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Der Turbine-Effekt.

Der 1.FFC Turbine Potsdam gewinnt das Auftaktspiel gegen den Hamburger SV mit 4:0 vor 2790 Zuschauern. Ein Traumstart, sollte man meinen. Die beiden Doppeltorschützinnen, Yuki Nagasato und Genoveva Anonma, sind trotzdem nicht ganz zufrieden. Beide sagen nahezu wortgleich:”Ich hätte noch viel mehr machen können.” Das beschreibt das Leistungsgefälle zwischen beiden Teams recht gut. Ohne das begeisterungsfähige Potsdamer Publikum wähnte man sich auf einem Testspiel. Wenn eine Mannschaft das Spiel vollkommen dominiert, gelingen Spielzüge. Das sieht schön aus. Leider ist es kein bißchen spannend.

Deshalb mutet die am häufigsten gestellte Frage im Anschluss an die Partie auch etwas seltsam an. Ist die Zuschauerzahl -die höchste, die Turbine zum Ligastart je hatte- ein Effekt der Weltmeisterschaft? Bernd Schröder, Trainer der Potsdamerinnen, glaubt das nicht. “Wir haben viele neue Spielerinnen, die die Leute sehen wollen. Wir haben eine Weltmeisterin. Das ist der Blick auf die neue Saison. Der WM-Effekt muss sich zeigen, wenn Freiburg gegen Leverkusen spielt.”

Seine neue Mannschaft lobt Schröder. Sie sei in sich geschlossener als das Team der vergangenen Saison. Mit Patricia Hanebeck, Ann Katrin Berger, Genoveva Anonma haben sich drei seiner Neuzugänge gleich im ersten Spiel bewähren müssen und dabei brilliert. „Hanebeck hat nicht nur die Nummer 10 auf dem Trikot – die ist auch eine.“ Und zum Schluss möchte er noch wissen: „Weiß einer, wieviele Zuschauer aus Frankfurt gemeldet wurden?“ Frankfurt. Die echte Konkurrenz. Spannende Spiele gibt´s nämlich auch bei den Frauen.

“Die Medien sind halt da.”

Wie geht man mit einem Hype um, Aylin Yaren?

Im großen Kinosaal des Babylon sitzen ein paar hundert Leute. Die sind da, weil sie Kurzfilme sehen wollen. Für die Pause wird Aylin Yaren angekündigt. Bitte wer? Aylin ist das Mädchen auf dem Plakat des diesjährigen 11mm-Fußballfilmfestivals, sie zeigt Fußballkunststücke für den Kinotrailer dazu. Ach, das war kein Trick, das war echt? Das waren nur Tricks und nichts als Tricks. Das war echter Trickfußball. Die kann das aber wirklich, dieses Ball stoppen und Jonglieren und Balancieren und in der Luft halten mit so ziemlich jedem Teil ihres Körpers? Ja, sie kann.

Aylin ist von Beruf Freestyle Girl. Sie tritt im Rahmenprogramm größerer Events auf und zeigt, was man mit einem Fußball so alles anstellen kann. Das wirklich ungewöhnliche an ihr: Sie begeistert Frauen und Männer, Jungen und Mädchen gleichermaßen. Auf Aylin Yaren können sich alle einigen. So unangestrengt sähe man die Nationalspielerinnen um Silvia Neid auch gerne mal. Wenn das Frauenfußball ist, sollten Frauen nichts anderes mehr machen.

Dennoch wirkt Aylin im ersten Moment fast schüchtern, als sie die Bühne betritt. Sie lächelt unter ihrer Mütze hervor, antwortet brav auf alle Fragen des Veranstalters, redet über ihre Sponsoren und ihren Ausstatter. Eine ideale Werbeträgerin. Ihr Wesen verändert sich, sobald sie einen Ball vor die Füße bekommt. Mit Ball ist sie eine andere. Konzentriert, selbstbewusst, geschmeidig. Ihr Lachen danach ist strahlend und gelöst. Sie weiß, dass sie gut ist. Und gerade eben ist ihr etwas gelungen.

Alles, was sie macht, sieht leicht aus. Als würden die Regeln der Schwerkraft für sie nicht gelten. Wasser fließt bergauf und Bälle fallen nach oben. Ein einfacher Weg ist es trotzdem nicht, den sie da beschreitet. Ihr spektakulärer Auftritt im ZDF-Sportstudio, bei dem sie 2007 Franck Ribery beim Torwandschießen besiegte, markiert den Beginn ihrer Freestyle-Karriere. Inzwischen hat sie Auftritte in ganz Deutschland. Und 2011 ist ihr Jahr. Die mediale Aufmerksamkeit ist so hoch wie nie zuvor. Sie war eines der Aushängeschilder der Fußballweltmeisterschaft der Frauen. Während dieser Zeit war sie ausgebucht, trat fast an jedem Tag in einer anderen Stadt auf. Ob das Spaß macht? Ja, sagt sie. Denn die Auftritte mag Aylin, ihre Freude am Freestyle ist ungebrochen und der Zuspruch des Publikums nach wie vor groß. Langweilig sind nur die endlosen Zugfahrten. Und ab und an eine Verschnaufpause wäre gut. Mal nach Hause fahren.

Das wird jetzt nach der WM ruhiger, glaubt sie. Auch wenn sie schon wieder Termine für den Monat August hat. Aber eben nur die üblichen drei oder vier. Das ist mit ihrem Trainer so vereinbart. Ihr Trainer ist Jürgen Franz. Aylin ist nicht nur Freestylerin, sondern auch Mittelfeldspielerin bei den Frauen des 1.FC Lübars. Im Spiel, sagt sie, braucht man die Tricks eigentlich nicht. “Ich kann mich ja nicht hinstellen und sagen, wartet mal ‘nen Moment, ich möchte hier noch einen Trick machen. Aber das Ballgefühl, den Ball annehmen und mitnehmen, das braucht man schon.” Sie versucht, zu jedem Training, zu jedem Spiel da zu sein. Das ist anstrengend und bedeutet im Extremfall, vom Bahnhof direkt zum Fußballplatz zu fahren. “Aber ich gehöre zur Mannschaft dazu.” Solange ihre Leistung stimmt, wird ihr besonderer Weg akzeptiert.

Hat sie Angst, ähnlich wie Fatmire Bajramaj erst bejubelt und dann auf die Bank gesetzt zu werden? Ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit ist Aylin gewöhnt. “Die Medien sind halt da.” Das findet sie in Ordnung, relativiert aber gleich: “Es ist nicht so, dass hier tagtäglich Reporter anrufen.” Es ist elf Uhr mittags und ich bin an dem Tag die erste, erfahre ich.

Das Freestylen hat sich Aylin selbst beigebracht. Jetzt gibt sie manchmal Workshops für Jungen und Mädchen, kann sich für später eine Trickschule für Kinder vorstellen. Sie weiß, dass sie vielen ein Vorbild ist. “Ich ermutige Talente, wenn ich sehe, eine hält den Ball gut hoch.” Eine Ausbildung hat sie bisher nicht abgeschlossen. Ihr Traum ist es, erzählt sie zum Schluss, in Berlin ein Fußballcafé zu eröffnen. Zur nächsten Weltmeisterschaft der Herren. Zusammen mit ihrem Bruder.

Gute Vorsätze.

Donnerstag Abend. Die Helgard von Eddyline schippert über die Spree. Auf dem Boot befinden sich Journalisten, die Medienabteilung des 1.FC Wundervoll und Cheftrainer Uwe Neuhaus. Das Verhältnis der Berichterstatter zum Objekt der Berichterstattung ist nicht immer spannungsfrei. Umgekehrt gilt das selbstverständlich ebenso. Doch auch wenn in diesem Moment keiner dem anderen entkommen kann, ist die Situation sehr entspannt.

Es hat ein bisschen etwas von den guten Vorsätzen und Wünschen zum neuen Jahr. Pressesprecher Christian Arbeit wünscht sich eine deutlichere Kennzeichnung von Fakten und Meinung in den Texten. Dazu gibt er die Abwandlung eines Zitates von Karl-Heinz Müller (Chef der Modemesse Bread & Butter) aus der Berliner Zeitung mit auf dem Weg: “Es gibt Themen, die gehören in die Öffentlichkeit, und andere Themen eben nicht. Union ist ein Wirtschaftsunternehmen und keine öffentliche Einrichtung.”

Die Journalisten wünschen sich dagegen bessere Arbeitsbedingungen. Die Probleme sind bekannt und haben vor allem etwas mit dem zu tun, was der Verein überhaupt nicht hat: Platz. Abhilfe, das ließ Christian Arbeit durchblicken, kann da letztlich nur die neue Haupttribüne schaffen. Alles andere wären neue Provisorien. Pragmatischen Lösungen stünden außerdem die Durchführungsbestimmungen der DFL entgegen. Wer mal mit dem Ligaverband zu tun hatte, weiß, dass die KP China gegenüber der DFL so flexibel wirkt wie ihre minderjährigen Turnerinnen bei Olympia.

Das Verhältnis von Uwe Neuhaus zu den Medien war in der letzten Saison doch arg angespannt. Umso größer ist der Gegensatz seit Beginn der Saisonvorbereitung zu sehen. Der Trainer wirkt wie befreit und gibt sich gelöst. Das erklärte er auch auf dem Boot, als er seine guten Vorsätze vorbrachte: “Ich werde mir Mühe geben, medienfreundlicher zu sein, lockerer zu sein. Aber das wird sicher etwas, denn ich bin so etwas von entspannt nach einem schönen Urlaub.”

Interessant waren vor allem seine Ausführung zur taktischen Aufstellung und zum Kader. Mit Tusche würde sicher wieder das 4-4-2 mit Raute gespielt werden. Ein System, das einfach sehr gut zur Mannschaft passe. Ohne Tusche würde es wahrscheinlicher sein, dass die Mannschaft in einem 4-2-3-1 auflaufe. Den Kader zählte der Trainer wie folgt herunter. Es stünden 27 Spieler im Profikader, wobei Jérôme Polenz nicht mitgezählt werde (-1). Weiterhin wären sieben Spieler der U23 zuzuordnen (-7). Die könnten sich anbieten. Außerdem zieht Neuhaus die zwei Torhüter ab (-2). Am Ende blieben 17 Feldspieler. Nicht viel für eine Saison, aber der Coach legte Wert darauf, dass bei diesen 17 Spielern im Gegensatz zur Vorsaison die Qualität deutlich höher sei. Wenn ich jetzt noch die verletzten Santi Kolk, Torsten Mattuschka und John Jairo Mosquera abziehe (-3) und mir überlege, ab wann Michael Parensen und Patrick Zoundi bei 100 Prozent sind… Nein, das möchte ich jetzt nicht überlegen. Außerdem sind einige der U23-Spieler sehr wohl in der Lage, ihre Chance zu nutzen.

Zurück zu Uwe Neuhaus und seinem Ausblick auf die neue Saison. Ganz oben sieht er Eintracht Frankfurt, St. Pauli, Bochum, Duisburg, Düsseldorf und Fürth. “Bei unserem Saisonziel einstelliger Tabellenplatz bleiben dann nur drei Plätze für uns übrig. Und wenn dann noch eine Überraschungsmannschaft wie das letzte Mal Aue dazwischenkommt, wird es eng. Deshalb müssen wir eine gute und konstante Saison spielen.” Als Gründe für das Abschneiden der letzten Saison nannte der Trainer zwei Faktoren: zuviele ausgelassene hundertprozentige Torchancen und zuviele individuelle Fehler, die zu Gegentoren geführt haben.

Auf der Helgard war die Stimmung recht ausgelassen. Uwe Neuhaus redete mit den Journalisten auch im kleinen Kreis. Was am Ende der Saison von den Wünschen und guten Vorsätzen bleibt, wird zu einem sehr großen Teil vom sportlichen Erfolg oder Misserfolg der Mannschaft abhängig sein. Das wussten alle Beteiligten vor dem sogenannten Medien Kick-off. Und sie wissen es auch danach.

Momentaufnahmen.

Fahrgäste und Fußballfans.

“Sehr geehrte Fahrgäste und Fußballfans, sind Sie nicht traurig, wenn Sie diesmal nicht mitkommen. Der nächste Zug wartet schon hinter mir.” Unbeholfene Freundlichkeit bei der S-Bahn. Der Berliner ist das nicht gewöhnt und wundert sich, der Brandenburgerin geht´s ganz genauso. Ich betrachte meine Mitreisenden. Zwei ältere Damen in beigen Strickpullovern mit noch eingeschweißten Deutschlandfahnen. Erstgebrauch, vermutlich. Zwei befreundete Ehepaare um die 50 auf Berlinreise in Fan-T-Shirts. Eine Gruppe junger Mädchen mit schwarzrotgoldenen Blumengirlanden. Einige wenige in Trikots. Familien mit kleinen Kindern und dezenter Gesichtsbemalung. Frauen mit Frauen. Während die Mannschaften einlaufen, soll auf den Rängen eine Choreografie entstehen. Vorher wird am Spielfeldrand ein Transparent entlang getragen: Bitte zum Einlauf der Mannschaften die Papiertafeln hochhalten. Es ist kein typisches Fußballpublikum, das zum Olympiastadion pilgert, um die Eröffnung der Frauenweltmeisterschaft im Fußball zu sehen. Darin besteht der auffälligste Unterschied zur WM der Männer.

Wer prinzipiell nur Champions League der Herren kuckt, wer Stars braucht, Diven und Empörung, der wird bei einem Frauenfußballspiel nicht glücklich werden. Als in der 67. Minute Kerstin Garefrekes das leere Tor verfehlt, wirft der rechts neben mir sitzende Mann die Arme in die Luft und ruft gequält “Oarrrrrr – Mosquera!” Seine Karten hat er bei einem Radiosender gewonnen, erzählt er. Und hingegangen ist er, weil “schlimmer als Oberliga kann das auch nicht sein, und da hab ich meine Dauerkarte sogar gekauft.” Die Frau hinter uns findet dagegen alles “sehr gut”. Bis auf das, was “sehr, sehr gut” ist. Bei Abpfiff sagt sie “Ich bin ganz beseelt.” Zu meiner Linken sitzt ein Rentnerpaar, das ohne Rücksicht auf das Spielgeschehen große Freude an La Ola hat.

Es war nicht das überschäumende Wahnsinnsspektakel, von dem ich heute in den Zeitungen gelesen habe. Es war auf andere Weise trotzdem schön, die Freude ehrlich. Das mag auch daran liegen, dass man das Erlebnis Fußball für ein Publikum geöffnet hat, das sonst gute Gründe hat, dem fernzubleiben.

Wipfelstürmer.

Mutter: Was ist denn hier los? Ich versteh nicht, was die ganzen Leute mit den Fotoapparaten hier machen.
Tochter: Na, fotografieren. Die Mannschaft.
Mutter: Was für´ne Mannschaft?
Tochter: Na, die da oben – die gehören alle zusammen. Union Berlin steht druff. Is´Fußball, glaub ich.
Mutter: Ach. Aber soviele Fotos?
Tochter: Na für die Zeitung. Und für´s Internet. Ey, ich bin auch im Internet! Auf youtube, hab ich erzählt? Also, neulich …

Selbstre:ferentiell.

Vom 13.-15. April fand im Berliner Friedrichsstadtpalast die re:publica statt, die jährliche Konferenz über Blogs, soziale Medien und digitale Gesellschaft. Zum zweiten Mal mit einem Fußball-Thema. Zum ersten Mal mit einem Vertreter der DFL.

“Vom Supporter zum Reporter – Fußballwelt im Medienwandel” lautete das Thema der Diskussionsrunde, die wie auch im vergangenen Jahr Alexander Endl moderierte. Mit Oliver Fritsch und Max-Jacob Ost saßen zwei im Netz publizierende Sportjournalisten mit auf dem Podium, so dass die Relevanzdebatte über Sportblogs, Kommentare und Foren auf den ersten Blick überflüssig erschien. Kommt es darauf an, wo man veröffentlicht, oder ist nicht vielmehr entscheidend, ob man Substantielles beizutragen hat? Hier fehlte die Klarstellung, was mit “Fanreporter” eigentlich gemeint war.

Fußballfans gelten in der Masse als meinungsstark, aber argumentationsschwach. Warum soll man ihre Äußerungen dennoch berücksichtigen? Weil Meinungsstärke eben auch eine Stärke ist. Es finde online eine andere Art der Öffentlichkeitsarbeit statt, konstatiert der Fanbeauftragte der DFL, Thomas Schneider. Wenn “etwas passiert”, warte auch die DFL nicht auf das Polizeifax, sondern greife auf Blogs und Foren zurück.

Die Pressesprecherin des 1.FC Nürnberg, Kataharina Wildermuth möchte zwar Blogger und Pressevertreter nicht gleichsetzen, sieht sie aber als am Informationskreislauf Beteiligte an. Die Vereine müssten sich öffnen, meint sie. Wenn Blogger verlässliche Partner seien, spräche nichts dagegen, sie als solche zu behandeln und sie einzubeziehen. Eine ähnliche, erstaunlich positive Äußerung fügte Thomas Schneider an. Auch die DFL müsse ihr Akkreditierungswesen überdenken und Bloggern Informationszugang ermöglichen.

Unscharf bleiben dabei doch immer die Begriffe. Ist Jens Weinreich, ist Oliver Fritsch Blogger oder Journalist? Als häufigstes Unterscheidungskriterium wird nicht die Qualität der Beiträge oder die Arbeitsmethodik, sondern die Wirtschaftlichkeit genannt. Der Journalist muss ökonomisch denken. Seine Geschichten müssen sich verkaufen. Davon lebt er. Der Blogger unterliege diesen Beschränkungen nicht. Online kann ohne Rücksicht auf Textlänge publiziert werden. Kein Thema ist so abseitig, dass man nicht darüber schreiben könnte und dennoch Leser findet. Im Grunde liegt genau an dieser Stelle die Chance einer friedlichen Koexistenz, wenn nicht gar einer Kooperation mit den Vereinen und den traditionellen Medien.

Viel interessanter war die umgekehrte Frage, ob sich die Fußballvereine, Trainer und Spieler ihrerseits sozialer Medien bedienen. Auffällig ist dabei, dass es mehrheitlich die kleineren Vereine sind, die in diesem Bereich vorbildliche Arbeit leisten. Ihr Zielpublikum ist oftmals ohnehin schon auf Twitter oder Facebook, es entstehen keine zusätzlichen Kosten für Hard- oder Software, man hat einen direkten Rückkanal und die Kommunikation ist oft sehr persönlich. Je größer die Vereine sind, desto eher bedienen sie sich entweder einer Agentur oder verzichten ganz darauf, soziale Medien zu nutzen. Schwellenangst, nennt Thomas Schneider das. Die Scheu, sich als inkompetent darzustellen. Hinzu kommt aus seiner Sicht, dass sich beispielsweise Trainer fragen, ob sie auf Facebook müssen, weil Felix Magath da auch ist. Ob es ein Maßstab ist, dass das 188.536 Leute gut finden. Die nicht unberechtigte Angst vor Cybermobbing und shitstorms spielt eine Rolle. Dass sich einzelne Spieler mit Hilfe ihrer Sponsoren dort exponiert darstellen, ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. Beispielhaft seien Lionel Messi und Cristiano Ronaldo genannt. Man tut als Verein gut daran, nicht die Übersicht zu verlieren.

Auch die DFL hat erkannt, dass die Fans in Sachen Kommunikation den Vereinen weit voraus sind. Die Konsequenz, die Thomas Schneider daraus zieht: Es wird in der kommenden Saison Qualifizierungsmaßnahmen für die Fanbeautragten, die Kommunikationsbeauftragten und die Sicherheitsbeauftragten der DFL-Vereine geben.

Der Rasen ist weg …

Mit dem Kurzfilmwettbewerb „Shortkicks“ und der Preisverleihung für die besten Filme schloss gestern die Berliner Ausgabe des 11mm-Fußballfilmfestivals. Warum Berliner Ausgabe? Weil 11mm auf Deutschlandtour geht. Über die Berliner Festivaltage und die kommenden Auswärtsspiele habe ich mit Jochen Lohmann gesprochen, während im und vor dem Kino Babylon aufgeräumt und abgebaut wurde.

Der für die Dauer des Festivals vor dem Babylon verlegte Rasen wie auch die Ersatzbank waren bereits abtransportiert worden. Das war das erste, was ihm heute vormittag auffiel, sagt Jochen Lohmann. Schade fand er das. Sonst gab es keinen Grund zur Traurigkeit, die Veranstalter sind hochzufrieden.

Bei den Frauenfußballfilmen hat „Die schönste Nebensache der Welt“ von Tanja Bubbel das Rennen gemacht, in der Gesamtauswahl hat sich „Meister vs. Meister“ von Johannes Grebert durchgesetzt. Mit „The Ball“ von Katja Roberts hat in der Kategorie „Bester Kurzfilm“ eine charmant erzählte Geschichte über Fußball als Gesprächsmittler zwischen zwei Kindern gewonnen. Auf die außergewöhnlich gut besetzte Jury, der unter anderem Dominic Peitz, Jörg Schüttauf und Philipp Köster angehörten, sind die Festivalleiter stolz. Außerdem, sagt Jochen Lohmann, waren noch nie zuvor so viele Gäste aus dem Sportbereich dabei. „Wir sind Amateure“, sagt er. „Dass wir so eine Gala stemmen …“ Mindestens genauso wichtig wie die Superlative sind ihm aber die kleineren Veranstaltungen. Ein gut gefülltes Studiokino, in dem Regisseure und Publikum miteinander ins Gespräch kommen, das sind „Perlen, die für uns glänzen“.

Eine Veranstaltungsreihe, die weitgehend abseits des Festivalsbetriebs lief, waren die Kinovorstellungen speziell für Schulklassen. An den Vormittagen der Werktage wurden für Schüler ausgewählte Fußballfilme gezeigt, zu denen es Vorträge, Spiele und Gespräche gab. Die Stimmung sei wie im Stadion gewesen, und über 600 Schüler hätten das Angebot wahrgenommen. Deshalb soll dieses Programm im nächsten Jahr fortgesetzt werden. „Wenn man es als seine Aufgabe ansieht, Sport und Kultur zu verbinden, schließt das Bildung mit ein.“

Die Filme über den Frauenfußball hatten es erwartungsgemäß nicht ganz leicht. Bezeichnend hierfür war etwa die Reaktion von Marita Dähn, ebenfalls Mitglied der Shortkicks-Jury, ihrerseits ehemalige Fußballtrainerin und Schiedsrichterin im Herrenbereich, die meinte, so ein WM-Spiel könne man schon mal gesehen haben, die aber sonst mit Frauenfußball sichtlich nichts anfangen konnte. „Wir zeigen die Frauenfußballfilme seit Jahren und werden das auch weiterhin tun. Nur die Preisverleihung ist einmalig, anlässlich der WM“, erklärt mir Jochen Lohmann. Auf der Tour werden diese Filme sogar überwiegend gezeigt werden. Der DFB möchte auf diese Weise ein Kulturprogramm in den WM-Städten etablieren, und das 11mm-Festival ist Bestandteil dessen. Auch das ist ein Erfolg für ein Filmfest, das vor acht Jahren einmal ganz klein angefangen hat.

Oberliga is pain in the ass.

Das hatte sich Trainer Bahman Foroutan im Jahnsportpark sicher ganz anders vorgestellt. Der Trainer saß in der Pressekonferenz nach dam Achtelfinalspiel zwischen BFC Dynamo und BAK wie immer mit seiner Schiebermütze, eingerahmt von BFC-Pressesprecher Martin Richter und BFC-Coach Heiko Bonan. Der große Raum in der Haupttribüne war sicher für andere Oberliga-Verhältnisse gestaltet worden. Für eine erstklassige Oberliga. Jetzt ist sie nur noch fünftklassig und es waren nur die gekommen, die es wirklich interessiert hatte: Fußballwoche, TVB und Berliner Kurier. Der Einfachheit halber blieben deshalb an den allen anderen Tischen die Stühle auf den Tischen.

Aber nicht das störte Foroutan. Seine Mannschaft, der Berliner AK, ist souveräner Tabellenführer. Nur eine Niederlage in 21 Spielen und dabei nur sechs Gegentore sind ein klares Zeichen. Trotzdem verlor der BAK das Pokalspiel 2:1 nach Verlängerung. Doppelt bitter für die Moabiter: Das Gegentor zum Ausgleich fiel erst in der 92. Minute. In der Verlängerung kam der BFC erst in der 119. Minute zum Siegtreffer. Aber Foroutan, der kurz von 1983-84 die iranische Nationalmannschaft betreute, funkelte kurz mit den Augen und sagte dann: “Mir war klar, wer dieses Spiel gewinnt, wird Pokalsieger. BFC, herzlichen Glückwunsch zum Pokalsieg. Vielleicht bekommt ihr in der ersten Runde des DFB-Pokals Bayern München.”

Den Trainer wird die Niederlage nicht so schmerzen wie den Manager vom BAK. Wer im DFB-Pokal startet, bekommt ungefähr 120.000 € als sichere Einnahme. Nichts, was ein Bundesligist merken würde. Aber für einen Oberligisten kann das schon einen Großteil des Etats ausmachen. “Normalerweise gewinnen wir immer mit einem Tor”, haderte Foroutan dann doch kurz. Seine Augen funkelten. Aber ich musste wegen Verletzungen unseren Innenverteidiger und linken Verteidiger herausnehmen. Da war klar, dass wir noch ein Tor bekommen würden.”

Foroutan weiß, dass das Problem seiner Mannschaft woanders liegt. Der Coach des BAK muss wissen, dass er eine Art van Gaal der Oberliga ist. “Wir sind schon aufgestiegen”, sagte er lächelnd. Wissend, dass nur ein zweiter Verein in der Oberliga überhaupt einen Lizenzantrag für die Regionalliga gestellt hat. Der BAK besitzt technische Fähigkeiten und ein sicheres Passpiel, das bis zur dritten Liga selten zu sehen ist. Ein frühes Führungstor des BAK, wie im Pokalspiel in der 4. Minute, reicht zum Sieg. Im Normalfall. Dann sieht der Gegner den Ball nur noch aus der Entfernung. Auch der BFC lief lange nur den Pässen hinterher. Am aktivsten war noch dessen Trainer Bonan, der wie alle ehemaligen Profis, die auf einem bestimmten Niveau spielten, bei jedem versprungenen Ball ausflippte.

Das Problem der Spielweise des BAK wird klar, wenn etwas unvorgesehenes passiert. Ein Gegentreffer zum Beispiel. Die Mannschaft hat sich durch das Spiel “Tod durch Ballbesitz” bereits in eine solche Trance gespielt, dass sie einfach nicht mehr daraus aufwacht. So geschehen beim Ausgleich des BFC in der 92. Minute. So sehr die Fans des BFC berechtigt über diesen Erfolg jubelten. Aber Olaf Seier, Trainer vom sechstklassigen SV Empor Berlin, wird nichts gesehen haben, was ihn sonderlich beunruhigen musste. Entspannt trank er sein Bier auf der Tribüne und zog an seiner Zigarette. Denn die Oberliga ist der direkte Nachbar der Berlin-Liga. Vom BFC Dynamo und dem BAK ist es also nur ein kleiner Schritt zu Empor Berlin, Eintracht Mahlsdorf oder Lichtenberg 47.

Krönung ohne Titel.

Manche Dinge passieren einfach. Mit dem Abpfiff im Berliner Olympiastadion beim Stande von 1:2 für den 1. FC Union bei Hertha BSC ist etwas passiert. Der 1. FC Union Berlin ist nach außen hin ein professioneller Verein. Er ist Teil der Vermarktungsmaschine DFL und unterwirft sich ihren Regeln.

Trotzdem rennt Dirk Zingler, Präsident des 1. FC Union, mit Abpfiff auf das Spielfeld und möchte seine Freude teilen. Trainer Uwe Neuhaus steht selbst noch unter Strom und weiß mit der menschgewordenen Freude, die vorher mal sein Vorgesetzter war, nichts anzufangen. Nebenan nimmt Teammanager Christian Beeck eine Mitarbeiterin erst in den Arm und hebt sie dann hoch. Presse- und Stadionsprecher Christian Arbeit weint. Der Moderator des Vereinsfernsehens muss sich ebenfalls Tränen aus den Augen wischen.

Nüchtern betrachtet sind sie alle Funktionsträger oder Angestellte. Betrachtet man die Menschen dahinter, sind sie zum einen vielleicht auch Fans. Aber vor allem sind sie angekommen. Aus der vierten Liga. Dort, wo es kein Geld und keine professionellen Strukturen gibt. Auf dem Rasen des Olympiastadions sind sie angekommen, wo sie hinwollten. Raus aus der Ostnische. Einen eigenen selbstbestimmten Weg beschreitend. Die Jubelschreie sind das “Wir sind wieder wer” des 1. FC Union Berlin.

Bilder: Stefanie Lamm