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Trainer Baade in “Drama Queens in kurzen Hosen”

Auf die plötzliche Bekanntheit durch die das juristische Vorgehen der Sportartikelfirma Jako gegen ihn vor vier Jahren hätte Trainer Baade sehr gerne verzichtet. Wie eine riesige Welle brach es über ihn herein. Zunächst die Abmahnungen von Jako, dann die Berichte und Empörungen darüber. Vor allem im Netz via Twitter und Blogs. Untergegangen ist dabei die besondere Qualität seiner Texte, die ironisch und distanziert das Fußballgeschäft sezieren. Heute liest Trainer Baade in Berlin sein Bühnenprogramm „Drama Queens in kurzen Hosen“.

trainerbaade
Foto: Baade

Auf Humor konnte Frank Baade (38), der Mann hinter der Kunstfigur Trainer Baade, bei den Anwälten von Jako nicht setzen. Sie sahen in einer Glosse über das neue Firmenlogo eine Schmähkritik und setzten den Blogger mit Abmahnung und der Forderung nach einer Unterlassungserklärung finanziell massiv unter Druck. Erst der „Shitstorm“ im Netz ließ Jako zurückrudern. Bei Social-Media-Seminaren gilt dieser Fall als ein Musterbeispiel für dieses Netzphänomen. Was von außen betrachtet wie eine glückliche Geschichte von David und Goliath aussieht, blendet das persönliche Schicksal aus. Baade blieben Wochen der Ungewissheit, in denen seine Existenz auf dem Spiel stand.

„Zum Glück werde ich nicht mehr so oft darauf angesprochen“, sagt er heute erleichtert. „Ich bin einfach froh, dass das Thema abgeschlossen ist.“ Seit 2005 bloggt Frank Baade als „Trainer Baade“. Ein Name, der ihm von seinen Mitspielern in der Kleinfeldliga Niederrhein verpasst wurde. Dabei war er noch nicht einmal der Coach, denn den gab es gar nicht. Die im Fußball vollkommen normale Ansprache des Übungsleiters durch die Spieler als „Trainer“ verselbständigte sich zur Kunstfigur im Blog. So wie sich Baades Beruf durch sein Blog vom Diplom-Psychologen zum Autor gewandelt hat. Seiner Kleinfeldliga ist er nur noch als Organisator verbunden.

Sein Blog wird quer durch alle Medien in den höchsten Tönen gelobt, von der Sportbild über das Magazin 11Freunde bis hin zum Deutschlandradio. Selbst die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schwärmt: „Von Trainer Baade viel über Fußball gelernt: Hart, aber herzlich.“ Nachrichten gibt es im Blog genausowenig wie eine Einordnung des aktuellen Fußballgeschehens. Baade tritt einen Schritt zurück, sucht das Besondere im Augenblick oder wirft einfach nur seinen Grützedetektor an, um besonders absurde Auswüchse im Fußballgeschäft zu entlarven.

Die Beschreibung des EM-Spiels zwischen Deutschland und Dänemark im ukrainischen Lviv geht bei ihm genau bis zum Anpfiff der Partie. Stattdessen widmet sich Trainer Baade in epischer Länge der fast dreistündigen Animations-Show in der Arena, die die anwesenden Fußball-Fans nicht nur intellektuell beleidigte, sondern durch ohrenbetäubende Lautstärke auch nervlich mehr als strapazierte. „Ich lese selbst gerne solche Texte“, sagt Baade lapidar über seine mittlerweile 4000 Blogartikel.

Seine Zeilen lassen dem Leser Zeit. Er kann sich aus der Hysterie des sich selbst so wichtig nehmenden Fußball-Business ausklinken. Plötzlich ist der Transfer von Mario Götze von Dortmund zum FC Bayern nur ein fernes Rauschen. Stattdessen bringt der Trainer auf den Punkt, was Anhänger jenseits von großartigen Toren und Abseitspfiffen im Innersten bewegt:

Fußballfansein bedeutet in aller Regel Misserfolg zu haben, selbst Bayern wird nicht wirklich jedes Jahr Meister, nicht mal jedes zweite, alle anderen Vereine eigentlich so gut wie nie, vielleicht zwei Mal im Leben, bei den meisten eher gar niemals. Fußballfansein bedeutet warten, zwischen den Hunderten 1:1 und 0:0, die man ertragen muss, endlich einen rauschenden 5:0-Abend erleben zu dürfen.

Den Nerv von Fußballverrückten treffen. Mitzubekommen, wie Leser die Texte kommentieren, bei Twitter oder Facebook empfehlen. Das sind die Momente, die Frank Baade als großartig beschreibt, die für ihn das Bloggen ausmachen. „Und ich habe wahnsinnig viele Leute kennengelernt.“ So wie den aus Bochum stammenden Autoren Ben Redelings, für dessen neuen Erzählungsband „Auf Asche – Unwiderstehliche Bolzplatz-Erinnerungen“* Baade einen Text schrieb. Dort taucht er jetzt im Inhaltsverzeichnis neben Enke-Biograph Ronald Reng auf. Nichts macht seine Entwicklung vom „Popelsblogger“, als den er sich selbst einmal bezeichnete, zum Autor deutlicher als diese kleine Notiz.

Aus seinem Bühnenprogramm „Drama Queens in kurzen Hosen“ liest Trainer Baade heute erstmals auch in Berlin, geteilt in zwei Halbzeiten zu jeweils 45 Minuten. Wie ein Fußballspiel. Doch Frank Baade verneint den auf der Hand liegenden Zusammenhang lachend: „Aus meiner Erfahrung als Lehrer und Dozent weiß ich, dass es total super ist, nach 45 Minuten etwas völlig anderes zu machen.“ Statt Pausenbrot gibt es bei ihm aber multimediale Fußball-Unterhaltung.

Die Lesung „Drama Queens in kurzen Hosen“ findet heute um 20 Uhr in der Schwalbe (Stargarder Straße 10, Prenzlauer Berg) statt. Der Eintritt kostet 5 Euro.

*Affiliatelink

Der Spieler als Visitenkarte seines Beraters.

Am Sonntag waren Schalkes Keeper Timo Hildebrand und sein Berater Jörg Neblung bei 11mm. Anlass war der Dokumentarfilm “Spielerberater” von Klaus Stern. Das von Andreas Leimbach-Niaz moderierte Gespräch im Anschluss beschränkte sich aber nicht darauf. Herzlichen Dank den Organisatoren des Festivals für die hochkarätige Besetzung auf der Bühne, insbesondere aber für die Möglichkeit, aus dem Publikum heraus Fragen zu stellen. Vielen Dank nicht zuletzt an Jörg Neblung und Timo Hildebrand für ihre klaren und offenen Worte.

Wenn man ihn fragt, was er beruflich macht, antwortet Jörg Neblung gerne: Menschenhändler. Die Leute zucken dann zusammen, erzählt er. Einige gehen darüber hinweg, weil ihnen das Thema unbehaglich ist. Andere fragen weiter. Gelegentlich sagt er dann, er sei Agent. Das ist vielschichtiger und schließt Betätigungsfelder ein, die mit der Spielervermittlung nichts zu tun haben, wie etwa Sponsoring und PR. Dass seine Branche keinen guten Ruf genießt, ist ihm bewusst. Damit lebt er. “Ich habe immer die Wahl, ich kann ja auch irgendwas anderes machen.” Der schlechte Leumund der Spielerberater kommt nicht von ungefähr. “Es sind die großen, die viel Unfug machen und unsere Branche dann auch oftmals in Verruf bringen. Die Kleinen sind die, die sehr früh an Talente herangehen und oftmals mit wilden Versprechungen aufwarten.” Was “sehr früh” bedeutet, führt er näher aus. “Wenn wir an einen 15jährigen herantreten und dann hören, er hat schon seit 2 Jahren einen Beratervertrag.” Dass Außenstehende zusammenzucken, wenn sie hören “Der Vater hat seinen Sohn verkauft”, versteht Neblung. “Ich weiß nicht, ob es Geldkoffer gibt, aber es gibt tatsächlich so einen Obulus, wenn man seinen Jungen zuführt. Das ist natürlich schwierig, wenn es um Dienstleistung geht. Ich soll eine Beratungsleistung erbringen und dafür erstmal noch Geld zahlen – da sträubt sich mir doch einiges.” Er habe das bisher nicht gemacht und sei glücklich damit. “Ich möchte, dass mein Klientel meine Referenz ist. Dass man anhand der Spieler, die ich vertrete, erkennt, wie meine Dienstleistung aussieht. Ich glaube auch, dass das Klientel so eine Art Visitenkarte ist, die jeder Berater hat.”

Jörg Neblung war auch der Berater von Robert Enke. Es bleibt nicht aus, dass er auf Enkes Tod angesprochen wird, verbunden mit der Frage, ob sich die Arbeitsweise der Berater dadurch messbar verändert habe. “Es hat sich sehr, sehr viel getan. Man muss sich nur die Mühe machen hinzugucken. Wir haben das Thema Depression deutlich enttabuisiert.” Das wirkt sich mittelbar auf die Arbeit eines Beraters aus, der Gespür und Verständnis dafür haben sollte, dass ein Spieler manchmal überraschend den Rückzug antreten muss.

Dem Berufszweig der Spielervermittler wird immer wieder mangelnde Transparenz vorgeworfen. Neblung legt Wert auf Transparenz und geht in dem Film von Klaus Stern sehr offensiv mit der Frage nach seinen Interessen und seiner Beteiligung um. “Das ist ein gewisser Selbstschutz. Wenn ich meine Provision transparent gestalte, kann nicht irgendwann mal ein Sportdirektor kommen und sagen, der hat aber soviel bekommen. Das hätte dein Anteil sein können.” Dann zeichnet er in Gedanken eine Tortengrafik. “Wenn du ohne Berater kommst, wird dem Spieler gesagt, ist das deine Torte. Wenn du mit Berater kommst, nehme ich dir so ein Stückchen raus.” Was auf den ersten Blick verheißungsvoll aussieht, übervorteilt häufig den Spieler. “Wir sind die Interessenvertretung der Spieler, nicht der Vereine.”

Timo Hildebrand hatte mit 15 die ersten, großen Anfragen. Einen Berater hatte er zu der Zeit noch nicht. Nach Stuttgart ist er dann mit seiner gesamten Sippschaft gereist, mit Onkels und Tanten, die ihren Segen dazu gegeben haben. “Das war sehr ungewöhnlich für die Verantwortlichen vom VfB.” Ein Familiennetzwerk hat in der Regel keine Kenntnisse und keine Vernetzung auf dem Markt und “kann nicht mal eben bei Schalke 04, bei Borussia Dortmund, beim VfL Bochum anrufen und fragen, wie findet ihr denn meinen Sohn?”, sagt Jörg Neblung. “Da können wir dann schon helfen und versuchen, das eher subjektiv geprägte Bild des Vaters zu korrigieren. Das ist manchmal ein massiv schwerer Auftrag, den wir haben. Viel Aufklärungsbedarf, zum Teil.”

Natürlich sind es die Berater, die auf Spieler zugehen. Dazu Timo Hildebrand: “Extrem war es in der Zeit, als ich keinen Verein hatte. Da ist alle paar Tage ein anderer Berater gekommen, mit dem ich mich getroffen hab.” Alle hatten sie Angebote für ihn. Wie aber überzeugt ein Berater den Spieler von einer Zusammenarbeit? “Verstell dich nicht”, rät Jörg Neblung. Das sagt er auch seinen Spielern. “Sei authentisch in dem, was du machst. Versuch nicht, irgendeine Rolle zu spielen. Das merkt jeder Fan, die Presse merkt´s sowieso. Und genauso gehe ich auch in so ein Gespräch.” Die Spieler, die bei Neblung sind, müssen Kritik vertragen. “Das machen die weniger etablierten Kollegen, die sagen, du bist einfach der Beste, und du musst irgend woanders hin, und du musst auch unbedingt den Verein wechseln – denn erst dann bekomme ich meine Provision.” Häufige Wechsel, mehr Geld für den Berater? “Wir werden heute bezahlt nach dem Verbleib des Spielers beim Verein.” Dass für einen Dreijahresvertrag mit einem Mal bezahlt wurde, war vor seiner Zeit. “Dann waren wir aufgefordert, nächstes Jahr wieder den nächsten Transfer zu machen, wenn´s irgendwie geht. Heute bekomme ich eine Provision, wenn Timo noch ein Jahr auf Schalke bleibt.” Hildebrand fügt hinzu: “Ich glaube, dass es brutal schwer ist, für junge Spieler. Die sind 16, 19, 20. Da kommen viele Menschen auf einen zu, gerade im Erfolgsfall.” Dass man da Fehler macht und nicht genau weiß, wie es in der Branche läuft, liegt für ihn auf der Hand. Die Bundesliga hat ihn in vielerlei Hinsicht verändert, glaubt Timo Hildebrand. “Als ich angefangen habe in der Bundesliga, war ich ein Hemd, würde ich sagen. Aber dann hatte ich irgendwann mal Felix Magath als Trainer …” Er kommt nicht dazu, den Satz zuende zu sprechen, großes Gelächter unterbricht ihn. “Das war wirklich ein Stahlbad, danach kann nix Schlimmeres mehr kommen.”

Als Hildebrand nach seinem Versuch, ohne Berater den Verein zu wechseln, gefragt wird, ergreift statt seiner direkt Jörg Neblung das Wort. “Es geht darum, den Markt transparent zu gestalten und Klinken zu putzen. Anzurufen und zu gucken, ist erstens ein Bedarf da? Zweitens, könnte Timo reinpassen? Drittens, geht das überhaupt von den Gehaltsvorstellungen? Wenn ein Verein ein Interesse an einem Spieler hat, hat er ja seinen Wunschkandidaten. Dann ist es leichter, das mit einem unerfahrenen Elternteil oder mit dem Spieler selber auszuhandeln. Außer mit Frau Illgner. Die hat massiv hart verhandelt. Aber wir sind Makler. Wir sind Vermittler. Wir leben von Vermittlungsprovisionen.” Timo Hildebrand erklärt, in welcher Situation er sich zu der Zeit befand. Hoffenheim hat seinen Vertrag geändert. “Ich hatte einen schweren Stand, weil sich auch jeder gefragt hat, warum verlängert Hoffenheim den Vertrag nicht? Dann habe ich versucht, einen Verein zu finden, ohne Berater. Das hat überhaupt gar nicht funktioniert, weil dann jeder Berater beim Verein anruft und den Spieler anbietet. Das ist unseriös. Ich war auch nicht in der komfortablen Situation, dass mich der Verein kontaktiert hat. Das wäre am einfachsten gewesen.” In der Zeit hat er Neblung kennen gelernt und ist mit ihm nach Lissabon gewechselt.

Gelegentlich trennen sich die Wege von Spieler und Berater. Mal sind es der Spieler und/oder sein Vater, die gehen, wenn die Vorstellungen von dem, wo ein Spieler hingehört, nicht deckungsgleich sind. “Dann verliert man auch mal einen Spieler, weil wir dann zu wenig geleistet haben”, sagt Jörg Neblung. Auch der umgekehrte Fall kommt vor. “Es gibt Spieler, die sich nicht mehr weiter entwickeln, weil die Prioritäten bei den Mädels liegen und nicht auf dem Platz. Oder die einfach eine super Karriere als Türsteher bei einer Diskothek machen könnten.” Wenn er einem Spieler sagen muss “Es tut mir leid, ich habe es nicht geschafft, dich auf dieses Level zu bringen”, klingt das Bewusstsein für seinen Teil der Verantwortung an der Karriere des Spielers durch. “Irgendwann übergeben wir den Staffelstab an den Spieler, da muss er funktionieren. Dann kommen wir hoffentlich in die glückliche Situation, einen besseren Vertrag verhandeln zu dürfen als den vorherigen. Das gelingt uns aber nicht immer.”

Ist ein Spielerberater auch Lebensberater? Timo Hildebrand wurde unlängst über Facebook verbal angegangen. Wie wichtig ist der Berater bei dem angemessenen Umgang mit solchen Situationen? “Man gibt durch Facebook, durch dieses soziale Netzwerk, die Möglichkeit, mit den Fans zu kommunizieren. Das wird von vielen genutzt, aber solche Kommentare haben selbst da nichts zu suchen. Ich habe das kommentiert, ohne vorher mit Jörg darüber zu sprechen und gesagt, das geht nicht”, so Hildebrand. “Natürlich gibt es auch viele Sachen, die wir zusammen besprechen. Aber solche Sachen …?” Jörg Neblung bestärkt ihn darin. “Das ist öffentlich. Ich habe ganz klar gesagt: Gegenfeuer. Dass man das auch öffentlich thematisiert. Dass man den Nutzer sperren lässt. Es war keine private Nachricht, jeder konnte das sehen. Von daher hat Timo auch das Recht, das öffentlich zu kommentieren. Er hat sehr viel toleriert. Wenn man sich in sozialen Netzwerken bewegt, dann ist man öffentlich und muss mit den Konsequenzen leben, aber alles nur bis zu einem gewissen Level. Der war einfach überschritten.”

Spielerberater.

Das 11mm-Festival hat sich gestern eines eher sperrigen und unbequemen Themas angenommen: Die Welt der Spielerberater. Zwei Dokumentationen mit beinahe identischen Titeln waren zu sehen.

Themenabend Spielerberater beim 11mm-Festival

Festivalleiter Andreas Leimbach-Niaz mit Regisseur Klaus Stern

Patrick Halatsch: “Spielerberater – Strippenzieher im Millionengeschäft Fußball” (2013)

Patrick Halatsch nähert sich dem Spektrum der Spielerberatertätigkeit von zwei Seiten. Am sonnigen Ende des Regenbogens steht die international agierende ROGON Sportmanagement GmbH & Co. KG mit Roger Wittmann an ihrer Spitze. Als Kontrast dazu wird der im Nebenberuf als Spielerberater tätige Benjamin Bertram und mit ihm die regennasse Provinz gezeigt. Die Ausgangssituation erinnert an Hans-Christian Andersens Märchen vom großen und vom kleinen Klaus und ist wohl auch so gemeint. Der Film beleuchtet die unterschiedlichen Arbeitswelten von Wittmann und Bertram, aber auch ihre persönliche Auffassung von Beratertätigkeit. Continue reading ‘Spielerberater.’

Finnische Bescheidenheit.

Kein einziger finnischer Sportler sei ihr jemals sympathisch gewesen, schreibt Maria. Zu schweigsam, formuliert sie sinngemäß, und niemals, niemals lächeln sie. Als der völlig unbekannte, junge finnische Fußballspieler Jari Litmanen 1992 nach Amsterdam wechselte, dachten seine holländischen Kollegen ganz ähnlich über ihn. Sagt nichts, trainiert fleißiger als alle anderen und ist völlig frei von Humor. Aber, und das halten sich seine Mitspieler zugute, sie haben ihm einiges beigebracht in Amsterdam. “Ich esse meine Pommes seitdem nicht mehr mit Ketchup, sondern mit Mayonaise” erzählt Litmanen, gefragt, was er an den Niederlanden vermisst, und grinst.

Finnischer Filmabend beim 11mm-Festival 2013 mit Jari Litmanen

Das Rasenstück vor dem Kino Babylon, das dort statt eines roten Teppichs liegt, ist nicht allzu lang. Trotzdem dauert es seine Zeit, bis Jari Litmanen endlich im Foyer steht, zur Deutschlandpremiere seiner verfilmten Biografie “Kuningas Litmanen”. Er schreibt Autogramme, lässt sich mit Fans fotografieren, vor ihm läuft eine Filmkamera, Mobiltelefone zeigen sein Gesicht im Display. Litmanen ist geduldig, freundlich und signiert, was signiert werden soll. Derweil herrscht gespanntes Stühlescharren im oberen Oval, wo er zur Pressekonferenz erwartet wird. Nach drei knappen Sätzen heißt es plötzlich “… und jetzt ohne weitere Vorrede Ihre Fragen.” Große Stille. Vorn sitzt Jari Litmanen, blickt erwartungsvoll ins Rund und ist durchaus auskunftswillig, aber niemand traut sich, die erste Frage zu stellen. “Vielen danke”, sagt er. Befreites Auflachen im Pressebereich, das Eis ist gebrochen.

Finnischer Filmabend beim 11mm-Festival 2013 mit Jari Litmanen

Wer ihn als exzellenten Fußballspieler entdeckt habe, möchte jemand wissen. Wann aufgefallen sei, dass er außergewöhnlich gut spielen könne? “Kann ich das?”, fragt er zurück und lächelt. Dann erzählt von seinen Trainern. An erster Stelle steht da sein Vater, der selbst finnischer Nationalspieler war. Louis Van Gaal beschreibt er als jemanden, dem er viel verdankt und den er nach wie vor sehr schätzt. Mitspieler, an denen er sich orientiert hat. Ohne, dass es auffällt lenkt Litmanen das Gespräch um, weg von sich, hin zu denen, die er bewundert. Das ist elegant und bescheiden.

Litmanen hat den Inhalt von “Kuningas Litmanen” ganz maßgeblich mitbestimmt. Überlegt, wer diejenigen waren, die ihn geprägt haben. Zwei Jahre haben die Arbeiten an dem Film gedauert, abgebildet werden 25 Jahre seines Lebens. Dieser Blick zurück war seltsam, gibt er zu. Ehemalige Mitspieler oder gar die eigenen Eltern zu sehen, wie sie über ihn reden. Seine eigene Geschichte auf der großen Leinwand. Wie das für ihn war? “Leicht, weil ich die Geschichte ja kannte. Ich war mehr oder weniger Teil der Geschichte.” Anfangs konnte er sich kaum vorstellen, wie aus dem vielen Filmmaterial, den zahlreichen Interviews und Spielszenen ein Film von anderthalb Stunden Länge werden soll. Eine gute, kompakte Geschichte ist am Ende herausgekommen, findet er und lobt wiederum nicht sich selbst, sondern den Regisseur, der das Puzzle zusammen gesetzt hat.

Auch an Orten, wo man sonst nicht hin kommt, öffneten sich dem Filmteam bereitwillig Türen. Es ist der Name Jari Litmanen, der sie öffnet. Von Anfang an ein Team Player ist er überall geschätzt worden, wo er gespielt hat. Geradezu liebevoll erzählen Spielerkollegen, Trainer, Manager und Betreuer über seine Marotten. Die Sauna-Gänge. Die Extra-Runden auf dem Trainingsplatz. Die Schuhe, die immer wieder repariert werden mussten. Stretching, stretching, stretching. Als einen gelassenen Mann beschreiben sie ihn. Dieser gelassene Mann nimmt wohl zur Kenntnis, dass sie ihn gelegentlich mindestens eigenartig finden, lässt sich davon aber nicht irritieren. Ist doch gut, wenn gelacht wird, meint er. Ähnlich gleichmütig reagiert er auf dem Spielfeld auf Provokationen. Eine einzige rote Karte für ein Foulspiel hat er in 25 Jahren kassiert. Und so ist das Lob, das er am zweithäufigsten hört: Fairness.

Es bleibt der Eindruck, dass Jari Litmanen vielleicht mehr als andere verinnerlicht hat, dass Fußball eine Mannschaftssportart ist. Sein anderes Team, die finnische Nationalmannschaft, hat ihn immer wieder geerdet. Als Nationalspieler mit 137 Einsätzen und 32 Toren hat er nicht ein einziges Mal an einem großen Turnier teilgenommen. “Wenn sich die Kollegen von Ajax Amsterdam, Barcelona oder Liverpool auf Europa- oder Weltmeisterschaft vorbereiteten, dachte ich, ja gut, ich fahre jetzt in den Sommerurlaub und werfe den Grill an.” Eine Eishockey-Nation eben, auch wenn Litmanen kräftig daran gerüttelt hat. “Ich war immer stolz, Finne zu sein, aber nicht immer stolz, ein finnischer Fußballspieler zu sein. Aber so ist es eben, ich kann es nicht ändern.”

Er hat noch immer nicht abgeschlossen mit dem Fußball. Von der letzten Knieoperation hat er sich erholt und kann nicht mehr sagen, ob es eigentlich das rechte oder das linke Knie war. Eineinhalb Jahre liegt sein letztes Spiel zurück. In der Zwischenzeit hat er trainiert, nur für sich, “doing some stretching”. Er sei fit, meint er. Aber nach 25 Jahren habe das aber nun wirklich keine Eile. Eine Trainerkarriere? Es gibt so vieles im Fußball, was man machen könnte. “Ein paar Leute haben gesagt, es gäbe ein Leben außerhalb des Fußballs, aber ich weiß nicht …” Das glauben sie ihm nicht, im Kino Babylon, und lachen schon wieder. Nein, extrovertiert ist Jari Litmanen sicherlich nicht. Aber doch einer, den die meisten instinktiv mögen, von Anfang an. Er macht es einem nicht besonders schwer.

Finnland, Fußball & Film.

Finnischer Filmabend beim 11mm: Die Komödie “Kulman Pojat” und der Dokumentarfilm “Kuningas Litmanen” feierten jeweils ihre Deutschlandpremieren. Zwei Filme, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie eint, dass sie der größten Fußballlegende Finnlands, Jari Litmanen, ihren Tribut zollen. Addiert man sie, kommt Finnland dabei raus.

Kulman Pojat

Kulman Pojat nimmt dabei die Perspektive der Fans ein. Erzählt wird die Geschichte von Petri, der Verkäufer in einem Sportfachgeschäft ist und dort jeden, der nach Eishockeyausrüstung oder Skates fragt, zu den Fußballschuhen schickt. Sein Lebensinhalt ist der örtliche Fußballverein, sein Held heißt Jari Litmanen. Jari heißt, und das ist kein Zufall, auch der Sohn seines besten Freundes. Der ist gerade fünf und soll in Litmanens Fußstapfen treten. Weil sein Vater keine Zeit hat, den kleinen Jari zu seinem ersten Fußballtraining zu bringen, übernimmt Petri das und verliebt sich Hals über Kopf in Jaris Fußballtrainerin Emmi. Hier könnte der Film enden, denn alles ist perfekt. Endlich eine Frau, die Fußball genauso im Herzen trägt wie er!

Weil eine Liebeskomödie aber ohne ein bißchen Drama unvorstellbar ist, erscheint Emmis Ex-Freund Tuukka auf der Bildfläche. Der ist zugleich ihr Mitbewohner, war finnischer Nationalspieler und kickt nun für den Lokalrivalen von Petris Herzensverein. Die Figur des Tuukka lehnt sich wenigstens ein Stück weit an die Biografie von Jari Litmanen an. Die Geschichte des Films ist solide erzählt. Wirklich umwerfend sind aber die Bilder. Zwischen derbe und poetisch ist alles dabei, und wenn in Finnland gesoffen wird, wird eben gesoffen. Wer danach verquer auf der Couch zu liegen kommt, sieht in der Regel nicht gut aus. Selbst wenn sie nur zu viert am Rande eines Fußballplatzes stehen, gelingen Petri und seinen Freunden sämtliche Rituale umfassender Fußballunterstützung: Flitzer, Platzsturm, Transparente, Bengalo, Gesang und Schlägerei. Das Verbot der lachhaften Bettszene kennt man wohl in Hollywood, nicht aber in Finnland. Denn wer über Liebe nicht lachen kann, hat den Ernst der Lage nicht begriffen. Ganz sparsam und zart werden dagegen Freundschaften beschrieben. Männer brauchen keine langen Dialoge, Männern genügt ein tiefsinniges Nicken. Ein bißchen erinnert das alles an die dänische Olsenbande: Es gibt keine ausweglosen Situationen. Ein schöner und ernster, vor allem aber ein unfassbar komischer Film!

Kuningas Litmanen

Der Dokumentarfilm “Kuningas Litmanen” – König Litmanen rekapituliert die wichtigsten Stationen der Karriere von Jari Litmanen mit Schwerpunkt auf seiner wohl erfolgreichsten Zeit bei Ajax Amsterdam. Charakterisiert wird er als “der Junge der spielen wollte”, und ein ungeheures Aufgebot an Stars lobt seine Qualitäten, die fußballerischen wie auch die menschlichen. Darunter der Trainer, dem er das meiste verdankt, wie er selbst glaubt: Louis van Gaal. Edwin van der Sar, Dennis Bergkamp, Xavi, Zlatan Ibrahimovic, Carles Puyol reihen sich ein und verneigen sich vor ihm.

Ganz klar liegt der Fokus des Films bei Litmanen, dem Sportler. Denn trotzdem auch seine Eltern, beide haben selbst Fußball gespielt, zu Wort kommen und Litmanen persönliche Verluste wie etwa den frühen Tod seines Cousins sehr bewegend schildert, kommt der Zuschauer der Person Jari Litmanen nur wenig näher. Er versteht aber auf Anhieb, was das Fußballpublikum der 90er Jahre an Jari Litmanen hatte: Ein feiner Sportsmann, der den Fußball eben so uneingeschränkt liebt wie die, die ihm dabei zusahen. Fast beiläufig werden aber auch die Schattenseiten des Profifußballs gestreift – Verletzungen, Folgen hinausgezögerter Operationen, die Einnahme von Schmerzmitteln. Nachrücken auf den Platz eines Spielers, der verletzt ist. Selbst verletzt und ersetzt werden. Sich zurück in das Team spielen. Funktionierende und nicht funktionierende Teams. Persönliche Siege, obwohl das Team verliert. Persönliche Niederlagen, während das Team gewinnt. Der Film lässt wenig aus und ist dabei doch völlig unsentimental. Als Litmanen nach der Vorführung auf der Bühne steht, ist klar, dass ihm nichts davon leid tut. Er würde das alles wieder genau so machen. Jedes Mal. Nichts daran ist romantisch. Der Film rückt vieles zurecht, was Fußballfans an Idealbildern mit sich herumtragen. Am Ende steht beruhigender Weise ein großes Trotzdem.

Football Landscapes

Während des gesamten Festivals wird in der oberen Etage die Ausstellung “Football Landscapes” der beiden finnischen Fotografen Harri Heinonen und Mikko Auerniitty gezeigt. Die machen einen großen Bogen um alles Große, Glänzende und suchen Spuren von Fußball im Alltag, im Wohngebiet, am Strand. Bezaubernd!

Das Spiel ihres Lebens

Beim 11mm Festival 2013 feiert der Fußball den DFB, der DFB den Fußball und – das ist für mich am wichtigsten – der Fußball feiert sich selbst. Während sich im großen Saal des Kino Babylon Rudi Gutendorf, Olaf Thon und Klaus Fischer beim Sehen und Gesehen werden die Klinke in die Hand geben, geht es zeitgleich im geradezu winzigen Kino 3 etwas beschaulicher zu. Die Geschichte, die in der britischen Dokumentation “The Game of their Lives” erzählt wird, ist, verglichen mit den “50 Jahre Bundesliga”, welche in der Hauptveranstaltung des Abends zelebriert werden, eher eine Randnotiz. Oftmals sind es die kleinen Geschichten, die den Fußball zu etwas Besonderem machen. Und während für viele Menschen Fußball nur die schönste Nebensache der Welt ist, bedeutete der Sommer des Jahres 1966 für die Spieler der nordkoreanischen Nationalmannschaft viel mehr.

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Foto: 11mm

Zerstört vom Koreakrieg, geteilt und zerrissen vom Kalten Krieg, machten sich die Spieler aus Nordkorea auf den Weg zur 8. Fußball-Weltmeisterschaft in England. Und allein der Weg dahin hatte es schon in sich. Zum einen stand für die Fußballverbände von Afrika, Asien und Ozeanien zusammen nur ein einziger Startplatz bei der WM zur Verfügung. Zum anderen hatte die gesamte westliche Welt Nordkorea politisch die Anerkennung verweigert. So mussten in der finalen Qualifikationsrunde gegen Australien Hin- und Rückspiel in Kambodscha ausgetragen werden. Immerhin ordnete die kambodschanische Führung an, dass bei den Spielen in Phnom Penh jeweils die Hälfte der Zuschauer für eine der Mannschaften zu sein habe. “Hey, ihr da! Ihr jubelt jetzt für Nordkorea!” So einfach geht das.

Einmal für die WM qualifiziert, hörte das politische Drama noch lange nicht auf. Großbritannien, im Korea-Krieg auf Seiten Südkoreas aktiv, erteilte den Nordkoreanern nur deshalb ein Visum, weil man befürchtete, die FIFA könnte ansonsten das gesamte Turnier in ein anderes Land verlegen. Etwas gastfreundlicher zeigten sich da die Menschen in Middlesbrough, welche sich alle Mühe gaben, die dort untergebrachte nordkoreanische Mannschaft gebührend zu empfangen und auch während der WM-Spiele zu unterstützen. Der Underdog-Charakter der Nordkoreaner sollte sein übriges tun, um die Engländer im Turnierverlauf auf die Seite der Südost-Asiaten zu ziehen.

Die nordkoreanischen Fußballer waren im europäisch-südamerikanisch dominierten Fußball eine absolute Unbekannte. Folglich wettete auch niemand einen Pfifferling auf die mit Italien, Chile und die UdSSR in eine Gruppe gelosten Nobodys. Es fing auch nicht erfolgversprechend an. Körperlich in Größe und Gewicht unterlegen, musste Nordkorea im ersten Spiel gegen die UdSSR eine klare 3:0 Niederlage einstecken. Aber bereits in Spiel Nummer 2 konnte man dem Dritten der WM 1962, Chile, ein 1:1 abtrotzen – und als die technisch hoch überlegenen Italiener letztlich im entscheidenden dritten Vorrundenspiel mit 1:0 bezwungen wurden, kannte die Euphorie in Middlesbrough keine Grenzen mehr. Die Nord-Engländer hatten die Nordkoreaner als “ihre” Mannschaft durch das Spiel getragen und frenetisch gefeiert. Das “Chollima Football Team”, bezeichnet nach der Arbeiterorganisation, welche den Nordteil Koreas nach dem Krieg wieder aufbauen sollte, hatte in der von Industrie geprägten Arbeiterstadt Middlesbrough offenbar einen Nerv getroffen.

Erzählt wird die Geschichte abwechselnd durch Originalaufnahmen der Weltmeisterschaft 1966 und Interviews, die Regisseur Daniel Gordon im Jahr 2002 in Nordkorea – nach jahrelangen Verhandlungen – mit Akteuren der damaligen Mannschaft geführt hat. Ein Zugeständnis musste Gordon offenbar machen. Die begeisterten Worte der ehemaligen Fußballer, wenn es um die großartigen Errungenschaften des Sozialismus in Nordkorea und die geliebten Führer des nordkoreanischen Volkes geht, bleiben umkommentiert. Auf der anderen Seite braucht es aber auch keines Kommentars. Zu skurril wirken die Tränen der ergrauten und mit Orden behängten Männer am Ehrenmal von Kim Il-sung, zu befremdlich die choreografierten Szenen der jährlichen Massenveranstaltungen im Stadion von Pjöngjang. Dennoch, trotz der politischen Hintergründe, ging es bei der WM 1966 für elf Fußballspieler vor allem darum, einen Ball in das gegnerische Tor zu schießen und damit Menschen zu begeistern.

Jedes Märchen endet einmal, für die Mannschaft aus Nordkorea endete der Traum im Viertelfinale gegen Portugal. Zwar unterschätzten die Portugiesen die Nordkoreaner zunächst, was dazu führte, dass es nach nur 26 Minuten 3:0 für Nordkorea stand. Dann kam allerdings die Stunde eines der größten Stars der sechziger Jahre: Eusebio schoss die am Ende technisch völlig überforderte nordkoreanische Mannschaft mit vier Toren fast im Alleingang aus dem Turnier. Dass das Spiel letztlich “nur” mit 5:3 verloren wurde, lag an einer während des gesamten Turniers grandiosen Leistung des nordkoreanischen Torwarts. Die Engländer feierten die tapferen Asiaten trotzdem. Und so endet die Dokumentation mit dem wunderbaren Satz “Ich habe gelernt, dass es im Fußball nicht nur ums Gewinnen geht.” Mag sein, aber so recht mag es ihnen nicht gelingen, den Stolz über diesen einen WM-Sieg gegen Italien zu verbergen – dem Spiel ihres Lebens.

Live: Ne janz enge Kiste

3:54 Uhr Guten Morgen vom Bahnhof Lichtenberg. Gerade setzt sich der Sonderzug direkt nach Köln in Bewegung. Gut sieben Stunden soll die Fahrt bis Köln-Deutz dauern. Ich gönne mir jetzt erst einmal etwas Schlaf. 13 Uhr Anstoß im Kölner Stadion.

4:17 Uhr Der Kaffee im Imbiss vor dem Bahnhof Lichtenberg war vielleicht doch keine gute Idee. Bin knallwach. Gut, dann kann ich den Kollegen zuhören, wie sie von ihren legendären Kölnausflügen erzählen. Das 0:7 aka “Ne janz enge Kiste” gehört natürlich dazu. Schön natürlich die Erzählung von Matze Koch: “Das letzte Mal, als ich in Köln war, hat Carl Zeiss Jena bis zur 79. Minute 3:1 geführt und am Ende noch 3:4 verloren. Das war der Abstieg.” Nicht umsonst führt der Klub mittlerweile die Beschreibung “der einstmals ruhmreiche” vor dem Vereinsnamen.

4.34 Uhr Matze versucht zu schlafen. Das ganze Abteil hat Reichsbahn-Charme. Natürlich Raucher…

4:57 Uhr Ganz schön frisch im Abteil. Wir suchen den Heizungsregler. Naja, wenigstens den Lautsprecher haben wir schon auf Anschlag aufgedreht. Oh. Unter dem Mülleimer ist ein Drehventil. Ohne Bezeichnung. Einfach mal nach ganz rechts drehen und schauen, was passiert. Falls ich mich nicht mehr melde, war es der automatische Notausstieg. O-Ton Matze: “Es ist genau so kalt wie im Sonderzug nach Wien fünf Tage nach Maueröffnung.”

5:33 Uhr Wir rollen durch Magdeburg. In den Nachbarabteilen ist die Stimmung richtig gut. Für uns stehen die Getränke, die dort gereicht werden, aber auf der Dopingliste. Gleich mal durch den Zug laufen und schauen, ob es auch Kaffee gibt. Die samtroten Sitze sind übrigens gut durchgesessen.

6:16 Uhr Kollege B. (Name der Redaktion bekannt) versucht es jetzt mit ein bisschen Schönheitsschlaf.

6.27 Uhr Kurzer Halt in Braunschweig. Aus den Fenstern schallt: “Wir sind Unioner, wir sind die Kranken …” Einsam auf dem Bahnsteig ein BTSV-Fan, der seinen Schal hochhält. Dabei spielen die erst morgen bei 1860. Frühaufsteher.

7:53 Uhr Wir sitzen in Waggon 10, also ganz hinten im Zug. Für den Morgenkaffee sind wir durch den ganzen Zug geschlittert. Obwohl, in fast allen Wagen klebt der Boden. Der Zug wackelt so stark beim Fahren, dass wir den Kaffee von Erik gleich vor Ort getrunken haben. Und dabei immer das Heizwasserthermometer im Blick.

8:21 Uhr Im Partywagen ist richtig Stimmung. Ich sage nur Düdüdüdüdü düdü – Union! Es tanzt sich gut. Der Boden ist wunderbar glitschig. Aufpassen muss man nur, wenn die Bierträger sich vorsichtig den Weg durch das Partyvolk bahnen.

8:22 Uhr Mein Gang durch den Partywagen :)

Partywagen im Union-Sonderzug nach Köln from Saumselig on Vimeo.

8:25 Uhr Beim DJ hängt das Zugmotto. Ich werde Zombie Nation bis heute Nacht sicher nicht mehr aus den Ohren bekommen.

8:30 Uhr Flaschen durften nicht mit in den Zug. Aber die Versorgung hier ist gesichert, zu sehr fairen Preisen. Würde ja gerne wissen, was der “Erdbeer-Brandstifter-Cocktail” so beinhaltet. Und vor allem, was der DFB dazu sagt.

9:06 Uhr Wir passieren gerade Ahlen. Ganz schlimme Erinnerungen an den Sommer 2000. Aufstieg vergeigt. Vom Frühjahr 2004 schweige ich lieber ganz.

Die Abteile sind größtenteils mit Schildchen vorreserviert. Die bekannten Namen: Komakolonne, Alt-Unioner, und so weiter. Bei uns steht nur schnöde: Presse.

9:37 Das Motto der Fahrt ist ja bekanntlich der Gesang von der legendären 7:0-Niederlage in Köln. Unions Fanvereinigung Virus, die den Zug organisiert hat, ließ es sich nicht nehmen, die Fahrkarte auch entsprechend zu gestalten. Ganz klar ein Fall für das persönliche Sammelalbum.

10:05 Uhr “Stop, in the name of love, before you break my heart!”, singt ein Uniofan über den Gang tanzend. In der Hand zwei Erdbeer-Brandstifter-Cocktails. Was drin ist, weiß ich immer noch nicht. Aber immerhin kennen wir schon die Wirkung.

10:34 Uhr Bottrop oder wie der Berliner sagt: “Hier möchte ich nicht tot über’m Zaun hängen.” Der Schnee draußen ist mittlerweile geschmolzen und auch die klare Stimme ist vielen Fans abhanden gegangen. Wichtig sind jetzt Lieder, in denen die Vokale besonders gedehnt werden können. In einer Stunde landen wir in Köln-Deutz. Bin persönlich gespannt, wieviele Verluste auf Anhängerseite zu zählen sind, wenn wir aussteigen. Das praktische an den Sitzen ist, dass man sie genauso gut als Couch benutzen kann.

10:45 Uhr Der Zug tuckert durch die Gleisanlagen des Oberhausener Hauptbahnhofs. Endlich der Moment, die Waggons halb von außen zu fotografieren.

11:07 Uhr Düsseldorf haben wir passiert. An einer großen Baustelle am Zoo stand: “No Surprising News” Hoffentlich gilt das nicht für heute. Noch so eine heftige Niederlage wie vor zehn Jahren muss ja nicht sein.

11:30 Uhr Wir sollten gleich in Köln ankommen. Unser Taxi am Bahnhof Deutz meldet großes Polizeiaufgebot. Für die Fans stehen Sonderstraßenbahnen bereit. Mal sehen, ob wir da mitfahren müssen.
Erik macht derweil eine erste Müllsammelrunde. Status Update aus dem Partywagen: Es wird weiter getanzt.

12:03 Uhr Wir sitzen schon im Taxi zum Stadion. So eine Sonderzugankunft ist immer etwas Besonderes. Singend fallen die Fans aus dem Zug, dazu die Akustik.

Unionsonderzug: Ankunft in Köln-Deutz from Saumselig on Vimeo.

12:33 So präsentierte sich uns gerade das Stadion.

12:35 Uhr Faustdicke Überraschung bei der Aufstellung. Fabian Schönheim fehlt. Er ist zwar in Köln dabei, aber erkrankt. Und auf der rechten Außenbahn vertraut Uwe Neuhaus weder Patrick Zoundi noch Christopher Quiring. Stattdessen wird dort wohl Jopek spielen. Ich muss jetzt arbeiten und melde mich nachher wieder aus dem Zug.

12:39 Uhr Nach kurzer Diskussion zwischen Mannschaftsarzt Dr. Hepe und Trainerstab wurde entschieden, dass die Fahrt des Teams mit dem Sonderzug ausfällt. Uwe Neuhaus möchte auch nächste Woche eine Mannschaft auf den Platz stellen. Die Erkrankung von Schönheim ist eine fiebrige Grippe. Er wurde bereits separiert.

16:11 Uhr Uwe Neuhaus auf der Pressekonferenz nach der 0:2-Niederlage: “Ich bin ein kleines bisschen enttäuscht. Hatte mir mehr erhofft und war mit der Art und Weise nicht einverstanden. Sah am Anfang so aus, also ob wir Angst gehabt hätten. Nach dem 2:0 war das Spiel so gut wie entschieden. Die Körpersprache der Spieler hat sich dem dann angepasst.”

17:37 Wir sitzen wieder im Zug. Hier ist allgemeine Katerstimmung angesagt. Vom Verein sind jetzt nur Pressesprecher, Sicherheitsbeauftrager und Fanbeauftragter im Mannschaftswagen. Das Team selbst ist aus Krankheitsgründen mit dem Bus zurück nach Berlin gefahren. Alle sind etwas müde. Im Partywagen wird gerade nicht einmal getanzt. Aber das wird nachher sicher wieder.

19:08 Die Euphorie ist in Köln geblieben. Hier ist alles locker. Aber es rockt nicht so richtig. Mag vielleicht auch mit den Vorfällen rund um das Spiel zu tun haben.

Vor dem Spiel am Stadion gab es ein Aufeinandertreffen von Kölner und Union-Ultras. Die Polizei ging dazwischen. Effekt: Ein Polizist mit Nasenbeinbruch. 70 Berliner Fans wurden festgenommen. Sie erwartet ein Verfahren wegen Landfriedensbruch. Sie werden zur Stunde auf freien Fuß gesetzt. O-Ton eines Polizeisprechers: “Was mich wirklich ankotzt. Draußen warten welche von denen und feiern die Freigelassenen, wie bei der Befreiung von Nelson Mandela.”

Zudem wollten sich während des Spiels 35-40 Union-Fans den Gästeblock in eine nicht gestattete Richtung verlassen. Polizei und Ordner wollten sie daran hindern. Dabei wurde ein Ordner leicht. Ein Polizist musste ins Krankenhaus. Verdacht auf eine ernsthafte Kopfverletzung hat sich glücklicherweise nicht bestätigt.

19:19 News aus dem Partywagen: Es wird getanzt. Außerdem sind die Sechser-Pappträger für Bierbecher alle. Wir prangern das an.

Ich habe es endlich geschafft, herauszubekommen, was im Erdbeer-Brandstifter-Cocktail drin ist. Klingt gefährlich: Erdbeeren (Überraschung!), Erdbeersirup, Batida de Coco und Korn. Ich probiere nicht. Erstens steht mein Auto am Bahnhof Lichtenberg und zweitens muss ich morgen früh um zehn Uhr bei Union am Trainingsrand stehen. Vor allem der Korn lässt mich aber rätseln. Schmeckt das? Und wieviel Kopfschmerzen sind der Lohn dafür?

22:08 Uhr Ich habe mich ein bisschen auf dem Gang verquatscht. Mit Lob für unseren Podcast beim Textilvergehen fing es an und endete bei Stadionbau und der ganzen Uniongeschichte. Wahnsinnig interessant. Das ist das tolle an diesen Fahrten. Ich lerne viele neue Leute kennen. Schon dafür kann ich solch einen Sonderzug empfehlen. Vor allem, wenn er so gepflegt ist wie hier.

Ich will nicht mit Toilettenberichten langweilen. Aber ich finde es enorm, dass ich hier auch 22 Uhr abends ohne Probleme auf Toilette gehen kann. Jedenfalls bedeutet das Besetztzeichen nicht, dass die Toilette gesperrt ist.

22:25 Uhr Kurze Werbeeinblendung: Ein Sonderzug für alle Fälle.

Das Nichtraucherschild könnt ihr getrost ignorieren.

22:45 Uhr Magdeburg. Nur noch 105 Minuten bis Lichtenberg. Bei mir schwinden die Kräfte. Ich will vor allem nur noch schlafen. Bei uns im Abteil dreht sich auch nur noch alles darum.

23:03 Uhr Lust auf etwas Schnee. Im Übergang zwischen den Waggons ist noch genug übrig.

1:10 Uhr Endlich zu Hause! Der Zug kam pünktlich kurz vor halb eins in Berlin-Lichtenberg an. Die Gestalten, die dem Zug entstiegen, waren gar nicht mal so laut. Lag bestimmt am vielen neuen Schnee in Berlin. Oder doch an den über 20 Stunden, die wir alle gemeinsam unterwegs waren? Ich würde jetzt gerne ein großes Fazit ziehen, aber meine Augen sind schon ganz klein. Deshalb lasse ich es bei einem “Schön war’s”.

Und der Gewinner ist …

Wir haben uns aus Gründen (Derbyfieber und so…) etwas Zeit mit der Verlosung der Biographie von Gerald Asamoah gelassen. Aber jetzt ist es vollbracht. Steffi hat unter dem unbestechlichen Auge der Telefonkamera die Gewinnerin gezogen. Aber seht selbst!

Verlosung: Gerald Asamoah – Dieser Weg wird kein leichter sein…

Ich mag Gerald Asamoah. Ein Fußballspieler, der genau das auf dem Feld zeigt, was ich gerne sehe. Einsatzfreude, Willenskraft. Mehr muss es eigentlich nicht sein. Auch keine Fußballer-Biographie. Das überflüssigste aller Buch-Genres.

asamoah

Aber Asamoah ist nicht einfach nur Fußballer. Sondern er hat eine Geschichte zu erzählen. Weil auf ihn Dinge projiziert wurden, die mit Fußball als Spiel erst einmal nichts zu tun haben. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, wie in der nationalistischen Kampagne zur WM 2006 “Nein, Gerald, Du bist nicht Deutschland“. Er erzählt von der Kindheit in Ghana und seinem Aufwachsen in Deutschland.

Oliver Fritsch hat das für Zeit Online in einem Interview mit Asamoah besser in Worte fassen können: “Nicht alle Rassisten werfen Bananen

Wer das Buch gewinnen möchte kann hier oder bei Facebook einen kurzen Kommentar (“Ich will”, würde reichen) hinterlassen. Wir losen dann aus. Ende der Aktion ist Mittwoch, der 30. Januar 2013 um 24.00 Uhr. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen und wir benutzen Eure Daten nur für die Verlosung und sonst für nichts.

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Schwachsinn mit Schwachsinn kontern

Wenn keine Einigung über ausreichende Maßnahmen erzielt wird, werden wir künftig auf jeden Fall mehr Polizei einsetzen und das wird dazu führen, dass wir die rechtliche Situation herbeiführen und Gebühren für Polizeieinsätze nehmen werden.

Der seit Sonntag ehemalige niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann im Dezember 2012 zur Welt

Ein Satz von großartiger Schwachsinnigkeit. Auch in der heißgelaufenen Debatte um das vermeintliche Sicherheitskonzept der DFL (pdf) war diese Aussage grandios daneben. Ich möchte jetzt nicht groß erläutern, warum die ständig geäußerte Idee einer Kostenbeteiligung vielleicht nur so lange schlüssig ist, wie man mit ihr bierselig über den Stammtisch brettert. Ich erinnere in dem Zusammenhang aber immer wieder gerne an die Kostenbeteiligung der den Steuererlass für die Fifa bei der WM 2006 in Deutschland.
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