Weniger Show, mehr Fußballfilme.

11mm – das schönste Filmfestival Berlins ist wieder da! Es besinnt sich auf alte Stärken und macht, was ein gutes Fußballfilmfest eben macht: Fußballfilme zeigen. Das vor allen Dingen. Es fühlt sich ruhiger an als im letzten Jahr, als Weltmeisterschaft, das Jubiläum des Festivals selbst und ein Union-Eröffnungsfilm mit entsprechend großem Publikumsandrang den Rahmen ein wenig gesprengt haben und eine Filmakademie alles medial begleitet hat. Statt dessen setzen die Veranstalter in diesem Jahr auf ein vielfältiges Programm, das viel Raum für Nischenthemen lässt.

Weil eine Festivaleröffnung natürlich trotzdem ordentlich funkeln muss, ist Arne Friedrich da. Der erzählt, und das passt sehr gut zum Eröffnungsfilm, von seinem Spiel gegen Lionel Messi. Im Publikum gibt sich der argentinische Botschafter die Ehre. Die DFB-Kulturstiftung schaut vorbei, ebenso Claudia Roth. Die Festivalleitung kuckt entspannt wie nie, der große Saal des Babylon ist gut gefüllt, und die Organistin des Babylon spielt so wunderbar, dass ich mir immerzu Stummfilme wünsche.

“Messi – Der Film” ist aber natürlich keiner. Der spanische Regisseur Álex de la Iglesia spürt dem Phänomen Messi nach und versucht in einem teils fiktiven, teils dokumentarischen Film einen sehr scheuen, wortkargen Superstar zu charakterisieren. Er stellt das klug an. Weil Messi sich eben nicht wie Maradona bei Kusturica vor die Kamera setzt und umstandlos sein Leben ausbreitet, behilft sich der Regisseur mit Fragen an Kollegen, Freunden und Wegbegleiter. Er bringt sie miteinander ins Gespräch, lässt sie streiten und Erinnerungen austauschen. Das ergibt ein lebendiges Bild, das aus dem starren Schema eines Dokumentarfilms ausbricht. Zusätzlich gibt es komplett fiktive Szenen, die die Legenden, die sich um die Person Lionel Messi gebildet haben, aufgreifen und seine Kindheit in Rosario, Argentinien nachzeichnen. Es ist keine klassische Heldengeschichte, die Álex de la Iglesia da inszeniert hat, und das ist sehr angenehm. Ich gehe nach Hause mit Bild eines Fußballspielers, den ich zwar immer noch nicht kenne, aber instinktiv mag. Für seine Schüchternheit, seine Segelohren, seine Beharrlichkeit und den Beweis, dass Frisuren überbewertet sind.

Wer´s gestern verpasst hat: Am Montag, 23.3., um 20:15 Uhr wird “Messi – Der Film” noch einmal gezeigt.

Schon wieder eine Wende zum St. Pauli-Spiel

Erinnert ihr euch noch an das Hinspiel in Hamburg? Das 0:3 hat Norbert Düwel als Wendepunkt bezeichnet. Eine Niederlage mit Roter Karte, Elfmeter und Kacktor des Jahrhunderts (Rzatkowski gegen Parensen!) so positiv zu sehen, ist eine große Leistung. Aber irgendwie hat der Trainer auch Recht. Sein Team spielte bei St. Pauli erstmals so, wie er es sich vorgestellt hatte und danach kamen auch die Punkte. Könnte nach der aktuellen Delle mit nur einem Sieg aus fünf Spielen wieder so laufen. Vielleicht auch gleich mal mit einem Sieg gegen Braun-Weiß.

St. Pauli - Union 2014/15Foto: Matze Koch

Vom Kader her kann Düwel allerdings nicht aus dem Vollen schöpfen. Immerhin ist Damir Kreilach nach abgesessener Gelbsperre wieder dabei. Damit ist hoffentlich mehr Ordnung in der Schnittstelle zwischen Defensive und Offensive bei Union. Als unverzichtbar bezeichnet ihn die Berliner Zeitung. Dem kann ich mich nur anschließen. Mir fehlt ehrlich gesagt das Duo Köhler/Kreilach im defensiven und zentralen Mittelfeld. Die beiden haben zusammen den Laden sehr gut zusammengehalten. Unions Schwachpunkt bleibt aktuell die 6er-Position. Vielleicht sollte Kreilach mal wieder dort spielen und vor ihm Jopek und Zejnullahu?

Statistik vor dem Spiel

Beide Mannschaften stellen die schlechtesten Defensiven (Kurier) und St. Pauli hat aus den letzten fünf Spielen fünf Punkte geholt und Union nur vier (BZ/Bild). Hört ihr schon, wie das Wort Krise angekarrt wird? Aber ehrlich: Mit einem Sieg heute, würde alles ganz anders aussehen.

Kommt nicht so häufig vor, aber Christopher Quiring und ich sind uns einmal einig. Der Mittelfeldspieler sagt in der BZ: “Natürlich wäre das ein großer Verlust, wenn St. Pauli absteigen würde. Aber wir können darauf keine Rücksicht nehmen und denen auch nur einen Punkt schenken. Sonst rutschen wir selbst unten rein.“ Beim RBB habe ich gesagt, es täte mir weh, wenn mein Verein St. Pauli durch einen Heimsieg am Freitag die entscheidenden Punkte zum Klassenerhalt klaue.

Haltet euch schon einmal den 26. März frei. Dann gibt es dieses Testspiel in Erkner:

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Wo steht Union eigentlich gerade?

Vor dem Spiel gegen St. Pauli kann ich auf zwei Fragen keine Antwort geben. Die erste ist rein sportlich: Wozu ist der aktuell zur Verfügung stehende Kader eigentlich in der Lage? Ich hoffe, dass die Mannschaft nicht so verunsichert ist wie ich. Denn mir fällt es schwer, eine Prognose abzugeben. Eigentlich muss im Heimspiel gegen den Tabellen-Siebzehnten ein Sieg her. Doch obwohl der 3:1-Erfolg über Heidenheim erst vier Spiele her ist, kann ich mir kaum vorstellen, dass das Team noch einmal so von vorne die Partie gestalten kann. Ich erwarte ziemlich viel Krampf und Kampf und viele Fehler auf beiden Seiten. Das wird vielleicht kein schöner Fußball, aber dafür viel Union.

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Foto: Stefanie Fiebrig

Düwels Aussage auf der Pressekonferenz vor dem Spiel geht wohl auch in diese Richtung: “Ich habe immer gesagt, dass wir eine bestimmte Anzahl von Punkten brauchen. Es geht gegen den Abstieg.” (BZ)

Das Verhältnis zwischen Union und St. Pauli

Ebenso wenig einschätzen kann ich das Aufeinandertreffen mit den Anhängern von St. Pauli. Bisher war ich der Überzeugung, dass alles prima ist und beide Fanlager, so unterschiedlich sie auch sein mögen, eine ähnliche Vorstellung davon haben, wie Fußballvereine zu sein haben. Und wenn nicht, dann haben sich die Leute zumindest in Ruhe gelassen. Auch hier bin ich mir nicht mehr so sicher.

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Das Verhalten an der Abseitsfalle gegenüber St. Paulifans war beim letzten Heimspiel von einigen Unionern nicht einwandfrei. Bei der Partie in Hamburg im Herbst gab es dagegen eine Attacke auf Berliner Stadionverbotler außerhalb des Millerntors. Der Kurier trifft mein Gefühl sehr gut. Von einem Stresstest wie in der Morgenpost würde ich allerdings nicht sprechen. Zumal solch ein Stresstest in der Wirklichkeit Reaktionen auf Ernstfälle simulieren soll. Das Spiel gegen St. Pauli ist hoffentlich etwas anderes als die Simulation einer Fußballpartie.

Kurz zusammengefasst: Ich möchte mir von ein paar Leuten nicht den Spaß verderben lassen.

Sonst so:

Mit dem Boot zum Stadion

Beachtet morgen für die Bootsfahrt zum Stadion mit Eddyline, dass Ablegeort dieses Mal der Schiffbauerdamm 12 ist (steht in den Kommentaren)

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Eddy, Du fehlst uns.

Was tun, Norbert?

Norbert Düwel braucht kein Kreuzworträtselheft zur Zerstreuung. Denn zu knobeln hat der Trainer gerade genug. Nicht nur im Tor. Dort steht am Freitag vor ausverkauftem Haus gegen St. Pauli mit Sicherheit Daniel Haas. Aber hat der Trainer auch seine Schlüsse für die Zeit nach Ablauf der Rotsperre von Mohamed Amsif gezogen? Oder will er sich mit dem Thema noch bis Saisonende beschäftigen? Vielleicht gibt die Pressekonferenz heute 13 Uhr etwas Aufschluss darüber.

Union Training 2014/15Foto: Matze Koch

Tore, wir brauchen Tore

Die eigentliche Frage ist aber gar nicht so sehr, wer im Tor steht, sondern wie Düwel das seit zwei Spielen komplett erlahmte Offensivspiel wieder ankurbeln will. Null Tore und kaum erspielte Chancen sind die Bilanz. Dem Gegner den Ball überlassen und dann auf Konter spielen ist sicher eine probate Strategie. Allerdings war außer dem Ballbesitz für die anderen sowohl gegen Kaiserslautern als auch gegen Darmstadt nicht viel davon zu sehen. Der Spielaufbau aus der Abwehr heraus wurde zugunsten von langen Bällen aufgegeben. Die überbrücken zwar schnell das Mittelfeld, wurden aber auch selten erobert.

Personell muss Düwel schauen, ob Schönheim (Adduktorenprobleme) einsetzbar ist. Zur Winterpause hat er sich für den Innenverteidiger auf links entschieden und gegen Björn Kopplin. Schönheim hat seit Februar Licht (drei Assists gegen Heidenheim), aber auch Schatten (dieser Rückpass auf Amsif in Darmstadt!) gezeigt. Gemessen an dem, was wir von ihm sonst gewohnt sind, ist das erstaunlich unkonstant.

Auch Martin Kobylanski hat sich in Darmstadt nicht für weitere Einsätze empfohlen. Björn Jopek und Eroll Zejnullahu wären Kandidaten im offensiven Mittelfeld. Zumindest kehrt Kapitän Damir Kreilach zurück und schafft es vielleicht, wieder etwas Struktur ins Spiel nach vorne zu bringen. Die ist nötig, um zumindest die acht Punkte Abstand auf den Relegationsplatz zu erhalten. Union spielt noch gegen alle Teams, die im Abstiegskampf stehen und kann also sehr gut selbst dafür sorgen, nicht noch einmal unten hineinzugeraten.

Wann ist ein Polizeisprecher auch wirklich ein Polizeisprecher?

Die Bild hat übrigens mit einem “Polizeisprecher” geredet. Der Mann ist natürlich kein Polizeisprecher, sondern Sprecher einer Polizeigewerkschaft. Ich bin es wirklich leid, mich mit diesem tendenziösen Unsinn noch weiter auseinanderzusetzen.

Update 11.02 Uhr: In einer vorigen Version stand, dass Fabian Schönheim in Darmstadt als Linksverteidiger gespielt hat. Das stimmt nicht. Er war beim 0:5 in der Innenverteidigung.

Faktensuche und offene Fragen

Und ich hatte noch prognostiziert, dass wir das Torwart-Thema jeden Tag bis zum Spiel über uns ergehen lassen müssen. Das war wohl nichts. Meine seherischen Fähigkeiten sind damit wohl ungefähr genauso gut wie Norbert Düwels glückliches Händchen bei der Keeperwahl.

Das Thema sind stattdessen die Ausschreitungen beim Regionalliga-Spiel Union II gegen den BFC Dynamo im und um das Stadion. Zunächst die Zahlen: 8.192 Zuschauer sahen die Viertliga-Partie, die von gut 300 Polizisten und zusätzlich auch von Ordnern geschützt wurde. Es gab laut Polizei 175 Festnahmen, die nicht unterschieden werden nach Fanfarben oder Ort der Festnahme, obwohl das bei der Aufarbeitung der Vorfälle durchaus helfen würde. 112 Beamte wurden verletzt, davon mussten laut Polizei zwei ambulant behandelt werden. Eine Aussage über Art und Schwere der Verletzungen gibt es auch nicht.

Was passierte im Stadion?

Ich sehe zwei verschiedene Sachverhalte: Die Ausschreitungen im Stadion und dann die Scharmützel außerhalb. Es geht nicht um die Bewertung der einzelnen Fangruppen, sondern nur um die Frage, ob Union als Verein etwas daran hätte ändern können. Entscheidend dafür ist die Zahl derjenigen Union-Fans, die von der Waldseite auf die Haupttribüne stürmten und dort die BFC-Anhänger zu vertreiben. Einen versuchten Sturm des Gästeblocks können wir sicher ausschließen. Die Polizei nennt 300 Union-Fans, die auf die Haupttribüne rannten:

Screenshot 2015-03-17 06.37.51Foto: Screenshot der PM der Berliner Polizei

Union dagegen beziffert die Zahl derjenigen auf 30:

Screenshot 2015-03-17 06.56.14

Es fehlt leider eine Totale aus dem Stadion, aber hier auf dem Bild kann ich keine 300 Unionfans beobachten, die auf die Haupttribüne strömten. Gemeint sind die vorwiegend in schwarz gekleideten Anhänger, die unten an den Sitzen entlang laufen:

Union II - BFC Dynamo 2014/15
Foto: Matze Koch

Diese Unionfans wurden von Ordnern aufgehalten. Das belegen Fotos:

Union II - BFC Dynamo 2014/15
Foto: Matze Koch

Erst danach kam es zum Polizei-Einsatz jeweils vor dem Gästeblock und an der Waldseite. Und vor und nach dem Spiel kam es zu wohl teils heftigen Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Fangruppen und der Polizei.

Interessant ist, dass bis auf den Tagesspiegel und den Kurier alle anderen Berliner Medien ungeprüft die Angaben der Polizei übernehmen, nach der 300 Unionfans die Haupttribüne gestürmt hätten (BZ/Bild, Morgenpost, Berliner Zeitung). Hier zeigt sich eine Schwierigkeit in der Polizei-Berichterstattung, in der die Kontakte zu Beamten, die Information weitergeben (wie gestern der unveröffentlichte Polizeibericht an die Polizeireporter der Berliner Zeitung und der Bild/BZ), vielleicht wichtiger sind als das Zwei-Quellen-Prinzip im Journalismus, nach der für eine Behauptung mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen aufzutun sind. Wenn die sich widersprechen, muss man es so machen wie der Tagesspiegel:

Neben den Stehplatzrängen der Union-Ultras auf der Waldseite hatten sich zehn Minuten vor dem Abpfiff rund 40 teilweise vermummte Personen – die Polizei sprach von 300 – versammelt und mit ihrem Sturmlauf in Richtung des hinteren Teils der Haupttribüne für Unruhe gesorgt.

Anwesenheit im Stadion ist bei der Überprüfung der Zahlen vielleicht hilfreich, aber nicht notwendig gewesen. Es gibt genug Bild und Filmmaterial von den Vorfällen.

Viele Fragen bleiben offen

Anhand der dargestellten Fakten bleiben tatsächlich ein paar Fragen offen, die ich nicht beantworten kann. War der Polizei-Einsatz im Stadion überhaupt notwendig? Ich vermute ja, um ein Aufeinandertreffen der beiden Fanblöcke zu vermeiden. Hier spielen sicherlich die Vorkommnisse vor dem Spiel eine Rolle bei der Entscheidung der Einsatzleitung, im Stadion aktiv zu werden. Ob der Einsatz in dem Ausmaß gerechtfertigt war, wäre die nächste Frage.

Mich würde die Rolle einzelner Gruppen bei den Vorfällen außerhalb des Stadions interessieren. Die Berliner Zeitung erwähnt mit Berufung auf die Polizei die Hells Angels als aktiv an Auseinandersetzungen beteiligt. Auf Unionseite würde mich interessieren, welche Gruppen dort aktiv waren. Dann wüsste ich tatsächlich gerne, wo Festnahmen stattgefunden haben und zu welcher Vereinsseite die Leute sich zugehörig fühlen. Und wie groß die Überschneidungen zwischen den angezeigten Personen und denen in der landeseigenen Gewalttäter-Sport-Datei sind. Zum Thema Prävention: Gab es Gefährdeansprachen vor dem Spiel und wenn ja, was haben sie konkret gebracht? Gleiches gilt für die Verletzungen der Polizisten. An meiner persönlichen Einschätzung “Das war große Scheiße.” wird das nichts ändern, aber für die ernsthafte Aufarbeitung der Vorfälle und Vorbeugung bei für zukünftige Veranstaltungen wäre das sinnvoll.

Wir hatten gestern Abend im Podcast eine längere und sehr lebhafte Diskussion über den Sinn und Unsinn, auf eigene Faust BFC-Fans aus dem Heimbereich zu werfen, und über den Umgang mit dem BFC an sich.

Sportlich tut sich nichts berichtenswertes. Der Kurier hat mit Sören Brandy telefoniert.

Teve220 – Straftraining ist Stammtisch-Globuli

Das war ein schlimmes Union-Wochenende: Freitag 0:5 in Darmstadt verloren und mit einer Roten Karte den Torwart dazu. Am Sonntag verliert die Zweite Mannschaft 0:1 gegen den BFC und es gibt einen größeren Polizei-Einsatz im eigenen Stadion. Danke an David für das Einsprechen des Intros. Das ist ganz groß!

Foto: Matze Koch

On Air:

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Shownotes

Begrüßung

00:02:12

Das 0:5 in Darmstadt

00:03:19

Das Torwart-Thema muss gelöst werden

00:15:33

Outro

01:31:20

Keine Episode mehr verpassen!

Das 8:0 hat nichts erledigt

Es gab hier beim Textilvergehen mal die Rubrik “Wörter, die ich im Zusammenhang mit meinem Fußballverein nie wieder hören möchte”. Hier findet ihr Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4. Hinzuzufügen wären nach der Spielunterbrechung gestern beim Regionalliga-Spiel zwischen Union Zwee und dem BFC Dynamo noch: Tumulte (Tagesspiegel), Krawalle (Morgenpost), Spiel unterbrochen (BZ) und Einsatz von Pfefferspray (Kurier).

Auf solche Tweets kann ich auch verzichten:

Fotos gibt es bei unveu.de und union-foto.de

Für mich als Fazit bleibt: Aus dem Platzsturm und Spielabbruch in Stockholm Anfang des vergangenen Jahres nicht viel gelernt. Es gibt immer noch welche, die über jedes hingehaltene Stöckchen springen, wenn nur BFC Dynamo drauf steht. Ich habe auch keine Lust auf relativierende Entschuldigungen und den Hinweis, dass es “nur” 40 von über 8000 Zuschauern waren. Das war einfach Scheiße.

Der Effekt wird sein, dass die zweite Mannschaft die nächsten Spiele wieder nur noch parallel zu Zweitligaspielen von Union durchführen darf.

Ich kann mich Dirk Zingler anschließen, der auf einem Fantreffen vor Jahren mal sagte: “Mein Verhältnis zu diesem Verein wird nie ein normales sein.” Die Abneigung habe ich auch in mir, obwohl ich in den 80ern als Kind am Ernst-Abbe-Sportfeld zum Fußball ging und nicht ins Stadion an der Alten Försterei. Aber es ist 2015 und nicht 1988. Sich von einem Klub provozieren lassen, der nur durch den Besuch anderer ehemaliger DDR-Oberligavereine überhaupt auf einen Zuschauerschnitt von 1800 in der aktuellen Saison kommt, verstehe ich nicht. Vielleicht sollte jeder mal in sich gehen und die eigenen Reflexe checken. Der Spruch “8:0! Erledigt.” stimmt jedenfalls auch zehn Jahre nach dem legendären Sieg über den BFC nicht.

Grenzüberschreitung

Norbert Düwel hat seinem Team das freie Wochenende gestrichen (BZ). Natürlich schwebt jetzt das Wort Straftraining über allem. Aber wir sind ja nicht mehr in den 80ern oder 90ern. Der Trainer kann sich die Maßnahme erlauben, weil das nächste Spiel erst am Freitag ist. Wären weniger Tage zwischen den Spielen, würde sich Düwel mit Laufeinheiten nur ein Eigentor schießen. Ich glaube, dass die Botschaft des 0:5 auch ohne zusätzliche Trainingseinheiten angekommen ist.

Was weiterhin überhaupt nicht geht, sind solche Überschriften wie in der BZ:


F
oto: Screenshot von bz-berlin.de

Das hat für mich zwei Gründe: Die Spieler haben ihre Arbeit nicht so gemacht, wie das erwartet wurde. Auch von ihnen. Aber das passiert uns im Job genau so. Und es ist demütigend, dafür so bezeichnet zu werden. Das ist, als ob so etwas wie Menschenwürde (nicht ohne Grund ein hohes Gut) für Fußballprofis nicht gelten würde. Gegen einen gepflegten Anschiss ist nichts einzuwenden, doch Nachtreten geht gar nicht. Das ist peinlich.

Der zweite Grund ist der erste in kurz: Robert Enke.

Trend oder Ausrutscher?

Analytischer unterwegs sind Kurier und Morgenpost. Natürlich bekommt Norbert Düwel die Torwartentscheidung noch einmal vorgehalten. Doch auffällig ist, dass Spieler nicht ihre Leistung bringen, bei denen es aktuell um eine mögliche Vertragsverlängerung geht. Die Morgenpost zählt fünf Spieler auf, die beim 0:5 auf dem Platz standen: Michael Parensen, Christopher Quiring, Martin Kobylanski, Steven Skrzybski und Björn Kopplin.

Während bei Torhütern das Thema Verunsicherung immer debattiert wird, scheint es bei Feldspielern keine größere Rolle zu spielen. Dabei würde ich das im Falle der fünf Unionspieler ohne Vertrag über den Sommer 2015 hinaus gelten lassen. Sie durchleben eine Phase der Unsicherheit. Die Profis müssen beispielsweise bis 1. April vorsorglich ihre Wohnung kündigen, wenn ihr Vertrag am 30. Juni ausläuft und sie im Falle eines Wechsels nicht zusätzlich bezahlen wollen. Hängen die Arbeitsstelle von Frau/Freundin und auch noch Kinder dran, wird es komplizierter. Den Kopf frei haben stelle ich mir anders vor. Jeder, der selbst mit befristeten Arbeitsverträgen zu tun hat, wird das nachvollziehen können.

Foto: Matze Koch

Der Kurier beschönigt nichts und vergleicht die Auftritte von Union in Nürnberg, Leipzig und Darmstadt mit denen eines Absteigers. Daran gibt es auch nichts zu kritteln. Die nächsten drei Spiele (St. Pauli, Sandhausen und Aalen) entscheiden für mich darüber, ob wir uns in dieser Saison noch einmal mit Abstiegskampf beschäftigen müssen.

Dead Klub Walking

Nachher um 13.30 Uhr ist Anpfiff der Regionalliga-Partie zwischen UnionZwee und dem BFC Dynamo. Laut Kurier verstärken Bajram Nebihi, Eroll Zejnullahu und Valmir Sulejmani die Zweite Mannschaft. Vorbei ist die Zeit, dass uns das aufgeregt hat, wenn Klubs ihre zweite Mannschaft mit Profis verstärken …

Für mich hat das Spiel null Relevanz, aber ich verstehe die emotionale Bedeutung für viele Unionfans. Für mich ist der BFC so ein bisschen wie ein Zombie. Tot, aber bewegt sich noch. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieser Klub jemals wieder richtig auf die Beine kommt. Da kann der Verein noch so viele gute und wichtige soziale Projekte stemmen, er wird immer die Labels MfS und Hooligans an sich haften haben. Und sollte er diese jemals loswerden, dann bleibt er deshalb berlinweit so unbedeutend wie Fortuna Pankow.

Es ist nie schön, wenn vor einem Fußballspiel erst einmal die Zahlen der eingesetzten Polizisten herunter gerattert werden (Kurier, Morgenpost). Also passt auf euch auf, wenn ihr hingeht. Wäre prima, wenn wir morgen keine Polizeimeldung wie diese vom Herthaspiel gestern lesen müssen.

Ich bin heute mit Kind beim Bundesligaknaller Wolfsburg – Freiburg vor Ort. Gefahrenstufe Null oder drunter ;)

Und sonst so?

Sticker War in den Alpen:

stickerwarFoto: immnski

Das Problem steht nicht im Tor

Ein-Wort-Zusammenfassungen sind nach einem 0:5 sehr beliebt. Wir hätten nach der Partie in Darmstadt im Angebot: “Debakel” (Tagesspiegel, Morgenpost, BZ), “blamiert” (Berliner Zeitung) und “Klatsche” (Kurier). Nichts davon gibt auch nur ansatzweise meine Gefühle während des Spiels wieder. In Wirklichkeit war alles nämlich noch viel schlimmer.

Ungefähr so:

Lottoverbot für Norbert Düwel

Ich weiß gar nicht, ob Norbert Düwel dem Glücksspiel zugetan ist. Wenn ja, sollte er auf jeden Fall Lotto-Annahmestellen weiträumig meiden. Denn dass der Cheftrainer beim Torwartwechsel kein glückliches Händchen bewies, ist das mindeste, was sich nach der Roten Karte für Mo Amsif und der darauf folgenden Einwechslung von Daniel Haas sagen lässt.

Foto: Hupe/union-foto.de

Fakt ist: Jeder konzentriert sich nun auf die Torwart-Entscheidung von Düwel und der wirklich schlimme Rest wird etwas aus dem Fokus geraten. Gegentore aus Standardsituationen und hohen Bällen beispielsweise (hatte die Mannschaft das nicht schon Ende 2014 abgestellt?) oder die fehlende Dominanz Präsenz im Mittelfeld. Der wirklich schlimme Rückpass von Schönheim, der Amsif in Bedrängnis brachte. Das Rezept hohe Bälle auf Polter mag für bestimmte Zeitpunkte eines Spiels passend sein, aber es ist keine Spielidee.

Statt mit unangenehmen Wahrheiten werden wir mit Plattitüden konfrontiert werden: Ein Torwart benötige besonderes Selbstvertrauen? Haas sei jetzt total verunsichert und müsse aufgebaut werden. Das Hin und Her auf der Torwartposition sei nicht gut. Konstanz sei auf dieser exponierten Position wichtig.

Hier ein kleiner Vorgeschmack auf die Diskussionen bis zum Spiel gegen St. Pauli:

Das kann alles stimmen. Allerdings fehlen mir für die konkrete Situation bei Union die Belege. Die ist allerdings auch Düwel bei der Begründung für den Wechsel zu Amsif schuldig geblieben.

Es war nicht alles schlecht

Der Gästeblock zum Anpfiff sah wirklich großartig aus:

Auf der Rückreise im Partyzug war der geneigte Unioner nicht alleine:

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Foto: Eiserner Virus e.V.

Und der Sonntag könnte das schlimme Wochenende etwas verbessern:

UnionZwee gegen BFC Dynamo im Stadion an der Alten Försterei. Anpfiff ist 13.30 Uhr, Karten gibt es nur für Mitglieder und Dauerkarteninhaber und bei der S-Bahn Schienenersatzverkehr zwischen Karlshorst und Friedrichshagen.