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Teve143 – Wo wir hingehören

Verlieren schmerzt. Aber manchmal noch viel mehr. Weil man merkt, dass man mehr verloren hat als nur ein Spiel. Weil einem mit Abpfiff bewusst wird, dass man einfach nicht das abrufen konnte, wozu man in der Lage ist. Danach macht sich eine Leere breit, die irgendwie gefüllt werden muss. Wir versuchen nach der 0:3-Niederlage beim FSV Frankfurt einen Weg zu finden, indem wir schauen, wie sich die Mannschaft weiterentwickeln wird. Dabei verstehen wir nicht jede Entscheidung des Trainers.

FSV Frankfurt - 1. FC Union 2012/13
Foto: Koch

In der Küche diskutieren Hans-Martin und Sebastian.

Zu Wort kommen im Podcast Patrick Kohlmann und Michael Parensen.

Es gibt den Podcast immer auch als Alternativdownload (48kbit/s – mono) für ganz schmale Bandbreiten (auch bekannt als üble Internetverbindung). Link ist unten unter den üblichen Downloadlinks.

Teve142 – How to sitz at Union

Zu Hause ist es einfach am schönsten. Angesichts des 4:2 gegen den FC St. Pauli sind wir darüber natürlich sehr froh. Andererseits aber auswärts. Köln und Cottbus liegen uns noch schwer im Magen, da stehen gleich zwei Auswärtsspiele in Paderborn und Frankfurt an. Wohlan. Abseits der bewundernswerten Tore gegen die Hamburger macht uns einiges nachdenklich. Die merkwürdige Stimmung zum Beispiel. Gero hat eine Idee für die Integration des Publikums auf der neuen Haupttribüne: Die Anleitung “How to sitz at Union”. Das Verhalten von Fans gegenüber den Anhängern der gegnerischen Mannschaft, quasi Fantrennung selbstgemacht. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Der freie Journalist und Fotograf Matze Koch gewinnt eine Wette gegen Tusche.

Haupttribüne beim Spiel gegen St. Pauli. (Foto: unveu.de)
Foto: Koch

In der Küche diskutieren Gero, Martin und Sebastian.

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Der Spieler als Visitenkarte seines Beraters.

Am Sonntag waren Schalkes Keeper Timo Hildebrand und sein Berater Jörg Neblung bei 11mm. Anlass war der Dokumentarfilm “Spielerberater” von Klaus Stern. Das von Andreas Leimbach-Niaz moderierte Gespräch im Anschluss beschränkte sich aber nicht darauf. Herzlichen Dank den Organisatoren des Festivals für die hochkarätige Besetzung auf der Bühne, insbesondere aber für die Möglichkeit, aus dem Publikum heraus Fragen zu stellen. Vielen Dank nicht zuletzt an Jörg Neblung und Timo Hildebrand für ihre klaren und offenen Worte.

Wenn man ihn fragt, was er beruflich macht, antwortet Jörg Neblung gerne: Menschenhändler. Die Leute zucken dann zusammen, erzählt er. Einige gehen darüber hinweg, weil ihnen das Thema unbehaglich ist. Andere fragen weiter. Gelegentlich sagt er dann, er sei Agent. Das ist vielschichtiger und schließt Betätigungsfelder ein, die mit der Spielervermittlung nichts zu tun haben, wie etwa Sponsoring und PR. Dass seine Branche keinen guten Ruf genießt, ist ihm bewusst. Damit lebt er. “Ich habe immer die Wahl, ich kann ja auch irgendwas anderes machen.” Der schlechte Leumund der Spielerberater kommt nicht von ungefähr. “Es sind die großen, die viel Unfug machen und unsere Branche dann auch oftmals in Verruf bringen. Die Kleinen sind die, die sehr früh an Talente herangehen und oftmals mit wilden Versprechungen aufwarten.” Was “sehr früh” bedeutet, führt er näher aus. “Wenn wir an einen 15jährigen herantreten und dann hören, er hat schon seit 2 Jahren einen Beratervertrag.” Dass Außenstehende zusammenzucken, wenn sie hören “Der Vater hat seinen Sohn verkauft”, versteht Neblung. “Ich weiß nicht, ob es Geldkoffer gibt, aber es gibt tatsächlich so einen Obulus, wenn man seinen Jungen zuführt. Das ist natürlich schwierig, wenn es um Dienstleistung geht. Ich soll eine Beratungsleistung erbringen und dafür erstmal noch Geld zahlen – da sträubt sich mir doch einiges.” Er habe das bisher nicht gemacht und sei glücklich damit. “Ich möchte, dass mein Klientel meine Referenz ist. Dass man anhand der Spieler, die ich vertrete, erkennt, wie meine Dienstleistung aussieht. Ich glaube auch, dass das Klientel so eine Art Visitenkarte ist, die jeder Berater hat.”

Jörg Neblung war auch der Berater von Robert Enke. Es bleibt nicht aus, dass er auf Enkes Tod angesprochen wird, verbunden mit der Frage, ob sich die Arbeitsweise der Berater dadurch messbar verändert habe. “Es hat sich sehr, sehr viel getan. Man muss sich nur die Mühe machen hinzugucken. Wir haben das Thema Depression deutlich enttabuisiert.” Das wirkt sich mittelbar auf die Arbeit eines Beraters aus, der Gespür und Verständnis dafür haben sollte, dass ein Spieler manchmal überraschend den Rückzug antreten muss.

Dem Berufszweig der Spielervermittler wird immer wieder mangelnde Transparenz vorgeworfen. Neblung legt Wert auf Transparenz und geht in dem Film von Klaus Stern sehr offensiv mit der Frage nach seinen Interessen und seiner Beteiligung um. “Das ist ein gewisser Selbstschutz. Wenn ich meine Provision transparent gestalte, kann nicht irgendwann mal ein Sportdirektor kommen und sagen, der hat aber soviel bekommen. Das hätte dein Anteil sein können.” Dann zeichnet er in Gedanken eine Tortengrafik. “Wenn du ohne Berater kommst, wird dem Spieler gesagt, ist das deine Torte. Wenn du mit Berater kommst, nehme ich dir so ein Stückchen raus.” Was auf den ersten Blick verheißungsvoll aussieht, übervorteilt häufig den Spieler. “Wir sind die Interessenvertretung der Spieler, nicht der Vereine.”

Timo Hildebrand hatte mit 15 die ersten, großen Anfragen. Einen Berater hatte er zu der Zeit noch nicht. Nach Stuttgart ist er dann mit seiner gesamten Sippschaft gereist, mit Onkels und Tanten, die ihren Segen dazu gegeben haben. “Das war sehr ungewöhnlich für die Verantwortlichen vom VfB.” Ein Familiennetzwerk hat in der Regel keine Kenntnisse und keine Vernetzung auf dem Markt und “kann nicht mal eben bei Schalke 04, bei Borussia Dortmund, beim VfL Bochum anrufen und fragen, wie findet ihr denn meinen Sohn?”, sagt Jörg Neblung. “Da können wir dann schon helfen und versuchen, das eher subjektiv geprägte Bild des Vaters zu korrigieren. Das ist manchmal ein massiv schwerer Auftrag, den wir haben. Viel Aufklärungsbedarf, zum Teil.”

Natürlich sind es die Berater, die auf Spieler zugehen. Dazu Timo Hildebrand: “Extrem war es in der Zeit, als ich keinen Verein hatte. Da ist alle paar Tage ein anderer Berater gekommen, mit dem ich mich getroffen hab.” Alle hatten sie Angebote für ihn. Wie aber überzeugt ein Berater den Spieler von einer Zusammenarbeit? “Verstell dich nicht”, rät Jörg Neblung. Das sagt er auch seinen Spielern. “Sei authentisch in dem, was du machst. Versuch nicht, irgendeine Rolle zu spielen. Das merkt jeder Fan, die Presse merkt´s sowieso. Und genauso gehe ich auch in so ein Gespräch.” Die Spieler, die bei Neblung sind, müssen Kritik vertragen. “Das machen die weniger etablierten Kollegen, die sagen, du bist einfach der Beste, und du musst irgend woanders hin, und du musst auch unbedingt den Verein wechseln – denn erst dann bekomme ich meine Provision.” Häufige Wechsel, mehr Geld für den Berater? “Wir werden heute bezahlt nach dem Verbleib des Spielers beim Verein.” Dass für einen Dreijahresvertrag mit einem Mal bezahlt wurde, war vor seiner Zeit. “Dann waren wir aufgefordert, nächstes Jahr wieder den nächsten Transfer zu machen, wenn´s irgendwie geht. Heute bekomme ich eine Provision, wenn Timo noch ein Jahr auf Schalke bleibt.” Hildebrand fügt hinzu: “Ich glaube, dass es brutal schwer ist, für junge Spieler. Die sind 16, 19, 20. Da kommen viele Menschen auf einen zu, gerade im Erfolgsfall.” Dass man da Fehler macht und nicht genau weiß, wie es in der Branche läuft, liegt für ihn auf der Hand. Die Bundesliga hat ihn in vielerlei Hinsicht verändert, glaubt Timo Hildebrand. “Als ich angefangen habe in der Bundesliga, war ich ein Hemd, würde ich sagen. Aber dann hatte ich irgendwann mal Felix Magath als Trainer …” Er kommt nicht dazu, den Satz zuende zu sprechen, großes Gelächter unterbricht ihn. “Das war wirklich ein Stahlbad, danach kann nix Schlimmeres mehr kommen.”

Als Hildebrand nach seinem Versuch, ohne Berater den Verein zu wechseln, gefragt wird, ergreift statt seiner direkt Jörg Neblung das Wort. “Es geht darum, den Markt transparent zu gestalten und Klinken zu putzen. Anzurufen und zu gucken, ist erstens ein Bedarf da? Zweitens, könnte Timo reinpassen? Drittens, geht das überhaupt von den Gehaltsvorstellungen? Wenn ein Verein ein Interesse an einem Spieler hat, hat er ja seinen Wunschkandidaten. Dann ist es leichter, das mit einem unerfahrenen Elternteil oder mit dem Spieler selber auszuhandeln. Außer mit Frau Illgner. Die hat massiv hart verhandelt. Aber wir sind Makler. Wir sind Vermittler. Wir leben von Vermittlungsprovisionen.” Timo Hildebrand erklärt, in welcher Situation er sich zu der Zeit befand. Hoffenheim hat seinen Vertrag geändert. “Ich hatte einen schweren Stand, weil sich auch jeder gefragt hat, warum verlängert Hoffenheim den Vertrag nicht? Dann habe ich versucht, einen Verein zu finden, ohne Berater. Das hat überhaupt gar nicht funktioniert, weil dann jeder Berater beim Verein anruft und den Spieler anbietet. Das ist unseriös. Ich war auch nicht in der komfortablen Situation, dass mich der Verein kontaktiert hat. Das wäre am einfachsten gewesen.” In der Zeit hat er Neblung kennen gelernt und ist mit ihm nach Lissabon gewechselt.

Gelegentlich trennen sich die Wege von Spieler und Berater. Mal sind es der Spieler und/oder sein Vater, die gehen, wenn die Vorstellungen von dem, wo ein Spieler hingehört, nicht deckungsgleich sind. “Dann verliert man auch mal einen Spieler, weil wir dann zu wenig geleistet haben”, sagt Jörg Neblung. Auch der umgekehrte Fall kommt vor. “Es gibt Spieler, die sich nicht mehr weiter entwickeln, weil die Prioritäten bei den Mädels liegen und nicht auf dem Platz. Oder die einfach eine super Karriere als Türsteher bei einer Diskothek machen könnten.” Wenn er einem Spieler sagen muss “Es tut mir leid, ich habe es nicht geschafft, dich auf dieses Level zu bringen”, klingt das Bewusstsein für seinen Teil der Verantwortung an der Karriere des Spielers durch. “Irgendwann übergeben wir den Staffelstab an den Spieler, da muss er funktionieren. Dann kommen wir hoffentlich in die glückliche Situation, einen besseren Vertrag verhandeln zu dürfen als den vorherigen. Das gelingt uns aber nicht immer.”

Ist ein Spielerberater auch Lebensberater? Timo Hildebrand wurde unlängst über Facebook verbal angegangen. Wie wichtig ist der Berater bei dem angemessenen Umgang mit solchen Situationen? “Man gibt durch Facebook, durch dieses soziale Netzwerk, die Möglichkeit, mit den Fans zu kommunizieren. Das wird von vielen genutzt, aber solche Kommentare haben selbst da nichts zu suchen. Ich habe das kommentiert, ohne vorher mit Jörg darüber zu sprechen und gesagt, das geht nicht”, so Hildebrand. “Natürlich gibt es auch viele Sachen, die wir zusammen besprechen. Aber solche Sachen …?” Jörg Neblung bestärkt ihn darin. “Das ist öffentlich. Ich habe ganz klar gesagt: Gegenfeuer. Dass man das auch öffentlich thematisiert. Dass man den Nutzer sperren lässt. Es war keine private Nachricht, jeder konnte das sehen. Von daher hat Timo auch das Recht, das öffentlich zu kommentieren. Er hat sehr viel toleriert. Wenn man sich in sozialen Netzwerken bewegt, dann ist man öffentlich und muss mit den Konsequenzen leben, aber alles nur bis zu einem gewissen Level. Der war einfach überschritten.”

Spielerberater.

Das 11mm-Festival hat sich gestern eines eher sperrigen und unbequemen Themas angenommen: Die Welt der Spielerberater. Zwei Dokumentationen mit beinahe identischen Titeln waren zu sehen.

Themenabend Spielerberater beim 11mm-Festival

Festivalleiter Andreas Leimbach-Niaz mit Regisseur Klaus Stern

Patrick Halatsch: “Spielerberater – Strippenzieher im Millionengeschäft Fußball” (2013)

Patrick Halatsch nähert sich dem Spektrum der Spielerberatertätigkeit von zwei Seiten. Am sonnigen Ende des Regenbogens steht die international agierende ROGON Sportmanagement GmbH & Co. KG mit Roger Wittmann an ihrer Spitze. Als Kontrast dazu wird der im Nebenberuf als Spielerberater tätige Benjamin Bertram und mit ihm die regennasse Provinz gezeigt. Die Ausgangssituation erinnert an Hans-Christian Andersens Märchen vom großen und vom kleinen Klaus und ist wohl auch so gemeint. Der Film beleuchtet die unterschiedlichen Arbeitswelten von Wittmann und Bertram, aber auch ihre persönliche Auffassung von Beratertätigkeit. Continue reading ‘Spielerberater.’

Finnische Bescheidenheit.

Kein einziger finnischer Sportler sei ihr jemals sympathisch gewesen, schreibt Maria. Zu schweigsam, formuliert sie sinngemäß, und niemals, niemals lächeln sie. Als der völlig unbekannte, junge finnische Fußballspieler Jari Litmanen 1992 nach Amsterdam wechselte, dachten seine holländischen Kollegen ganz ähnlich über ihn. Sagt nichts, trainiert fleißiger als alle anderen und ist völlig frei von Humor. Aber, und das halten sich seine Mitspieler zugute, sie haben ihm einiges beigebracht in Amsterdam. “Ich esse meine Pommes seitdem nicht mehr mit Ketchup, sondern mit Mayonaise” erzählt Litmanen, gefragt, was er an den Niederlanden vermisst, und grinst.

Finnischer Filmabend beim 11mm-Festival 2013 mit Jari Litmanen

Das Rasenstück vor dem Kino Babylon, das dort statt eines roten Teppichs liegt, ist nicht allzu lang. Trotzdem dauert es seine Zeit, bis Jari Litmanen endlich im Foyer steht, zur Deutschlandpremiere seiner verfilmten Biografie “Kuningas Litmanen”. Er schreibt Autogramme, lässt sich mit Fans fotografieren, vor ihm läuft eine Filmkamera, Mobiltelefone zeigen sein Gesicht im Display. Litmanen ist geduldig, freundlich und signiert, was signiert werden soll. Derweil herrscht gespanntes Stühlescharren im oberen Oval, wo er zur Pressekonferenz erwartet wird. Nach drei knappen Sätzen heißt es plötzlich “… und jetzt ohne weitere Vorrede Ihre Fragen.” Große Stille. Vorn sitzt Jari Litmanen, blickt erwartungsvoll ins Rund und ist durchaus auskunftswillig, aber niemand traut sich, die erste Frage zu stellen. “Vielen danke”, sagt er. Befreites Auflachen im Pressebereich, das Eis ist gebrochen.

Finnischer Filmabend beim 11mm-Festival 2013 mit Jari Litmanen

Wer ihn als exzellenten Fußballspieler entdeckt habe, möchte jemand wissen. Wann aufgefallen sei, dass er außergewöhnlich gut spielen könne? “Kann ich das?”, fragt er zurück und lächelt. Dann erzählt von seinen Trainern. An erster Stelle steht da sein Vater, der selbst finnischer Nationalspieler war. Louis Van Gaal beschreibt er als jemanden, dem er viel verdankt und den er nach wie vor sehr schätzt. Mitspieler, an denen er sich orientiert hat. Ohne, dass es auffällt lenkt Litmanen das Gespräch um, weg von sich, hin zu denen, die er bewundert. Das ist elegant und bescheiden.

Litmanen hat den Inhalt von “Kuningas Litmanen” ganz maßgeblich mitbestimmt. Überlegt, wer diejenigen waren, die ihn geprägt haben. Zwei Jahre haben die Arbeiten an dem Film gedauert, abgebildet werden 25 Jahre seines Lebens. Dieser Blick zurück war seltsam, gibt er zu. Ehemalige Mitspieler oder gar die eigenen Eltern zu sehen, wie sie über ihn reden. Seine eigene Geschichte auf der großen Leinwand. Wie das für ihn war? “Leicht, weil ich die Geschichte ja kannte. Ich war mehr oder weniger Teil der Geschichte.” Anfangs konnte er sich kaum vorstellen, wie aus dem vielen Filmmaterial, den zahlreichen Interviews und Spielszenen ein Film von anderthalb Stunden Länge werden soll. Eine gute, kompakte Geschichte ist am Ende herausgekommen, findet er und lobt wiederum nicht sich selbst, sondern den Regisseur, der das Puzzle zusammen gesetzt hat.

Auch an Orten, wo man sonst nicht hin kommt, öffneten sich dem Filmteam bereitwillig Türen. Es ist der Name Jari Litmanen, der sie öffnet. Von Anfang an ein Team Player ist er überall geschätzt worden, wo er gespielt hat. Geradezu liebevoll erzählen Spielerkollegen, Trainer, Manager und Betreuer über seine Marotten. Die Sauna-Gänge. Die Extra-Runden auf dem Trainingsplatz. Die Schuhe, die immer wieder repariert werden mussten. Stretching, stretching, stretching. Als einen gelassenen Mann beschreiben sie ihn. Dieser gelassene Mann nimmt wohl zur Kenntnis, dass sie ihn gelegentlich mindestens eigenartig finden, lässt sich davon aber nicht irritieren. Ist doch gut, wenn gelacht wird, meint er. Ähnlich gleichmütig reagiert er auf dem Spielfeld auf Provokationen. Eine einzige rote Karte für ein Foulspiel hat er in 25 Jahren kassiert. Und so ist das Lob, das er am zweithäufigsten hört: Fairness.

Es bleibt der Eindruck, dass Jari Litmanen vielleicht mehr als andere verinnerlicht hat, dass Fußball eine Mannschaftssportart ist. Sein anderes Team, die finnische Nationalmannschaft, hat ihn immer wieder geerdet. Als Nationalspieler mit 137 Einsätzen und 32 Toren hat er nicht ein einziges Mal an einem großen Turnier teilgenommen. “Wenn sich die Kollegen von Ajax Amsterdam, Barcelona oder Liverpool auf Europa- oder Weltmeisterschaft vorbereiteten, dachte ich, ja gut, ich fahre jetzt in den Sommerurlaub und werfe den Grill an.” Eine Eishockey-Nation eben, auch wenn Litmanen kräftig daran gerüttelt hat. “Ich war immer stolz, Finne zu sein, aber nicht immer stolz, ein finnischer Fußballspieler zu sein. Aber so ist es eben, ich kann es nicht ändern.”

Er hat noch immer nicht abgeschlossen mit dem Fußball. Von der letzten Knieoperation hat er sich erholt und kann nicht mehr sagen, ob es eigentlich das rechte oder das linke Knie war. Eineinhalb Jahre liegt sein letztes Spiel zurück. In der Zwischenzeit hat er trainiert, nur für sich, “doing some stretching”. Er sei fit, meint er. Aber nach 25 Jahren habe das aber nun wirklich keine Eile. Eine Trainerkarriere? Es gibt so vieles im Fußball, was man machen könnte. “Ein paar Leute haben gesagt, es gäbe ein Leben außerhalb des Fußballs, aber ich weiß nicht …” Das glauben sie ihm nicht, im Kino Babylon, und lachen schon wieder. Nein, extrovertiert ist Jari Litmanen sicherlich nicht. Aber doch einer, den die meisten instinktiv mögen, von Anfang an. Er macht es einem nicht besonders schwer.

Finnland, Fußball & Film.

Finnischer Filmabend beim 11mm: Die Komödie “Kulman Pojat” und der Dokumentarfilm “Kuningas Litmanen” feierten jeweils ihre Deutschlandpremieren. Zwei Filme, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie eint, dass sie der größten Fußballlegende Finnlands, Jari Litmanen, ihren Tribut zollen. Addiert man sie, kommt Finnland dabei raus.

Kulman Pojat

Kulman Pojat nimmt dabei die Perspektive der Fans ein. Erzählt wird die Geschichte von Petri, der Verkäufer in einem Sportfachgeschäft ist und dort jeden, der nach Eishockeyausrüstung oder Skates fragt, zu den Fußballschuhen schickt. Sein Lebensinhalt ist der örtliche Fußballverein, sein Held heißt Jari Litmanen. Jari heißt, und das ist kein Zufall, auch der Sohn seines besten Freundes. Der ist gerade fünf und soll in Litmanens Fußstapfen treten. Weil sein Vater keine Zeit hat, den kleinen Jari zu seinem ersten Fußballtraining zu bringen, übernimmt Petri das und verliebt sich Hals über Kopf in Jaris Fußballtrainerin Emmi. Hier könnte der Film enden, denn alles ist perfekt. Endlich eine Frau, die Fußball genauso im Herzen trägt wie er!

Weil eine Liebeskomödie aber ohne ein bißchen Drama unvorstellbar ist, erscheint Emmis Ex-Freund Tuukka auf der Bildfläche. Der ist zugleich ihr Mitbewohner, war finnischer Nationalspieler und kickt nun für den Lokalrivalen von Petris Herzensverein. Die Figur des Tuukka lehnt sich wenigstens ein Stück weit an die Biografie von Jari Litmanen an. Die Geschichte des Films ist solide erzählt. Wirklich umwerfend sind aber die Bilder. Zwischen derbe und poetisch ist alles dabei, und wenn in Finnland gesoffen wird, wird eben gesoffen. Wer danach verquer auf der Couch zu liegen kommt, sieht in der Regel nicht gut aus. Selbst wenn sie nur zu viert am Rande eines Fußballplatzes stehen, gelingen Petri und seinen Freunden sämtliche Rituale umfassender Fußballunterstützung: Flitzer, Platzsturm, Transparente, Bengalo, Gesang und Schlägerei. Das Verbot der lachhaften Bettszene kennt man wohl in Hollywood, nicht aber in Finnland. Denn wer über Liebe nicht lachen kann, hat den Ernst der Lage nicht begriffen. Ganz sparsam und zart werden dagegen Freundschaften beschrieben. Männer brauchen keine langen Dialoge, Männern genügt ein tiefsinniges Nicken. Ein bißchen erinnert das alles an die dänische Olsenbande: Es gibt keine ausweglosen Situationen. Ein schöner und ernster, vor allem aber ein unfassbar komischer Film!

Kuningas Litmanen

Der Dokumentarfilm “Kuningas Litmanen” – König Litmanen rekapituliert die wichtigsten Stationen der Karriere von Jari Litmanen mit Schwerpunkt auf seiner wohl erfolgreichsten Zeit bei Ajax Amsterdam. Charakterisiert wird er als “der Junge der spielen wollte”, und ein ungeheures Aufgebot an Stars lobt seine Qualitäten, die fußballerischen wie auch die menschlichen. Darunter der Trainer, dem er das meiste verdankt, wie er selbst glaubt: Louis van Gaal. Edwin van der Sar, Dennis Bergkamp, Xavi, Zlatan Ibrahimovic, Carles Puyol reihen sich ein und verneigen sich vor ihm.

Ganz klar liegt der Fokus des Films bei Litmanen, dem Sportler. Denn trotzdem auch seine Eltern, beide haben selbst Fußball gespielt, zu Wort kommen und Litmanen persönliche Verluste wie etwa den frühen Tod seines Cousins sehr bewegend schildert, kommt der Zuschauer der Person Jari Litmanen nur wenig näher. Er versteht aber auf Anhieb, was das Fußballpublikum der 90er Jahre an Jari Litmanen hatte: Ein feiner Sportsmann, der den Fußball eben so uneingeschränkt liebt wie die, die ihm dabei zusahen. Fast beiläufig werden aber auch die Schattenseiten des Profifußballs gestreift – Verletzungen, Folgen hinausgezögerter Operationen, die Einnahme von Schmerzmitteln. Nachrücken auf den Platz eines Spielers, der verletzt ist. Selbst verletzt und ersetzt werden. Sich zurück in das Team spielen. Funktionierende und nicht funktionierende Teams. Persönliche Siege, obwohl das Team verliert. Persönliche Niederlagen, während das Team gewinnt. Der Film lässt wenig aus und ist dabei doch völlig unsentimental. Als Litmanen nach der Vorführung auf der Bühne steht, ist klar, dass ihm nichts davon leid tut. Er würde das alles wieder genau so machen. Jedes Mal. Nichts daran ist romantisch. Der Film rückt vieles zurecht, was Fußballfans an Idealbildern mit sich herumtragen. Am Ende steht beruhigender Weise ein großes Trotzdem.

Football Landscapes

Während des gesamten Festivals wird in der oberen Etage die Ausstellung “Football Landscapes” der beiden finnischen Fotografen Harri Heinonen und Mikko Auerniitty gezeigt. Die machen einen großen Bogen um alles Große, Glänzende und suchen Spuren von Fußball im Alltag, im Wohngebiet, am Strand. Bezaubernd!

Das Spiel ihres Lebens

Beim 11mm Festival 2013 feiert der Fußball den DFB, der DFB den Fußball und – das ist für mich am wichtigsten – der Fußball feiert sich selbst. Während sich im großen Saal des Kino Babylon Rudi Gutendorf, Olaf Thon und Klaus Fischer beim Sehen und Gesehen werden die Klinke in die Hand geben, geht es zeitgleich im geradezu winzigen Kino 3 etwas beschaulicher zu. Die Geschichte, die in der britischen Dokumentation “The Game of their Lives” erzählt wird, ist, verglichen mit den “50 Jahre Bundesliga”, welche in der Hauptveranstaltung des Abends zelebriert werden, eher eine Randnotiz. Oftmals sind es die kleinen Geschichten, die den Fußball zu etwas Besonderem machen. Und während für viele Menschen Fußball nur die schönste Nebensache der Welt ist, bedeutete der Sommer des Jahres 1966 für die Spieler der nordkoreanischen Nationalmannschaft viel mehr.

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Foto: 11mm

Zerstört vom Koreakrieg, geteilt und zerrissen vom Kalten Krieg, machten sich die Spieler aus Nordkorea auf den Weg zur 8. Fußball-Weltmeisterschaft in England. Und allein der Weg dahin hatte es schon in sich. Zum einen stand für die Fußballverbände von Afrika, Asien und Ozeanien zusammen nur ein einziger Startplatz bei der WM zur Verfügung. Zum anderen hatte die gesamte westliche Welt Nordkorea politisch die Anerkennung verweigert. So mussten in der finalen Qualifikationsrunde gegen Australien Hin- und Rückspiel in Kambodscha ausgetragen werden. Immerhin ordnete die kambodschanische Führung an, dass bei den Spielen in Phnom Penh jeweils die Hälfte der Zuschauer für eine der Mannschaften zu sein habe. “Hey, ihr da! Ihr jubelt jetzt für Nordkorea!” So einfach geht das.

Einmal für die WM qualifiziert, hörte das politische Drama noch lange nicht auf. Großbritannien, im Korea-Krieg auf Seiten Südkoreas aktiv, erteilte den Nordkoreanern nur deshalb ein Visum, weil man befürchtete, die FIFA könnte ansonsten das gesamte Turnier in ein anderes Land verlegen. Etwas gastfreundlicher zeigten sich da die Menschen in Middlesbrough, welche sich alle Mühe gaben, die dort untergebrachte nordkoreanische Mannschaft gebührend zu empfangen und auch während der WM-Spiele zu unterstützen. Der Underdog-Charakter der Nordkoreaner sollte sein übriges tun, um die Engländer im Turnierverlauf auf die Seite der Südost-Asiaten zu ziehen.

Die nordkoreanischen Fußballer waren im europäisch-südamerikanisch dominierten Fußball eine absolute Unbekannte. Folglich wettete auch niemand einen Pfifferling auf die mit Italien, Chile und die UdSSR in eine Gruppe gelosten Nobodys. Es fing auch nicht erfolgversprechend an. Körperlich in Größe und Gewicht unterlegen, musste Nordkorea im ersten Spiel gegen die UdSSR eine klare 3:0 Niederlage einstecken. Aber bereits in Spiel Nummer 2 konnte man dem Dritten der WM 1962, Chile, ein 1:1 abtrotzen – und als die technisch hoch überlegenen Italiener letztlich im entscheidenden dritten Vorrundenspiel mit 1:0 bezwungen wurden, kannte die Euphorie in Middlesbrough keine Grenzen mehr. Die Nord-Engländer hatten die Nordkoreaner als “ihre” Mannschaft durch das Spiel getragen und frenetisch gefeiert. Das “Chollima Football Team”, bezeichnet nach der Arbeiterorganisation, welche den Nordteil Koreas nach dem Krieg wieder aufbauen sollte, hatte in der von Industrie geprägten Arbeiterstadt Middlesbrough offenbar einen Nerv getroffen.

Erzählt wird die Geschichte abwechselnd durch Originalaufnahmen der Weltmeisterschaft 1966 und Interviews, die Regisseur Daniel Gordon im Jahr 2002 in Nordkorea – nach jahrelangen Verhandlungen – mit Akteuren der damaligen Mannschaft geführt hat. Ein Zugeständnis musste Gordon offenbar machen. Die begeisterten Worte der ehemaligen Fußballer, wenn es um die großartigen Errungenschaften des Sozialismus in Nordkorea und die geliebten Führer des nordkoreanischen Volkes geht, bleiben umkommentiert. Auf der anderen Seite braucht es aber auch keines Kommentars. Zu skurril wirken die Tränen der ergrauten und mit Orden behängten Männer am Ehrenmal von Kim Il-sung, zu befremdlich die choreografierten Szenen der jährlichen Massenveranstaltungen im Stadion von Pjöngjang. Dennoch, trotz der politischen Hintergründe, ging es bei der WM 1966 für elf Fußballspieler vor allem darum, einen Ball in das gegnerische Tor zu schießen und damit Menschen zu begeistern.

Jedes Märchen endet einmal, für die Mannschaft aus Nordkorea endete der Traum im Viertelfinale gegen Portugal. Zwar unterschätzten die Portugiesen die Nordkoreaner zunächst, was dazu führte, dass es nach nur 26 Minuten 3:0 für Nordkorea stand. Dann kam allerdings die Stunde eines der größten Stars der sechziger Jahre: Eusebio schoss die am Ende technisch völlig überforderte nordkoreanische Mannschaft mit vier Toren fast im Alleingang aus dem Turnier. Dass das Spiel letztlich “nur” mit 5:3 verloren wurde, lag an einer während des gesamten Turniers grandiosen Leistung des nordkoreanischen Torwarts. Die Engländer feierten die tapferen Asiaten trotzdem. Und so endet die Dokumentation mit dem wunderbaren Satz “Ich habe gelernt, dass es im Fußball nicht nur ums Gewinnen geht.” Mag sein, aber so recht mag es ihnen nicht gelingen, den Stolz über diesen einen WM-Sieg gegen Italien zu verbergen – dem Spiel ihres Lebens.

Alles Gute, 11mm! Herzlichen Glückwunsch, Bundesliga!

Zwei Jubiläen wurden gestern Abend im Kino Babylon gefeiert. Das 11mm-Fußballfilmfestival besteht seit nunmehr 10 Jahren, die alte Bundesliga wird 50. Das, so dachten sich die Gastgeber, lässt sich bestens miteinander verbinden, und Heribert Faßbender soll´s moderieren, bitteschön! Als Eröffnungsfilm gab es Geschichtsunterrricht in Sachen Bundesliga. Der Filmemacher Bernhard Dreiner hat für die ARD-Sportschau die Rubrik “Historie” gemacht – liebevolle Filmminiaturen über Spiele und Spieler seit 1963. Das ist Sportgeschichte, Gesellschaftskunde und Geografieunterricht zugleich. Daraus entstand eigens für das Festival ein 37minütiger Spielfilm mit großem Unterhaltungswert. Weil Feiern ohne Gäste kaum vorstellbar ist, kamen nicht nur die Fußballfilmfreunde der Stadt. Mit im Publikum saßen unter anderem Rudi Gutendorf, Klaus Fischer, Olaf Thon, Michael Preetz, Axel Kruse, Walter Eschweiler und Wolfgang Kleff.

Wer´s verpasst hat oder noch einmal sehen möchte: Der Eröffnungsfilm “11mm Special – 50 Jahre Bundesliga” wird am Dienstag, 19.3.2013 um 21:30 wiederholt.

 

Teve141 – Ich will Maschinen!

Dit hält doch keiner aus. Schlimmes Spiel in Köln, saustarke Partie gegen Aue und jetzt in Cottbus wieder ganz schön anstrengend. So geht das nicht weiter! Union hat sportlich gerade stärkere Stimmungsschwankungen als ein liebeskranker Teenager. Unsere Forderung an Uwe Neuhaus ist klar: Wir wollen Maschinen!

Foto: Koch

In der Küche diskutieren Steffi, Hans-Martin, Gero und Sebastian.

Shownotes

Wie die Mannschaft bei Energie müssen wir uns zu Podcastbeginn erst einmal sammeln – Das Textilvergehen fährt nach Cottbus. Ist wie Frankfurt/Oder, nur anders. – Bis zur Roten Karte sieht Union keinen Stich – Simon Teroddes Grippe und Uwe Neuhaus’ 60/40-Einsatzchance – Nach Sanogos Tor geht wieder nichts – Des Trainers Wechselspiele – Menz bleibt oder auch nicht. Der Trainer spricht dem Kicker das “Fachmagazin” ab (Video von der Pressekonferenz), bringt aber kein Licht ins Dunkel. – Gero hat den letzten Podcast gehört. – Killerinstinkt: Uwe Neuhaus spielt Assasin’s Creed. – Doofe Fans mögen Moski nicht und manche sind einfach nur Idioten.

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Teve140 – Adam, wir haben nie gezweifelt!

Es ist Zeit für die ultimative Entschuldigung: “Adam Nemec, wir haben nie an Dir gezweifelt!”, würden wir gerne sagen. Doch das glatte Gegenteil ist der Fall. Wir müssen gestehen, dass wir keine Ahnung von Fußball haben. Trainer ist vollkommen zurecht Uwe Neuhaus. Kann er auch bleiben. Dirk Zingler, weitermachen!

Wir freuen uns am wohl vollkommensten Spiel der Saison, dem 3:0 über den “FC Erzgebirge Aua”, wie der Kommentator von LigaTotal in weiser Voraussicht vor dem Spiel den Gegner betitelte. Wir finden, dass die Entscheidung von Union gegen Christoph Menz für den Jungen eigentlich nur gut sein kann und versuchen uns noch einmal in aller Ausführlichkeit am Schlamassel von Köln (Ergänzend dazu: Stellungnahme der Waldseite).

Adam Nemec

Foto: Koch

In der Küche diskutieren Steffi, Hans-Martin und Sebastian.

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