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Reste-Essen.

Noch in der letzten Spielzeit wurde bei jeder Neuverpflichtung gründlich wie die Steuerfahndung nach einem Berlinbezug gesucht. In nächster Zeit empfiehlt man sich dem 1.FC Union Berlin aber wohl eher dadurch, dass man schon mal über´s Ruhrgebiet geflogen ist.

Ich mag Michael Parensen, ich schätze Patrick Kohlmann sehr, ich kann Ahmed Madouni viel abgewinnen – trotzdem möchte ich keine Außenstelle von Borussia Dortmund oder Rot-Weiss Essen werden. Es ist dieses Schöneiche-Gefühl, das Nico Schäfers Untervertragnahme umweht. Sachlich ist gegen einen Kaufmann in einem kaufmännisch geprägten Ressort zunächst einmal nichts einzuwenden.

Man bedenke allerdings: Ich bin Fußballfan. Ich kann jederzeit fordern „Es muss endlich etwas passieren“. Wenn etwas passiert, empöre ich mich unmittelbar „Aber doch nicht das – das war nicht mit mir abgesprochen!“ Die Entlassung von Christian Beeck ist für mich mit genau dieser Art von Empörung verbunden. Aus persönlicher Sympathie für Christian Beeck als Typen, als Charakter. Aber auch aus Unwissenheit. Ich kenne das Anforderungsprofil des kaufmännischen Leiters nicht. Ich vermag die Arbeit von Christian Beeck nicht daran zu messen. Ich weiß wenig über Auseinandersetzungen auf anderer Ebene.

Das schafft Unbehagen. Keine gute Grundlage für Vertrauen.

Unions neue Kompetenz-Kompetenz

Der neue Mann an der Seite von Uwe Neuhaus heisst Nico Schäfer. Der 42-jährige, der zum 1.7. seine neue Rolle als „kaufmännisch-organisatorischer Leiter der Lizenzabteilung“; ein Titel, der jede Visitenkarte sprengt; antritt, beerbt damit offiziell Christian Beeck. Soweit die nüchternen Fakten.

Als Fan frage ich natürlich bei solchen, nach aussen hin, recht abrupt kommunizierten Wechseln, nach der Notwendigkeit und den Ursachen. Beides versuchte Dirk Zingler auf der heutigen Pressekonferenz zu beantworten.

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Nie geht man so ganz

Haben wir im letzten Podcast noch spekuliert, wer uns denn zur Sommerpause, neben den bereits feststehenden Abgängen, noch verlassen wird, hat der Verein heute neben viele der von uns gemunkelten Namen einen Punkt gesetzt. Neben Karim Benyamina, Dominik Peitz und dem bereits aussortierten Kenan Sahin werden leider auch die Verträge von Bernd Rauw, Paul Thomik, Björn Brunnemann, Christoph Haker und Macchambes Younga-Mouhani nicht verlängert.

Damit wird die Lücke in der Mannschaft noch einmal größer, denn vor allem mit Rauw und Thomik gehen nochmal zwei Spieler, die für uns 18 bzw. 21 Spiele in der 2. Bundesliga gespielt haben und dies in meinen Augen besonders im Fall Thomik mit einer klaren Tendenz zum Leistungsträger. Schade drum – es wird also eine spannende Sommerpause. Für alle, die den Jungs noch ein letztes Mal ein wohlverdientes “Fußballgott!” zubrüllen wollen, gibt es den offiziellen Abschied vor dem Spiel gegen Cottbus: 1. FC Union Berlin verabschiedet Spieler (Vereinshomepage).

Stolz wie Bolle.

Wir hatten die Ehre und das Vergnügen, das Vorwort für das letzte Stadionheft zu schreiben. Weil nicht alle eins abgekriegt haben -wir, zum Beispiel- kommt hier der Text.

Liebe Unioner,

das Fußballblog textilvergehen.de wurde in der vergangenen Woche mit dem Publikumspreis der Deutschen Welle als bestes, deutschsprachiges Blog ausgezeichnet – und das Publikum, das seid ihr. Ihr habt mit ziemlich überwältigender Mehrheit für uns abgestimmt.

Unser Blog beschreibt Fußball in Berlin, Union ist unser wichtigstes und größtes Thema. Wir werden dabei von vielen Unionern unterstützt. Es sind die Fotografen, die ihre Bilder zur Verfügung stellen, die Podcaster, Leser, Kommentatoren und überhaupt alle, die dort Texte schreiben und geschrieben haben. Ohne euch wäre es nicht geworden, was es geworden ist. Es ist der Verein, der unsere Arbeit ermöglicht. Genauso beteiligt sind aber auch Freunde, die unsere Kinder hüten, damit wir Interviews machen können. Freunde, die mit einem Kofferraum voller historischer Stadionhefte vor der Tür stehen, mit einer guten Idee oder mit einer großen Portion Eintopf. Dieser Preis gehört uns allen zusammen.

Ich denke, jeder Fan unterstützt seinen Verein auf die eigene Art mit dem, was er am besten kann. Wir schreiben und fotografieren – wir haben nichts anderes gelernt. Natürlich bestätigt uns der Blog-Award in dem, was wir tun. Am meisten freut uns aber die positive Aufmerksamkeit, die der 1.FC Union Berlin durch eine solche überregionale Auszeichnung erfährt. Dass wir die Guten sind, kann zwischen Rosenheim und Rostock ruhig jeder wissen.

Ich wünsche uns allen ein gutes Spiel.
Eisern!

Momentaufnahmen.

Wenn einer Karim Benyamina sagt, denke ich zuerst an sein Tor gegen den BFC Preussen 2006. Mir fällt die Choreografie nach dem 8:0 ein, Doppelhalter mit den Gesichtern der Spieler. Eure Namen in unseren Herzen. Von der 2. Liga träumten wir zu der Zeit eher heimlich, und Karim Benyamina wurde “Flipper” genannt – nicht immer liebevoll.

Im letzten Podcast 2010 sprachen wir über Gewinner und Verlierer der Hinrunde. Auf der Sonnenseite sahen wir ganz klar Karim Benyamina, Zweitligastürmer, der gerade in die algerische Nationalelf berufen worden war. “Flipper” sagte schon lange niemand mehr.

Sein Vertrag wird am Saisonende nicht verlängert. Der Bruch ist hart. An den Reaktionen darauf kann man die Widersprüche ablesen, die im System Profifußball stecken. Während man als Fan die Verjüngung der Mannschaft fordern kann, ohne auf verdiente Spieler zu verzichten, sortiert man als Verein kurzerhand aus. In der 2.Liga gibt es keinen “etwas anderen Verein”, was die Kaderplanung betrifft. Es gibt nur Wahrscheinlichkeit und ein begrenztes Budget.

Karim Benyamina ist viel weiter gekommen, als ihm je einer zugetraut hat. Unübersehbar sind die Parallelen zwischen seiner Karriere und dem Weg, den Union genommen hat. Sein Anteil daran ist groß. Uwe Neuhaus und Christian Beeck wären nicht die ersten, die ihn unterschätzt haben.

Selbstkritischer Beitrag.

Länderspielpause. Um im Rhythmus zu bleiben möchte Trainer Uwe Neuhaus ein Testspiel durchführen. Aber nicht gegen den Köpenicker SC wie früher. Das bringt als Zweitligist nichts mehr. Da bleiben nur die Nachbarn aus Polen und Tschechien. Polen fällt wegen Fanaufwand aus. Der Test im Winter gegen den tschechischen Erstligisten FK Teplice war auch nicht ideal. Zweikämpfe: Fehlanzeige!

Am Donnerstag dann die Mitteilung: “1. FC Union Berlin testet gegen RB Leipzig”. Anschließend gleich die Entrüstung: “Wir gehen NICHT zu Red Bull” Boykottaufrufe. Natürlich stehen sich das Projekt in Leipzig und der 1.FC Union vom Entwurf der Fankultur diametral entgegen.

Aber andererseits ist es nur ein Testspiel. Kein Grund möchte man meinen, den Teammanager öffentlich zu teeren und zu federn. Doch Christian Beeck muss tatsächlich noch einen selbstkritischen Beitrag für die öffentliche Mitteilung verfassen: “Die Entscheidung für dieses Testspiel ist nach rein sportlichen Motiven erfolgt. Es gibt natürlich auch andere Perspektiven dazu und es ist wichtig und richtig, diese ebenfalls zu berücksichtigen. Das nicht getan zu haben, war ein Fehler.” An Uwe Neuhaus ist der Kelch der Entrüstung vorbeigegangen. Obwohl sowohl Beeck als auch Neuhaus gleichberechtigt die sportliche Leitung innehaben.

Schuldig!

Am Montag reichte es Trainer Uwe Neuhaus irgendwann. Wochenlang wurde der Coach vom 1. FC Union nach dem Zustand des Rasens und den Auswirkungen auf das Spiel befragt. Auch nach dem mageren 0:0 gegen Aufstiegskandidaten FC Augsburg wurde das Restgrün im Stadion an der Alten Försterei zum Schuldigen auserkoren. Kein Passspiel möglich. Ballannahmen Glückssache. Als Indikator der Auswirkungen des Rasens auf das Fußballspiel taugt das Gesicht von Santi Kolk nach seiner Auswechslung. Es muss für ihn eine Beleidigung seiner fußballerischen Fähigkeiten gewesen sein, auf diesem Untergrund spielen zu müssen.

Aber jetzt würde alles wieder gut. Montag. Der Rasen wird abgetragen. Jetzt ist das Thema durch und bei Union kann der Spaß wieder einziehen. Weit gefehlt. Denn kaum werden die Reste des Stadionrasens am Trainingsplatz vorbeigetragen, soll sich der Trainer zur nächsten medialen Baustelle äußern. Union ist 325 Minuten ohne Torerfolg. Wäre Uwe Neuhaus eine Cartoon-Figur, hätten sich die Augäpfel nach hinten gerollt. Die Fragen kommen holzgeschnitzt daher: “Wann schießt ein Stürmer das nächste Tor?” Damit ist Uwe Neuhaus nicht aus der Reserve zu locken: “Wer weiß, vielleicht trifft auch ein Mittelfeldspieler…” – “Welche Übungen kann man als Trainer nun machen?” – “Torschüsse üben.” Erst als die Frage kommt, ob das vielleicht Kopfsache sei, platzt Uwe Neuhaus der Kragen. “Es ist doch egal, was ich hier sage. Die Geschichte steht doch schon fest. Erst war es der Rasen, jetzt kommt die Kopfsache. Warten sie doch erst einmal ab.”

Und dann erklärt Neuhaus, wie schwierig es sei, sich bei den bisherigen Bodenverhältnissen Chancen zu erspielen. Er bringt das Beispiel von Aue, die zu Hause aus den gleichen Gründen vor allem aus Standardsituationen zum Torerfolg kämen. Deshalb das Hauptaugenmerk erst einmal auf die Defensive. Zwar hat Union in den letzten vier Spielen nur ein Tor geschossen, aber eben auch nur eines hinnehmen müssen. Die ganze Zeit fahren weiter LKWs oder Traktoren mit Anhängern am Trainingsgelände vorbei. Für den Trainer ist die Sache mit dem Rasenwechsel erledigt. Schuldig und weg. Ob die Balance zwischen Defensive und Offensive intakt ist, wird man frühestens gegen Bielefeld sehen können.

Leben auf einem fremden Planeten: Frauenfußball.

Die 11Freunde kommen seit geraumer Zeit mit einer Beilage namens 11Freundinnen ins Haus. Für den Titel werden gut aussehende junge Frauen schön fotografiert. Die Website der auf dem Platz stets geradlinig wirkenden Bibiana Steinhaus überrascht durch pure, pinkfarbene Mädchenhaftigkeit. Silvia Neid besticht nicht nur durch Erfolge, sondern auch durch Eleganz. Es treten immer mehr Frauen öffentlich in Erscheinung, die im Fußball so erfolgreich sind, dass man nicht umhin kann, sie ernst zu nehmen. Sie verzichten dabei aber nicht mehr darauf, ihre Weiblichkeit mit ins Bild zu setzen. Bei einer sportlich erfolgreichen Eiskunstläuferin, Volleyball- oder Tennisspielerin stellt das niemand in Frage. Die Biathletin Magdalena Neuner ist eine gefragte Werbeträgerin. Ihre Fotos für den Unterwäschefabrikanten Mey sind dem vergleichbar, was Cristiano Ronaldo für Armani gemacht hat. Warum sollten nicht auch Fußballspielerinnen ihr Werbepotenzial ausschöpfen – oder schadet das dem Ansehen des Frauenfußballs?

Über solche und andere Fragen zum Thema Frauen, Fußball und Frauenfußball habe ich mich mit Aileen Poese, der Leiterin der Frauen- und Mädchenabteilung des 1.FC Union Berlin unterhalten. Mich interessierte dabei vor allem, welches Selbstverständnis die Fußballfrauen haben, auf welche Widerstände sie treffen und wo sie die Zukunft ihrer Sportart sehen.

Ailien Poese


Man findet im Internet nur wenige Informationen zu Ihrer Person. Können Sie Ihren eigenen Werdegang schildern?

Ich habe bis zur C-Jugend mit den Jungs der SG Schulzendorf gespielt und dort eine ganz gute Ausbildung genossen. Man musste damals allerdings als Mädchen mindestens genauso gut sein wie die Jungs in der Altersklasse, um überhaupt akzeptiert zu werden. Ich musste dort weg, weil Jungen und Mädchen nur bis zur U15 zusammen spielen dürfen. Danach bin ich auf die Flatow-Schule gegangen, die zu der Zeit noch Mädchenfußball hatte, und kam mit anderen Mädchen in Kontakt, die Fußball gespielt haben. Die haben mir gesagt: „Komm doch zu Union!“ Den Verein kannte ich bis dato überhaupt gar nicht. Die Männer haben zu der Zeit Regionalliga gespielt, aber das hat mich alles gar nicht interessiert, ich wollte nur dem Ball hinterher rennen.

Potsdam hatte auch angefragt, aber ich wollte nicht aufs Internat. Ich wollte bei Mama bleiben. Nach dem zweiten Training bei Union kam schon die Einladung zum Sichtungstraining der Landesauswahlmannschaft von Berlin. Wenn ich zurückblicke, war das eine Zeit, in der man über den Mädchenfußball bestenfalls sagen konnte, dass es ihn gab. Es waren überwiegend die Eltern der Spielerinnen, die sich engagiert haben. Die Anforderungen waren entsprechend niedriger. Ich habe dann für mich selbst beschlossen, weiter bei den Jungs zu trainieren, auch wenn ich da nicht spielen konnte. Dann war ich das erste Mal bei der Deutschen Meisterschaft mit der Auswahlmannschaft und habe danach eine Einladung vom DFB für die Jugend-Nationalmannschaft gekriegt. Ich war dreimal bei der Sichtung. Dazu kam dann aber ein bisschen Verletzungspech. Die nächste Sichtung vom DFB habe ich abgesagt. Danach wurde ich nicht wieder eingeladen. Ich habe anschließend nur noch bei Union gespielt 2001 bin ich in den Frauenbereich gewechselt. Zu der Zeit hat Kathrin Nicklas die Frauen trainiert. Ich habe die Aufstiegsspiele für die Regionalliga mitgespielt und in der 1.Frauen unter Kathrin Nicklas und Frank Schwalenberg bis 2004 immer eine Führungsrolle gehabt. In der Berliner Auswahl war ich Mannschaftskapitän. Ich hatte aber Probleme mit meinen Sprunggelenken – dadurch kamen immer Ausfallzeiten dazwischen. Ich konnte nicht trainieren, habe aber trotzdem gespielt, was sicherlich ein Fehler war. Dann kam ein Trainerwechsel, und der neue Trainer hat das erste Mal leistungsorientierten Fußball eingeführt und gesagt: „Wer nicht trainiert, der spielt nicht.“ Das war für mich eine neue Erfahrung, ich musste mich mit einem Mal ganz hinten anstellen. Das konnte ich nicht so verarbeiten, wie ich es vielleicht gekonnt hätte, wenn ich älter gewesen wäre.

Es stand zu der Zeit im Raum, einen Mädchenbereich aufzubauen, Talentförderung , Nachwuchsarbeit, und es kam die Frage von dem Trainer, ob jemand von den Frauen Lust hätte, mit Kindern zu arbeiten und die D-Mädchen aufzubauen. Ich dachte mir, wenn ich ohnehin nicht spiele, kann ich vielleicht etwas von dem, was ich kann, weitergeben. Ich hatte Lehramt studiert, die pädagogischen Sachen haben mich interessiert, und ein Trainer ist ja auch ein Lehrer. Das hat mir Spaß gemacht, und es kamen auch relativ viele Mädchen. Ich bin dann bei der ersten Frauen zurückgetreten, habe ein halbes Jahr nicht gespielt und mich voll auf die Nachwuchsarbeit konzentriert. Wir sind mit der Mannschaft in den Spielbetrieb gegangen und haben sogar das Pokalfinale erreicht, was eine Sensation war. Der Trainer der ersten Frauen hat mich darüber informiert, wie das mit den Trainerlizenzen funktioniert. Ich habe daraufhin 2006 mit der C-Lizenz angefangen. Hier geht ein herzlicher Dank an Dirk Thieme, der es mir ermöglicht hat, diese Lizenz auch zu finanzieren!

Ganz ohne Fußball geht es aber bei mir auch nicht, ich habe dann wieder angefangen zu spielen, war nicht verletzt, hab regelmäßig trainiert – und beim ersten Punktspiel saß ich auf der Bank. Danach habe ich gesagt, ich verwende jetzt meine gesamte Kraft auf die Jugendarbeit. Ich versuche, die Mädchenabteilung leistungssportlich aufzubauen, so dass die jungen Spielerinnen lernen, dass regelmäßiges, gutes Training notwendig ist, um weiterzukommen und man sich den Platz in einer Mannschaft jede Woche wieder erkämpfen muss.

Zwei Jahre später, 2008, habe ich meine B-Lizenz gemacht und eine Stelle als Landestrainerin beim Berliner Fußballverband angeboten bekommen, zusammen mit meinem ehemaligen Verbandssportlehrer. Ich bin dann zwei Jahre bei ihm als Co-Trainer mitgelaufen. Ich habe das im letzten Jahr als Hauptverantwortliche übernommen und auch meine A-Lizenz gemacht. Also relativ schnell hintereinander weg, die Lizenzen.

Ich bin außerdem jemand, der nicht unbedingt in den Medien präsent sein muss, weil Sie das eingangs ansprachen. Sicherlich könnte man da etwas über mich schreiben, weil das, was hier gemacht wurde, und auch das, was ich gemacht habe, den Berliner Frauenfußball mit geprägt hat. Ich war zwar in der zweiten Liga im Kader, aber ich hab halt nicht aktiv zweite Liga gespielt, sondern nur Regionalliga, und von daher … ist es mir eigentlich auch nicht so wichtig.

Sie haben ein paar Mal „in der Jugend“ gesagt, dabei sehen Sie aus wie höchstens 20 …
Ich bin 26.

Das ist für alles, was Sie bisher schon gemacht haben, immer noch wahnsinnig jung. Und vor allem auch sehr jung, um die Spielerkarriere zu beenden.
Ja, ist es definitiv. Und manchmal frage ich mich auch, was gewesen wäre, wenn ich nach Potsdam gegangen wäre. Was wäre, wenn ich das Angebot von Tennis Borussia, da weiter oben zu spielen, angenommen hätte. Was wäre, wenn ich nicht so ein Verletzungspech gehabt hätte, wenn ich von der Persönlichkeit her in meiner eigenen Laufbahn als Fußballerin konsequenter gewesen wäre in dem Weg, den ich gehen will. Das weiß ich nicht, das kann ich nicht beantworten. Aber eins weiß ich, die Jugendarbeit wäre dann – zumindest bei Union – wahrscheinlich nicht so, und die Mädchen, die jetzt Fußball spielen, würden vielleicht weniger gute Bedingungen vorfinden.

Ein bißchen klingt diese Laufbahn aber auch wie das Fehlen von Infrastruktur – bei den Männern wäre jemand mit vergleichbarem Talent doch automatisch auf einem ganz anderen Weg gelandet und an den Leistungssport herangeführt worden, oder?
Man kann immer ein Talent übersehen, das gibt es auch im Jungsfußball. Aber klar, die Infrastruktur, die dort zur Verfügung steht, mit den DFB-Stützpunkten, die ist eine ganz andere.

Fußballtraining Frauen

Haben Sie sich irgendwann mal gewünscht ein Mann zu sein, weil es dann einfacher ist, mit Fußball Karriere zu machen?
Ja. Als Jugendliche – ja. Jetzt mittlerweile ist es, glaube ich, bei den Mädchen nicht mehr unbedingt so. Die sagen sich zwar, es wäre besser, weil ich dann damit mehr Geld verdienen könnte. Aber ansonsten sind die Mädchen, die hier trainieren, ganz gut dran. Ich hätte mir damals gewünscht, so etwas zu haben. Ich hätte mir gewünscht, dass mir jemand jedes halbe Jahr erzählt, was ich verbessern kann. Dass sich jemand darum kümmert, wie es mir geht. Dass jemand da ist, mit dem ich sprechen kann, wenn ich vielleicht andere Probleme habe. Dass sich jemand darum kümmert, dass ich die Sachen, die ich vom DFB als Hausaufgaben mitbekomme, auch erledigen kann. Dass dafür Freiräume geschaffen werden, dass ich einen Trainer kriege. Das habe ich mir als Jugendliche nur deshalb nicht gewünscht, weil ich es nicht kannte.

Wie ist das Selbstverständnis als fußballspielende Frau? Haben Sie anfangs schon die Grenzen gesehen, oder haben Sie sich gesagt „Öffentliche Wahrnehmung ist mir egal, Hauptsache ich spiele“? Wie wichtig ist es, in der Sportart, die man ausübt, ernst genommen zu werden?
Man muss bedenken, dass der Männerfußball seit Anfang des 20. Jahrhunderts gewachsen ist. Frauenfußball war in der Bundesrepublik bis in die 70er Jahre verboten, der hat also eine viel jüngere Geschichte. Erst mit der Wiedervereinigung 1990 fing auch der DFB an, in den Frauenfußball aktiv zu investieren. Dadurch gab es dann mehr Frauenfußballmannschaften, auch wenn das, was die gespielt haben, nicht so viel mit Fußball zu tun hatte. Die sind einem Ball hinterher gerannt, aber wussten eigentlich gar nicht, was sie machen sollen. Dementsprechend kann man sagen, ist der Frauenfußball, also leistungsorientierter Frauenfußball, erst seit Anfang/Mitte der 90er Jahre richtig gewachsen – der hat also eine Geschichte von circa 15 Jahren. Man kann 15 Jahre nicht mit 111 Jahren vergleichen. Der Frauenfußball wird inzwischen schon verstärkt wahrgenommen. Dazu hat die U20-Frauen-WM beigetragen, und auch die Werbeaktionen, die für die WM 2011 laufen. Aber man wird nie die Leute erreichen, die gegen den Frauenfußball sind. Diejenigen, die sagen „Fußball spielen Männer“ und die, die Männer- und Frauenfußballspiele vergleichen, werden immer Schwächen bei den Frauenfußballspielen sehen. Weil das langsamer ist, weil es in den Augen mancher Leute nicht ästhetisch ist. Es ist zwar eine Sportart mit gleichen Regeln, es ist aber auch spezifisch. Frauen zu trainieren ist etwas anderes als Männer zu trainieren.

Es gibt ja ohnehin die Auffassung, dass trotz gleichen Regelwerks Frauenfußball „eine andere Sportart“ sei. Kann man das außer an der Geschwindigkeit noch an anderen Merkmalen festmachen?
Es sind die körperlichen Voraussetzungen, Männer sind kraftvoller. Aber wenn man wirklich on top geht und die Spielerinnen der Nationalmannschaft sieht – die werden immer athletischer, und die werden immer fraulicher. Früher hieß es: Der Frauenfußball, das sind die ganzen Lesben, die sich den Schädel kahl rasieren und rumlaufen wie Männer. Das ist ja nicht mehr so, und nimmt auch weiter ab. Sicherlich gibt es auch die, vor allem in den unteren Ligen. Aber generell, was das obere Leistungslevel anbelangt, ist es gar nicht unbedingt „eine andere Sportart“, sondern nur in der Hinsicht spezifisch, dass es nicht so kraftvoll ist, nicht so schnell und nicht so professionalisiert.
Und das ist das Problem. Die Mädels gehen alle arbeiten. Die sind Nationalspielerin, die spielen in der Ersten Bundesliga, die trainieren 5-6 mal, manche auch 9 mal in der Woche, und gehen aber noch arbeiten. Die haben also ganz andere Voraussetzungen als die männlichen Kollegen, deren Beruf es ist, Fußball zu spielen. Die können sich voll darauf konzentrieren – das ist bei den Frauen nicht möglich. Solange diese Professionalisierung bei den Frauen nicht gegeben ist, wird man den Ligabetrieb auch nie so durchführen können wie im Männerbereich.

Seit wann gibt es die Frauen- und Mädchenabteilung bei Union?
Union hat seit 1990 eine Frauen- und Mädchenabteilung. Nachdem die BSG KWO zur Wendezeit aufgelöst wurde, suchten die Spielerinnen ein neues Zuhause und wurden bei Union eingegliedert. Zu der Zeit war die Frauenabteilung Bestandteil der Nachwuchs- und Amateurabteilung. In der Hierarchie standen also die Amateure oben, also die zweite Männer, gefolgt von den Altherrenmannschaften und den Kindermannschaften. Erst danach kam die erste Frauen. Dafür wurde wenig Geld ausgegeben, die Mannschaften waren eben im Spielbetrieb, und das war´s. Seit Dirk Zingler Präsident ist, hat sich der Kurs ein bißchen geändert. Das Präsidium sagt: „Ja, wir wollen die Frauenabteilung in unserem Verein, aber wir sind kein Frauenfußballverein.“ Und das ist auch klar so strukturiert. Die Frauenmannschaften sind gewollt, aber sie sind nicht die oberste Priorität – was meines Erachtens wirtschaftlich auch gar nicht möglich wäre. Die zweite Herren (U23) wurde später ins Nachwuchsleistungszentrum integriert und der Amateurbereich neu gegliedert. Seit einem Jahr ist es so, dass wir eine eigene Frauen- und Mädchenabteilung haben. Das heißt, es gibt jetzt die Lizenzspielerabteilung, die Amateurabteilung es gibt das Nachwuchsleistungszentrum und es gibt die Frauen- und Mädchenabteilung.

Das ist strukturell für uns eine Verbesserung. Wir haben hier unser Büro. Das gab es früher nicht. Man hat alles zuhause gemacht. Es gab keinen wirklichen Ansprechpartner, der einen eigenen Raum hatte. Wir arbeiten jetzt in Anlehnung an das Nachwuchsleistungszentrum der Jungs. Wir gehören nicht zum Nachwuchsleistungszentrum, aber wir nutzen die Struktur. Das ist ein Vorteil für uns, den in Berlin kein anderer Verein hat. Lübars hat eine Kooperation mit Hertha BSC. Da muss man kucken, ob da vielleicht auch so etwas entsteht. Das wäre schön. Aber wenn man nicht gerade Turbine Potsdam oder Frankfurt ist, kann man eine solche Struktur als Frauenfußballverein nur sehr schwierig stellen.

Wieviele Mitarbeiter habt ihr denn im Frauenbereich insgesamt?
Siebzehn. Aber man muss dazu sagen, dass das meiste ehrenamtlich ist – die sind nicht angestellt.

Gemeinsame Infrastruktur mit den übrigen Abteilungen des 1.FC Union bedeutet dann also vor allem die gemeinsame Nutzung von Trainingsplätzen, denn personell überschneidet es sich ja nicht?
Beim Personal überschneidet es sich nicht, bis auf Lutz Munack, den kaufmännisch-organisatorischen Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, mit dem ich die Nutzung der Plätze koordiniere. Gemeinsame Infrastruktur nutzen bedeutet zum Beispiel, dass die Mädchen die Physiotherapie vom Nachwuchsleistungszentrum mit nutzen können, ebenso das Lernzentrum, die Nachhilfe, den Hausaufgabenraum. Es geht auch um die Platzbelegung, um Trainingszeiten, die die Mädchen haben. Unser eigenes Büro. Ein eigenes Lager für die ganze Kleidung. Und wir werden vom Verein mit ausgestattet. Es ist also nicht mehr so wie früher, wer einen Trainingsanzug haben will, muss sich den selbst kaufen, sondern wir sind an den Bestellungen beteiligt, wir bekommen unser Kontingent an Sachen. Da arbeite ich dann wiederum mit Susanne Kopplin, der technischen Leiterin vom Nachwuchsleistungszentrum zusammen. Dann haben wir noch die Kooperation mit dem Unfallkrankenhaus Marzahn, wenn Verletzungen auftreten, und mit einem Arzt in Kaulsdorf. Da gibt es eine extra Sportlersprechstunde. Wenn sich Spielerinnen am Sonntag verletzen, können sie da am Montag hingehen, müssen nicht warten und bekommen gleich ein Feedback. Und vor allem, auch wir kriegen gleich ein Feedback, wie die Spielerin belastet werden kann und so weiter.

Wir haben eine Konzeption, die ähnlich ist wie die vom Nachwuchsleistungszentrum. Wir sagen: „Leistungsfußball spielen und die Schule schaffen“ – das ist wichtig. Und im Mädchenbereich ist die Priorität „die Schule schaffen“ noch höher, weil sie finanziell keine Zukunft haben im Fußballbereich. Sich zu vermarkten wie Fatmire Bajramaj – das schaffen die wenigsten. Dementsprechend darf die Schule nicht darunter leiden. Wir bilden die Spielerinnen für den oberen Leistungsbereich aus, also ab der Regionalliga aufwärts. Wir verlangen damit viel von ihnen, wir verlangen vor allem viel Zeit, die sie investieren müssen. Dementsprechend müssen wir ihnen aber auch die Rahmenbedingungen schaffen, um Schule und Leistungssport in Einklang bringen zu können.

Arbeitet ihr dabei mit einer Schule zusammen, so wie das auch im Männerbereich der Fall ist?
Wir haben eine Kooperation mit der Merian-Schule. Das ist eine sportbetonte Schule. Die Flatow-Schule, wo die Jungs hingehen, ist eine Eliteschule des Sports, das ist schon ein Unterschied. Es gab nur an der Flatow-Schule keine Plätze mehr für Mädchenfußball, wir mussten also eine andere Lösung finden und haben uns mit der Merian-Schule auf eine Kooperation verständigt. Die Mädchen haben dadurch einmal in der Woche zusätzlich Fußballtraining, die Wege sind kurz, und man kann Absprachen mit der Schule treffen. Es ist aber nicht zu vergleichen mit einer Eliteschule des Sports. Wir haben auch einige Spielerinnen, die in Charlottenburg auf der Poelchau-Schule sind, die eine Eliteschule ist. Die haben im Rahmen des Unterrichts wirklich viermal in der Woche zusätzlich Fußball. Das ist eine Qualitätssteigerung, die man mit der Merian-Schule so erstmal nicht erreichen kann. Das soll bitte nicht missverstanden werden, wir sind sehr froh, dass wir diese Kooperation haben und dass wir sehr viele Spielerinnen an dieser Schule haben. Sollte es aber wirklich in den oberen Leistungsbereich gehen, versuchen wir natürlich, die Spielerinnen an eine Eliteschule zu bringen. Das geht, sobald sie einen Kaderstatus haben. Wir haben beispielsweise eine Spielerin in der U17, die auch in der Sichtung für die Nationalmannschaft ist – sie kann mit der Belastung das Abitur nicht in zwei Jahren schaffen. Da sind wir in Gesprächen mit der Poelchau-Schule, dass sie dorthin wechseln und ihr Abitur über drei Jahre strecken kann.

Bekommt ihr eine Förderung über den Berliner Fußballverband oder sonst jemanden?
*Kopfschütteln*

-Gar nichts?

Nein. Aber nüchtern und von oben betrachtet sind die Frauen ein Minusgeschäft. Der Verein gibt nur Geld aus, es kommt nichts rein. Die spielen im NOFV, Regionalliga, die Fahrten – das muss alles bezahlt werden. Vom NOFV kriegt der Verein aber kein Geld. Der Verein stattet die Frauen aus, der Verein stellt die Rahmenbedingungen, er finanziert den ersten Frauen teilweise auch spezielle Trainingseinheiten, beispielsweise Bogenschießen oder Spinning. Sie machen das – aber sie haben davon keinen Gewinn.

Macht man das in der Hoffnung, dass sich die Situation irgendwann verbessert?
Der Verein stellt ja auch immer ganz klar, und das ist auch richtig, dass wir nicht die Nummer 1 sind im Verein. Das wäre auch unangemessen. Vielleicht ist es eine Art Tradition, einen Frauenbereich zu haben, weil der seit 1990 besteht, und Union ja recht traditionsbewusst ist. Vielleicht gehört es einfach dazu. Und es ist ja auch nicht so, dass die Frauen total erfolglos wären. Die haben zweite Liga gespielt, sind abgestiegen, okay, spielen jetzt Regionalliga. Der Verein sagt ganz klar: Wenn es so sein sollte, dass die Frauen in die Zweite Liga aufsteigen könnten, werden wir das finanzieren. Wir müssten also nicht um unsere Lizenz bangen, der Verein würde auch dafür die Kosten tragen. Außerdem, das muss man dazu sagen, ist der DFB ganz schön hinterher, dass die Bundesligavereine im Frauenbereich mehr machen. Die Erstligavereine müssen eine Strafe zahlen, wenn sie keine Frauenabteilung haben.

Wie nehmen Fußballspielerinnen die Medienberichtserstattung über sich wahr? Wie kann man sie so gestalten, dass die Frauen, die da spielen, sich darin wiederfinden?
Ich habe letztens einen Bericht gelesen, in dem es um die Frauen-WM ging. Darin hieß es, die Stadien sind voller, und es kann ein Fest werden, weil sich die Fankultur geändert hat. Ich glaube, da ist was dran. Viele Leute, die auf der Fanmeile Fußball sehen, die machen das nicht unbedingt des Fußballs wegen, sondern wegen des Festcharakters, wegen des Zusammenseins, um jemanden zu bejubeln, und auch, weil unter den Zuschauern beim Fußball, egal ob Männer- oder Frauenfußball, inzwischen mehr Frauen sind … das alles kann positiv reinspielen. Man muss den Frauenfußball auch unter diesen Gesichtspunkten vermarkten. Und die Spielerinnen selbst – sie gehen auf dem Laufsteg, sie machen Werbung. Dieses Zeigen „hey, wir sind Frauen, attraktive Frauen, die einen Sport machen – und der Sport ist eben Fußball“ ist in Ordnung. Wir sind ja trotzdem Persönlichkeiten, und wir sind trotzdem Profis. Wie Magdalena Neuner. Die vermarktet sich ja auch. Anja Mittag. Fatmire Bajramaj. Die bringen das langsam so rein, dass auch die Gesichter bekannter werden, dass dadurch der Frauenfußball bekannter wird, und ein Stück weit dieses „das sind alles Mannsweiber“ aus den Köpfen verschwindet.

Wenn es Gesichter gibt, Identifikationsfiguren, ist es einfacher, sich damit anzufreunden?
Schon. Aber ich muss auch dazusagen, bei den Jugendlichen sind die Vorbilder, die sie haben, meistens Männer. Die schwärmen dann natürlich nicht nur für das fußballerische Können. Aber es gibt wirklich kaum Spielerinnen, die sagen, ich will so werden wie Anja Mittag. Oder ich will so werden wie Anna Felicitas Sarholz, weil ich Torhüterin bin. Das habe ich kaum gehört. Es gibt einige, die auch mal eine Frauenfußballerin als Vorbild nennen und da ein bißchen was wissen. Aber ich muss auch ehrlich sagen, wenn ich nach einem Frauenländerspiel in die Kabine komme und frage: Und, wie hat euch das Spiel gestern gefallen?, dann fragen sie mich: Welches Spiel? Erstmal kommt Frauenfußball zu einer Zeit, wo keiner Fußball gucken kann. Es ist nicht die Hauptanstoßzeit. Es gibt die Sportschau – und das gucken alle, auch die Mädchen, aber da ist eben kein Beitrag über Frauenfußball drin. Wenn da eine Berichterstattung mit dabei wäre, was finanziell wieder schwierig ist, würde sicherlich auch die Popularität wachsen.

Ist eine Schiedsrichterin wie Bibiana Steinhaus dann eher ein Vorbild oder mehr ein Feigenblatt? Überwiegt eher der Gedanke, dass sich da eine Frau in einem Männerbereich erfolgreich behauptet, oder sieht man vor allem, dass sie eben die Einzige ist?
Ich habe da totalen Respekt vor. Ich find das toll, was sie macht. Ich kenne das, als Trainer ist es ähnlich, wenn man die Ausbildung macht. Männer machen diese Ausbildung, gerade, je weiter es nach oben geht. Bei der A-Lizenz waren drei Frauen in dem 20er-Kurs. Man muss sich immer gegen die Männer durchsetzen. Du kannst die gleiche Lizenz haben wie sie und wirst trotzdem von oben herab behandelt. Damit muss man einfach umgehen können. Wenn man eine gewisse Kompetenz rüberbringt, dann kriegt man natürlich Anerkennung, man kriegt aber auch „Was bildet die sich eigentlich ein?“ Das ist bei mir so, das ist auch bei Schiedsrichtern so. Wobei ich sagen muss, dass es die Schiedsrichterin, in dem Fall Bibiana Steinhaus, noch wesentlich schwerer hat. Wir arbeiten im Frauenbereich, wir arbeiten mit Mädchen, mit Frauen. Sie ist nur von Männern umgeben, wenn sie diese Spiele pfeift. Dass da mal die Akzeptanz fehlt – darauf trifft man. Deswegen sage ich, ich hab totalen Respekt vor ihr, ich find das gut, dass sie das macht. Ich fand auch gut, dass Inka Müller beim Flexstrom-Cup gepfiffen hat. Das zeigt, dass es möglich ist.

Es ist also ein Anfang.
Gerade für junge Schiedsrichterinnen kann es ein Vorbild sein, klar. Einfach, dass jemand da ist, der zeigt, man kann es schaffen. Das ist ja das Wichtige. Dass man sagen kann: „Das könnte auch mein Weg sein.“ Deswegen sind ja auch diese Gesichter der Frauenfußballnationalmannschaft für die Jugendlichen wichtig. Weil die da sehen, ich kann´s schaffen, wenn ich mir Mühe gebe. Okay – Talent gehört natürlich auch dazu.

Gibt es eigentliche eine logische Erklärung dafür, dass Frauenfußball in verschiedenen Ländern so unterschiedlich behandelt wird? Beispiel USA, wo Fußball generell als Frauensportart gilt, Beispiel Schweden und Norwegen, die starke Ligen haben, und auch die Chinesinnen haben ja sehr lange sehr erfolgreich Fußball gespielt, im Gegensatz zu den chinesischen Männern.
Wenn man die Hintergründe kennt, sieht das anders aus. In China hat es mit der Militärausbildung zu tun. Die werden gedrillt. Man sieht das auch, wenn man die Spiele beobachtet. Die sind sehr starr in ihren Systemen. Es gibt kaum Kreativspieler, die mal ausbrechen und eine Aktion machen, die vielleicht nicht vermutet wird. In den USA hat man im Männerbereich American Football, was da groß ist. Und es läuft viel über die Collegesysteme. Das bedeutet, dass für jede Sportart, die ein College anbietet, das gleiche Geld zur Verfügung steht. Trotzdem scheint das System ein wenig zu kränkeln, weil die USA bei der U20-WM nicht so gut waren, und die Spielerinnen, die rüber gegangen sind, waren relativ schnell wieder zurück. Norwegen und Schweden scheinen finanziell attraktiv zu sein, da bin ich aber nicht so genau informiert, wie die Ligen dort funktionieren.

Es ist also letztlich eine Frage der Ausbildungsmöglichkeiten.
Auch. Für mich ist Bayer Leverkusen so ein Beispiel. Dort hat man vor ein paar Jahren angefangen, in eine Frauenabteilung zu investieren. Jetzt wird ein eigenes Trainingszentrum für die Frauen gebaut, genauso wie Hoffenheim. Es sind viele Spielerinnen dorthin gewechselt. Wenn solche Leistungszentren da sind, ziehen die, und die müssen auch ziehen. Ich find´das nicht schlimm. Ich finde es gut, wenn die Talente in einem Leistungszentrum gebündelt und ausgebildet werden. Es muss viele Vereine geben, die Breitensport machen, sonst ist die Basis nicht da. Es muss aber auch das Verständnis dafür da sein, dass, wenn ich in meinem kleinen Heimatverein wirklich ein Supertalent habe, ich dem nicht den Weg verbauen darf, indem ich sage, du musst aber hierbleiben, weil du unsere Beste bist. Ich muss mich als Trainer, als Verein darum bemühen, diese einzelne Spielerin optimal zu fördern. Und wenn ich die in ein Leistungszentrum gebe, egal welches, und am Ende kommt eine Nationalspielerin heraus, dann kann ich als Verein sagen, die hat bei uns angefangen. Und der andere Fall, wenn sie es nicht schafft, zwar trotzdem gut ist, es aber nicht bis nach ganz oben schafft, wohin wird sie zurück gehen? Sie wird zu dem Verein zurückgehen, von dem sie gekommen ist, und für den kann sie wertvoll sein. Aber das ist leider so ein Denkansatz im Frauenfußball, der noch nicht sehr verbreitet ist. Im Jungsfußball ist der Gedanke, dass man im Nachwuchsleistungszentrum Ziele erreichen kann, die man in seinem kleinen Verein nicht erreichen kann, schon eher verwurzelt.

Gilt das auch für Berlin?
Das ist im Mädchenfußball speziell in Berlin überhaupt nicht so. Wir sind in Berlin, wenn man den Frauen- und Mädchenfußball deutschlandweit betrachtet, ganz hinten dran. Wir haben keine Landesleistungszentren. Wir haben nicht die Möglichkeit mit unseren Mädchenmannschaften bei den Jungs zu spielen, was die anderen Mädchenmannschaften, gerade im C-Juniorinnenbereich, unheimlich weit nach vorne bringt. Dadurch, dass die jede Woche einen Wettkampf mit Jungs haben, sind sie ganz anders geschult. Wir spielen zwar in der höchsten Liga, und es ist auch schön, Berliner Pokalsieger zu sein, aber wir haben wenig Konkurrenz. Das hört sich komisch an, aber es ist so. Bei den B-Mädchen ist Konkurrenz da, mit Tennis Borussia und Lübars, dem FFC Britz. Mit den C-Mädchen stehen wir an der Tabellenspitze ohne Verlustpunkt. Da sind Spiele mit 13:0 dabei – wie willst da Du den Mädchen erklären, dass sie Fehler gemacht haben?

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten: Was würden Sie sich für den Berliner Frauen- und Mädchenfußball wünschen?

Als erstes würde dem gesamten Berliner Mädchen- und Frauenfußball wünschen, dass die Talentförderung der Spitzentalente generell mehr aufeinander abgestimmt ist und vor allem strukturiert von der U13 bis zur U20 stattfindet – in den Vereinen, die sich darauf konzentriert haben, aber auch im Verband orientiert an der DFB-Ausbildungsordnung.

Ein zweiter Wunsch wäre, dass sich auch im Trainerwesen im Frauen- und Mädchenbereich mehr Trainer durch Qualifizierung weiterbilden und generell ihre einzelnen Spielerinnen und deren bestmögliche Entwicklung in den Vordergrund stellen, anstatt nur ihren eigenen Erfolg. Ich denke es ist ein ganz großer Unterschied, wenn man sich mit Übungsleitern unterhält, die über ihre Mannschaft am Ende eines Spiels sagen: „Ich habe heute gewonnen“ oder mit denen, die sagen „Unsere Mannschaft hat heute gewonnen“. Meines Erachtens gibt es noch zu viele Personen, die mehr für sich, als für den gesamten Frauen- und Mädchenfußball arbeiten.

Ein dritter und letzter Wunsch wäre eine friedlichere Kommunikation untereinander ohne den ständigen Neid und die Missgunst auf die Arbeit anderer – jeder einzelne Berliner Mädchen- und Frauenfußballförderer hat m.E. seine Existenzgrundlage und sollte – ob er sich dem Breiten- oder Leistungssport verschreibt – dafür auch geachtet und respektiert werden anstatt sich andauernd mit Kämpfen über Personen oder Vereine auseinandersetzen zu müssen. Es gibt ohne Frage unterschiedliche Konzepte und Herangehensweisen an den Frauen- und Mädchenfußball und alle sollten in der Grundlage respektiert werden, ob der ein oder andere damit vielleicht nicht einverstanden ist, steht ja letztendlich auf einem anderen Blatt …

Vielen Dank an Ailien, die sich viel Zeit für meine Fragen genommen hat!

Der große ultimative Derbyvergleich

Union und Hertha kann man nicht miteinander vergleichen. Ein vielgehörter Satz heute bei den Pressekonferenzen beider Vereine vor dem Derby im Olympiastadion. Die ebenso oft gegebene Antwort darauf lautet: “Ich kann auch ein Sommerkleid mit Hitler vergleichen, wenn ich will.” Und heute will ich einmal. Und zwar exklusiv das Catering bei der Pressekonferenz vergleichen.

Foto: Bunkus

Bei Union liefert ein mittelständischer Sponsor Brötchen auf zwei Tabletts. Dazu gibt es Kaffee aus einer Thermoskanne. Sogar ein Bauarbeiterfrühstück (Hackepeterbrötchen mit Zwiebeln und dazu Kaffee mit Milch) wäre im Angebot. Das ganze steht im Hintergrund des Medienarbeitsraumes, der auch für Pressekonferenzen genutzt wird. Mit ein bisschen Glück empfängt man zusätzlich noch ein Fitzelchen W-LAN. Alles gut. Oder wie der Berliner sagt: Da kannste wirklich nicht meckern.

Bei Hertha gibt es eine Art Aufwärmraum. Ein Sponsor präsentiert das Catering nicht. Das Büffet fällt dafür ebenso wie die Zahl der anwesenden Journalisten um einiges üppiger aus. Hamburger und Fleischspieße. Dazu noch Häppchen und Gebäck. Für jeden etwas dabei. Zwei große Kannen Kaffee und Softgetränke zum Selbstzapfen. Herz, was willst Du mehr! Von dem ganzen Trubel bleibt die eigentliche Pressekonferenz verschont. Die findet nebenan statt. Internet gibt es von Hertha allerdings nicht. Ansonsten top professionell

Eine Auswirkung auf die Dauer der Pressekonferenzen konnte ich nicht feststellen. Union benötigte 10:33 Minuten und Hertha 7:40 Minuten, um die gestellten Fragen zu beantworten. Was uns das für das Derby sagt? Nichts.

Auf der Mauer, auf der Lauer.

Die Trainingsfotos von gestern früh sehen aus wie die von vorgestern, übermorgen und in drei Wochen. Waldlauf in Köpenick bei Wetter in Köpenick. Immer fünf Grad kälter als im Rest von Berlin. Eine Gruppe von Spielern läuft durch den Wald. Gewohntes Bild für die Leute, die dort mit ihren Hunden spazierengehen.

Gestern fanden sich mehr Medienvertreter als üblich am Rande des Trainingsplatzes ein. Nachdem die Berliner Zeitung als erste darüber berichtete, dass Björn Brunnemann in den Wettskandal, der derzeit in Bochum untersucht wird, involviert sei, war das Thema in den Berliner Sportredaktionen unumgänglich. Zwar war durchaus allen Journalisten klar, dass sich in einem laufenden Verfahren niemand zur Sache äußern würde. Trotzdem hoffte man auf ein wie auch immer geartetes Statement durch den Verein. Oder darauf, dass sich jemand verplappert.

Das ist widersinnig und doch logisch. Logisch, weil ein öffentliches Interesse besteht. Man kann es an der Diskussion im Forum ablesen. Der Wunsch, den Namen des Spielers von Vorwürfen reingewaschen zu sehen, ist Ausdruck dieses Interesses. Der Widersinn liegt darin, dass eine solche entlastende Aussage gestern nicht möglich war. Wenn Ermittlungen laufen, weiß zu diesem Zeitpunkt nicht einmal die Staatsanwaltschaft selbst, ob Anklage erhoben wird. Es liegt nicht mehr als ein Verdacht vor. Ein Verdacht genügt, um zu diskreditieren. Ein Verdacht ist nicht ausreichend, um zu verurteilen. Das öffnet viel Raum für Meinung und Spekulation.

Als Uwe Neuhaus sich den Journalisten zuwandte, wusste er genau, was die ihn gleich fragen würden. Nichts mit Torhütern, leider, sondern die andere, unbeantwortbare Frage. Björn Brunnemann. Ein Trainer ersetzt nun einem Spieler vielleicht Mutter und Vater, selten aber den Rechtsbeistand. Weil das allen, die ihm gegenüber standen, bewusst war, mochte niemand derjenige sein, der die Sprache auf Brunnemann bringt. Man wird nicht gerne von des Trainers Zorn getroffen. Denn natürlich ist der Dialog “Was sagen Sie zur causa Brunnemann?” – “Dazu sage ich gar nichts.” Zeitverschwendung und für beide Seiten unbefriedigend. Und selbstverständlich wurde derjenige, der die Frage trotzdem stellte, augenblicklich von des Trainers Zorn getroffen. Ungerechter Weise insofern, als er nur formulierte, was ohnehin im Raum stand, und damit zum Blitzableiter für seine Kollegen wurde. Dass auch Journalisten hier ihrem Beruf nachgehen, kam offenbar niemandem in den Sinn. Die konnten zwischen zwei Übeln wählen. Ärger mit der Redaktion oder Ärger mit Uwe Neuhaus. Pest oder Cholera.

Die Situation ist ungemütlich für Verein und Presse, der Umgang miteinander belastet. Man steht sich gegenseitig auf den Füßen. Auch wenn Karim Benyamina anschließend entspannt in Badeschlappen zum Gespräch antrat -immerhin was für´s Auge- so macht Arbeit keinen Spaß.