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“Man muss die Regionalliga unterstützen.”

Im Vorfeld des DFB-Bundestages am 21. und 22.Oktober 2010 haben wir uns mit der kontrovers diskutierten Möglichkeit einer erneuten Regionalligareform beschäftigt. Auf einem Treffen der Vertreter des Ligaverbandes DFL, der die Erst- und Zweitligaclubs vertritt, wurde dieses Thema behandelt. Für den 1. FC Union Berlin hatte der Teammanager Christian Beeck teilgenommen.

Nachdem in den Medien ein eigener Antrag der DFL als Reaktion auf die Anträge aus Bayern und durch den Westdeutschen Leichtathletik- und Fußballverband in Rede stand, haben wir Christian Beeck nach dessen Inhalt gefragt. Mit einem Ergebnis, das uns selbst überrascht hat. Im Anschluss besprechen wir einen Punkt, der in der allgemeinen Debatte um die Ligastruktur etwas untergeht: Die Nachwuchsarbeit der Vereine. Ein Thema, das Christian Beeck sehr am Herzen liegt, weswegen das Interview länger als ursprünglich geplant geraten ist.

Was war der Anlass des Treffens der DFL-Vertreter am 03.09.2010, und welche Themen standen auf der Agenda?

Anlass des Treffens waren die beiden Anträge des Bayerischen Fußballverbandes und des Westdeutschen Leichtathletik- und Fußballverbandes zur Ligastrukturreform. Zwei Anträge, die bestimmte Modelle sehen. Man kann sich die Anträge durchlesen und sieht: Da soll eine individuelle U23-Liga geschaffen werden, eine größere Regionalliga, eine flächendeckende Oberliga.

Also, für uns war es ein Cut.

Klar ist doch, dass man das große Ganze sehen muss, wie es 2000 begonnen hat. Man hat sich damals zusammengesetzt und festgestellt, wenn man mit dem deutschen Fußball so weiter macht, wird unsere Fußballnationalmannschaft die nächsten Qualifikationsrunden für die Europameisterschaft und für die Weltmeisterschaft nicht überstehen. Wir müssen etwas tun. Und demzufolge wurde etwas getan. Und es wurde eigentlich etwas richtig Gutes getan.

Es wurde wesentlich mehr Wert auf die U23-Mannschaften gelegt, so dass es eine Möglichkeit gibt, mit diesen Mannschaften auch höherklassig zu spielen. Es wurde Wert darauf gelegt, eine dritte Liga einzuführen und darunter die Regionalligen. Letztendlich dabei herausgekommen sind jetzt, 2010, bei der Weltmeisterschaft in Südafrika zum Beispiel Badstuber und Müller. Vor allem eigentlich Müller. Ein Shootingstar, der vor 18 Monaten noch in der Dritten Liga Fußball gespielt hat.

Der Ansatz der Ausbildungsphilosophie ist es, den Nachwuchskickern die bestmögliche Ausbildung zu geben, sie in den höchsten Ligen spielen zu lassen, in denen sie spielen können. Und dieser Ansatz ist aufgegangen. Dafür haben die Bundesligisten bei ihren U23-Mannschaften zum Beispiel auf die Teilnahme am DFB-Pokal verzichtet oder auf Fernsehgeldteilung in der Dritten Liga. Und, was ich gut finde, jeder DFL-Verein, der eine U23-Mannschaft hat, kann selbst entscheiden, was er mit ihr macht. In Augsburg spielt die U23 in der 6.Liga, bei Bayern München in der 3.Liga.

Das Problem bei der Geschichte ist bloß, dass, wenn diese 36 Vereine dort sitzen, wir eigentlich ganz unterschiedliche Inhalte haben. Die Global Player wie Leverkusen, Dortmund, Bayern München und so weiter haben ganz andere Inhalte als Paderborn, Union Berlin, 1860 München. Und sie haben noch einmal ganz andere Inhalte als Koblenz, die jetzt in der Dritten Liga sind, aber auch schon in der zweiten Liga waren, oder Osnabrück.

Grundsätzlich waren die Einführungen richtig, weil die deutsche Nationalmannschaft mit unserem Dachverband eigentlich über allem steht. Wenn das oben funktioniert, wenn der Kopf funktioniert, dann funktioniert auch der Rest.

Nun geht es aber um ein ganz anderes Problem: Dass die Traditionsvereine und die Amateurvereine leiden. Aber sie leiden nicht in erster Linie wegen der U23-Mannschaften. Die leiden unter anderem nicht unwesentlich darunter, dass der Spieltag am Freitag um 18 Uhr anfängt und am Montag um 22:15 Uhr zu Ende ist.

Das ist auch eine Lesart und sicherlich eines der Probleme bei den Amateurvereinen, dass man in der Konkurrenz um den Zuschauer keinen exklusiven Anstoßtermin mehr hat. Ist es das?

Ja. Es geht ja immer oben los. An die DFL werden 480 Millionen Euro zum Verteilen gegeben. Derjenige, der 480 Millionen gibt, möchte natürlich auch so transparent wie möglich übertragen und das meiste Geld damit verdienen, wenn er schon 480 Millionen zahlt. Davon haben die Erstligisten etwas, die Zweitligisten, die Drittligisten und die Viertligisten.

Noch, sagt man.

Noch. Aber selbst da sage ich: Das wird auch so bleiben. Das wird die DFL mit dem DFB zusammen nicht wegnehmen. Man muss die Regionalliga unterstützen. Das ist doch ganz klar. Wenn die Vorgabe lautet, dass die Vereine Sitzplätze brauchen, dann brauchen sie auch Geld dafür, um Sitzplätze zu haben.

Wir haben in der Regionalliga West zehn U23-Teams, im Norden fünf und im Süden 8. Da gibt es noch einmal ganz unterschiedliche Inhalte, die dieses Thema „U23“ haben kann. Aber es liegt nicht an den U23-Mannschaften. Die Regionalliga Süd hat das nachgewiesen, als beim Spiel der zweiten Mannschaften mehr Zuschauer waren als bei einem Spiel von Traditionsteams. Das ist auch schon aufgetreten. Es ist nicht so, dass durch die U23-Mannschaften dort in den Regionalligen die Zuschauerzahlen so gesunken sind. Das ist ja nicht der Fall. Die kommen genau deswegen nicht, weil Freitag 18 Uhr und Montag 20.15 Uhr angepfiffen wird.

Bei Union gab es auch schon schlimme Anstoßzeiten – Mittwoch, 13:30* …

… gegen Werder Bremen II …

… oder Lüneburg. – Also, wenn das Treffen im Prinzip die Reaktion darauf war, dass die Anträge vom Bayrischen Fußballverband und dem Westdeutschen Leichtathletik- und Fußballverband für die DFL so nicht handhabbar waren, was steht denn dann in dem eigenen Antrag, den man dann beschlossen hat?

Wenn diese Anträge bestehen bleiben, gibt es einen Eventualantrag.

Das ist der einzige, der nicht veröffentlicht ist – deshalb fragen wir. Also, der wird nur gestellt, wenn …

Den werde ich hier auch nicht veröffentlichen.

Das ist klar.

Aber die DFL wird natürlich darauf reagieren. Weil dieser Status Quo, der übrigens grundsätzlich gut ist, auch wieder weiter entwickelt werden muss. Das Problem ist, dass zu einem Spiel in der Kreisliga A nicht mehr wie vor 15 Jahren 500 Leute hingehen, sondern nur noch 50. Darum geht’s doch auch.

Es geht aber auch um solche Sachen wie Anforderungen, die an Stadien gestellt werden.

Das Thema wurde auch angesprochen. Und alle haben gesagt, dass darüber noch einmal nachgedacht werden muss, ob diese Bedingungen für alle zu erfüllen sind. Die Kommunen sind dem DFB auf das Dach gestiegen, weil jeder Regionalligist plötzlich eine überdachte Sitzplatztribüne haben musste. Das ist aber eher ein DFB-Thema. Und der DFB denkt darüber nach, die Daumenschrauben ein bisschen zu lösen und die Bedingungen angenehmer, einfacher und besser umsetzbar zu gestalten.

Zu lesen war, dass in diesem Eventualantrag steht, dass die strukturellen Bedingungen gelockert werden sollen. Im Moment ist es ja so, dass Regionalligisten auch einen Sportdirektor nachweisen müssen.

Das sind solche Inhalte, die nicht hundertprozentig zu Ende entwickelt sind, und die natürlich jetzt auf dem Prüfstand stehen. Dort muss angesetzt werden. Denn es kann nicht sein, dass ein Regionalligist in etwa dieselben Bedingungen benötigt wie ein Zweitligist. Das kann nicht funktionieren. Wer soll denn das bezahlen?

Die Vorschläge der Verbände sind beides Extrempositionen, die in Reinform nicht akzeptabel sind?

Jeder hat seinen Anspruch. Jeder. Der Regionalligist, der Oberligist, der Landesligist – aber genauso hat den Anspruch eben auch der Erstligist und der Zweitligist. Es ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber der Erstligist oder die Fußballnationalmannschaft oder der Fußball in Deutschland an sich hat immer eine höhere Priorität als der Landesligist.

Das hat eine höhere Reichweite.

Der Landesligist oder der Fußball insgesamt profitiert nur dann, wenn die Fußballnationalmannschaft funktioniert. Wenn wir ständig ausscheiden und sich das keiner mehr ankuckt, dann ist das Interesse für Fußball in den unteren Ligen nämlich auch nicht mehr so hoch.

Um auf den DFL-Antrag zurückzukommen – auch das war nirgends nachzulesen: Wurde dieser Antrag tatsächlich einstimmig beschlossen?

Bisher wurde kein Antrag gestellt. Es wurde über einen Eventualantrag gesprochen und der wurde von allen DFL Vereinen bestätigt, aber es wurde bisher kein Antrag gestellt.

Eigentlich sind der Amateurbereich und der Breitensport Aufgabe des DFB. Es kann aber nicht im Interesse der DFL sein, dass in der Regionalliga nur noch U23-Teams gegeneinander spielen. Wie schafft man da den Ausgleich?

Das ist ein großes Thema insgesamt: Transparenz und Balance. Das Geben und Nehmen muss übereinstimmen, wie in der Ehe und bei allen anderen Dingen des Lebens. Der DFL ist das auch nicht egal, was im Amateurbereich stattfindet. Ich glaube, das, was die DFL an Geld für den Amateurbereich weitergibt, ist nicht wenig. Vor allem, wenn man das mit dem Rest von Europa vergleicht.

Für mich wäre es aber viel wichtiger, die Struktur, in der wir leben, immer mehr den tatsächlichen Gegebenheiten anzupassen. Es sollten sich die Menschen zusammensetzen, die die gleichen Inhalte im Arbeitsleben haben, und dann in diesen Gruppen vernünftige Vorschläge machen, was wir jetzt benötigen, um noch besser zu sein. Genauso wie die Global Player der Branche sich zusammensetzen müssten, genauso müssten sich auch die zusammensetzen, die der Durchschnitt in dieser Branche sind. Und auch die, die im unteren Teil sind, und genauso die Regionalligisten und die Oberligisten. Ein Global Player wie Bayern München oder Bayer Leverkusen kann doch gar nicht wissen, was Darmstadt 98 gerade für Probleme hat.

Das ist wie hier in der Stadt bei Hertha und Union. Wir haben ganz andere Arbeitsinhalte. Das ist null vergleichbar. Michael Preetz hat etwas ganz anderes zu tun als ich. Er hat 20 Scouts in ganz Europa, die er alle betreuen muss. Das Thema haben wir doch gar nicht. Wir haben ganz andere Themen. Wir müssen zusehen, dass die Flüge funktionieren, die Hotels funktionieren und alle vernünftige Verträge haben. Wir müssen darauf achten, dass wir gute Wettkampf- und Trainingsbedingungen haben, dass die Rasenplätze gemäht sind, dass Kreide drauf ist und so weiter. Also ganz einfache Dinge, die am anderen Ende der Stadt selbstverständlich sind. Die einfach da sind. Da kümmern sich alle Mitarbeiter aller Bereiche jeden Tag darum, dass unsere Mannschaft beste Bedingungen nach unseren Möglichkeiten erhält.

Wenn man sich das alles so anhört, sollte man eigentlich sachlich zusammenarbeiten können. Gerade auch deshalb, weil der DFL-Bereich keineswegs homogen ist. Aber wir sehen, dass die Diskussion sehr vehement geführt wird, dass die Kompromissbereitschaft fehlt.

Das ist doch klar, wenn man solche Anträge stellt! Einfach aus dem Nichts.

Die waren nicht vorher abgesprochen?

Nein, natürlich nicht! Dass sich dann alle treffen und darüber diskutiert wird, zeigt dass alle interessiert sind. Aber unter den vorgeschlagenen Bedingungen verbessert sich nichts für den deutschen Fußball, sondern wir gehen zurück dahin, wo wir einmal waren. Also lassen wir den Status Quo, entwickeln uns in dem weiter und müssen die Bedingungen der Regionalliga natürlich überdenken – das ist Thema des DFB. Die DFL ist aber gesprächsbereit und als Ratgeber etc. gerne dabei.

Aber es gilt, was ich vorher schon sagte, die einzelnen Vereine müssten nach ihren Inhalten zusammengestellt werden oder sich zusammensetzen, um zu klären, was sie denn wirklich für Probleme haben. Der Schutz der Leistungszentren ist für mich zum Beispiel ein Riesenthema.

Das hatten wir vorhin angesprochen, Europameisterschaft 2000 und die Zurückstufung des Amateurbereichs in die Basisförderung, während die Talent- und Eliteförderung in Eliteschulen, Stützpunkten und Leistungszentren stattfindet.

Der Stützpunkt ist für mich ein Riesenthema. Wir haben 1200 Stützpunkttrainer und 40 Superkoordinatoren. Wer überprüft denn die 1200 Trainer? Wer macht denn das? Da ist man alle 8 Wochen mal bei der Trainingskontrolle. Da den Ansatz zu finden, noch mehr Intensität reinzubringen, die Trainerqualität zu erhöhen, um noch mehr rauszuziehen …

Das Programm ist ja richtig gut. Jetzt läuft es aber schon zehn Jahre, ohne dass es in irgendeiner Form verändert wurde. Dazu müsste man meiner Meinung nach Arbeitsgruppen mit einer guten Mischung an Qualitäten gründen, die diese Dinge analysieren und weiterentwickeln.

Wir haben uns das Talentkonzept angesehen und festgestellt, dass es sich vom Prinzip her nicht von den Jugendsportschulen der ehemaligen DDR unterscheidet.

Das ist doch okay.

Das war auch nicht als Vorwurf gemeint.

Es unterscheidet sich nicht. Es gibt ja auch nichts Besseres. Es gibt nichts besseres als dieses Sportförderungssystem, das es in der ehemaligen DDR gab. Die Politik lassen wir mal völlig raus. Aber das Sportthema wurde in der DDR mit den Förderungen, mit der Intensität des Trainings, top vorgelebt und top umgesetzt.

Auch im Fußballbereich?

Ja natürlich! Die Intensität zu heute ist schon eine andere gewesen. Mein Schultag hat damit begonnen, dass ich halb sechs aufgestanden bin und am Abend halb acht zuhause war, fünf Tage in der Woche und am Wochenende war Spiel.

Wahrgenommen hat man das bei Einzelsportlern, bei Leichtathleten. Bei Fußballmannschaften war das schwieriger oder?

Beim Fußball hat man natürlich nicht so eine Trainingsintensität wie bei einem Turner, bei einer Eiskunstläuferin oder bei einem Schwimmer. Aber wir hatten eine Betreuung, eine Versorgung, ein Kümmern – das ist heute nicht mehr aufzustellen, weil man die Leute gar nicht bezahlen kann.

Beispiel Union Berlin: Wir haben einen Nachwuchsleiter, der erst dieses Jahr hauptamtlich wird, einen A-Jugendtrainer, der nach fünf Jahren wieder hauptamtlich ist, einen hauptamtlichen U23-Trainer und einen technischen Leiter. Das sind vier. Wenn man zum Beispiel in der Regionalliga seine Talente mit einer U23-Mannschaft entwickeln möchte, bräuchte man denselben Stab wie eine Lizenzspielermannschaft, um es richtig zu machen. Früher war das alles automatisch vorhanden, der DDR-Sport war top strukturiert. Eine A-Jugendmannschaft hatte auch einen Physiotherapeuten, einen Mannschaftsleiter.

Sie haben als Fußballer die gesamte Jugendausbildung in der DDR mitgemacht. In der Oberliga gab es ja die Nachwuchsrunde vor den Punktspielen. Das wird ja heute immer nochmal als Modell eingebracht. Hatte das Sinn oder nicht? Es fällt uns schwer, das sportlich zu bewerten.

Der Vergleich ist schwierig, da das bereits 25 Jahre her ist. Grundsätzlich war das für uns als Jugendliche natürlich top. Wir sind mitgefahren, haben gegen die Nachwuchsmannschaft des Gegners unserer ersten Mannschaft gespielt und uns danach das Spiel der Ersten angesehen. Aber eigentlich wäre es uns angenehmer gewesen, wenn wir eine eigene Runde unabhängig von der ersten Mannschaft gespielt hätten, wie es jetzt ist.

Dann kann man auch mal gegen Bentwisch spielen, wo es auch mal ein bisschen anders zu Werke geht. Denn irgendwo hatten alle Nachwuchsmannschaften dann doch dasselbe Ausbildungssystem und die gleichen Spielsysteme. Bei Bentwisch stehen sie hinten zu viert und rumms! … Das sind doch mal Unterschiede!

Die Flexibilität, die jetzt da ist, finde ich besser und wesentlich interessanter für die Ausbildung von jungen Spielern. Das war ein Nachteil damals, weil man über Jahre hinweg gegen die gleichen gespielt hat. Man hat als 16jähriger gegen Karl-Marx-Stadt gegen den gleichen gespielt, als 17jähriger, als 18jähriger, beim Hallenturnier im Winter, beim Sommerturnier irgendwo anders – man hat immer gegen die gleichen gespielt.

Und im Zweifelsfall in der Juniorenauswahl gemeinsam.

In der Juniorenauswahl hat man gemeinsam gegen die Russen gespielt, gegen die man schon fünf Mal gespielt hat, gegen die Polen, gegen die man auch schon fünfmal gespielt hat. Und immer wieder gegen den gleichen Stürmer. Das war natürlich am Ende nicht gut.

Der Sprung in den Herrenbereich war dann zu groß für viele?

Der ist immer zu groß. Der war früher zu groß, der ist auch heute noch zu groß – obwohl es viele Vereine richtig, richtig gut machen, dass er nicht zu groß wird. Bayern München ist ein Paradebeispiel.

Aber ist es dann nicht sinnvoller, Jugendspieler zu verleihen?

Kann man ja machen.

Das würde das Problem lösen, nicht immer gegen die gleichen spielen zu müssen, wenn man die Spieler direkt in einer anderen Spielklasse unterbringt.

Aber eine eigenständige U23-Liga zu gründen? Die würde wenig Teilnehmer haben. Die Rostocker werden nicht an einer U23-Liga teilnehmen, um in Freiburg zu spielen. Wir auch nicht.

Klar, das ist eine Kostenfrage.

Und dann sind wir wieder dabei – dann trifft sich da oben die Elite. Die, die Geld haben, wenn die es wollen.

Wie sehen denn dann die Interessen von Union aus? Wenn man realistisch ist, ist Klassenerhalt immer das erste Ziel. Man muss aber natürlich auch damit rechnen, dass man absteigt. Und dann hat man selbst mit U23-Mannschaften zu kämpfen. Sind die Interessen von Union dann auch im Falle eines Abstiegs gewahrt, wenn man jetzt so agiert?

Wir haben, glaube ich, im ersten Drittligajahr nachgewiesen, dass die Dritte Liga funktionieren kann. Sogar in einem fremden Stadion. Und die Menschen haben sich ja auch an die U23 von Werder Bremen gewöhnt. Und auch an die U23 von Bayern München. Natürlich würden wir am liebsten an jedem Wochenende ein Derby gegen eine Traditionsmannschaft in der 3. Liga haben.

Wenn es um die Reduktion von U23-Teams in bestimmten Ligen geht: Es könnte sein, dass der sportliche Wettstreit für U23-Teams nicht mehr gegeben ist, wenn sie nicht aufsteigen können.

Es kommt grundsätzlich darauf an, was ein Fußballverein mit seinem Nachwuchsleistungszentrum eigentlich machen möchte. Bilde ich für den internationalen Bereich aus? Bilde ich für den nationalen Bereich aus? Oder bilde ich dafür aus, dass auch mal einer in der Mannschaft oben ankommt? Wir machen letzteres. Wir bilden ja nicht für den internationalen Bereich aus. Wir bilden auch nicht für den nationalen Bereich aus. Wir bilden dafür aus, dass ein Spieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum in den Lizenzkader rutscht und Profi wird. Weil wir gar keine anderen Bedingungen haben.

Wenn man die letzten 5 Jahre betrachtet, ist die Entwicklung des Nachwuchsbereiches bei Union wirklich gut. Alles wunderbar. Ich war dabei, als alles verändert, gekürzt und neu strukturiert wurde. Es waren am Ende nur noch zwei Hauptamtliche tätig, die den Laden geschmissen haben. Das geht für einen überschaubaren Zeitraum auch mal…. Wir sind in die A-Junioren-Bundesliga aufgestiegen. Wir sind in die B-Junioren-Bundesliga aufgestiegen. Das ging alles.

Grundsätzlich ist es für uns als Verein das Wichtigste, dass wir gute Bedingungen haben, um Jungs ausbilden zu können, die den Sprung in die Lizenzmannschaft, die erste Herrenmannschaft, packen können. Jungs, die uns dann zur Verfügung stehen. Das muss das erste Ziel sein. Alles andere ist Träumerei.

Wir haben in den letzten anderthalb Jahren die U23-Mannschaft von Union auch ziemlich intensiv beobachtet und fanden immer, dass die U23 von Union und die erste Mannschaft von den Spielklassen her viel zu weit auseinander liegen. Dass es ja wunderschön ist, wenn da jemand in der U23 toll spielt in der Berlin-Liga, aber der Sprung in die Herrenmannschaft ist so fast nicht zu schaffen.

Ist schwierig, logisch.

Und dass es natürlich sinnvoll ist, wenn man da näher aneinander rückt. Gibt es mittelfristig das Ziel Regionalliga?

Aber klar ist das ein Ziel. Ich bin immer dafür, dass unsere Ausbildungsmannschaften in den höchstmöglichen Ligen Fußball spielen. Das ist das Wunschdenken der Abteilung Sport. Auf der anderen Seite darf man natürlich die Bedingungen nicht vergessen und die Finanzierung in der Regionalliga, die erfüllt werden müssten. Was ist jetzt die Priorität? Und da steht an erster Stelle die Etablierung im DFL-Bereich und nicht der Aufstieg der U 23 in die Regionalliga.

Die Ernährung findet oben statt. Das trägt ja auch den Rest…

Genau das. Das dürfen wir nie vergessen. Wenn das oben nicht funktioniert, wenn die Lizenzmannschaft – und da rede ich ganz speziell von Union Berlin – nicht funktioniert, wird alles andere darunter auch nicht funktionieren. Nichts. Das heißt nicht, dass man sich als Lizenzspielerabteilung alles erlauben darf. Das ist sehr verknüpft mit allen anderen Abteilungen dieses kleinen, wunderbaren Vereins. Aber es muss für alle klar sein: Die Lizenzmannschaft steht an erster Stelle. Dann kommt der Rest. Manchmal tut es mir selbst weh, weil ich das ja selbst durchlaufen habe. Ich habe das mitgemacht und kenne das auch sehr gut. Aber es geht nicht anders.

Eine persönliche Einschätzung: Ist Union unter den Top 36 in Deutschland in Sachen Nachwuchsarbeit?

Na, absolut! Wir haben zwei Sterne bei der Zertifizierung bekommen. Wir haben Top-Bedingungen.

Zwei Sterne von wievielen?

Von dreien. Wir sind besser als mancher Bundesligist, von den Abläufen, von den Strukturen, von der Dokumentation, von der Intensität. Aber ich sage trotzdem, es geht noch mehr. Es geht immer noch mehr. Und wir haben viele gute Sachen gemacht in den letzten drei, vier Jahren – seit Theo Gries und Lutz Munack zusammen gearbeitet haben. Wir haben es geschafft, dass in unserem Nachwuchsbereich die Jungs am Vormittag von den Trainern trainiert werden, die sie auch am Nachmittag trainieren. Bei Hertha ist das zum Beispiel anders.

Wir haben uns den Trainingsplan von Herthas U23 auch angeschaut.

Es ist dort anders. Es sind dann welche von Tennis Borussia dabei, weil die alle in eine Schule gehen, in eine Klasse. Bei uns war das auch so, da haben Dirk Berger und Gunnar Heinrich unsere Jungs vormittags trainiert. Und nachmittags sind sie zu Engin Yanova und Theo Gries gegangen. Das war ein Vorgang, der konnte nur durch die Eliteschule des Fußballs geändert werden, weil da der Träger gewechselt hat. Vorher war es der Berliner Fußballverband. Die Struktur war nicht korrekt. Es darf niemals sein, dass eine Mannschaft von zwei Trainern trainiert wird. Dann wird das System, das an sich richtig ist, nicht richtig umgesetzt. Aber so, wie es jetzt ist, sind wir richtig gut aufgestellt.

Hermann Andrejew hat jetzt hauptamtlich die Leitung übernommen, Theo Gries als U23-Trainer hatte die vorher noch zusätzlich mitgemacht?

Theo Gries ist Trainer der U23, und hatte auch gleichzeitig das Nachwuchsleistungszentrum geleitet. Unterstützt durch Lutz Munack als technischen Leiter, der administrative Dinge macht, die ganzen Dokumente zusammenstellt und so weiter. Aber nach wie vor ist es so, dass wir viel zu viel Arbeit haben und viel zu wenig Menschen.

Wenn man den Vergleich ziehen möchte: Nach der Umstrukturierung beim DFB im Anschluss an die Europameisterschaft 2000 hat es etwa acht bis zehn Jahre gedauert, bis es den ersten sichtbaren „Ertrag“ gab. Setzt man sich das Fenster bei Union auch so? Vorausgesetzt, die Lizenzmannschaft hält die Klasse.

Was heißt Ertrag? Ertrag heißt ja bei uns, dass Spieler oben ankommen. Ich glaube, wir haben eine richtig gute Durchlässigkeit, zum jetzigen Zeitpunkt.

Ob das so bleibt, ist natürlich nicht von der A-Jugend, der B-Jugend, der C-Jugend oder der D-Jugend abhängig, sondern von dem, der sie sichtet, mit sechs, sieben oder acht Jahren. Ob sie dieses Bewegungsmuster für Fußballer haben. Das ist das Entscheidende. Daran können die Trainer ausbilden. Klar kann man dann noch viele Dinge tun. Aber dieses ursächliche, instinktive für Fußball, was Raum und Zeit und Orientierung und das periphere Sehen bringt – in der D-Jugend lernt man davon nichts mehr. In der A-Jugend kann man nur noch etwas an den physischen Dingen tun. Grundvoraussetzungen, Passspiel, Finden – das kann man alles perfektionieren. Aber da noch einmal Bewegungsabläufe beibringen, Handlungsschnelligkeit, Handlungsmuster, …

Und dann das Wichtigste von allem: Wenn die Persönlichkeit nicht stimmt, dann fehlt etwas ganz wesentliches. Oberster Punkt im Fußball ist die Persönlichkeit. Denn wenn man vor 40.000 Fußball spielt und kann nicht einmal vor 25 Leuten Guten Tag sagen, und sagen, wie man heißt, dann braucht man nicht beginnen.

Da müssen wir ansetzen – dass das Typen sind. Die sicherlich polarisieren, aber trotzdem total integriert sind und Regeln akzeptieren. Aber trotzdem Typen sind. Doch solche Jungs heranzuführen, auszubilden, zu sehen, zu finden – das können nur Leute, die nicht vom Himmel fallen. Die kosten auch schon wieder richtig Geld.

Man sieht so etwas schon bei Fünf-, Sechsjährigen?

Ja, das erkennt man. Das haben sie bei uns früher auch gemacht. Aus meiner Klasse, aus meinem Jahrgang, aus meiner Schulklasse KJS Wasserfahrsport, 7.Klasse, sind drei Spieler von sechs Bundesligaprofi geworden: Martin Pieckenhagen, Marko Rehmer und ich. Und wenn ich noch hinübersehe nach Hohenschönhausen: Angelo Vier und Stefan Beinlich. Fünf. Aus einem Jahrgang. Aus einem einzigen Jahrgang in einer Stadt. Heute ist es so: Man stellt eine Million Sechsjährige hin. Es gibt 900 Bundesligaspieler, 450 aus dem Ausland, 450 aus Deutschland, geteilt durch 36 –das sind etwa 15 Spieler pro Mannschaft durch 18 Jahrgänge in dieser Mannschaft. Ich denke das sagt alles!

Da hätten wir mehr erwartet.

Deswegen brauchen die Spieler, die es werden könnten, die beste Ausbildung und besten Bedingungen nach den jeweiligen Möglichkeiten. Die Ausbilder müssen es Ihnen vorleben können mit Begeisterung auf Augenhöhe, mit hoher Disziplin und knallhartem Training, Freude und Leidenschaft. Diejenigen zu finden, die das können, ist mit das Schwierigste was es gibt. Hermann Gerland ist ein Beispiel…

Als Union in der Dritten Liga spielte, hat Bayern II viel Freude gemacht.

Das haben sie… Aber dort werden Persönlichkeiten entwickelt mit hohen fußballerischen Fähigkeiten. Dieses Training, diese Intensität möchte niemand erleben. Ede Geyer – das ist das gleiche in Grün gewesen. Klar sind alle die dort trainieren durften auch ein bisschen verrückt. Aber das geht nur so.

Man ist ein Künstler. Genau wie Musiker oder Schauspieler. Am Ende ist das nichts anderes. Eine Million Sechsjährige wollen Schauspieler werden, und es werden am Ende auch nur drei in einer Stadt.

*Die Anstoßzeit für das Heimspiel gegen Lüneburg im Jahr 2000 kam auf den Wunsch des 1. FC Union Berlin zustande, der die Winterpause durch ein Vorziehen des Spiels verlängern wollte.

Rede und Antwort stehen

Der Stadtteil Oberschöneweide war einmal so etwas wie der industrielle Pulsschlag von Berlin. Wo aber einst Läden standen, finden sich nun Automatencasinos und Dönerbuden. Um die Lenkung des Wandels kümmerte sich bis 2007* ein Quartiersmanagement. Von der ursprünglich prägenden Industrie ist nicht viel geblieben. Das ehemalige Fabrikgelände von AEG und später Kabelwerk Oberspree (KWO) heißt nun Campus Wilhelminenhof der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Gegenüber in einer Kneipe lädt Moderator Tino Czerwinski zu Saisonbeginn immer Teammanager und Trainer zum Fantreffen des 1. FC Union Berlin ein.

Manager Christian Beeck, Moderator Tino Czwerwinski, Trainer Uwe Neuhaus

So, wie es für den VfL Bochum schon günstigere Momente für Jahreshauptversammlungen gegeben hat, ist auch die Situation für Teammanager Christian Beeck und Trainer Uwe Neuhaus bereits einmal rosiger gewesen. In Vereinskreisen hatte man nicht das “allerlustigste Fantreffen” erwartet. Nun ist es nicht so, dass sich die beiden Verantwortlichen für den Profibereich vor Schulterklopfen nicht mehr hätten retten können. Aber dass die Veranstaltung beinahe kuschelig verlief, war überraschend. Das lag zu einem wesentlichen Teil an der selbstkritischen Analyse des Trainers.

Dieser ordnete die erste Zweitligasaison in zwei Teile ein. Die erste Saisonhälfte sei überdurchschnittlich und die zweite unterdurchschnittlich verlaufen. Christian Beeck hingegen erklärte den Anwesenden, was richtiger Abstiegskampf sei. Und so fiel auch sein Fazit zum ersten Jahr in der zweiten Liga aus: “Das war eine schöne ruhige und gemütliche Saison.” Der Manager kam den Anhängern mit viel Witz und Verve, während Neuhaus sachlich und ruhig analysierte. Es ist genau diese Mischung, die die Anspannung von Beginn an löst und jeglichem Missfallen den Wind aus den Segeln nimmt.

Uwe Neuhaus erläuterte die Saisonvorbereitung und die Arbeitsteilung im Trainerstab. Dabei glitt er nie ab in die übliche Sprache, die Pressekonferenzen vor und nach Spielen so austauschbar macht. Zwar gab es in der Substanz nicht viel Neues zu hören, aber für die anwesenden Fans war es die Möglichkeit, sich einmal ein ungefiltertes Bild zu machen.

Die Systemfrage stellte sich Uwe Neuhaus zwar auch. Aber er machte sie für sich abhängig vom vorhandenen Spielermaterial. Entscheidend sei, wie sich die Spieler auf dem Platz bewegen und das System mit Leben erfüllen würden. Daher sei die Diskussion um Systeme für ihn überschätzt. Das Kernproblem liegt für den Trainer seit geraumer Zeit in der Verwertung der Torchancen. In der vieldiskutierten Frage nach der Aufstellung des schon lange glücklosen Stürmers John-Jairo Mosquera nahm sich Neuhaus auch selbst nicht von der Kritik aus: “Vielleicht habe ich zu lange an ihm festgehalten.” Er verwies aber auch auf die anderen Stürmer, die in der gleichen Zeit ähnlich erfolglos waren. Die Spieler im Sturm seien momentan nicht am Leistungslimit, und das sei natürlich auch die Verantwortung des Trainers. Und er fühle sich persönlich auch dafür verantwortlich.

Vereinspräsident Dirk Zingler beim Fantreffen am 5. Oktober 2010

Angesprochen auf den “Kapitänsfluch” hatte Uwe Neuhaus eine unkonventionelle Lösung parat: “Wir müssen nur irgendeinen suchen, den wir zum Kapitän machen können, aber eigentlich gar nicht brauchen.” Während an anderen Orten bei Tabellenplatz 15 und dem Beisammensein von Fans, Manager und Trainer eine explosive Stimmung herrscht, wurde in der Kneipe viel gelacht. Auch Vereinspräsident Dirk Zingler, der zwischen den Zuschauern saß, machte einen gelösten Eindruck. Vielleicht liegt das daran, dass spürbar ist, dass die Verantwortlichen im Verein daran arbeiten und die Situation nicht auf die leichte Schulter nehmen. Vielleicht hat der durchschnittliche Unionanhänger auch genug Misserfolg erlebt, so dass ein 15. Tabellenplatz keinen Angstschweiß mehr auslöst. Christian Beeck hat dazu seine persönliche Einstellung: “Wir müssen nicht in jedes Stück Holz beißen, das herumliegt. Ich habe als Spieler 15 Jahre lang Abstiegskampf mitgemacht. Wenn ich mich da jedes Mal nach einer 4:1 Niederlage in Freiburg zerfressen hätte bis Donnerstag, dann hätte ich jetzt schneeweiße Haare.”

* Der Hinweis auf das 2007 beendete Quartiersmanagement kam von Sterni Peng auf Facebook. Danke.

Kleeblätter bringen kein Glück.

Fehlstart. Stotterstart. Das verflixte zweite Jahr. – Es gibt einige Begriffe, die momentan auf das sportliche Auftreten von Unions Profis passen. Zum ersten Pflichtspiel im heimischen Stadion herrschte eine gespannte Atmosphäre, die ganz dem Gewusel und aufgeregtem Geschnatter in den Berliner Schulen entsprach, wo am Samstag die Erstklässler eingeschult wurden. Nach dem Spiel musste enttäuscht festgestellt werden, dass auch dieses Jahr die gleichen Schwächen wie die Vorsaison bereithält. Und so bleiben zwei Wochen, um die richtige Taktik auszuknobeln, die gegen Paderborn den ersten Sieg bringen soll.

Podcast zum Spiel

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Bilder: Stefanie Lamm

Jetzt geht wieder alles von vorne los.

Zum offiziellen Trainingsauftakt prasselte die Sonne so kräftig von oben, dass die Würstchen schnell gewendet werden mussten, damit sie sich an der Kohleglut abkühlen konnten. Auch die zahlreichen Zuschauer beim Training, die Zahlen schwanken zwischen 1000 und 3000 Besuchern, suchten ihr Heil im Schatten der kleinen Haupttribüne. Kurzzeitig sorgten die Ordner für Verwirrung, als sie den Zuschauern die mitgebrachten Getränkeflaschen abnahmen. Dafür gab es dann eine wortreiche Entschuldigung von Vereinsseite, die das Malheur zum eigenen Bedauern erst spät bemerkte.

Torhüter beim Aufwärmen Trainingsauftakt 12.07.2010

Trotzdem war die Stimmung sowohl auf den Rängen als auch bei den einzeln vorgestellten Spielern und Mannschaftsbetreuern ausgelassen. Die drei Torhüter führten ihre Trikots in jeweils unterschiedlichen Farben vor. Dabei ragte der neuverpflichtete Marcel Höttecke von Dortmunds U23 nicht nur wegen des schwarzen Jerseys heraus. Seine Statur ließ ein breites Gemurmel bei den Anhängern erklingen.

Nach einem kurzen Aufwärmprogramm gab es ein Trainingsspiel zwischen roten und grünen Trikots. Während grün zunächst die bessere Figur machte und schnell 2:0 durch Tore von Jérôme Polenz Chinedu Ede (Danke für den hinweis im Kommentar) und John-Jairo Mosquera führte, zeigte die rotgewandete Mannschaft Steherqualitäten. Den Anschlusstreffer markierte Halil Savran und den Ausgleich der zunächst mit sich unzufrieden wirkende Karim Benyamina. Aber wirkliche Rückschlüsse konnte man aus dem Spiel nicht ziehen. Vielleicht nur den, dass, sollte die Mannschaft von Verletzungen verschont bleiben, das spielerische Element offensichtlich gestärkt wurde.

Pressesprecher Christian Arbeit interviewte beim Auslaufen die einzelnen Neuzugänge. Beim Doppel Ahmed Madouni und Santi Kolk mischte sich nach einer Bemerkung des Niederländers über die Trainingsmethoden Uwe Neuhaus ein.

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Nach dem Spiel nahm sich Trainer Uwe Neuhaus etwas Zeit, um Stellung zu verschiedenen Themen zu geben.

Erster Eindruck von Santi Kolk

Er hat die Woche in Oberhof nicht mitmachen können, weil die Sache da noch nicht perfekt war. Wir wollen ihm ein bißchen Zeit geben, um sich einzufinden. Im Trainingsspiel war das nicht einfach, da er nicht wußte, was er machen soll. Er wollte der Rolle, die von ihm erwartet wird, gerecht werden. Aber man hat gesehen, dass das nicht nur auf ihn, sondern auch auf die anderen zutrifft, die hier auch mal wieder den Ball gesehen haben. Den einen oder anderen hat es gewundert, dass der Ball noch rund ist.

Einschätzung zu Halil Savran

So, wie ich ihn kennengelernt habe und wie er sich im Trainingslager und im heutigen Spiel gegeben hat, ist er von seinem Naturell her ein absoluter Kämpfertyp. Er beißt sich in die Aufgabe hinein, steckt nie auf und kann der Mannschaft durch seinen unbedingten Einsatzwillen sicherlich weiterhelfen. Er selbst ist ja aufgestiegen und weiß, dass es für ihn schwer wird. Aber er ist bereit, jede Aufgabe anzugehen und ich bin davon überzeugt, dass er jede Woche seine Chance suchen wird. Er wird immer wieder angreifen und die anderen Stürmer unter Druck setzen.

Ich weiß nicht, ob er am ersten Spieltag dabei sein wird oder am zweiten oder dritten. Aber auf eines ist Verlass: Auf seine Mentalität und seine Einstellung. Er steckt nie auf.

Das zweite Jahr ist das schwerste

Ist das so? – Es könnte sein, wenn man die Aufgabe nicht konzentriert genug angeht und sich auf der sicheren Seite wähnt. Das betrifft jeden einzelnen Spieler, aber auch den Trainerstab. Wenn wir in der täglichen Trainingsarbeit unsere Aufgaben vernachlässigen, dann kann das zweite Jahr nicht nur das schwierigste, sondern auch das letzte sein.

Aber dessen sind wir uns bewusst. Wir werden die Sache so angehen, dass wir die Mannschaft in die Pflicht nehmen, jeden Tag ordentlich und gründlich zu arbeiten. Und dann bin ich davon überzeugt, dass wir eine gute Saison spielen.

Das Derby gegen Hertha früh in der Saison

So gehe ich nicht an die Sache heran. Mir ist es egal, wann wir Hertha zu Hause hoffentlich schlagen. Wir dürfen die Saison nicht auf zwei Spiele reduzieren. Schon beim ersten Spiel in Aachen müssen alle Lampen glühen. So müssen wir in die Saison gehen. Wir dürfen nicht darauf warten, dass irgendwann Hertha kommt und dann irgendwann das Rückspiel. Da verpassen wir den Rest der Saison.

Ruhe bewahren

Fantreffen. Es ging um das Thema “Fußball und Recht”. Und neben dem Moderator Tino Czerwinski nahmen noch der Sicherheitsbeauftragte des 1. FC Union Berlin, Sven Schlensog, Mario Bartels von der Einsatzgruppe Hooligans der Berliner Polizei und der Rechtsanwalt Dirk Gräning teil. Gräning hat im Vorfeld in einem Dossier häufige Tatbestände aufgeschlüsselt und an Beispielen erläutert.

Die Reizthemen sind klar: Wer legt fest, was ein Risikospiel ist, und was bedeutet das eigentlich? Wie kommt es zu Stadionverboten, und welche Möglichkeiten gibt es, dagegen vorzugehen? Wer wird in das Zentralregister Gewalttäter Sport aufgenommen, und wie kommt man da wieder raus? Die Stimmung ist umso gereizter, je jünger die Anwesenden sind. Der Moderator versucht, die verkrampfte Stimmung etwas zu lockern, indem er eigene Erfahrungen anbringt. Allerdings hinken die Anekdoten, da sie größtenteils in der DDR spielen und damit in einem komplett anders verfassten Staat. Dass gerade Berliner es in der DDR nicht einfach hatten, wenn sie sich außerhalb der Hauptstadt bewegten, kommt hinzu. Daher kamen diese Erzählungen – und das ist nicht despektierlich gemeint – an, als ob Opa vom Krieg erzählen würde.

Risikospiele

Interessant, wenn auch im Kern nicht hilfreich für die Belange der einzelnen Anhänger, waren die Ausführungen von Sven Schlensog, wie es zu den Einschätzungen von Risikospielen kommt. In einer Sicherheitsberatung wird der Erkenntnisstand des Vereins und im Zweifelsfall der der Berliner Polizei und des Gastvereines ausgewertet. Dazu kommt eine Umfrage vor der Saison durch den DFB, in der die einzelnen Vereine gebeten werden, die zu erwartenden Gastvereine und das Verhältnis zu beschreiben. Es liegt dabei auf der Hand, dass diese Einschätzung durch den Saisonverlauf immer überholt wird. Der Entscheidung “Risikospiel” folgen dann eine bis mehrere Sicherheitsbesprechungen mit der Polizei. Dabei kann es sein, dass dem für den 1. FC Union Berlin zuständigen Abschnitt 66 die Vollmacht für den Einsatz entzogen und an eine andere Stelle vergeben wird. Es ist also nicht so, dass die Personen bei Polizei und Verein, die sich von der Arbeitsebene gut kennen, zwangsläufig auch beim Einsatz bzw. bei den Sicherheitsbesprechungen miteinander zu tun haben werden.

Auch das Spiel gegen den FC St. Pauli wird ein Risikospiel sein. Denn ein Risikospiel muss nicht aus einer Rivalität der Fangruppen herrühren. In diesem Fall sei es ein Risikospiel aus organisatorischer Sicht, erklärt der Sicherheitsbeauftragte. Im Blickpunkt steht dabei das ausverkaufte Stadion an der Alten Försterei und die damit verbundenen Anforderungen bei der An- und Abreise. Außerdem das Unwissen, ob Karten aus dem Heimkontingent nach Hamburg verkauft wurden. Dies könne bei entsprechendem Verlauf der Partie unerfreuliche Auswirkungen haben. Aus polizeilicher Sicht würde noch das politische Engagement der Anhänger St. Paulis eine Rolle spielen. Dies allerdings nicht rund um das Fußballspiel, sondern in der Beobachtung der Gästefans nach dem Spiel. Was der Beamte von der Einsatzgruppe Hooligans damit meinte, ließ er offen.

Aus der Einschätzung Risikospiel ergeben sich unterschiedliche Auflagen. Dies kann eine Kapazitätseinschränkung des Stadions sein, eine Erhöhung der Ordnerzahl oder ein Alkoholverbot im Stadion. Interessanter Fakt dabei: Der DFB untersagt prinzipiell den Alkoholausschank bei Spielen der oberen Ligen. Allerdings gebe es Ausnahmeregelungen. So habe laut Schlensog der 1. FC Union eine Ausnahmegenehmigung erhalten die als Auflage vorsieht, bei Wünschen durch die Polizei den Ausschank einzuschränken. Zusätzlich zu den Vorkehrungsmaßnahmen gibt es meist vor der Stadionöffnung noch eine kurze Besprechung, die auf die Witterung und die Anreise der Gästefans Bezug nimmt.

Was bei dem betriebenen Aufwand etwas wundert: Es gibt keine vorgeschriebene Evaluation der getroffenen Maßnahmen nach dem Spiel. Diese betreibt die Polizei zum Beispiel alleine. Jeder kennt die Argumentation der unterschiedlichen Polizeigewerkschaftler, die bei Vorfällen von zu wenig Einsatzkräften sprechen und bei ausbleibender Eskalation dies der Präsenz der eingesetzten Polizeibeamten zugute halten. Gerade um dieser Law & Order Sicht etwas entgegenzusetzen, wäre eine sachliche Überprüfung der getroffenen Maßnahmen nach Risikospielen sinnvoll. Sven Schlensog schloss mit der Bemerkung, dass er aus heutiger Sicht bestimmten Wünschen der Polizei nicht mehr unbedingt Folge leisten würde, da diese anderweitig zu einer Gefährdung der Zuschauer führen könnten.

Platzverweis

Was die Gäste beim Fantreffen wirklich umtrieb, waren allerdings Maßnahmen, von denen sie im Einzelfall selbst betroffen sind. Zunächst stellte Rechtsanwalt Gräning fest, dass durchaus eine vermehrte strafrechtliche und verwaltungsrechtliche Auseinandersetzung festzustellen sei. Prinzipiell bewege man sich als Fan, gerade bei Auswärtsfahrten in einer größeren Gruppe, in einem strafrechtlich gefährlichen Bereich. Dass ein seit Jahrzehnten als vermeintliches Kavaliersdelikt geltender Umstand wie Schalklau strafrechtlich als Raub verfolgt wird, erstaunte auch den Moderator. Aber jenseits davon gab Gräning Hinweise, wie man sich zum Beispiel beim Aussprechen eines Platzverweises zu verhalten habe. Es gibt dafür kein Widerspruchsrecht, sondern der ausgesprochene Platzverweis tritt sofort in Kraft. Zwar sollte man von dem jeweiligen Beamten Auskunft darüber bekommen, warum der Verweis ausgesprochen wurde, für welchen Zeitraum und Ort er gilt. Allerdings wurde von allen Beteiligten davon abgeraten, sich auf Diskussionen einzulassen, da ein Nichtbefolgen dieses Platzverweises bereits verfolgt würde. Der Platzverweis an sich hat noch keine Konsequenzen.

Stadionverbot

Stadionverbote betrachtet der Rechtsanwalt als verwaltungsrechtlichen Nebenaspekt, wobei die betroffenen Anhänger diesen als deutlich schwerwiegender wahrnehmen würden. Die Vereine werden mit der Akzeptanz der Lizenzunterlagen zu einer Kooperation mit der DFL und dem DFB gezwungen, die sich aus den Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen ergibt. Diese Kooperationspflicht besteht momentan für die obersten vier Ligen. Bei Union wird laut Schlensog weitestgehend versucht, vor der Aussprache von Stadionverboten den Betroffenen eine Anhörung vor den Vereinsgremien zu ermöglichen. In eindeutigen Fällen würde allerdings das Stadionverbot ausgesprochen, und der Betroffene könne im Nachhinein auf eigenen Wunsch angehört werden. Auf keinen Fall würden diese Prüfungen, zu den die Anhörungen gehörten, wie bei anderen Vereinen durchaus üblich, an Kanzleien ausgelagert werden. In diesem Zusammenhang machte der Sicherheitsbeauftragte auf die momentane Situation aufmerksam, in der ein solches defensives Verhalten auf dem absteigenden Ast sei. Verantwortlich sei dafür die Spirale, an der zur Zeit Fans und Polizei drehten. Er mahnte daher zur Vorsicht, was jede Aktion betreffe, da sich damit vermeintlicher Regelungsbedarf für Politiker ergebe, die keine Berührungspunkte zum Thema Fußballfans hätten. Als Beispiel nannte er die Sitzung des Innenausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses nach dem Platzsturm im Olympiastadion.

“Gewalttäter Sport”

Ein weiteres Thema war die Erfassung von Personen bei der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze in der sogenannten Datei “Gewalttäter Sport”. Darin erfasst werden ein Katalog von Straftaten rund um Sportveranstaltungen. Auskunft über einen möglichen Eintrag bekomme man laut Bartels, indem man einen Antrag auf Auskunft beim jeweiligen Landeskriminalamt stelle. Unzufriedenheit mit der Datei in der praktischen Polizeiarbeit wird geäußert, da einige Dienststellen jede Straftat in der räumlichen und zeitlichen Nähe einer Sportveranstaltung dort erfassen würden. Damit würde diese Datei durch Datenmüll unbrauchbar. Ob das stimmt und welchen Nutzen diese Datei wirklich hat, war an diesem Abend nicht zu erfahren. Von Rechtsanwalt Gräning kam die beruhigende Auskunft, dass ein Eintrag in der Datei keinerlei Einfluss auf Verurteilung bzw. Strafmaß in einem Verfahren hätte.

Bei den Fragen war die Frustration vieler Anwesenden spürbar, die sich erhofft hatten, Klarheit zu Einzelfällen zu erfahren. Das funktionierte, wenn konkrete Sachverhalte unabhängig vom entsprechenden Einzelfall nachgefragt wurden. Woran zum Beispiel der Beamte zu erkennen sei, der bei einem Einsatz wirklich etwas zu sagen hätte. Dazu erklärte Bartels, der den ganzen Abend einen sehr ruhigen Eindruck machte, dass bei behelmten Polizisten dieser Beamte einen circa drei Zentimeter breiten Streifen auf dem Helm tragen würde. Bei unbehelmten Beamte sei dies schwieriger. Dort würde man diese an drei Kreisen auf dem rechten Arm erkennen. In der Diskussion war auch die Resignation spürbar, als Anwalt Gräning von den Verfahren nach einem von vielen als überhart empfundenen Einsatz in Paderborn erzählte. Zwar seien fast alle Verfahren eingestellt worden. Doch betreffe das auch die Verfahren gegen die Polizei, da nur wenige der Aufforderung nachgekommen seien, Video- und Fotomaterial als Beweismittel abzugeben. Für Aufsehen hatte in Paderborn gesorgt, dass lokale Einsatzkräfte einen Berliner Beamten der Einsatzgruppe Hooligan verletzten.

Zum Abschluss mahnte der Sicherheitsbeauftragte des Vereins nochmals mehrfach, Situationen vor Ort zu “entemotionalisieren” und lieber im Nachhinein zu klären. Das hätte zwar nicht immer Aussicht auf Erfolg, würde aber auch nicht zu Lasten der Anhänger gehen. Bezeichnend, dass daraufhin ein emotionaler Disput zur Entemotionalisierung folgte.

Ein eigentliches Problem bei diesem ganzen Thema ist der mangelnde Respekt und das fehlende Verständnis von unterschiedlichen Seiten der anderen Seite gegenüber. Von polizeilicher Seite gibt es zum Beispiel bis heute aufgrund der föderalen Struktur keinen Ansprechpartner für bundesweit vernetzte Faninitiativen. Das ist eindeutig fehlender politischer Wille. Auch die Unfähigkeit, sich manchmal lieber zurückzunehmen, spielt in dem Konglomerat Fans, Verbände, Polizei, Medien und Polizeigewerkschaften eine große Rolle. Dazu konnte diese kleine Veranstaltung sicherlich nur wenig beitragen. Was sie aber durchaus geschafft hat, ist die Vermittlung von Wissen, wie bestimmte Entscheidungen zustande kommen. Ein Wunsch wäre, in Zukunft durchaus offensiver mit solchen Entscheidungen wie Risikospiel umzugehen und zu erläutern, aus welchem Grund welche Maßnahmen ergriffen worden. Dass den Anhängern der einzelnen Klubs dabei selbst eine gewichtige Rolle zukommt, überzogenen Forderungen den Wind aus den Segeln zu nehmen, ist leider noch nicht überall angekommen.

“Das ist kein Mainstream.”

Robert Müller von Vultejus von UFA Sports stand nach der offiziellen Pressekonferenz Sebastian Fiebrig (Textilvergehen) und Mathias Bunkus (Berliner Kurier) für einige Nachfragen zur Verfügung.

Sie haben mehrfach auf die Wichtgkeit der langfristigen Vereinbarung zur Stundung der Darlehen zwischen Kölmel und Union hingewiesen. Sind solche Deals aus Vermarktersicht nicht lukrativ?

Das sind Einmaleffekte, die es mal gegeben hat. Sei es die bei Borussia Dortmund mit den 50 Millionen Euro, Hertha oder beim HSV die Finanzierung des Stadions. Da schafft man sich in der Sekunde aus Vermarktungssicht zwar einen Wert, weil man da einen Gegenwert in Form eines 10-Jahresvertrag bekommt. Aber am Ende ist es ja so, dass der Verein ja auch das Netto braucht, um am Ende sportlich wettbewerbsfähig zu werden. Und das ist natürlich immer schwierig, wenn ich mit diesen Altlasten zu kämpfen habe. Da ist Kölmel kein Einzelfall und Union kein Einzelbeispiel. Da gab es viele verschiedene Fälle. Und ich glaube, dass die Vereine, die daraus gelernt haben und sich vielleicht ein bißchen langsamer dafür aber kontinuierlicher entwickeln als andere, wettbewerbsfähiger sind. Siehe Bayern München. Die haben diese Fehler nie in dem Maße begangen. Und von daher glauben wir auch, dass diese Partnerschaft mit Union auf extrem gesunden Füßen steht, weil jeder weiß, was er von dem anderen erwarten kann und erwarten muss. Und das basiert eben nicht auf einer Finanzierungsform wie in der Vergangenheit.

Wenn die Finanzierung des Stadions wider Erwarten nicht klappt, wäre die UFA Sports bereit, da Entsprechendes in die Wege zu leiten?

Das sind Dinge, die wir nie diskutiert haben, weil uns der Verein glaubhaft versichert hat, das alleine stemmen zu können.Von daher gehen wir auch davon aus, dass die Haupttribüne innerhalb der nächsten zwei bis drei Saisons steht.

Bei wievielen Vereinen außer St. Pauli und Union sind sie bisher in der Vermarktung engagiert?

Das war es. Wir arbeiten noch mit anderen Vereinen und Verbänden zusammen. Aber das eher international für die Vermarktung der Europa League und von Qualifikationsspielen. Wir haben ein Büro in Bratislava, wo wir den gesamten slowakischen Fußball vermarkten. Die sind jetzt auch WM-Teilnehmer. Das sind TV-Rechte, Marketing von Liga und auch Nationalmannschaft.
Aber wir streben nicht nach Größe der Größe wegen sondern weil wir auch Spaß an den Themen haben. Zum Beispiel unser Engagement beim FC St. Pauli. Das ist für uns jeden Tag wieder Spaß.

Union und St. Pauli sind aber auch Vereine, bei denen die Vermarktung einfacher ist, weil sie als Marke etabliert sind.

Sie ist anders. Ich weiß nicht, ob sie einfacher ist. Das ist kein Mainstream, was man hier verkauft. Es gibt bestimmte Dinge, die sich gegenseitig ausschließen. Also Vattenfall zum FC St. Pauli zu bringen zum Beispiel [Anmerkung: Vattenfall betreibt zwei Kernkraftwerke in Norddeutschland]. Das würden wir nicht einmal versuchen, weil das nicht funktionieren würde. Das wäre für Vattenfall der falsche Klub. Aber das wäre auch für St. Pauli der falsche Partner. Dafür gibt es andere Marken, die dann richtig gut passen und sowohl für den Verein als auch für das Unternehmen die Ziele erreichen lassen. Das sehen wir beim FC St. Pauli einfach jeden Tag.
Man muss sich einmal diese Erlebniswelt anschauen. Die ist an den Spieltagen durchaus vergleichbar. Jeder Kunde, auch Hospitality-Kunde, den man einmal hier mit zum Heimspiel bringt, der geht danach nicht nach Hause und sagt: “Das hat mich nicht berührt” oder “Das war mir egal.” Das ist schon ein Thema, mit dem man die Leute begeistern kann.
Man stelle sich tatsächlich mal vor, Hertha schafft es nicht und steigt ab. Dann hat man eben auch das Problem Olympiastadion mit den vielen Plätzen. Ein Heimspiel gegen Ahlen. Und dann frage ich mich: “Will ich dazu meine Kunden einladen? Ist das für die ein toller Samstag- oder Sonntagnachmittag, an dem sie auch mit einem tollen Gefühl nach Hause gehen?” Das kann ich hier immer bieten. Und zwar ligaunabhängig.

Wenn die Vermarktung nicht einfacher ist, was ist dann daran schwieriger?

Es ist natürlich so, dass jeder Verein, der Ecken und Kanten hat, auch polarisiert. Es gibt bestimmte Unternehmen, die sagen: “Das deckt sich nicht mit meinen Werten und ist dadurch für mich nicht relevant.” Wenn ich einen Verein biete, der sich an die Masse wendet. Und dem Unternehmen geht es nur um die Aufmerksamkeit, um die Fernsehzahlen, dann ist das vielleicht eher ein Engagement für die. Von daher muss man ein bisschen genauer hinschauen und ein bisschen genauer suchen. Aber wenn man dann den richtigen Partner gefunden hat, dann glaube ich eben auch, dass man langfristige und tolle Engagements findet, die beiden Seiten Spaß machen.

“Dieser Film ist keine Propaganda.”

In seinem Film “Das Rudel” begleitet Regisseur Alexander Schimpke die Ultras vom Wuhlesyndikat an zwei Spieltagen. Der Streifen erhielt letztes Jahr beim Dokumentarfilmfestival in Leipzig eine “lobende Erwähnung” durch die Jury. Nach der Vorstellung des Filmes beim 1. FC Union Berlin Abend des Fußballfilmfestivals 11mm kamen einige Fragen auf, die wir an Alexander Schimpke weitergereicht haben.

An Ihrem Film „Das Rudel“ wurde bemängelt, dass es kein richtiger Dokumentarfilm sei. Es wird vorgeworfen, dass Sie sich zum Sprachrohr derjenigen machen würden, die Sie porträtierten. Wie stehen Sie dazu?

Zuerst würde ich gerne wissen, wer das wo festlegt, was ein richtiger Dokumentarfilm ist?! Aber im Ernst: Ich denke, dass dieser Film ein authentisches Bild der Szene ist. Er zeigt, wie diese Szene funktioniert und welche Bedürfnisse bedient werden. Und das war mir auch wichtig, dass der Film dieses authentische Bild ist. Aber das heisst noch lange nicht, dass dieser Film Propaganda ist, oder ich ein Sprachrohr bin. Ein Sprachrohr gibt die Meinug anderer wieder. Wenn ich aber aus 2 Millionen Möglichkeiten, wie man diesen Film gestalten kann, eine Möglichkeit auswähle, dann steckt da sehr wohl eine eigene Meinung und Haltung dahinter. Alles in diesem Film beruht auf Beobachtungen, Überlegungen und Entscheidungen, die ich mit meinem Team zusammen getroffen habe. Und natürlich ist dieser Film dann ein Ausdruck meiner Sicht auf die Dinge. Und auch wenn ich aus einer anderen Perspektive erzähle, heisst das ja nicht, dass ich als Autor nicht mehr existiere. Es kam ja auch keiner und hat gesagt “Schreib drei Zeilen zu Gewalt und dann bitte nur noch von Fahnen und Auswärtsfahrten!”. Natürlich gibt es auch Dinge, die ich außen vor lasse. Aber wenn ich einen Film mache, muss ich mich immer irgendwie beschränken – und zwar auf das, was ich als wesentlich empfinde. Dass ich eine Sympathie für die Leute habe, mit denen ich es zu tun hatte, das steht außer Frage. Aber dass man merkt, dass hinter diesem Film ein Autor steht, der die Leute mag, mit denen er es zu tun hat, das ist für mich kein Verbrechen.

Ich glaube auch, dass es ein Missverständnis ist, wenn es um Dokumentarfilme geht, dass diese so weit wie möglich objektiv sein müssten. Mir geht es beim Filmemachen darum, auch beim Dokumentarfilm,  meine persönliche Sicht auf die Dinge zu vermitteln. Ich meine jetzt nicht, dass ich irgendwelche Lügen oder Unwahrheiten auftischen will. Aber es gibt eben auf alles eine unterschiedliche Sicht.

Sie haben den Film voriges Jahr auf dem Dokumentarfilmfestival in Leipzig vorgestellt. Wie waren die Reaktionen dort?

Also erstmal habe ich es als eine sehr große Ehre empfunden, dass wir dort im Deutschen Wettbewerb laufen dürfen. Was bis zu mir durchgedrungen ist, war in der Regel positiv. Das war zum Teil richtig schön von den Reaktionen. Natürlich habe ich auch Kritik bekommen, aber ich fand das absolut im Rahmen. Ich habe auch nicht den Anspruch, einerseits unfehlbar zu sein, und anderseits will ich es ja auch nicht allen recht machen. Ein bißchen ätzend war es dann, im Nachhinein die Berichterstattung zu verfolgen, wenn man merkt, dass da Leute versuchen, einen vorsätzlich runter zu machen, mich zu diskreditieren mit falschen Zitaten oder völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen - mir aber gleichzeitig dokumentarisches Versagen vorzuwerfen. Das finde ich schon sehr komisch. Aber wenn sich einer empört, dass ich die vedreckten Züge bei Auswärtsfahrten unterschlagen würde, dann denk ich mir auch: Meine Güte, hat der mal aus Versehen im falschen Zug gesessen? Ich glaube, für manche sind die Leute aus dem Film und ihr Verhalten einfach nur Pöbel. Mehr nicht. Und dann ist dieser Film natürlich eine Provokation.

Der Film wird durch eine Stimme aus dem Off begleitet, Gesprochen von einem Mitglied der Ultravereinigung. Dadurch entsteht der Effekt, dass man meint, die „innere Stimme der Ultras“ zu hören. Wie ist der Text für die Off-Kommentare entstanden? Waren die Ultras daran beteiligt?

Der Text ist so entstanden, dass ich Gespräche mit den Ultras geführt habe, die ich aufgezeichnet habe. Ich habe dann den Text geschrieben und mich orientiert an Aussagen, die ich wichtig fand oder die mich berührt haben. Die Art, wie sich die Leute ausdrücken, war natürlich sehr unterschiedlich. Daraus konnte man nicht eine Textfigur machen. Ich habe also nicht 1:1 übernommen, sondern neu getextet und dabei mit Kernaussagen oder einzelnen Formulierungen gearbeitet, die ich eben aus den Interviews hatte. Der Text ist in dem Sinne also keine wirkliche Collage. Und wie schon gesagt, mir war es aber sehr wichtig, dass der Text von den Protagonisten als echt empfunden wird, dass sie sagen können: “Ja, wir können uns darin wiederfinden.” Da ich nicht aus Berlin komme, war alles in Hochdeutsch geschrieben, abgesehen von bestimmten Redewendungen, und der Sprecher hat den Text dann sozusagen zurück ins Berlinerische übersetzt.

Im Film nimmt man die Ultras in ihrer Selbstsicht wahr. Die Kamera nimmt meistens die Blickrichtung des Capos ein. Warum haben Sie auf Szenen von der Vorbereitung der Chroreographien, von Diskussionen oder Konflikten verzichtet? Dem Zuschauer wird es dadurch ja nicht sehr einfach gemacht, das Geschehen einzuordnen.

Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen wollte ich den Film auf einen Spieltag reduzieren. Auch weil ich zum Beispiel bei vielen der englischen Hooligan-Filme den Eindruck hatte, dass es nicht funktioniert, diesen wöchentlichen Rhythmus, die ständige Wiederholung dramaturgisch zu verarbeiten. Ich dachte, die Emotionen, um die es geht, die liegen ja in jedem einzelnen Spiel, wie eine Essenz. Warum sollte ich das wieder verdünnen?

Diskussionen oder Konflikte sind, glaube ich, vor allem dann spannend, wenn es um eine Entwicklung geht, an der man teilhaben kann als Zuschauer. Aber das Thema war das eben nicht, dass jetzt die Entwicklung Einzelner oder einer ganzen Gruppe beobachtet wird über eine gewisse Zeit. Und ein wichtiger Grund ist, dass eine Kurve ihre Anziehungskraft durch das Raue und Martialische entwickelt, was ich eben filmisch unterstreichen wollte. Und das führt dann zu einer bestimmten Form, die dieser Film nun hat. Ich wollte mich konzentrieren auf bestimmte Aspekte und diese filmisch, mit gestalterischen Mitteln, darstellen. Und ich gehe gleichzeitig von einem mündigen Zuschauer aus, der seine eigene Meinung hat und sehr wohl in der Lage ist, das Gesehene zu reflektieren und sich seine Gedanken dazu zu machen, ohne dass man ihm zehnmal die Moral von der Geschichte vorkaut.

Würden Sie heute den Film genauso schneiden oder in bestimmten Punkten ändern, und wenn ja, in welchen?

Die Frage ist ein Jahr zu früh… Jetzt ist das alles noch frisch und man hat ja alles aus bestimmten Gründen gemacht. Und ich finde es richtig, wie wir es gemacht haben. Aber wie gesagt, wir sind jung und nicht unfehlbar. Vielleicht schaut man in einem Jahr wieder mal den Film und sagt, das und das vielleicht ein bißchen anders. Aber jetzt würde ich sagen, dass ich es es genauso machen würde.

Bisher wurde der Film einmal in Leipzig und einmal in Berlin gezeigt. Wird es eine weitere Verwertung geben? Aus den Reihen der Fans wird zum Beispiel stark nach DVDs zum Kaufen gefragt. Kann man damit rechnen?

Wir dürfen den Film noch am 16. April in Hamburg und danach in Linz auf Festivals zeigen, was mich sehr freut. Vielleicht kommt noch was hinterher. Das muss man sehen und wäre natürlich schön. DVDs sind leider nicht möglich, weil wir dafür Lizenzgebühren zahlen müssten für bestimmte Fremdrechte, wie zum Beispiel Archivmaterial oder Musik. Und das Geld haben wir leider nicht. Es freut mich natürlich, wenn es den Wunsch gibt. Nur leider muss ich da enttäuschen…

Wo freundliche Menschen sich gegenseitig gut verstehn.

In Küchen nämlich. In Küchen kann man sich fast alles erzählen, Küchen befördern die Gesprächskultur. Alles andere als Zufall also, dass wir uns mit Birger Schmidt, dem Leiter des 11mm-Festivals, ebendort unterhielten. In seiner Küche nämlich. Über Fußball. Über Fußballfilme. Über Fußballfilmfestivals. Über Fußballfilmfestivalförderung. Und auch über das Belächeltwerden.

Birger beschäftigt sich neben dem Fußballfilmfest mit vielen, vielen Dingen – alle haben Ballbezug und brauchen Enthusiasmus. Er unterrichtet an der Alice Salomon Hochschule in Berlin zum Thema Sportsozialarbeit, engagiert sich im Berliner Fanprojekt und hat den “Brot und Spiele e.V.” mitgegründet. Fußball und Bildung. Fußball und Kultur. Weite Themenfelder, auf denen ein kleines, grasgrünes Fußballfilmfestival prächtig wächst und gedeiht.

Die Vielfalt der Fußballfilme hat Birger in England entdeckt, und wer jetzt “Mutterland” murmelt, hat der Phrase zum Trotz Recht. Es entstand daraus die Idee, solche Filme im Rahmen eines Filmfestes auch in Deutschland zu zeigen – dem British Council sei Dank wurde das möglich. Inzwischen ist das 11mm-Festival eine feste Größe, deren Arbeit auch von der Kulturstiftung des Deutschen Fußball-Bundes unterstützt wird.

Ihr seid mit dem Festival inzwischen im siebenten Jahr. Hattet ihr die Fortsetzung geplant, oder war es ursprünglich als einmalige Veranstaltung gedacht?

Wir haben gehofft, dass es weitergeht, aber wir sind nicht davon ausgegangen, dass es jährlich weitergeht. Wir dachten zunächst an “die großen Jahre”, Weltmeisterschaft oder Europameisterschaft. Wir sind aber bei den Recherchen auf so viele Filme gestoßen, und im gleichen Jahr kam das Fußballfilmlexikon mit über 700 Einträgen heraus – bis wir die alle gespielt haben … können wir noch ein paar Jahre machen. Da sind so irre und kuriose Sachen dabei – von Cartoons über Pornos bis zum Kinderfilm – wirklich jedes Genre wird abgedeckt. Es gibt sogar Western, bei denen Fußball eine Rolle spielt. Dadurch, dass wir so ein sympathisches Feedback auf die erste Veranstaltung bekommen haben, obwohl es nur englische Filme waren, fanden wir, das sollte weitergehen.

Ihr seht euch im Vorfeld des Festivals Unmengen Fußballfilme an. Einerseits: was kann es Schöneres geben. Andererseits: kommt irgendwann der Moment, in dem man einfach nicht mehr mag?

Den Punkt des Genervtseins erreicht man so etwa sechs Wochen vor dem Festival. Dann kommen noch Einreichungen, mit denen man nicht mehr gerechnet hatte, und man sieht ja eben nicht nur schöne Filme.

Ich fahr auch zu verschiedenen Filmfestivals und lass mich dort gerne belächeln, wenn ich frage, ob die auch Fußballfilme haben. Inzwischen ist es schon so, dass immer ein, zwei Fußballfilme auftauchen. Man sieht dabei aber auch, wie unterschiedlich die Geschmäcker sind. In Norwegen gab es 2006 einen Film, der hieß “Lange flache Bälle” und hatte in Norwegen über eine Million Zuschauer. Die Leute dort haben sich gebogen vor Lachen – wir haben den zweimal gesehen und uns gefragt: Was ist das denn? FC Venus ist dagegen ein richtig guter Film …

Welche Kriterien muss denn ein Film erfüllen, damit er bei euch auf dem Festival gezeigt wird?

Es reicht nicht, dass ein Ball durchs Bild rollt. Die Faszination Fußball muss im Mittelpunkt stehen, zumindest auf einer Erzählstrecke des Films. Gerade bei Spielfilmen ist es im Vergleich zum Dokumentarfilm schwer zu sagen: das ist ein Fußballfilm. Anhaltspunkte können sein, dass für den Protagonisten Fußball eine besondere Rolle im Leben spielt, oder dass das Umfeld stark fußballlastig ist, etwa bei einem Verein oder Stadtteil, der Fußball lebt.

Aber man kann auch Romeo und Julia als Fußballfilm erzählen. In mehreren Ländern gibt es das inzwischen. In der portugiesischen Version ist das Mädel beispielsweise Anhängerin von Benfica Lissabon, der Junge geht zu Sporting, und die Eltern verbieten den beiden zusammenzukommen.

Wie lange habt ihr gebraucht, bis ihr als ernsthafte Veranstaltung wahrgenommen wurdet, so dass sich eben auch die DFB-Kulturstiftung für euch interessiert hat?

Fünf Jahre hat’s gedauert. Letztes Jahr gelang der Durchbruch, sowohl auf der filmischen als auch auf der finanziellen Seite. Die Kulturstiftung war erstmals vor Ort. Besonders gefreut hat uns die Anerkennung für die Sachen, die uns am meisten wert sind. Beispielsweise dafür, dass wir engen Kontakt zum Publikum halten, die Leute begrüßen, was zu den Filmen sagen und Foyergespräche über die Filme anbieten. In diesem Jahr haben wir den Zuschlag erhalten, weil wir das Festival nicht nur in Berlin veranstalten, sondern damit bundesweit auf Tour gehen.

Sind die 11Freunde, die mit ihrer Arbeit andere Texte und Bilder als man zu sehen gewohnt war, in die deutsche Fußballlandschaft eingebracht haben, auch Wegbereiter eures Festivals, oder war das eher eine Parallelentwicklung?

Bei mir hat Nick Hornby eine große Rolle gespielt. Das war das erste Mal, dass es so eine Geschichte zwischen zwei Buchdeckeln gab. Er ist als erster so offensiv mit seiner Fußballbegeisterung umgegangen, darin hab ich mich wiedergefunden.

Phillip Köster kenn ich seit der Gründungszeit der 11Freunde. Sie haben vor uns angefangen, und ich fand das sehr, sehr wichtig und auch mutig, was sie gemacht haben. Insofern sind sie Wegbereiter.

Aber – und da muss ich nochmal auf die Insel zurück – solche Zeitschriften gab es in England schon in den tiefen Neunzigern, beispielsweise “When Saturday Comes”.

Was macht für Dich Fußballkultur aus, gerade im Zusammenhang mit dem Festival?

Man kann sich über bestimmte Phänomene nähern, oder über Zeitgeschichte. Wo gabs das erste Mal Fußball? In welcher Nation spielte das eine Rolle? Fußball hat aber auch viel Symbolhaftes, es hat mit Farben zu tun, mit Ausdruck und den Ritualen drumherum.

Wenn wir sagen, wir wollen ein fußballkulturelles Filmfest machen, müssen bestimmte Bausteine enthalten sein. Es kann nicht sein, dass wir nur Vereine oder Spieler porträtieren, sondern wir müssen darstellen, welche Rolle der Fußball in den einzelnen Nationen hat. Wir legen außerdem Wert darauf, Retrospektiven zu machen.

Gibt es aus deiner Sicht eine spezielle Berliner Fußballkultur?

Ich habe Berlin nur durch den Fußball kennengelernt. Ich bin 1987 von der Insel Fehmarn zum Studieren nach Berlin gezogen und habe erst beim TSC Friedenau, in den Neunzigern dann beim FC Internationale Fußball gespielt. 1994 habe ich beim Fanprojekt angefangen, und meine ersten Einsätze waren in Ahrensfelde und Marzahn.

Was mich an Berlin begeistert, ist die Vielfalt der Fankultur. Das Union-Phänomen ist für mich auch so ein Beispiel. Als ich nach Berlin kam, hatte ich nicht den Eindruck, dass Berlin eine Fußballstadt ist.

Den Eindruck habe ich aber immer noch.

Die Berliner haben von allem zuviel, es ist ihnen nicht gegeben, treu zu sein – da ist euer Verein eher die Ausnahme.

Die Leute bringen auch eher ihre Fußballvereine nach Berlin mit.

Ja, stimmt. Ich verteile mit meiner Tochter zusammen unser Programmheft in den Kneipen im Prenzlauer Berg, immer am letzten Spieltag vor Festivalbeginn, und es ist genau wie du sagst: wir sind losgegangen in Köln, an Bremen vorbei, dann HSV, Hertha, Schalke – das ist auch Berliner Fußballkultur.

Wir danken sehr für Kaffee & Kekse, vor allem aber für das, wovon Birger momentan am wenigsten hat: Zeit. Wir sehen uns im Kino!

Das 11mm-Festival, bei dem in diesem Jahr Afrika im Mittelpunkt steht, beginnt am Sonnabend, 13.März 2010 um 17:00 mit “Fimpen, der Knirps” im Kino Babylon in Mitte. Die Karten kosten 6,50 EUR.

Die Unioner werden vor allem an der Doppelvorstellung am Montag viel Freude haben. Ab 19:00 Uhr läuft der Stadionbauerfilm “Eisern vereint”, direkt im Anschluss folgt “Das Rudel”, ein Film über die Union-Ultras.

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Erste Halbzeit: Nicht viel. Zweite Halbzeit: Gar nüscht.

Nachdem wir Flo zum Spiel befragt hatten, war alles gesagt. Wir haben dann trotzdem noch ein bißchen weiter erzählt. Aus Gewohnheit eher. Über Auswechslungen, die wir nicht verstanden haben, über das ewige Stürmer-Thema, über Abschlussschwäche, über Wetter, über Zufriedenheit mit Spielverläufen. Das haben wir aber alles rausgeschnitten & weggeworfen, denn das einzig skandalöse an dem Spiel waren doch eigentlich: die Trikots! Endlich mal wieder ein Podcast über die wichtigen Dinge im Leben: Anziehsachen! Textilvergehen galore!

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Andora macht was.

Wenn meinem Neffen ein Verb fehlt, er eine Tätigkeit also nicht exakt beschreiben kann, sagt er immer: “Der macht was.” Das finde ich außerordentlich klug für jemanden, der drei Jahre alt ist und noch nicht so viele Wörter kennt. Ich bin ungefähr elfmal so alt, und es kommt nicht mehr gar so häufig vor, dass ich die Frage, ob ich reiten war, mit “Nee, ich hab aufm Pferd gesitzt” beantworte.

Nichtsdestotrotz fehlt mir gerade jetzt ein Wort. Eines, das beschreibt, was Andora am Donnerstag auf der Veranstaltung “FUSSBALL?! Soziale Kreativität oder Wirklichkeitsflucht? Alles eine Frage des Glaubens” zu tun beabsichtigt. Zwischen bekehren, taufen und totquatschen ist alles möglich. Es wird in jedem Fall sehr eindrucksvoll sein, und ganz sicher wird Andora gemeinsam mit Wolfgang Matthies den 1.FC Union Berlin würdevoll vertreten. Unterstützt ihn dabei, geht alle hin, und vergesst eure Schals nicht!

andora

[Wer sich vorher zum Thema einlesen möchte: "Fußballgott: Elf Einwürfe", herausgegeben von Andreas Merkt.]

14. Januar 2010 um 19:00 Uhr
Humboldt-Universität Berlin
Theologische Fakultät
Burgstraße 26
Raum 117
Eintritt frei