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Die glorreichen Sieben.

Groß war das Lamento in der Hauptstadt, als der Abstieg von Hertha BSC feststand. Es sei eine Schande, dass ausgerechnet in Deutschland kein Hauptstadtverein in der obersten Spielklasse vertreten sei. Ganz so, als ob es vorher ein Bundesgesetz gegeben hätte, dass bis 1990 dem Bonner SC einen Stammplatz in der Bundesliga garantierte. Die Mär vom einzigen Hauptsstadtklub stimmt indes auch nur bedingt. Allerdings ist der Verweis auf den zweitklassigen FC Vaduz auch kein erstklassiger Freispruch.

Dafür kann Berlin für sich den Titel “Hauptstadt der Zweitklassigkeit” beanspruchen. Keine andere Stadt hat seit der Einführung der Spielklasse 1974 mehr Vereine in das Unterhaus entsandt. Dabei ist ein Teil dieser sieben Klubs mittlerweile in Spielklassen angekommen, die von den vergangenen Erfolgen wenig ahnen lassen.

Quelle: http://www.fussballdaten.de/zweiteliga/ewigetabelle

Spandauer SV

Viel bleibt dem Spandauer SV nicht. Aber den Titel der schlechtesten Mannschaft der zweiten Liga wird dem Verein niemand nehmen können. 1975 in die 2. Bundesliga Nord aufgestiegen, scheiterte die Mannschaft grandios und holte lediglich zwei Siege in 38 Partien. Ebenso wie Tasmania 1900 den Titel in der Bundesliga wohl für immer behalten wird, bleibt dieser auch beim SSV. Letzte Saison machte Spandau als Skandalnudel in der sechstklassigen Verbandsliga von sich reden, als der Verein wegen ausstehender Verbandsgebühren zeitweise vom Spielbetrieb suspendiert wurde oder im Ligaspiel aufgrund fehlender Spieler einfach der 56jährige Frank Marczewski eingesetzt, der 1976 noch mit dem SSV in der zweiten Bundesliga spielte. Mit zwei Siegen und sechs Punkten stand der Abstieg in die Landesliga fest.

Frank Marczewski mit dem Spandauer SV gegen den 1. FC Union II

SC Charlottenburg

Auch die große Zeit des SC Charlottenburg ist bereits Vergangenheit. Viel bekannter ist mittlerweile die Volleyballabteilung, die beständig mit Friedrichshafen um die Meisterschaft kämpft. Doch Ende der 70er Jahre stieg der SCC mit seiner Fußballmannschaft innerhalb von fünf Jahren vier Mal auf und stand in der Saison 83/84 in der 2. Bundesliga. Es folgte mit einem knappen Rückstand von zwei Punkten der sofortige Abstieg. Da tröstete auch eine positive Bilanz gegen Hertha (Sieg und Unentschieden) nicht. Andreas Köpke wechselte jedenfalls schnell den Verein und spielte ab der nächsten Saison bei Hertha BSC. Zweimal verpasste der SCC kurz darauf in der Aufstiegsrunde den Sprung in Liga zwei. Und ab Ende der 80er ging es bergab.

Heute spielt der SC Charlottenburg in der Landesliga. Einen Aufstieg in die zwei Klassen höhere Oberliga mag man ihm und seinen Anhängern allerdings angesichts solchen Liedgutes nicht wünschen. Die Polizei in Ostdeutschland ist da mittlerweile sehr sensibel:

Wir sind die Jungs vom SCC
wir sind ein stolzer Hieb
Und mancher der uns unterschätzt
schon auf der Strecke blieb

Refrain: “Schwarzes C” ist ok
“Schwarzes C” ist ok ja ja ja ja ja
“Schwarzes C” ist ok
wir sind ein stolzer Hieb

Quelle: www.scc-fussball.de

SC Wacker 04 Berlin

Vom Gründungsmitglied der zweiten Bundesliga ist nur noch ein Namensfragment geblieben. Der Verein wurde 1994 nach einem Konkurs aufgelöst und die Mitglieder traten dem Berliner FC Alemannia 90 bei, der seitdem als Berliner FC Alemannia 90 Wacker Fußball spielt. Nach der Gründung der zweiten Bundesliga spielte Wacker drei Spielzeiten in der neuen Spielklasse und gab letztmalig 1978/79 ein einjähriges Gastspiel. Diese Zeit ist identisch mit den Jahren, die Richard Golz in der dortigen Jugendabteilung verbrachte.

Heute geht es dem Verein um das Überleben in der 2. Abteilung der Landesliga, wo man dieses Jahr, Ironie der Geschichte, auf die ehemaligen Zweitligisten Spandauer SV und SC Charlottenburg trifft. Aus administrativer Sicht nicht unglücklich ist man darüber, dass Wacker 04 der Heimatverein von Bernd Schultz, dem derzeitigen Präsidenten des Berliner Fußballverbandes, ist.

SpVgg Blau-Weiß 1890 Berlin

Als sich der gesamte Westberliner Fußball Mitte der 80er Jahre dem Siechtum hingab, hielt Blau-Weiß 90 das Fähnchen hoch. Ab 1984 spielte der Verein im Profifußball. Als Tennis Borussia und Hertha BSC in die Amateurliga abstiegen, gelang dem Verein sogar der Aufstieg in die Bundesliga. Damit einher ging ein legendärer Auftritt im ZDF Sportstudio, als die Mannschaft mit dem Schlagersänger Bernhard Brink mitwippen durfte.

Sportlich in der Abstiegsrunde 1991/92 gerettet, entzog der DFB dem Verein die Lizenz für die neue Spielzeit, was Konkurs und Auflösung des Vereins zur Folge hatte. Die Traditionslinie setzt seitdem der SV Blau-Weiß 90 fort, der derzeit in der Berzirksliga wieder höhere Ziele ausgibt.

Tennis Borussia Berlin

Im Jahr der Gründung der zweiten Bundesliga spielte Tennis Borussia eine Etage höher und lernte das sogenannte Unterhaus nur im Falle des Abstieges kennen. Als die zweite Bundesliga 1981 eingleisig wurde, war der Verein ein Opfer der Reform und seiner vorher schlechteren Plazierungen. Ab da wurde bis auf die Saison 85/86 nur noch drittklassig gespielt.

1993 steigt Tennis Borussia in die zweite Liga auf, obwohl der 1. FC Union den Erfolg sportlich sicher hatte. Union hatte die Lizenzunterlagen mit einer gefälschten Bankbürgschaft erhalten. Darum, auf welchem Wege und unter welchen Umständen diese Informationen zum damaligen Präsidenten von Tebe, Jack White, kamen, ranken sich verschiedene Legenden. Fakt ist, dass White dem DFB die gefälschte Bürgschaft meldete und Tebe anstatt Union in der zweiten Liga antrat. Der Beginn einer tiefen Abneigung der beiden Anhängerschaften. Daran änderte auch der sofortige Abstieg der Charlottenburger nichts.

Ein zweites Intermezzo gab es von 1998 bis 2000, das allerdings mit den finanziellen Ungereimtheiten um die Göttinger Gruppe mit dem Lizenzentzug endete. Seitdem versucht der Klub immer wieder auf die Beine zu kommen. Aber eine solide Finanzierung hat sich seitdem nicht wieder gefunden. Letzte Saison wartete man vergeblich auf von einem nicht näher bekannten “Sponsor” zugesagte Gelder, die bis zum Schluß nicht ankamen. Die kurzfristige Präsentation von Werner Lorant als Sportdirektor half ebenso wenig. Seit diesem Jahr spielt der Verein wieder in der fünftklassigen Oberliga.

Hertha BSC und der 1. FC Union Berlin

Berlins aktuelle Zweitligisten. Die Rollen sind klar verteilt. Hertha besaß mit Theo Gries einen der erfolgreichsten Torschützen der 2. Liga (123 Tore). Union besitzt mit Theo Gries als Trainer der eigenen U23-Mannschaft einen der erfolgreichsten Torschützen der 2. Liga (123 Tore).

Hertha kann wohl auf das zuschauerreichste Zweitligaspiel verweisen (75.000), als 1997 der 1. FC Kaiserslautern im Olympiastadion gastierte. Dafür verweist Union gerne auf die zuschauerreichste Stadionsanierung (ca. 2.000).

Union ist einer der wenigen Zweitligisten, die im Europapokal spielten (2001/02). Dafür spielte die Hertha deutlich erfolgreicher im Europapokal.

Ansonsten ist zum Verhältnis beider Vereine wenig zu sagen, da diese in ihrer bisherigen Verfassung noch kein einziges Pflichtspiel gegeneinander ausgetragen haben. Das letzte Aufeinandertreffen muss in der Saison 1949/50 in der damals letztmalig ausgetragenen Gesamtberliner Stadtmeisterschaft stattgefunden haben. Kurz darauf wurden die beiden Ostberliner Vereine zurückgezogen und die von Hanne Sobeck trainierte Mannschaft aus Oberschöneweide verließ den Ostsektor.

Schwarzenbecks Turnhose

Ich nutz das jetzt einfach mal aus. Das mit den Zugangsdaten und so. Über Union schreiben ist ja gut und schön, aber das tun Steffi und Sebastian das ganze Jahr über, und ganz sicher weitaus kompetenter, als ich es jemals könnte. Statt dessen schreibe ich über das Textilvergehen, zumindest ein bisschen. Würden die beiden ja eher nicht tun.

“Textilvergehen. Was für ein Name. Großartig” war einer von zwei Gedanken, als ich erstmals hierhin stolperte. Als die damalige alleinige Hausherrin sich mit Veränderungen in der Fußballdarstellung befassen wollte. Der zweite, eng mit dem ersten verwobene, Gedanke lautete: “Ove Grahn!”

Ove Grahn? Denjenigen, die bereits wissen, was ich meine, danke ich für ihre Aufmerksamkeit. Hier kommt nichts Neues mehr. Für die anderen hole ich vielleicht ein bisschen aus. Ein bisschen zu weit, übrigens, wenn man ehrlich ist.

Diese Leidenschaft für unseren Sport ist ja nicht so ganz einfach zu erklären. Denen, die sie teilen -zumindest in Ansätzen-, natürlich schon, aber da ist es ja nicht nötig, den anderen eher weniger. Das ist grundsätzlich nicht weiter schlimm, vielleicht ganz im Gegenteil, sonst müsste man sich möglicherweise über noch mehr böse Erfolgs- und Eventfans oder auch Un-Unionisten echauffieren, anstatt sich dem Spiel zu widmen. Gleichwohl sind da natürlich Menschen, denen man gerne und bewusst einen gewissen missionarischen Eifer widmet, um sie für den Fußball zu gewinnen, ihnen eine friedliche Koexistenz abzuringen oder zumindest zu dem Punkt zu gelangen, dass sie unsere Leidenschaft verstehen, nachvollziehen, akzeptieren, würdigen oder was auch immer können.

Es gelingt selten, meiner Erfahrung nach. Naja, ich hab’s auch nicht oft versucht. Aber wenn, dann bin ich gescheitert. Und musste feststellen, dass ich selbst kaum in der Lage bin, meine Liebe zum Fußball zu erklären. Keine Sorge: ich will’s auch jetzt nicht versuchen. Aber wenn ich so über frühe Phasen unserer Beziehung nachdenke, kommen mir stets zwei Bücher in den Sinn, die sie geprägt haben: zum einen, für Eingeweihte wenig überraschend, Sammy Drechsels 11 Freunde müßt ihr sein, zum anderen, vielleicht nicht ganz so naheliegend, Harry Valériens Buch zur WM 1974.

WM 1974, klar. Happy End. Just another Erfolgsfan. Meinetwegen. In der Tat habe ich unter all den WM- und sonstigen Fußballbüchern meines Vaters just dieses eine mit besonderer Begeisterung immer wieder gelesen, das ein aus deutscher Sicht sehr erfolgreich verlaufenes Turnier beschreibt. Ob das der Grund war? Keine Ahnung. Vermutlich. In jedem Fall ist “gelesen” angesichts meines damaligen Alters ein großes Wort. Aber die Bilder…

Die sehr junge und ungeniert auf der Tribüne gähnende Stéphanie von Monaco, die Bemühungen der Helfer im überfluteten Frankfurter Waldstadion, Croys verdutzter Blick auf den von Rivelino durch die Mauer getretenen Ball, Maiers eher ungewöhnliche Abwehrhaltung bei Sparwassers Treffer, Billy Bremner verzweifelt vor dem leeren Tor, Ayalas christlich anmutende Haarpracht beim Kopfballduell, der furchteinflößende Jan Tomaszewski im polnischen Tor, Szarmachs Nasentampon, das Ballnetz am Malenter Ortsschild, der schottische Premierminister besucht seine nackt im Whirlpool sitzenden Spieler, Schöns vom Fernseher abfotografierter Jubel gegen Polen, Neeskens Luftstand beim Elfmeter, Cruyffs gelbe Karte zur Pause, Beckenbauers Blick nach vorn bei der Balloberung, Pelé und Uwe Seeler im weißen bzw. schwarzen Anzug mit den Weltpokalen in der Hand.

Mir scheint, ich schwelgte ein wenig. Verzeihung. Weiter im Text.

Schon bald konnte ich zumindest die Überschriften und die Bildunterschriften lesen bzw. hatte sie mir vorlesen lassen und kannte sie auswendig. Teilweise sind sie mir noch heute im Ohr:

“Tip und Tap, einfältig und fröhlich, warben nach dem originellen Worldcup Willie 1966 und dem liebenswerten Juanito 1970 für die WM”.

“Uli Hoeness flankt von der Torauslinie an Verteidiger und Torhüter vorbei. Solche Vorlagen müßten jedem Stürmer liegen”.

“Für Mark Spitz zu wenig, für Fußballer zuviel: Wasser”

“Die Spielführer konnten sich in ihrer gemeinsamen Muttersprache begrüßen, der Bayer Franz Beckenbauer und der Thüringer Bernd Bransch”.

“Trotz katzenartiger Gewandtheit und instinktivem Bewegungsgefühls können Torhüter Muama Kazadi und Ilunga Mwepu das vierte Tor der Jugoslawen nicht verhindern”.

“28 plus 29 = 57. Um ein Foul lagen die Schotten am Ende vor den Brasilianern, [...]

“Lachend gratuliert Dino Zoff seinem Bezwinger Sanon. 1141 Länderspielminuten blieb Italiens Torwart ungeschlagen. Ausgerechnet ein Stürmer des Fußballzaungastes Haiti beendete diese Serie. Immerhin sei er nun wieder ein ‘normalsterblicher Torwart’ meinte Zoff nach dem Treffen”.

“Unterhaltung mit weiblichen Personen war erlaubt: Franz Beckenbauer mit einer schwedischen Journalistin”.

“Affen und Elefanten besichtigten Haitis Spieler im Tierpark Hellabrunn”.

“Das Spiel ist aus, man tauscht die Trikots, ein Brauch, der sich auf allen Fußballfeldern der Welt eingebürgert hat. Nur die Funktionäre der FIFA sahen den Strip-tease ungern”.

Vielleicht sollte ich zum Punkt kommen:

“Keinen Staffelwechsel proben hier Ove Grahn und Hans-Georg Schwarzenbeck. Nachdem der Schwede kein anderes Mittel kannte, den Sololauf des Deutschen zu stoppen, griff er nach dessen Hose. Für diese Textilbremse gab’s zu Recht die gelbe Karte”.

Textilbremse

Stimmt, eine Bremse ist nicht unbedingt ein Vergehen. Aber wer hat schon seine Assoziationen im Griff?
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Lieber Südwest Verlag (bzw. Random House), liebe Bildrechteinhaber bei Imago: ich war’s. Ich hab das Bild aus dem Buch abfotografiert. Nicht die Leute vom Textilvergehen, ehrlich!

Der König der Mittelstürmer.

Meine Oma sagte über Unvorstellbares immer “Dit jibs do in keen Russenfilm”, und das musste man dann wirklich gesehen haben. Ich konnte mir bis heute keinen schwarzweißen Fußballstummfilm mit leibhaftiger Klavierbegleitung vorstellen. Drum hab ich mir einen angesehen. “König der Mittelstürmer” ist einer der ersten deutschen Fußballfilme überhaupt, kam 1927 in die Kinos und ist einfach unfassbar … komisch. Das ist in weiten Teilen durchaus so beabsichtigt, denn es handelt sich um eine Komödie, gelegentlich ist die Komik jedoch unfreiwillig, weil dem Zeitgeist geschuldet. Und dann ist es besonders lustig.

Das Allerschönste aber ist: der Film funktioniert. Man könnte dieselbe Geschichte heute noch auf die selbe Weise erzählen: Fußballspielender Sohn eines insolvenzbedrohten Geschäftsmannes trifft reiche Erbin (“Reden Sie mir nicht von Liebe”), Mittelstürmer ist kein gesellschaftlich anerkannter Beruf, der Junge soll lieber was Richtiges arbeiten, es folgen einige Liebesturbulenzen, ein eifersüchtiger Nebenbuhler sabotiert den glücklichen Fortgang der Ereignisse, jedoch zeigt sich am Ende die Frau dreifach einsichtig. Erstens, sie bittet den künftigen Schwiegervater, den König der Mittelstürmer (“Ohne Tull keine Meisterschaft”) wieder spielen zu lassen. Zweitens, sie bandagiert seine Sportverletzungen (“Wunderheilung”). Drittens, sie liebt ihn trotzdem. Oder gerade weil. Und am Ende gibts einen Platzsturm, wie wir ihn 2009 zuletzt gesehen haben.

Erstaunlich ist der Film trotzdem, wenn man ihn im Kontext seiner Zeit betrachtet. Filmtechnisch beeindruckend sind die Fußballszenen, die das ganze Drama Fußball einfangen. Der Film selbst ist universell verständlich. Stummfilmschauspieler mögen in Gestik und Mimik übetrieben wirken, und manchmal muss eine wenig dezent geschminkte Augenbraue einen Dialog ersetzen, was speziell an männlichen Darstellern außerhalb von Vampirfilmen sonderbar anmutet – trotzdem käme der Film auch ohne seine Texttafeln aus, weil die Bilder klar sind und die Geschichte stringent erzählt wird.

Und schließlich: Schießen Sie ja nicht auf den Pianisten! Dramatische Musik kann man gar nicht genug überschätzen. Im Stummfilm ist sie unersetzlich.

Warme Gedanken

Die Kälte und der für den Monat Dezember völlig untypische Schnee haben Berlin im Griff. Trotzdem mehr als 15.000 Zuschauer im Stadion. Die singen und tanzen die Kälte weg. Zumindest die Gedanken daran. In einer unbeheizten S-Bahn geht das nicht. Dafür gab Präsident Dirk Zingler dem Tagesspiegel ein (mal wieder) bemerkenswertes Interview und wärmte damit dem geneigten Unioner das Herz. Schon allein die Antwort auf die zu erwartende Olympiastadionfrage hat bei mir einen festen Platz unter dem Weihnachtsbaum gebucht.

Sie könnten Ihre wirtschaftliche Lage verbessern, wenn Sie nächstes Jahr Ihre Heimspiele gegen Hertha in der Zweiten Liga im Olympiastadion austragen.

Mir fällt nichts ein, was uns ins Olympiastadion bringen könnte, außer das DFB-Pokalendspiel.

Nüchtern betrachtet: Der 3. Spieltag

Zahlen aneinander gereiht. Prozente berechnet. Kurven erstellt. Steffi sagt, dass dies ein Männerding sei. Mir gefällt es. Inspiriert wurde ich von Catenaccio, der das sehr ausführlich betreibt. Natürlich weiß ich, dass verbale Beurteilungen viel präziser sind und auch der Persönlichkeit gerecht werden. Aber hier soll gnadenlos verglichen werden. Über den Saisonverlauf kann man anhand der Noten doch einen Trend beobachten. Das hoffe ich jedenfalls.

Das Ergebnis

1. FC Union Berlin – FC Hansa Rostock

1:0 (Mosquera 33. Min); 17.500 Zuschauer

Einzelbewertung

Entnommen wurden die Noten dem Berliner Kurier, dem Kicker und Sportal. Vielleicht kann mir noch jemand sagen, ob die Bild auch für die 2. Liga Noten verteilt. Der Kurier vergibt nur volle Noten, was häufig zu besseren Bewertungen führt.
Echte Ausreißer gibt es nicht. Sowohl Jan Glinker als auch Marco Gebhardt hatten schon bessere Spiele. Das drückt sich auch in den Noten aus. Innenverteidigung plus defensiver Abräumer Younga-Mouhani und der fleißige Mosquera haben überzeugt.

Noten 3. Spieltag 2009/10

Ballkontakte 3. Spieltag 2009/10

Erfolgreiche Pässe 3. Spieltag 2009/10

Bei den Zweikämpfen fällt auf, wie häufig Mosquera den Weg Mann gegen Mann gesucht hat. Würde es Fleißbienchen nach dem Spiel geben, er und Younga-Mouhani hätten sie diesmal ins Muttiheft gestempelt bekommen müssen.

Zweikämpfe 3. Spieltag 2009/10

Zahlen von bundesliga.de
Kurier Kicker Sportal Ø
Jan Glinker 3 4 3,5 3,50
Michael Bemben 2 3,5 3 2,83
Christian Stuff 1 2 3,5 2,17
Daniel Göhlert 1 2 3 2,00
Patrick Kohlmann 2 3 3 2,67
Macchambes Younga-Mouhani 2 2 3 2,33
Thorsten Mattuschka 3 3,5 3,5 3,33
Hüzeyfe Dogan 3 3 2,5 2,83
Marco Gebhardt 3 4 3,5 3,50
Karim Benyamina 3 3,5 3 3,17
John Jairo Mosquera 2 2 2 2,00

Film ab, Ton aus.

Zwei Studenten der Deutschen Film- und Fernsehakademie wollen eine Doku über Union machen und schicken zum Anfüttern zwei kleine Filmchen voraus. Einer davon ist dieser hier:

Die Idee ist weder neu noch schlecht. Interessanter Gedanke aber, dazu die Düsseldorfer Opelgang musizieren zu lassen. Auch wenn ich das Lied zufällig mag. Auch wenn ich mit dieser Vorliebe eher allein durchs Leben gehe.

Aus den Archiven (3).

Am 2. Dezember 1978 spielte Union zuhause gegen Sachsenring Zwickau, und im Stadionheft findet sich unter der Überschrift “Gefährdung durch Knallkörper” eine Notiz, dass “die Unsitte des Abbrennens von Feuerwerkskörpern in den Fußballstadien auch den 1.FC Union seit längerer Zeit beschäftige.”

Seit längerer Zeit!

Die Wikipedia sagt nun, dass Deutschland erst Anfang der 1990er von der Ultrá-Bewegung erreicht wurde und nennt hier zuvörderst die Fortuna Eagles aus Köln im Jahre 1986. Das Wuhlesyndikat ist also ausnahmsweise mal nicht schuld. Das möchte ich ausdrücklich festgehalten wissen.

Weil Verbieten bekanntermaßen selten zum Erfolg führt, wurde ein sehr lehrreicher Text hinzugefügt:

Erst kürzlich war in den Zeitungen zu lesen, daß Schüler der 9. und 10. Klassen in Halle und im Kreis Demmin beim Herstellen und Hantieren mit Knallkörpern schwere Verletzungen davontrugen. [...] Wir können nur hoffen, daß diese tragischen Unglücksfälle Unbesonnenen eine Mahnung ist.

1978. Wilde Zeiten.

Aus den Archiven (2).

Das Stadionheft als Bastelbogen zum Mitmachen. Auf der Rückseite konnten geneigte Publikümmer die Rückennummern ihres Teams eintragen.

Hier zunächst die So-Geht´s-Nicht-Version:

20081228_stadionhefte_002

So ist´s richtig, so ist´s gut, freundlich zieh´ ich meinen Hut. Aber mal im Vertrauen gefragt: haben die wirklich so gespielt?

20081228_stadionhefte_003

Für das Wort “Schiedsrichterkollektiv” beantrage ich Artenschutz.

Aus den Archiven (1).

Oberliga-Punktspiel am 26. August 1978, Union gegen Erfurt. Was man heute Stadionheft nennt, waren zwei auf Hälfte gefaltete, ineinander gelegte DIN-A4-Blätter, und man sagte “Fußballprogramm” dazu. Das Union-Logo ist 30 Jahre später immer noch unverändert. Nur sehen wir es heutigentags seltener in schwarzweiß.

Ganz schwummerig wird mir angesichts der Reklame im Heft. Ich hatte die DDR ja als weitgehend werbefreie Zone in Erinnerung. Man kauft eben, was es gibt, und bastelt sich selber, was es nicht gibt. Der Rest wächst im Garten. Zementsäcke und Kaffee sind gängige Währungen. Werbung also. Für einen Ladenhüter namens Jugendmode. Klingt nicht wie ein Markenname, war aber einer. Jugendmode war später mit einer Kosmetiklinie namens “action” verbunden, die rosa-schwarz kariert verpackten Nagellack im Sortiment hatte. Ich erinnere mich an eine Fliege, die lebend auf einer mit “action” gesprayten Fönfrisur landete und tot herunter fiel. Ich erinnere mich schrecklicher Weise sogar an den Namen der Frisurenträgerin.

Das Fußballpublikum fand Werbung schon damals scheiße, wie auf Seite 4 nachzulesen ist. Befragt, wie es sich die Gestaltung des Stadionheftes wünsche, antwortete es, es wolle statt dessen lieber Texte lesen. Die Redaktion schrub zurück, dass dies “bei der ehrenamtlichen Ausarbeitung der Manuskripte eine kaum zu bewältigende Mehrbelastung” bedeute. “Außerdem müssen wir auch etwas ökonomisch denken, denn mit Anzeigen wird das Programm finanziell gestützt.”

Einig waren sich Redaktion und Leser aber darüber, dass die Mannschaftsaufstellung auf die Rückseite des Heftes gehört. Und zwar nicht als Namensliste, sondern der taktischen Aufstellung entsprechend. “Die Form, die Spielernamen untereinander aufzuführen wird ausnahmslos abgelehnt.”

Achso, das Spiel ging gemäß handschriftlicher Notiz des Eigentümers auf dem Deckblatt des Programmheftes 0:0 aus. So war das, und nein: ich war nicht dabei.

20081228_stadionhefte

Nadine und Mario, ich danke euch für dieses Juwelenkästchen der Erinnerung!