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Der große ultimative Derbyvergleich

Union und Hertha kann man nicht miteinander vergleichen. Ein vielgehörter Satz heute bei den Pressekonferenzen beider Vereine vor dem Derby im Olympiastadion. Die ebenso oft gegebene Antwort darauf lautet: “Ich kann auch ein Sommerkleid mit Hitler vergleichen, wenn ich will.” Und heute will ich einmal. Und zwar exklusiv das Catering bei der Pressekonferenz vergleichen.

Foto: Bunkus

Bei Union liefert ein mittelständischer Sponsor Brötchen auf zwei Tabletts. Dazu gibt es Kaffee aus einer Thermoskanne. Sogar ein Bauarbeiterfrühstück (Hackepeterbrötchen mit Zwiebeln und dazu Kaffee mit Milch) wäre im Angebot. Das ganze steht im Hintergrund des Medienarbeitsraumes, der auch für Pressekonferenzen genutzt wird. Mit ein bisschen Glück empfängt man zusätzlich noch ein Fitzelchen W-LAN. Alles gut. Oder wie der Berliner sagt: Da kannste wirklich nicht meckern.

Bei Hertha gibt es eine Art Aufwärmraum. Ein Sponsor präsentiert das Catering nicht. Das Büffet fällt dafür ebenso wie die Zahl der anwesenden Journalisten um einiges üppiger aus. Hamburger und Fleischspieße. Dazu noch Häppchen und Gebäck. Für jeden etwas dabei. Zwei große Kannen Kaffee und Softgetränke zum Selbstzapfen. Herz, was willst Du mehr! Von dem ganzen Trubel bleibt die eigentliche Pressekonferenz verschont. Die findet nebenan statt. Internet gibt es von Hertha allerdings nicht. Ansonsten top professionell

Eine Auswirkung auf die Dauer der Pressekonferenzen konnte ich nicht feststellen. Union benötigte 10:33 Minuten und Hertha 7:40 Minuten, um die gestellten Fragen zu beantworten. Was uns das für das Derby sagt? Nichts.

Bitte weitergehen. Hier gibt es nichts zu sehen.

Wir spielen nicht. Wir trainieren nur. Der Grund.

Alte Tante, neues Image

Hertha wurde in den letzten Jahren sehr häufig der Vorwurf gemacht, sich bei der Öffentlichkeitsarbeit zu sehr an der großen Welt und in der Region Berlin-Brandenburg vor allem um das Umland gekümmert zu haben. Dies sei verantwortlich für das bisweilen blasse oder graue Image des Vereins. Seit dem Weggang des Managers Dieter Hoeneß, der aus dem blau-weißen “schlafenden Riesen” einen Verein in Richtung Bayern München machen wollte, hat sich in der Öffentlichkeitsarbeit einiges geändert. Der Abstieg in die zweite Liga wurde zum Anlass genommen, stärker als Berliner Verein mit Ecken und Kanten wahrgenommen zu werden. Als Beispiel können die Videos “Zeckes Außenbahn” von Andreas Neuendorf gelten.

Ein weiterer Punkt bei der Rückbesinnung auf Berlin ist die Aktion “Hertha hautnah”. Der Verein wird im Laufe der Saison fünf Mal in der Stadt auf Plätzen anderer Vereine trainieren. Heute war die Premiere auf dem neuen Gelände von Sparta Lichtenberg. Etwa 600 Anhänger kamen auf den Platz des Landesligisten, der als Skyline das Kraftwerk Rummelsburg und die Hochäuser des Stadtteils zu bieten hat. Neben den üblichen Aufbauten eines lokalen Radiosenders und von Sponsoren gab es einige echte Anreize. Zum Beispiel mehr als 50% günstigere Tickets. Der Heimatverein wurde auch bedacht und erhielt neben der medialen Aufmerksamkeit auch 50 Cent von jeder verkauften Bratwurst und jedem verkauften Bier.

Dass der Slogan “Hertha hautnah” nicht einfach nur eine leere Hülse war, konnte man in den Gesichtern der Anhänger lesen. Diese umlagerten den Trainer Markus Babbel oder den verletzten Patrick Ebert. Trotz bedeckten Himmels und einsetzenden Nieselregens war die Stimmung freudig aufgeregt. Den Fans war anzumerken, dass sie einerseits selbst selten ein Training der Hertha besucht noch die Spieler derart nah zu Gesicht bekommen hatten. Nach dem Training, das abgesehen vom Umfeld eine normale Einheit war, kamen Spieler wie Raffael kaum zur Umkleide. Sie bewegten sich schleppend in einer Traube von Kindern vom Platz, die schnatternd nach Autogrammen verlangten.

Auch Unions Pressesprecher Christian Arbeit schaute vorbei und beobachtete den Trubel. Das neue Image scheint zu fruchten, wobei natürlich ein erster Platz in der Tabelle eine mehr als gute Unterstützung ist. Und doch lugt ab und zu die alte Hertha noch hervor, die etwas angejahrt riecht. Nicht in Lichtenberg, sondern via Bildzeitung, in der Frank Zander ein neues Herthalied exklusiv vorstellte. Abseits der bekannt fürchterlichen Fußballyrik beeindruckt das Stück mit offensichtlich zeitloser musikalischer Untermalung aus den 80er Jahren. So mancher Herthafan entschuldigte sich schon für die Entgleisung. Aber Herthas Pressesprecher Gerd Graus nimmt die Angst, dass das Lied die neue Hymne werden könnte. Das, so Graus, würden die Fans im Stadion entscheiden.

Bilder: Sebastian Fiebrig

“Schön. Und da machen wir jetzt ´ne Zeitung draus.”

Das sind sicher die Schlussworte einer jeden Redaktionskonferenz bei allen Zeitungen dieser Welt, nachdem die Ressortleiter vorgetragen haben, wie die Zeitung von morgen aussehen soll. Hier unterscheiden sich Boulevardpresse und ihr Gegenstück, wie immer dessen korrekte Bezeichnung lauten mag, kein Stück. Worin aber sonst?

Die Sportredaktion des Berliner Kurier lud gestern ins Verlagshaus des Berliner Verlages, um solche und andere Fragen zu beantworten. Der Einladung vorausgegangen war eine Meinungsverschiedenheit zwischen Fußballfans des 1.FC Union Berlin und zwei Redakteuren darüber, welche Themen eine Zeitung behandeln darf, und mit welcher Haltung dies zu geschehen habe. “Kommt her, ich erklär´ gerne, wie hier gearbeitet wird”, war die erstaunliche Antwort des Ressortleiters Sport, Andreas Lorenz. Zu dem Treffen nicht erschienen sind diejenigen, die sich beschwert hatten. Statt dessen kam eine übersichtliche Anzahl tatsächlich Interessierter.

Guter Boulevard, böser Boulevard. Wer in der Schule Heinrich Bölls “Die verlorene Ehre der Katharina Blum” gelesen hat, und seine logische Fortsetzung, das BILDblog, kennt, der findet für letzteres täglich frische, triftige Argumente. Die spannendere Frage lautet demzufolge: Gibt es gute Boulevardpresse, und was soll das bitteschön sein?

Als Boulevardjournalismus oder Boulevardzeitung wird gemeinhin bezeichnet, was als “unseriöse Veröffentlichung” gilt. Legt man den Pressekodex als Maßstab an, so trägt inzwischen beinahe jede deutschsprachige, journalistische Publikation boulevardeske Züge. Gemeint ist damit vor allem, dass Boulevard selten die kritische Distanz sucht, sondern emotionale Themen auch als solche bearbeitet, ohne Fakten von Meinungen zu trennen und oftmals selbst Stellung bezieht. Wenn allerdings bei der Redaktionskonferenz entschieden werden muss, ob ein Beitrag in die Politik oder ins Vermischte gehört, ist man unsicher, ob das ein originäres Problem der Medienberichterstattung oder nicht vielmehr eines der Politik ist.

Sport galt lange Zeit als intellektuell niederes Betätigungsfeld des Journalismus. Sport war in Zahlen und Tabellen erfassbar und also ungeeignet für Reflektion, Distanz, “seriösen” Journalismus. Sport wird heute als hochemotionale Angelegenheit gehandelt. Eine Fußballweltmeisterschaft wird auf den Titelblättern aller Printerzeugnisse ausgetragen, Boulevard oder nicht. Illustriert wird das allerorten mit jeweils denselben Fotos aus den nämlichen Agenturen. Es ist keine Seltenheit, dass ein freier Sportjournalist für den Tagesspiegel und die Bild schreibt, für die B.Z. und die taz. Sportler werden als Popstars behandelt, hüben wie drüben. Es unterscheiden sich Wortwahl und Satzlänge, aber auch die Süddeutsche und die Frankfurter Allgemeine Zeitung bemühen Klischees, wenn sie über internationalen Fußball schreiben. Die Grenzen fließen.

Fragt man Andreas Lorenz, welche Meldungen es bei ihm ins Blatt schaffen, nennt er zwei Kriterien: Es muss den Leser interessieren, und es muss eine gewisse Relevanz haben. Wenn ein ein Testverfahren bei den Lesern ergibt, dass der Fünfzeiler über den BFC Dynamo der meistgelesene Text auf einer Doppelseite ist, ist das Leserinteresse indiziert. Über die Relevanz der Oberliga mag man streiten. Am Ende geht es wie überall darum, das Blatt zu verkaufen – egal, ob es Frankfurter Rundschau oder Berliner Kurier heißt.

“Eine Zeitung ist wie ein Supermarkt”, sagt Lorenz weiter. “Ich muss alles anbieten, auch wenn nur ein Bruchteil genutzt wird.” Nachdem die meisten Leser via Fernsehen und Internet über die Fakten von Sportereignissen ohnehin informiert sind, ist nach seiner Ansicht die zentrale Aufgabe des Journalisten, “das zu liefern, was andere gar nicht liefern können.” Dies dürfte genau die Stelle sein, an der sich die Meinungen spalten. “Ich gehe da hin, wo normaler Weise die Tür zu ist” kann eine Geschichte über die Fußpflegerin von Union sein. Es kann genauso gut ein Dokumentarfilm von Emir Kusturica über Diego Maradona sein. Hinsichtlich der Grenzen gilt das oben Gesagte.

Der Boulevard hat die Homestory dann im Sportteil, wenn der sich selbst darstellende Prominente Sportler ist. “Und trotzdem gucken alle, welches Duschgel der benutzt”, entgegnet Andreas Lorenz auf die Bemerkung, das interessiere doch niemanden. Verlust an Intimsphäre? Nicht angesichts dessen, was der durchschnittliche, nichtprominente Privatmensch im Zuge so alltäglicher Verrichtungen wie sich bei Fußballspielen filmen lassen, sich in der U-Bahn filmen lasssen, sich beim Geldabheben filmen lassen, ungewollt an Privatheit verliert. Die Idee, einen bekannten Sportler privatim darzustellen, ist aber keine Spezialität von Boulevardzeitungen. Woanders heißt das Porträt und steht im Feuilleton. Voyeurismus ist für alle da.

Was den Boulevard tatsächlich charakterisiert, ist seine Haltung dem Leser gegenüber. Kuriergeschichten sind so gestaltet, dass sie leicht konsumierbar sind. Das schließt den Sportteil ein. Der Leser “soll sich an den Artikeln nicht abarbeiten” ist die positive Formulierung dafür. Griffige Überschriften, große Bilder, kurze Texte. Andreas Lorenz will seine Leser unterhalten, sagt er. Ein bißchen auch “an die Hand nehmen”. Das ist Geschmackssache, nicht jeder Leser möchte an die Hand genommen werden, und manch einer liest Zeitung nicht allein zum Zeitvertreib.

Auch unter diesen Prämissen ist jedoch das Arbeiten nach journalistischen Grundregeln möglich. Wie der Pressekodex interpretiert wird, kann innerhalb eines Verlagshauses von Zeitung zu Zeitung, von Ressort zu Ressort, von Redakteur zu Redakteur variieren. Der Generalvorwurf “ihr arbeitet nicht journalistisch” an “den Boulevard” scheint in seiner Absolutheit jedenfalls nicht haltbar.

Ist das so, oder ist es vielleicht viel leichter?

Zur Regionalligareformreform

Am 21. und 22. Oktober 2010 findet in Essen der nächste Ordentliche DFB-Bundestag statt. Beherrschendes Thema wird die Reform der Regionalliga sein. Nein, diese Meldung stammt nicht aus dem Jahr 2007. Tatsächlich muss das Konzept Regionalliga in seiner bestehenden Form überarbeitet werden. Während die Einführung der 3.Liga als Erfolg gilt und das nach der EM 2000 etablierte Nachwuchsförderungsprogramm des DFB international nicht ohne Neid betrachtet wird, muss sich der DFB jetzt fragen lassen, wie er das meint, was da in der Präambel seiner Satzung steht:

Wichtigste Aufgabe des DFB ist die Ausübung des Fußballsports in Meisterschaftsspielen und Wettbewerben der Spielklassen der Regional- und Landesverbände und der Lizenzligen. Er trägt die Gesamtverantwortung für die Einheit des deutschen Fußballs. Der DFB handelt in sozialer und gesellschaftspolitischer Verantwortung und fühlt sich in hohem Maße dem Gedanken des Fair Play verbunden. Seiner besonderen Förderung unterliegt auch der Freizeit- und Breitensport.

Es ist die Frage nach der Förderung des Amateur- und Breitensports, an der sich die Diskussion entzündet hat. Festgemacht wird sie an der aktuell schlechten Situation der Traditionsvereine innerhalb der Regionalligastaffeln. Drei Ursachen dafür werden benannt. Die Regionalliga zieht zu wenig Publikum an. Es fließen kaum Einnahmen aus Fernsehgeldern in die Vereine. Zugleich bringen die Lizenzauflagen des DFB hohe Kosten mit sich. Mehrere Vereine haben sich aus den genannten Gründen bereits aus dem Wettbewerb zurückgezogen.

Die geringen Zuschauerzahlen werden in erster Linie auf die Teilnahme der U23-Mannschaften am Ligabetrieb zurückgeführt. Die Ausbildungsmannschaften gelten als unattraktive Gegner. Die Initiative www.pro-regionalliga-reform-2012.de hat deshalb eine Online-Petition gestartet, deren Inhalt der Westdeutsche Fußball- und Leichtathletikverband gegenüber dem DFB vertritt. Unter dem Stichwort 2+1 hat er beantragt, die Regionalliga künftig so zu gestalten, dass alle U23-Mannschaften in einer eigenen Staffel zusammengefasst werden. Die beiden anderen Staffeln sollen den ersten Mannschaften der Traditionsvereine vorbehalten bleiben. Betrachtet man die Zusammensetzung der Regionalliga West, ist dieser Antrag nachvollziehbar. Unter den 18 Mannschaften finden sich 10 Ausbildungsmannschaften von Erst- und Zweitligisten.

Die extreme Gegenposition vertritt der Bayerische Fußball-Landesverband mit seinem Antrag. Man könne die Regionalligastaffeln in die Oberligen integrieren und als neue, vierte Spielklasse den Regional- und Landesverbänden unterstellen, wird vorgeschlagen. Die Attraktivität der dadurch zustande kommenden Derbys ist weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick ersichtlich. Im Gegensatz dazu drängt sich die Fahrkostenersparnis geradezu auf. Und zwar die des Zuschauers.

Nachdem beide Anträge gestellt wurden, ist es wahrscheinlich, dass sie Gegenstand der Tagesordnung des DFB-Bundestages werden.

Um auf diesen Fall angemessen reagieren zu können, haben sich die Vertreter des Ligaverbandes am vergangenen Freitag getroffen und ein gemeinsames Vorgehen der Erst- und Zweitligisten vereinbart. Der Inhalt eines möglichen eigenen Antrags der DFL ist derzeit nirgends im Wortlaut veröffentlicht. Einige Zitate und wenig Konkretes findet man im Netz. Die Gemengelage ist aber nicht schwer zu umreißen. Der DFL kann nicht daran gelegen sein, den Unterbau zu schwächen, geschweige denn, ihn zu eliminieren. Nicht aus dem Gefühl sozialer Verantwortung heraus, sondern aus soliden, finanziellen Gründen. Eine starke und attraktive Regionalliga ist im Interesse der DFL. Sie kommt den Lizenzmannschaften als Übungsplatz und Schaufenster zugute. Die vollständige Ausgliederung in eine eigene U23-Staffel ist von diesem Standpunkt aus allerdings inakzeptabel.

Lässt man den bayerischen Vorschlag außer Acht, gibt es Potential für eine Überarbeitung des bestehenden Regionalligakonzepts. Welche Modifikationen sinnnvoll und durchführbar sind, besprechen wir bis zum bevorstehenden DFB-Bundestag mit Menschen, die sich von Berufs wegen damit auskennen.

“Ich mache jetzt drei Tage Urlaub in der Türkei”

Das Poststadion in Berlin-Moabit ist ein geschichtsträchtiger Ort. Schalke holte hier 1934 die Deutsche Meisterschaft und zwei Jahre später der 1. FC Nürnberg auch. Zwischendurch boxte Max Schmeling im weiten Rund. Von diesem Ruhm und Glanz zeugt heute vor allem die Außenfassade, die wiederhergestellt wurde und die Tribüne, obwohl dort ein Großteil der Sitze abmontiert ist. Die Anlage fasst heute noch 10.000 anstatt der früher möglichen 45.000 Zuschauer. Dort, wor früher die Tribünen waren, stehen heute Bäume.

In diesem Stadion empfing in der ersten Runde des DFB-Pokals der Oberligist Berliner Athletik-Klub 07 den Bundesligisten 1. FSV Mainz 05. Verglichen mit den Sicherheitsdiskussionen anderer Spiele bestach die Organisation durch eine beinahe familiäre Atmosphäre. Am Haupteingang probierten sich ein paar Jungs im fröhlichen Wechsel der knappen Parkschilder. Auto fährt mit Parkschein auf das Stadiongelände, Parkschein kommt wieder zurück zum Haupteingang und so weiter. Kurze Zeit später riss aber einer Ordnerin der Geduldsfaden: “Das ist doch hier keine Familienfeier!” Und der Spuk war aus.

Die gescheiterte Verschmelzung mit dem Club Italia Berlino war kein Thema mehr. Auf dessen Geld war man nach dem überaschenden Berliner Pokalsieg gegen den BFC Dynamo nicht mehr angewiesen. Allein für den Antritt in der ersten Runde erhielt der Verein vom DFB die für einen Fünftligisten sehr stolze Summe von 113.000 € (100.000 € Antrittsprämie plus 13.000 € vom Pay-TV für den Heimverein). Der Verein hat sich umorientiert. Die Kooperation mit Ankaraspor in der Türkei ist Vergangenheit und war an diesem Tag nur auf dem offiziellen Mannschaftsbogen als Berlin Ankaraspor Kulübü zu lesen. Erst in der nächsten Woche wird die Rückbenennung in Berliner Athletik-Klub 07 durch das Amtsgericht offiziell werden. Aber der neue alte Name und Emblem sind bereits überall sichtbar. Auch auf den Trikots der Spieler.

Zwar befindet man sich als Zuschauer nur knapp zehn Minuten Fußweg vom Berliner Hauptbahnhof entfernt. Aber trotzdem war die Berliner Mitte ganz weit weg. Den Ehrengästen wurde türkischer Kaffee gereicht und beleibte türkische Männer küssten sich und hielten lange die Hand. Es waren ganz andere kulturelle Codes, die wichtig waren. Über allem stand die Improvisation für einen Verein, der zu einem normalen Ligaspiel etwa 150 Zuschauer empfängt. Zur Pokalrunde waren es für Berliner Verhältnisse gute 1.120 Zuschauer. In jeder anderen Stadt eine beschämend niedrige Zahl.

Zum Anpfiff war jedoch allen das gleiche wichtig: Fußball. Ein einfaches Spiel, das in beinahe jedem kulturellen Kontext funktioniert. Mainz nahm in der schwülen Luft die vorbereitete Rolle des Favoriten an, der pomadig und behäbig das leicht zu hohe Gras beackerte, während der BAK die Räume geschickt verengte. Unterhalb der Hauptribüne standen auf Stehplätzen die Anhänger des BAK und eine kleine Gruppe sang und trommelte unentwegt. Kinder wurden von ihren Vätern auf die hüfthohe Absperrung gesetzt, während Ordner gelangweilt auf Plastikstühlen saßen.

Und dann in der 37. Minute die Einzelaktion von Lewis Holtby, der einfach mal aus 18 m zentral vor dem Tor abzieht. Vom BAK war bis dahin offensiv kein Schuss zu sehen gewesen, der auf das Tor kam. Plötzlich schien es einen Ruck zu geben und nur eine Minute später köpfte der junge Fardjad-Azad an die Latte und kurze Zeit später noch einmal am Tor vorbei. Mainz wusste sich nicht anders als mit einigen Fouls zu helfen, die vom Schiedsrichter nicht sofort mit Gelb geahndet wurden. Dies sorgte auf der Tribüne für Unmut und es entlud sich eine türkische Schimpfkanonade, die gut hörbar mit “Schirie, hast Du keine Mut oder was?” endete.

Torhüter Stillenmunkes testete in der zweiten Hälfte zweimal seine Dribbelkünste gegen die Mainzer Stürmer. Auf der Tribüne wurde geraunt, ob er unbedingt in die Sportschau kommen wolle. Nach dem Spiel löste Trainer Foroutan das Rätsel auf: “In der Kabine bin ich laut geworden, sogar sehr sehr laut. Und ich habe meinem Tormann angeordnet, wenn er den Ball bekommt, durch die Beine des gegnerischen Mittelstürmers zu spielen. Und wenn dabei ein Tor fällt, dann sei ich daran schuld und nicht er.” Der Rest des Spieles folgte der Dramaturgie eines üblichen Pokalspiels. Holtby erhöht auf 2:0. Und dann kämpft der unterklassige Gegner sich heran und macht mit Keser, der Noveski aussteigen lässt, in der 83. Minute den Anschlusstreffer. Der Rest war Kampf und bereits etwas Krampf bei den Gastgebern. Ohne den erhofften Ausgleich allerdings.

Nach dem Spiel feiert die Mannschaft des BAK vor der Tribüne. Sie gibt die Welle. Und dann stehen Torhüter Stillenmunkes, Torschütze Keser, der vor dem Tor glücklose Fardjad-Azad und der Trainer zusammen. Sie gestikulieren und diskutieren. Keser hadert mit seinen Chancen. Plötzlich zeigt der Torhüter auf die Gegentribüne und sagt: “Trainer, ich muss mal zu meinen Fans.” Und rennt los zu einer allein feiernden Gruppe von vielleicht sieben acht Leuten. Ibrahim Keser, der nach seinem Tor einen Jubel zeigte, für den auch der ehrwürdige Kicker das Prädikat “Internationale Klasse” vergeben hätte, trauerte der vergebenen Chance hinterher. Auf die Frage, ob er die Nacht schlecht schlafen würde, antwortete er: “Weiß ich nicht. Ich fliege jetzt erst einmal in die Türkei, drei Tage Urlaub machen”.

Pressekonferenz mit den Trainern von BAK 07 und Mainz 05

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Bilder: Stefanie Lamm

Zweimal Berlin, bitte!

Kommentar

Manchmal hat man die Wahl:

Das Leipziger Zentralstadion, das seit kurzem nicht mehr so heißt, sondern anders. Der Hallesche FC gegen den 1. FC Union Berlin.

Das Poststadion in Moabit. Auch so eines, das man eigentlich unter Naturschutz stellen möchte, sehen doch seine Stehplätze im oberen Bereich dem Großen Tropenhaus nicht ganz unähnlich. Berliner Athletik-Klub 07 gegen den FSV Mainz 05.

Ersteres versprach, die interessantere Partie zu sein, letzteres der reizvollere Austragungsort.

Poststadion Gegengerade

“Ach, nehm´ ick do´zweema Berlin – bleib ick hier, und Union jewinnt in Leipzich.” Das war, was ich wunschdachte. Ich denke ja im Heimatdialekt. Darüberhinaus: Möchte man bei einem Spiel zu Gast sein, dessen gastgebender Verein selbst keinen Gedanken an die Organisation verschwendet und das gesamte Sicherheitskonzept vertrauensvoll in die Hände der Polizei legt? Jan Glinker hätte darauf vermutlich eine klare Antwort.

Berlin also. Und siehe da – versehentlich war es auch das bessere der beiden Pokalspiele.

Zu beschützen gab es hier höchstens die Polizei, und möglicher Weise den BAK-Trainer. Vor seinen eigenen Leuten nämlich. “Trainer, ist gut jetzt, mach mal ganz ruhig” rief ihm denn auch besorgt sein Torwart zu und dirigierte dann seinerseits die Mannschaft.

Der Rest war Fußball. Und so gehört das auch.

Wie ich mal mit Fußball Geld verdiente

Ich komme aus einer Zeit und Gegend, als und wo es noch Regionalzeitungen gab, die fürs Saisonvorschausonderheft Kreisligamannschaften detaillierter portraitierten als der Kicker die dritte Bundesliga. Ich glaube, das Lokalblatt lebte von seinem Riesensportteil, so wichtig wie es all den Dorfkickern war, dass auch die Freizeitsportgruppe von der TSG Bierbauch noch regelmäßige Spielberichterstattung bekam. Wenn all die Fußballer und ihre Familien und Freunde Abonnenten waren, müsste es ein leichtes gewesen sein, das Blatt profitabel zu betreiben. Andererseits war die Redaktion damit auch abhängig vom Wohlwollen der Leser. Die TSG bekam entsprechend ihre Artikel, der Mittelkreis schließt sich hier also.

Andererseits: Was wolltest Du auf dem Dorf auch anderes machen auf dem Feld der Körperertüchtigung? THW und Freiwillige Feuerwehr zählen nicht in diese Kategorie. Im Tischtennis waren die Nazis organisiert, im Tennisverein die Reichen, Basketball habe nur die Gymnasiasten gespielt und allzuviele Gymnasien gab es auf Distanz einer Tagesreise nicht. OK, die evangelischen Mädchen spielten Volleyball. Aber sonst: 22 Mann, ein Ball und der dicke Wirt der Dorfkneipe ist der Referee. Das war für alle da und es musste reichen. Wir hatten ja nix.
Glaubt mir nicht alles, ich romantisiere ein wenig. Ich komme nämlich auch aus einer Zeit und Gegend, als und wo es genug Geld gab, um in der Kreisliga A Spielern monatlich 300 Mark (West) zu zahlen, damit sie nicht im Nachbardorf kickten.
Ich war Gymnasiast und zu doof in die Beine für Fußball. Etwas später, unser elitärer Versuch im Dorfsportclub eine Basketballabteilung zu gründen, war gescheitert, war ich dann Student und in Geldnöten. So beginnen große journalistische Karrieren. Meine in der Sportredaktion. Die eigentlich nur über Fußball berichtete. Das war heikel, wussten doch einige in unserer kleinen Provinzwelt, dass ich davon aktiv überhaupt keinen Schimmer hatte. Und blasierte Studenten ohne Praxiserfahrungen an den Seitenlinien hatten einen schwereren Stand als zum Beispiel der Alkoholikerkollege, der immerhin mal aktiver Handballer war.
Aber egal. Mein ehemaliger Klassenkamerad, der in der zehnten Klasse vorzeitig abging, sich dann aber doch nicht zwischen Kaufmannslehre und Profisportlertum entscheiden konnte, wurde so auch im Rahmen dieser unseren neuerlichen Beziehung Spieler – Reporter nicht mehr mein bester Freund. Erst recht nicht, als er damals in der Landesliga auf der Bank sitzend ausgemustert wurde (von einem jetzigen Bundesligatrainer, die fangen ja auch mal unten an) und ich weiter meine Kohle mit dem runden Leder verdiente.

Und verdienen traf es. Im Schneeregen 90 Minuten plus Halbzeit plus Interviews am Gefrierpunkt den Notizblock zu füllen über Mannschaften, deren Taktik “zufällige Bogenlampen” war. Sonntagabends für den Ligenrundblick Ergebnisse und Spielhighlights telefonisch aus volltrunkenen Mannschaftskapitänen oder ebenso volltrunkenen Kaffvereinultras weit jenseits des Renteneintrittalters herausfragen. Pressekonferenzen mit zwei Kollegen und einem unmotivierten Trainer im Medienraum eines Bezirksligavereins zu einem 0:0, nur weil das örtliche Bauunternehmen für die glorreiche Zukunft schonmal ein echtes Stadion gebaut hatte und der Pressesprecher des Vereins größenwahnsinnige war, weshalb das alles nicht wie im Nachbarort vor den Kabinen stattfand, während die Jungs am alten Steintrog die Stollenschuhe unter einem rostigen Wasserhahn vom Grün befreiten.

Apropos grün. Mein schönster Job als Fußballreporter war ein Dientsjubiläumsportrait für einen Platzwart. Der Herr pflegte die Spielstätte eines Vereins, dessen Dorf mit seinen 500 Einwohnern zu klein selbst für die unterste Spielklasse war, weshalb sie einerseits nur mit Mühe und Legionären einen Kader für die erste Mannschaft zusammenbekamen und andererseits der Platz am Waldrand schon die ein oder andere Dekade nur in Stand gehalten wurde. Wo andernorts die örtlichen Gewerbesteuereinnahmen in regelmäßigem Turnus für neue Plätze (Kunstrasen!) oder zumindest eine moderne Drainage und neue Grasmatten sorgten, mühte sich hier der alte Platzwart ab.
Immerhin hatten sie ihm einen motorisierten Mäher zum Draufsitzen spendiert. Und ihm blieb bei all der Sisyphusarbeit gegen Wind, Wetter und Spielbetrieb noch ein Sinn für Kunst. Abends schaute er gern im Sportkanal die ausländischen Ligen und da begeisterte er sich für die Rasenpflege der Kollegen in Italien, Spanien, England. Die Rauten und Kreise auf den internationalen Spielfeldern hatten es ihm angetan. Besonders schöne Platzmuster mähte er dann anderntags auf seinem Acker nach.

Textvergehen

Jetzt kann man fragen: Wieso schreibt der denn auf Textilvergehen? Der Ausgang irgendwelcher Fußballspiele interessiert mich ungefähr so wie der Sieger der nächsten Big-Brother-Staffel. Schlimmer noch: Als ich mal jung war, so 13, 14, 1984, 85 war das, und mich eine zeitlang intensiv darum bemühte, Fußballfan zu werden (Teenager probieren ja jeden Quatsch mal aus), da war ich für den BFC Dynamo. In unserer Klasse war man einfach für den BFC Dynamo. Das lag nicht an unserer Systemtreue oder daran, dass unsere Eltern alle bei der Stasi gewesen wären, sondern an Mirko B..
Mirko war in der siebenten Klasse zu uns gekommen; eine Klassenstufe, an der er offenbar großen Gefallen gefunden hatte, da er sie bereits zum dritten Mal besuchte. Er hatte jede Menge Haare auf der Brust, er hatte bereits sexuelle Erfahrungen gesammelt (gut erinnere ich mich an seine Pausenreferate über die verschiedenen Brustformen, -größen und -konsistenzen seiner Partnerinnen), er hatte in einem Schuljahr mehr Tadel eingefahren, als unsere ganze Klasse seit der Einschulung – kurz: Er war die Referenzgröße für Männlichkeit und jedes Milchgesicht begann, nach seinem Vorbild  “AC-Blitz-DC” und “BFC Dynamo” in die Schulbänke zu ritzen, um die Zeit bis zum Beginn des Brusthaarwachstums möglichst männermäßig zu überbrücken (ich warte darauf immer noch, ritze aber nichts mehr in Schulbänke). Zweimal ging ich mit zu einem Fußballspiel. Ich erinnere mich noch an die Partie gegen die Luschen von Wismut Aue, die “wir” 4:0 nach Hause schickten. Dann bekam jedoch Steffen L. einen ZX81 geschenkt und nachdem ich auf dem mein erstes Basic-Programm zum Laufen gebracht hatte, war das Thema Fußballgucken als Freizeitbeschäftigung passé; wen interessierten schon Tore, Brusthaare und Mädchen, wenn man versuchte, “Space Invaders” nachzuprogrammieren!
Selber Fußball zu spielen war etwas ganz anderes, das hat mir immer Spaß gemacht, auch wenn ein erfolgreiches Spiel für mich darin bestand, beim Tiptop nicht als allerletzter in eine Mannschaft gewählt zu werden; auch wenn mir nach 3 Monaten bei StuNa (Stuck und Naturstein) Marzahn vom Trainer nahegelegt wurde, den Verein freiwillig zu verlassen. Aber damit war auch spätestens nach der Lehre Schluss – es gab keine Spiele nach Unterrichtsschluss mehr und einem Verein wäre ich nie wieder beigetreten.
Fußballfans waren für mich bedauernswerte Würstchen, die nichts Erfüllendes in ihrem eigenen Leben fanden und deshalb ihr Freud und Leid an den sportlichen Erfolgen einer letztlich willkürlich ausgewählte Gruppe fremder Männer festmachten, was ich ungefähr auf einer Stufe mit dem Lesen der Klatschpresse einordnete. Ob man nun heulte, weil irgendeine Mannschaft ein Spiel verlor, oder weil Prinzessin Pipapo von ihrem Prinz Pappnase verlassen wurde … wo war da der Unterschied, beides war Ersatzgefühl.
Umso erstaunter, um nicht zu sagen: schockierter war ich, als sich in den letzten Jahren immer mehr eigentlich ganz normale, freundliche, mir sehr sympathische  Menschen, die durchaus nicht auf Lebenssurrogate angewiesen waren, als Fußballfans entpuppten, darunter die werte Hausherrin des Textilvergehens. Seit einiger Zeit habe ich nun auch meine Versuche eingestellt, sie und all die anderen vom Fußballgucken abzubringen (was ich vor allem dadurch zu schaffen hoffte, dass ich ihnen Alternativen aufzeigte: den Kopf gegen die Wand hauen, ein Blatt Papier mit dem Bleistift ausmalen und anschließend wieder leerrradieren, solches Sachen eben).  Ich denke mittlerweile, dass eine friedliche Koexistenz möglich ist. Nur das Publicgeviewe muss aufhören und was Union angeht: Bitte nie wieder Spiele in der Alten Försterei an Wochenenden, an denen ich meine Mutter in Erkner besuchen will. Oder zieht euch wenigstens nicht so komisch an. Schals im Sommer, meine Fresse!

Gruß aus Frankreich.

Man kann sein, wo man will und tun, was man mag: selbst wenn man in Frankreich Goethe liest – Union lässt einen nicht los. Milan schreibt uns von unterwegs, und euch auch!

Auf einer Anhöhe vor dem Flusse Charante bei brütender Abendhitze, unter einem Walnussbaum und mit einer guten alten Steinmauer im Rücken lässt sich’s leicht entrückt fühlen. Schreiben wir das Jahr 1794?

Vielleicht ist hier gerade die Revolution durch, in Paris werden weiter Köpfe gehackt, in den Tropen Weimars gibt Goethe die ersten Bücher des Wilhelm Meister in Druck. Nein. Eine Ausgabe von 1988 hab ich ja auf dem Schoß. Ein Indiz, das mich in die Gegenwart zurück träumen lässt.

Darin lese ich etwas, das mich ganz aus den Träumen holt und die Erinnerung an das 1:0 gegen Bochum im Pokal wach ruft. Als Daniel Ernemann in der Schlussminute Wassilew anguckt , der ihm zunickt. Woraufhin Ernemann seinen Posten hinten verlässt, unbeachtet am Strafraum auftaucht und ihm der Ball durch göttliche Fügung, wir wollen das mal nicht Zufall nennen, vor die Füße rollt, von wo aus er das Ding mit aufreizender Lässigkeit (wie damals der Kurier schrieb) rein machte. Der Torpogo war nicht einmalig, aber wie immer unbeschreiblich.

Goethe hat mir auf das Heftigste diese und einige andere Szenen, eine mit Nikol, manche mit Texas u.ä., in meinem südwestfranzösischen Aufenthalt aufgedrängt, so dass ich meine, dieser Johann eisern von Goethe würde heute einen außerordentlichen Sportkommentator abgeben. Und ganz sicher wäre er Fan. Wahrscheinlich nicht von Motor Weimar. Da müsste mehr kommen, aber dann doch von Carl Zeiss Jena, wo er eine Zeit lang seine Freunde H.v.Humboldt, Fichte und Schiller besuchte – und als wahrer Weltgeist hätte er sicher die Kunde von Union aus der Hauptstadt offenen Herzens mit den üblichen Folgen aufgesogen.

Da aber damals der Fußball noch nicht mal in England zu Hause war, begeisterten sogar Seiltänzer die vor das Wirtshaus herbei strömenden Volksmassen, und endlich kann ich zum Zitate greifen:

“Narziß und Landrinette ließen sich in Tragsesseln auf den Schultern der übrigen durch die vornehmsten Straßen der Stadt unter lautem Freudengeschrei des Volks tragen. Man warf ihnen Bänder, Blumensträuße und seidene Tücher zu, und drängte sich, sie ins Gesicht zu fassen. Jedermann schien glücklich zu sein, sie anzusehn, und von ihnen eines Blickes gewürdigt zu werden.”

Hier horchte ich schon auf und war auf halben Wege an die alte Försterei, aber die nächsten Sätze katapultierten mich direkt auf meinen Stammplatz unten am Zaun auf der Gegengerade.

“Welcher Schauspieler, welcher Schriftsteller, ja welcher Mensch überhaupt würde sich nicht auf dem Gipfel seiner Wünsche sehen, wenn er durch irgend ein edles Wort oder eine gute Tat einen so allgemeinen Eindruck hervorbrächte? Welche köstliche Empfindung müßte es sein, wenn man gute, edle, der Menschheit würdige Gefühle eben so schnell durch einen elektrischen Schlag ausbreiten, ein solches Entzücken unter dem Volke erregen könnte, als diese Leute durch ihre körperliche Geschicklichkeit getan haben; wenn man der Menge das Mitgefühl alles Menschlichen geben, wenn man sie mit der Vorstellung des Glücks und Unglücks, der Weisheit und Torheit, ja des Unsinns und der Albernheit entzünden, erschüttern, und ihr stockendes Innere in freie, lebhafte und reine Bewegung setzen könnte!”

Ich sage in tiefer Verehrung DANKE, lieber Johann Wolfgang von Goethe, dass du mir meine vielen Stadionbesuche auf so kluge Weise begreifbar machtest. Und ich freue mich, das du uns dank meiner 40-bändigen Münchner Ausgabe als Autor erhalten bleibst.