ganze Match wird Uwe Neuhaus seinen Spielern also nicht gezeigt haben. Wahrscheinlich wird er ihnen erklärt haben, dass 59% Ballbesitz während des Spieles zwar nett anzusehen sind, aber nichts über die Qualität des Spieles aussagen, wenn man mit dem Ballbesitz nichts anzufangen weiß. Das illustriert die Statistik über die erfolgreichen Pässe. Union hat 441 erfolgreiche (von 532) Pässe gespielt. St. Pauli kam mit 267 (370) erfolgreichen Pässen aus. Vor allem Pässe in der eigenen Hälfte spielte der Gastgeber mit 153 knapp 100 weniger als der 1. FC Wundervoll. Man mag also auf das Defensivverhalten der Jungs in rot-weiß eindreschen, aber das eigentliche Problem bestand darin, dass man über 90 Minuten nicht in der Lage war, einen zielstrebigen Angriff zu inszenieren. Jedenfalls, wenn man drei Punkte mitnehmen wollte.

Das schöne an der ganzen Sache ist, dass es nur wenige Tage bis zum nächsten Spiel sind. Und bei Tabellenplatz fünf brechen auch nicht gerade Depressionen aus. Also Vorfreude auf ein ausverkauftes Stadion am Freitag gegen Cottbus.

FC St. Pauli – 1. FC Union Berlin 3:0 (3:0)

1:0 Ebbers (9.)
2:0 Kalla (14.)
3:0 M. Kruse (39.)

Gelbe Karten: Younga-Mouhani (6.)

Zuschauer: 19.901 (ausverkauft)

Noten_14

Bei den Noten kommt Jan Glinker als Torhüter natürlich am besten weg. Christoph Menz hat das Glück, in der ersten Hälfte, als St. Pauli eigentlich jeden Angriff gefährlich vor das Tor brachte, nicht auf dem Platz gestanden zu haben. Rauw wurde deutlich schlechter als sein linker Gegenpart Kohlmann bewertet. Die gefährlichen Angriffe von St. Pauli wurden über die rechte Verteidigerseite initiiert. Aber auch offensiv lag unsere linke Seite brach. Als Vergleich ein Blick auf die geführten Zweikämpfe und Ballkontakte:

Kohlmann (2 erfolgreiche von 3 Zweikämpfen und 85 Ballkontakte)
Rauw (5 erfolgreiche von 14 Zweikämpfen und 85 Ballkontakte)

Parensen (6 erfolgreichen von 10 Zweikämpfen und 68 Ballkontakte)
Mattuschka (5 erfolgreiche von 16 Zweikämpfen und 98 Ballkontakte)

Texttonvergehen: Wir gegen St. Pauli

Gedankenschnelligkeit und Gedankenlangsamkeit. Wir reden nach dem Spiel über unsere Abwehr. Und wir fragen uns natürlich, ob das Spiel des 1. FC Wundervoll schlechter geworden ist oder die Gegner besser. Nach der riesigen Vorfreude auf das Spiel bleibt riesige Enttäuschung. Oder Ernüchterung. Aber nur bis Freitag. Dann kommt Cottbus. Fans, auf die man sich nur freuen kann. Das alles gibt es im Podcast zu hören im Gespräch mit Matze, dem Günter Wallraff von Union, der sich das Spiel von der Südtribüne aus angesehen hat.

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Union Berlin und FC St. Pauli: Manchmal ist Freiheit dreckig und natürlich ist Fußball auch Politik

Die schlechte Nachricht vorneweg: Wir. Werden. Nicht. In. Hamburg. Sein. Niemanden könnte das mehr schmerzen als uns, und leider gibts keinen, den man dafür zur Verantwortung oder an den Ohren ziehen könnte. Trotzdem ein Großteil des Millerntorstadions fehlt, gingen soviele Karten wie auch sonst üblich nach Berlin. Es waren angesichts des Publikumsinteresses zu wenige. Der Verein -also, der unsrige- hat sich bemüht, die zu wenigen Karten so gerecht als möglich zu verteilen. Union gegen St. Pauli ist eine dieser Partien, bei denen die Karten immer irgendwie zu wenige sein werden, selbst wenn man das Spiel auf Mittwoch früh um 6 in den Wald verlegte. “Wie kommt das?” haben wir uns gefragt. Und weil wir keine Zeit für die Planung und Durchführung einer Auswärtsfahrt verwenden mussten, sind wir statt dessen genau dieser Frage nachgegangen. Für alle, die auch zuhause bleiben müssen. Für alle, die dabei sein können.

Wir haben aus Praktikabilitätsgründen die eine große Frage in fünf kleinere zerbröselt und an Erik nach Hamburg geschickt. Erik kennen wir aus diesem Dorf namens Twitter. Er war am Montag zusammen mit Heiko zum Spiel gegen Kaiserslautern im Stadion An der Alten Försterei und schrieb hinterher mit einiger Begeisterung, es sei eine “millertorartige Stimmung” gewesen. Unverschämtheit, dachte ich. Aber ´ne nette Unverschämtheit. Und genau der richtige Mensch zum Befragen. Erik las unsere Fragen, stutzte, spruch: dis kann ich so nicht beantworten. In allen anderen Fällen wäre das der frühe Tod einer an sich guten Idee gewesen. Was aber macht der netzaffine Fan der Neuzeit? Er setzt auf Schwarmintelligenz und reicht die Frage weiter. An ungefähr alle Leute, die er kennt. Entstanden ist nicht “die Antwort”, sondern ein Antwortenfestival.

Wir freuen uns und sagen danke dafür!

20091128_union-stpauli

Wir dachten, St. Pauli sei im goldenen Westen, aber die Stadionfrage begleitet Euch ja mindestens genauso lange wie uns. Welche Probleme gab es und mit welchen Einschränkungen müsst ihr während des Umbaus leben? Gab es bei euch ebenfalls Überlegungen, die Fans am Bau zu beteiligen?

René Martens (Autor von “Niemand siegt am Millerntor. Die Geschichte des legendären St.-Pauli-Stadions“) antwortet:

Einige Teilaspekte von Frage 1 kann ich kurz anreißen. Da das Thema Stadion-um bzw. – neubau uns seit 1983 begleitet und es sich bei dem Modell, das sich jetzt in der Umsetzung befindet, um ungefähr das achte handelt (über die genaue Zahl lässt sich streiten, das hängt davon ab, ob man bestimmte Untervarianten als eigenständiges Modell betrachtet), lässt sich zu den Problemen nur so viel sagen: Es gab praktisch jedes Mal andere.

Zu den Problemen, die es beim Bau der Südtribüne gab, vielleicht so viel: Die Planung war in vielerlei Hinsicht unprofessionell, der externe Projektleiter agierte sehr oft sehr befremdlich (glücklicherweise mischt der Bursche beim weiteren Neubau nicht mehr mit). Außerdem wurden wesentliche Teile des Konzepts nicht umgesetzt. Unter dem Schlagwort „St. Pauli antik“ war angekündigt worden, den Charme des alten Stadions auf innenarchitektonischem Wege ins neue Bauwerk zu transferieren. Von diesen Ideen ist aber fast nichts übrig geblieben.

Ein Problem war sicherlich auch, dass es mit der Fanbeteiligung – um ein weiteres Stichwort aufzugreifen – nicht hingehauen hat: Ende August 2007 löste sich die so genannte Lenkungsgruppe auf, die aus Fanvertretern und Mitgliedern des Amateurvorstands bestand – und beim Stadionbau eigentlich als eine Art Beirat und Kontrollgremium für die operativ tätige Projektgruppe fungieren sollte. In einer Stellungnahme zur Auflösung heißt es: „Nach nun genau einem Jahr und zehn Treffen dieser Lenkungsgruppe“ sei „die Einbindung von FanvertreterInnen gescheitert“. Die gesamte Lenkungsgruppe sei „in diesem Jahr in keine der anfallenden Grundsatzentscheidungen eingebunden“ gewesen, „eine Überwachung der Projektgruppe konnte nicht stattfinden“.

Wer mehr lesen will: in dem Buch „Niemand siegt am Millerntor“ finden sich zwei Kapitel zu diesen Themen (‚À là recherche du temps perdu. Die Geschichte der nicht realisierten Neubauten“ und „Status quo vadis. Die lange Geschichte einer noch jungen Tribüne“ und in „Wunder gibt es immer wieder“ eines („Das lange Warten. Der beschwerliche Weg zu einem neuen Stadion“).

Einerseits sieht man eure Fanartikel bundesweit, Sachen von St. Pauli gelten als Street Wear chic, und man kann sie auch bundesweit kaufen. Andererseits gibt es mit dem selbstverwalteten Fanladen und Fanprojekten noch immer eine linke Kultur. Wie nimmt man als Fan diese Diskrepanz wahr und lebt mit ihr? Gibt es einen Weg, sich der Kommerzialisierung zu öffnen und damit die Perspektiven des Klubs zu erweitern und gleichzeitig die Klubidentität zu wahren?

Im Grunde genommen ist es alles eine Frage der Balance. St. Pauli verkauft sich so gut, weil es ein Image hat, das sich beänsgtigend nahtlos in den Zeitgeist einzufügen scheint. Piraten, Freibeuterei und Totenkopf-Motive finden sich derzeit ja auch bei Ed Hardy und echten Designern. Das aber als Grund für die guten Geschäfte mit der Marke St. Pauli auszumachen, wäre zu kurz gedacht. Und gefährlich.

Zunächst muss man festhalten, dass der FC St. Pauli an den Verkäufen von Merchandising-Artikeln mit Totenkopf oder Vereinsemblem nur minimal partizipert. Nach einem aus der Not geborenen Schweine-Deal, nennen es die einen, Nothilfe-Rendite sicher die anderen, verbleiben beim Verein nur 10% der Einnahmen aus Totenkopf-T-Shirts und Co. – und das auf Jahrzehnte, wenn ich das Hamburger Abendblatt und Corny Littmann recht verstehe.

Trotz und gerade deswegen gibt es eine sehr lebendige Fanszene, die sich ihre Klamotten auch schon mal selber machen, wie ich auch, oder die frustrierten Auswärtsfahrer von der RHOI-Hessenfront. Auch sind die T-Shirts mit dem Totenkopf sehr viel billiger als der Rest der Merchandising-Liga oder der chicen Accessoires mit Vereinslogo, wie Dir vielleicht schon aufgefallen ist. Das hängt damit zusammen, dass der Vermarkter sehr bewusst den Fans des FCSP etwas zurückgeben will, ihm ist nämlich sehr bewusst, dass das ganze Image, der ganze Hype auf etwas sehr realem fußt. Auf der Kultur im Stadtteil und im Verein, die allein die Fans in den letzten 25 Jahren mit Leben angefüllt haben, geerdet in einer gemeinsamen Überzeugung, die gemeinsam seine Liebe sucht, das Erlebnis Fußball und versucht das Leben drumherum auf gemeinsame Nenner zu bringen. Letztes Ergebnis dieses immer währenden Dialoges übrigens sind die Leitlinien des FC St. Pauli.

Dieses gemeinsame Verständnis von Lebenswürde und Liebe am Fußball und am Stadtteil, den Menschen darin und denen, die uns ähnlich sind, ist das Fundament dieses Vereines – und deswegen ist Deine Frage auch kein Widerspruch, sondern eine Betrachtung von Folgen.

Was übrigens auch zur Beantwortung Deiner dritten Frage führt – was Union und St. Pauli gemeinsam haben und was sie trennt. Auf jeden Fall die bewusste Genesis einer Kultur, die aus einem stinknormalen Buffer-Verein etwas besonderes und liebenswertes macht. Aber dazu später mehr.

… ach, und fast hätte ich vergessen zu erwähnen, wie sich meine kleine Theorie auch ästethisch diese Saison bahn bricht – in der neuen Kollektion des FC St. Pauli, das wesentliche Kulturmerkmale der USPler übernimmt, kopiert und in den “kollektiven Style”, so würde das wohl ein Werber ausdrücken, integriert. ;)

Eine der Sorgen bei Union war, dass Trainer Uwe Neuhaus durch die erfolgreiche Arbeit weggekauft werden könnte. Holger Stanislawski wird bei St. Pauli ebenso wie Neuhaus mit der aufgebauten Mannschaft und dem Erfolg der letzten drei jahre identifiziert. Habt ihr auch die Sorge, Stanislawski könnte mal weg sein? Und was zeichnet seine Arbeit aus?

Eigentlich freue ich mich über die Frage, auch wenn sie diffuse Ängste belebt, die jeden Fan am Millerntor irgendwie bewegen. Da geht es um eine merkwürdige Melange, den immer noch ungläubigen Blick auf die tollen Spiele und den famosen Fußball, der seit Stanis und Trullas Übernahme seit nun 3 Jahren am Millerntor gespielt wird. So recht trauen wir dem Braten ja immer noch nicht, und laufen so Gefahr, es nicht genießen zu können, bevor es mal vorbei sein wird.

Und das wird es. Ein professioneller Fußballtrainer, wie Holger Stanislawski, quält sich ja nicht zur Prüfung, um dann in zwei oder drei Jahren nicht in der 1. Bundesliga zu trainieren. Meiner bescheidenen Einschätzung nach, bleibt dem magischen FC dieses Gespann noch zwei weitere Jahre erhalten, in denen wir entweder in die Bundesliga aufsteigen oder auch nicht. Für mich eigentlich einerlei, ich sehe Spiele gegen Union genauso gerne, wie gegen Bochum.

Das zunächst auch von mir kritisch beäugte Wiederverpflichten von Helmut Schulte kann sich dann als Glücksgriff herausstellen. Dieser Mann ist nicht nur ein hervorragender Junioren-Trainer und Scout, er kann den Stil eines Stani auch mit Trulla gemeinsam weiterführen. Das macht mich also nicht bange.

Im Zuge der “Bluten für Union” Aktion und dem Benefizspiel von St. Pauli in Berlin gab es die Blutsbrüder T-Shirts. Viel ist von Verwandtschaft der beiden Klubs die Rede. Union besitzt im Gegensatz zu St. Pauli kein eindeutig politisches Profil und wurde zum Beispiel zwischenzeitlich von linker Seite sehr dafür kritisiert (Bsp: Jungle World 2007: Ende eines Missverständnisses). Wo siehst Du Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Fankulturen der beiden Vereine? Und wie kommt es Deiner Meinung nach dazu, die mediale Wahrnehmung von St. Pauli und Union so ähnlich ist?

Ich hatte erst zweimal Berührung mit Union-Fans, einmal vor fünf Jahren und einmal am Montag. Man kann sagen, wir, der 1. FC Union und ich, sind auf einem guten Weg. Am vergangenen Montag in der Wuhlheide habe ich meinen Totenkopf drunter getragen, was zum einen dem Hamburger Wetter und zum anderen der Unsicherheit geschuldet war. “Bei Union kann es so oder so laufen, entweder sie freuen sich Dich zu sehen, oder sie hauen Dir eine rein”, hatte mir ein Freund mit auf den Weg gegeben. Das Problem sei, dass man die beiden Gesichter von Union nicht gleich auseinanderhalten kann.

Sebastian hatte mich nach kritischen Zitaten in meinem magischen social stream gefragt. Hier einige Zitate:

»Bin 2002 mal zu nem Spiel mit 6-7 Leuten mit der Strassenbahn da angereist. Beim Umsteigen am Bahnhof Köpenick sind wir von ner ganzen Horde solcher Idioten mit einem Flaschenhagel empfangen worden und waren froh, daß dort einige Polizisten rumstanden und uns vor schlimmerem bewahrten. Es gibt allerdings genau so viele nette Fans von Union, eine Handvoll davon kommen zu fast jedem St. Pauli Heimspiel nach Hamburg gereist.«

t. (dem Autoren bekannt ;)

»Sind “die guten” nicht alle zum Babelsberger SV abgewandert? Behaupten zumindest die, die zu Babelsberg abgewandert sind. Ich persönlich besitze da aber nur gefährliches Halbwissen. Solange Nina Hagen noch die Stadionhymne singt…»

A. via Facebook

Gemeinsamkeiten gibt es viele. Beispielsweise die fröhliche und energische Erkenntnis, dass die Fans diesen Verein ausmachen. Das wirkt eben vor allem in Zeiten der existentiellen Krise, wenn Menschen sich auf etwas gemeinsames konzentrieren, wie die alte Försterei zu renovieren oder die Retter-Aktion am Millerntor. Das ist dann Kult- und Kultur-stiftend. Das dreht dann die Magie zurück in Richtung Erde und wirkt lange nach. Die Stadion-Rettungs-Aktion in der Wuhlheide ist ja ein ureigenes Kulturstück des 1. FC Union. Eines, zu dem wir am Millerntor vielleicht gar nicht in der Lage wären.

Wesentlicher Unterschied scheint mir zu sein, dass auf St. Pauli die Erkenntnis vorherrscht, dass Fußball sehr wohl eine politische Veranstaltung ist. Ist auch meine. Wenn 20.000 Menschen in einem Stadion und Tausende vor dem AFM-Webradio das Spiel verfolgen, in diesen zwei Stunden sich artikulieren und ja, auch medial inszenieren, dann ist das politisch. Da kann man sich gar nicht gegen wehren, man muss es aber auch zur Kenntnis nehmen.

Wenn ich den Artikel in der Jungle World und meine eigene Erfahrung da zusammennehme, dann scheint diese Diskussion beim 1. FC Union Berlin immer vermieden worden zu sein. Argumente, wie “das sind doch wenige” oder “das ist keine Politik, sondern Fußball” helfen da aber nicht weiter. Eines der wesentlichen Gründe, weswegen der FC St. Pauli in seiner heterogenen Streitkultur so einig erscheint, ist der Raum, auf den wir uns geeinigt haben. Wir bewegen uns nicht mit Rassisten, versuchen den Sexisten in uns zu zähmen (schwer genug ;) und uns eint, bei allem Streit, das Bekenntnis zu den Grundsätzen des Anstandes.

Nur deswegen können wir (der Präsident, Blogger und USPs) uns für diese Spacken in Rostsock entschuldigen. Eben weil es uns gegen den Strich geht. Ist man nicht soweit, muss man abwiegeln.

Findet ihr Astra eigentlich wirklich lecker oder gehört es einfach dazu?

Nein und Nein, wäre die kurze Antwort.

Die etwas längere: Spätestens seit dem Wegzug der Brauerei aus St. Pauli ist Astra nichts weiter als eine Biermarke. Durch nichts mehr, als den Vermarktungsvertrag mit dem magischen FC verbunden. Käme morgen ein Flensbuger Pilsener, ich würde jubeln. Astra schmeckt mir nämlich noch nicht einmal. Ich halte Astra für Fusel. Irgendwo in der persönlichen Rangliste knapp vor Aldis Hansa-Pils, wenn das noch jemand kennt – aber hinter Karlsquell. ;(

Eigentlich ist dieser dumme Hype um das Bier auch ein Warnsignal. Wenn ich in München oder Berlin in Kneipen bin, die dem Lebensgefühl des FC St. Pauli nahestehen, sehe ich viele Astra-Trinker. Das ist das einerseits entferntes Dabeisein, gut, aber auch eine Virtualität und Fetisch-sauferei, die mit meinem St. Pauli nicht mehr viel zu tun hat. Genausowenig wie die Carlsberg-Marke Astra mit dem Stadtteil. Im Gegenteil, Astra ist für mich Symbol der Gentrifizierung St. Paulis. Degradiert zur Ikone.

Irgendwelche Werber-Affen, die mittags Fritz-Cola und abends Astra trinken und meinen, damit täte sich was schönes in ihrer Seele, tun mir regelrecht leid.