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Als wir zu träumen begonnen hatten

Es war kein gutes Wetter. Ein typischer Oktobertag im Herbst. Dazu in Berlin. Das bekommt keine Kampagne gekittet. Die Kulisse war der triste Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Der Rüpel war dieses Mal in Begleitung seines Kindergartenfreundes und dessen Mutter dabei. Kein Stadion für Kinder. Sie sind zu weit weg vom Spielgeschehen. Kein Stadion für Erwachsene, da die fest montierten lächerlich bunten Schalensitze das Stehen behindern.

Die erste Halbzeit war eine mittlere Katastrophe. Da er vom Spiel nicht allzuviel mitbekam, wollte der Rüpel ständig Aufmerksamkeit. Pokémonkarten, Hefte, Bratwurst. Das, was ich vom Spiel mitbekam, war grausam. Paderborn machte das erste Tor. Eigentlich machte das Tor Daniel Göhlert. Ein Eigentor. In der Halbzeit gingen die wenig erbauten Kinder nach Hause. Nein, ich wollte nicht mit. Vielleicht ging ja noch etwas.

Wut auf den Schiedsrichter, der Michael Bemben mit Gelb-Rot nach einem ungeschickten Zweikampf in die Kabine schickt. Ohnmächtige Wut, als Paderborn das zweite Tor schießt. Trotz auf den Rängen. Ob sich das von den Rängen auf den Platz übertrug oder umgekehrt, das kann ich nicht beurteilen. Aber bei der Mannschaft zeigte sich eine Reaktion, die in schlechten Momenten zu einem Kartenfestival führen kann. Dieses Mal nicht. 74. Minute – Benyamina schießt das 1:2. Wir laut. Vielleicht einen Punkt mitnehmen aus diesem verkorksten Spiel. 82. Minute – Patschinski trifft zum Ausgleich. Wir lauter. Schlechtes Spiel, Schlechter Schiri, schlechtes Wetter. Es war egal. Alle schienen nur ein Wort zu schreien: Jaaaaah! 86. Minute – Benyamina macht das 3:2. Ab dann habe ich nicht mehr viel mitbekommen. Es muss ein Moment völliger Losgelöstheit gewesen sein. Geschrien wurde. Und gelacht. Für Außenstehende sicherlich ein merkwürdiges Bild.

Meine Stimme erlangte ich erst zwei Tage später wieder. Aber wer bei diesem Spiel dabei war, hatte eine Mannschaft gesehen, die unbedingt aufsteigen wollte. Und Karim Benyamina habe ich nie wieder Chancentod gerufen.

Sonntag, 13.09.2009 13.30 h, Stadion an der Alten Försterei: 1. FC Union Berlin – SC Paderborn 07. Dann wahrscheinlich wieder ein ganz normales Fußballspiel.

Nachgetreten

Letztes Spiel im ungeliebten Exil. Und das musste noch gesagt werden:

2009mielkefcunion

Was fehlt.

Deutsch ist eine viel schönere Sprache, als die ganze nichtdeutschsprechende Welt immerzu behauptet. Es gibt ganz wunderbare Wörter wie “Stelldichein” und “Hosenstall”, oder Blumen, die “Vergißmeinnicht” und “Tränendes Herz” heißen.

Was aber fehlt, ist eine Entsprechung des portugiesischen Wortes saudade. Es kann Heimweh sein, oder Fernweh, Sehnsucht oder Phantomschmerz. Sicher ist nur: Etwas fehlt. Nichts die Existenz bedrohendes, und man kann gewiss auch ohne leben. Nichtsdestotrotz fehlt etwas, und das ist nicht schön.

Andoras Fahne war es nicht, die fehlte. Die war gestern im Jahnsportpark, und Andora auch; Phillipp Köster hab ich am Kassenhäuschen Cantianstraße gesehen, Mannschaft und Trainerstab sind gottlob ebenfalls vollzählig erschienen, und neuneinhalbtausend Unioner wollten sich das Aufstiegsspiel keineswegs entgehen lassen.

Nur ich wäre beinahe nicht da gewesen, ich hätte aus familiären Gründen in einer ganz anderen Stadt sein sollen. “Quatsch, Du bleibst natürlich in Berlin und gehst da hin”, sagt er. Und ich so “Ja … aberaberaber … ohne Dich is´ bloß halb so schön. Soll ich nicht doch lieber mit Dir mitkommen? Vielleicht steigen wir ja gar nicht auf, dieses Wochenende …” – “Doch, wir steigen auf. Und ich will, das Du Dir das ansiehst. Schick Fotos.”

Ich habe nicht eben das geleistet, was man erbitterten Widerstand nennt. Und man ist -Unioner unter Unionern- auch niemals wirklich einsam. Ich habe auf Sitzschalen gestanden, möglicher Weise bin ich gar darauf rumgehüpft, viel fehlte nicht an einer Zaunbesteigung. Ich gebe zu, mir komplett unbekannte Männer umarmt zu haben. In der 60. und in der 72. Spielminute nämlich. Zu meiner Verteidigung kann ich vorbringen, dass sie die richtigen Farben trugen. Ich sehe nach dem zweiten Tor, wie meine Mannschaft lachend im Kreis am Boden liegt. Sehe, wie ein Platzsturm vorbereitet wird. Sehe eine Rasenfläche, eben noch grün, dann sehr schnell sehr rotweiß.

Auf die Textnachricht “Alle völlig bekloppt hier.” bekomme ich die Antwort “Jetzt weißt du, warum ich wollte, daß du da hingehst.”

Ich weiß, und ich danke, und trotzdem: saudade.

Der Weg zurück ist ein bißchen, als wäre grad Lord Voldemort gestorben. Wir sind alle in einem Zustand zwischen Unglaube, Erleichterung und maßlosem Glück. Ich treffe irgendwo in der Stadt zwei Jungs, die eben aus dem Stadion kommen. Wir sagen gar nichts, wir kucken uns nur an und grinsen wie Verschwörer. Du weißt es, ich weiß es, und die anderen werden es nachher in den Nachrichten sehen.

Abends in Köpenick ist es dann laut, in Köpenick sind wir immer laut, aber Köpenick ist das -im Gegensatz zum Prenzlauer Berg- auch gewöhnt, dass wir da sind, und dass wir da laut sind. Ab durch den Wald, das riecht nach Heimat. Wie bei allen Anlässen mit Festivalcharakter kommt es zu Bierengpässen, und wie nur bei Aufstiegen stellt sich heraus, dass man auch ohne Alkohol besoffen sein kann, und dass der Herr Bönig tief im Innern ein wenig ultra ist.

Gegen halb 10 endlich heimwärts gewandt, treffe ich unvermutet @343max, der wissen will, ob Union etwa direkt in die 1.Liga geklettert sei, was man dem Radau und Krakeel nach durchaus annehmen könnte. Hingegen Frau @zufall macht alles richtig: umarmen, beglückwünschen, freuen helfen.

Abends lese ich das Internet und möcht gleich nochmal kurz weinen. Menschen von allüberallher gratulieren, und nolookpass hat einen wundervollen Text zu Ehren der Unionfans geschrieben.

Dann sagt Uwe Neuhaus in den Tagesthemen das hier …

ARD: Haben Sie sich die Zweite Liga schon mal angekuckt, Spielstärke, Konkurrenz?
UN: Nee, ich interessier mich eigentlich so gar nicht für Fußball.

… woraufhin ich mich in den Schlaf kichere.

Und wenn mich jetzt wer fragt, ob das steigerbar ist, denke ich kurz nach und sage: Ja. Ist es. Sodann putze ich mir das Konfettizeug aus den Haaren. Ich hab nämlich nachher noch ein Stelldichein.

Spielklassenwechsel 09.

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Ich hab noch keine Worte, jedenfalls keine, die nicht pathetisch wären, und ich hab nur wenig Bilder, ich war nämlich gestern zum Feiern und nicht auf Arbeit.

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