Infografikmassaker: Die Stadionbetriebs AG

Natürlich hätten wir die bisherigen Anteile an der “An der Alten Försterei” Stadionbetriebs AG gerne so originell dargestellt wie es der Spielbeobachter mit seinen Grafiken vormacht. Alleine unser Talent bricht sich an der ominösen Excel-Grenze. Deshalb gibt es beim Textilvergehen nur Torten. Aber es wird gegessen, was auf den Tisch kommt und wir hatten ja früher auch nichts. Nicht einmal Tortendiagramme.

 Aktuelle Anteile an Stadionbetriebs AG

Bei einem aktuellen Stammkapital von 3,5 Millionen Euro entsprechen die Anteile folgenden Beträgen.

1. FC Union Berlin: 2.004.100 €
Röfa Mobilbeton: 682.500 €
Hinze Stahl: 577.150 €
vierC Print: 229.600 €
Thomas Koch: 6.650 €

Anteile nach komplett erfolgreicher Kapitalerhöhung:

Sollten alle 10.000 vinkulierte Namensaktien zu 500 € an Sponsoren und Mitglieder verkauft werden, fließt der Stadionbetriebs AG ein zusätzliches Kapital von 5 Millionen Euro zu. Das Stammkapital erhöht sich auf 8,5 Millionen Euro. Dann verschieben sich die Anteile wie folgt:

Hier sind die 58% Stimmanteile sichtbar, von denen Dirk Zingler im Interview mit der Berliner Zeitung sprach, wenn alle 10.000 Aktien verkauft werden. Wenn man sich neben dem enormen Stimmanteil die Beschränkung von vinkulierten Namensaktien ansieht, wird klar welches Potential in dieser Kapitalerhöhung steckt. Änderungen werden nicht nur wegen der hohen Hürden (Änderung des Stadionnamens nur mit 2/3-Mehrheit der Aktionäre) nahezu unmöglich. Die Grundannahme hinter diesem Schritt der Kapitalerhöhung lautet, dass sich die spezielle Kultur des 1. FC Union Berlin im Stadion gründet. Wenn alles so klappt, wie sich das vorgestellt wird, können wir also nächstes Jahr folgende Plakette ans Stadion hängen: “Geschütztes Kulturgut seit dem 1.1.2012”.

Teve071 – “Scheißtag. Sport frei!”

0:4 zu Hause gegen Fürth. Das spricht eine deutliche Sprache. Dazu noch ein beinahe schon traditionell verschossener Elfmeter gegen Fürth und ein wie letztes Jahr begeisterter Gästetrainer. Logisch, die Atmosphäre in der Alten Försterei gefällt mit drei gewonnenen Punkten gleich doppelt so gut. Torsten Mattuschka nennt das einen "Scheißtag" und verabschiedet sich mit "Sport frei!" Weiterhin ferienbedingt dezimiert diskutieren wir das Spiel gegen Fürth, die Vertragsverlängerung von Christopher Quiring und die Bauchpinselei von Fürths Trainer Michael Büskens. Viel mehr Platz als die Niederlage nimmt die mediale und union-interne Diskussion um Dirk Zinglers Dienst beim Wachregiment des MfS ein. Wir bewerten zunächst noch einmal den Fakt an sich und schauen uns anschließend die Berichterstattung dazu vor allem in der Berliner Zeitung an. Dabei geht es um die Frage, ob dem freien Journalisten Matthias Wolf Hetze unterstellt werden kann. Ein weiteres Thema ist die Rede von Stadion- und Pressesprecher Christian Arbeit vor Spielbeginn, in der er seine Meinung zur Berichterstattung äußert. Dazu kommt noch ein anonymer Text im Stadionheft. Diesen Punkten stellen wir Thesen von Uwe Bremer (Berliner Morgenpost) gegenüber. Zum Schluss geht es noch um die Frage, ob Dirk Zingler nun als Präsident angeschlagen ist oder nicht. Wir hoffen, dass sich der nächste Podcast nach dem Pokalspiel in Essen vor allem wieder um sportliche Themen dreht.

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Bei Felix.

Als ich Felix das erste Mal kennenlernte, war ich neun Jahre alt. 1988. Zusammen mit vielen anderen Kindern saß ich in in einem abgedunkelten Saal. Die Blumen und die Büste weiter vorne waren nur schemenhaft zu erkennen im Schein von Dias, die an die Wand projiziert wurden. Die Bilder zeigten Rotarmisten im Krieg. Welcher genau es war, konnte mit Sicherheit kein Kind sagen. Plötzlich erschien das Portrait eines hageren Manns an der Wand. Er schaute uns mit seinen durchdringend blickenden Augen von der Wand aus an. Das war Felix Edmundowitsch Dserschinski. Gründer des KGB-Vorläufers Tscheka und Namensgeber meines Ferienlagers.

Während ich viel Spaß im Ferienlager hatte und die Schießübungen und das Tragen von ABC-Schutzanzügen spannend fand, dürfte Unions Präsident Dirk Zingler weniger Freude bei Felix gehabt haben. Fünf Jahre vorher, ab 1983 diente er drei Jahre im Wachregiment Felix Dserschinski in Berlin-Adlershof, was die Berliner Zeitung dazu verleitet, dem Thema fast eine gesamte Seite zu widmen. Laut Zinglers Aussage wollte er während seiner Armeezeit unbedingt in Berlin bleiben. Da blieben ihm nur zwei Möglichkeiten: Das Wachregiment Friedrich Engels der NVA oder eben das Wachregiment des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Alternativen sind bekannt: Dienst bei den Grenztruppen mit der Maßgabe als 18-Jähriger auf Flüchtende schießen zu müssen oder bei den regulären Truppen der NVA ebenfalls fast ohne Heimurlaub.

Die Zeit bei der Armee ist ein Teil jeder männlichen Biographie in der DDR. Der verschwindend geringe Teil der Verweigerer spielt repräsentativ keine Rolle. Drei Jahre Verpflichtung zur Armee waren für Jungen in der DDR der Schlüssel zum Studium. Einem 18-Jährigen dabei vorzuwerfen, die Chance eines Dienstes in Berlin mit regelmäßigem Heimurlaub (!) zu nutzen, ist die bewusste Verleugnung der damaligen Realitäten. Ebenso gehört dazu das Zitieren aus DDR-Akten. Was soll denn in einer Akte der FDJ oder SED stehen außer Parteisprech? Wenn Zingler in seinem Lebenslauf für das MfS schreibt “Weil ich es für notwendig finde, der Partei anzugehören, die für den Frieden auf der Welt kämpft”, ist das nicht mehr als das, was gehört werden wollte. Die Berliner Zeitung macht das, was Journalisten eben machen, wenn sie nichts finden: Sie haut auf die Kacke, dass es richtig spritzt. So bleibt immer etwas haften. Zum Beispiel die Assoziationskette Dirk Zingler und Ministerium für Staatssicherheit.

Die Vorstellung ist abwegig, für viele treue Fans des 1.FC Union Berlin schon der Gedanke allein eine Beleidigung: Der Präsident des Vereins trägt einen weinroten Trainingsanzug, Modell Dynamo. Und doch: Es ist so gewesen. Denn dieser Sportdress gehörte zu seiner Ausrüstung.

Zurück in die späten 80er Jahre. Berlin-Hohenschönhausen. Kraftkreis in einer Sporthalle. Die neun bis zehnjährigen Kinder führen die Übungen aus. Spaß ist etwas anderes. Aber bald ist Bezirksmeisterschaft im Ringen und die besonders guten dürfen später auf die KJS. Leises Flüstern und Lachen. “Fiebrig!”, schallt es durch die Halle. Der Trainer ist wütend. “Fünf Mal das Seil hoch!” Die übliche Strafe für Reden während des Trainings. Ich schlurfe zum Seil. In meinem weinroten Trainingsanzug, Modell Dynamo.

Die Fans wollen auch mal oben kratzen.

Die Saison ist fast zu Ende. Jetzt könnten Trainer oder Spieler ein Fazit ziehen. Wir haben uns aber gedacht, wir überlassen das den Journalisten, die Union das ganze Jahr über verfolgt haben. Bis zum letzten Spieltag am 15.Mai in Karlsruhe wird jeden Tag ein Berliner Sportjournalist beim Textilvergehen sein Saisonfazit ziehen. Bereits zu Wort gekommen sind Mathias Bunkus (Berliner Kurier), Sebastian Stier (Tagesspiegel), Jürgen Schulz (BZ/Taz), Matze Koch (freier Journalist und Fotograf) und Klaus-Dieter Vollrath (Bild).

Matthias Wolf (freier Autor für die Berliner Zeitung) verfolgt Union seit 1996.

Ich bin der Ansicht, dass man diese Saison das Ziel hatte, sich spielerisch weiterzuentwickeln. Das ist nicht gelungen. Der Verein hat 20 Prozent mehr Geld in die Mannschaft gesteckt, aber nicht 20 Prozent mehr Leistung bekommen. Jetzt reagiert Union. Man trennt sich von acht Spielern, darunter Mitläufer aber auch Karim Benyamina, ein Publikumsliebling. Das ist schmerzhaft für die Fans. Aber als neutraler Beobachter kann man das nachvollziehen, weil Karim Benyamina an seiner Obergrenze gespielt hat und spielerisch der Mannschaft keine neuen Impulse geben konnte. Es ist ein Risiko, das der Verein fährt. Aber aus meiner Sicht ist es einen Versuch wert.

Man sagt ja jedes Jahr, dass die zweite Liga stärker wird. Mir ist das egal. Aber die zweite Liga hat einen großen Vorteil für Vereine wie Union: Sie hat nur zwei Absteiger. Früher waren es noch vier. Ich mache mir deswegen keine Sorgen um den Verein. Union wird auch nächstes Jahr auf jeden Fall die Klasse halten. Die interessante Frage ist: Wann kommen wir an dem Punkt, wo es den Menschen hier bei Union, die sehr genügsam und mit wenig zufrieden sind, nicht mehr reicht? Ich glaube, dass wir nächste Saison an diesen Punkt kommen, wo sich keiner mehr nur über den Klassenerhalt freut. Die Leute wollen perspektivisch auch mal oben kratzen.

Man darf immerhin nicht vergessen, was Christian Beeck auch vor kurzem gesagt hat. Er hatte eigentlich diesen Dreijahresplan, nach dem man im dritten Jahr oben mitspielen wollte. Davon hat man sich getrennt. Das ist sehr schade. Ich denke, dass die Fans über kurz oder lang zumindest oben mitspielen wollen. Das liegt auch nicht nur am Etat. Erstaunlicherweise hat Energie Cottbus dieses Jahr einen Etat von rund 13 Millionen Euro und hat diese Saison oben mitgespielt. Man sollte sich mal fragen, woran das liegt. Ich kann die Frage nicht beantworten, da ich nicht weiß, wie die Ausgabenseite in Cottbus im Vergleich zu der bei Union ist. Aber ich glaube, dass es auch in der Vergangenheit immer wieder Vereine gab, die mit wenig Geld oben mitgespielt haben, mit Leidenschaft und Begeisterung. So wie in dieser Saison das Beispiel Erzgebirge Aue gezeigt hat. Warum nicht? Man muss “nur” richtig einkaufen und man muss hier bei dem einen oder anderen, der schon etwas länger im Verein ist, wieder das Feuer der Leidenschaft wecken.