Jetzt kann man fragen: Wieso schreibt der denn auf Textilvergehen? Der Ausgang irgendwelcher Fußballspiele interessiert mich ungefähr so wie der Sieger der nächsten Big-Brother-Staffel. Schlimmer noch: Als ich mal jung war, so 13, 14, 1984, 85 war das, und mich eine zeitlang intensiv darum bemühte, Fußballfan zu werden (Teenager probieren ja jeden Quatsch mal aus), da war ich für den BFC Dynamo. In unserer Klasse war man einfach für den BFC Dynamo. Das lag nicht an unserer Systemtreue oder daran, dass unsere Eltern alle bei der Stasi gewesen wären, sondern an Mirko B..
Mirko war in der siebenten Klasse zu uns gekommen; eine Klassenstufe, an der er offenbar großen Gefallen gefunden hatte, da er sie bereits zum dritten Mal besuchte. Er hatte jede Menge Haare auf der Brust, er hatte bereits sexuelle Erfahrungen gesammelt (gut erinnere ich mich an seine Pausenreferate über die verschiedenen Brustformen, -größen und -konsistenzen seiner Partnerinnen), er hatte in einem Schuljahr mehr Tadel eingefahren, als unsere ganze Klasse seit der Einschulung – kurz: Er war die Referenzgröße für Männlichkeit und jedes Milchgesicht begann, nach seinem Vorbild “AC-Blitz-DC” und “BFC Dynamo” in die Schulbänke zu ritzen, um die Zeit bis zum Beginn des Brusthaarwachstums möglichst männermäßig zu überbrücken (ich warte darauf immer noch, ritze aber nichts mehr in Schulbänke). Zweimal ging ich mit zu einem Fußballspiel. Ich erinnere mich noch an die Partie gegen die Luschen von Wismut Aue, die “wir” 4:0 nach Hause schickten. Dann bekam jedoch Steffen L. einen ZX81 geschenkt und nachdem ich auf dem mein erstes Basic-Programm zum Laufen gebracht hatte, war das Thema Fußballgucken als Freizeitbeschäftigung passé; wen interessierten schon Tore, Brusthaare und Mädchen, wenn man versuchte, “Space Invaders” nachzuprogrammieren!
Selber Fußball zu spielen war etwas ganz anderes, das hat mir immer Spaß gemacht, auch wenn ein erfolgreiches Spiel für mich darin bestand, beim Tiptop nicht als allerletzter in eine Mannschaft gewählt zu werden; auch wenn mir nach 3 Monaten bei StuNa (Stuck und Naturstein) Marzahn vom Trainer nahegelegt wurde, den Verein freiwillig zu verlassen. Aber damit war auch spätestens nach der Lehre Schluss – es gab keine Spiele nach Unterrichtsschluss mehr und einem Verein wäre ich nie wieder beigetreten.
Fußballfans waren für mich bedauernswerte Würstchen, die nichts Erfüllendes in ihrem eigenen Leben fanden und deshalb ihr Freud und Leid an den sportlichen Erfolgen einer letztlich willkürlich ausgewählte Gruppe fremder Männer festmachten, was ich ungefähr auf einer Stufe mit dem Lesen der Klatschpresse einordnete. Ob man nun heulte, weil irgendeine Mannschaft ein Spiel verlor, oder weil Prinzessin Pipapo von ihrem Prinz Pappnase verlassen wurde … wo war da der Unterschied, beides war Ersatzgefühl.
Umso erstaunter, um nicht zu sagen: schockierter war ich, als sich in den letzten Jahren immer mehr eigentlich ganz normale, freundliche, mir sehr sympathische Menschen, die durchaus nicht auf Lebenssurrogate angewiesen waren, als Fußballfans entpuppten, darunter die werte Hausherrin des Textilvergehens. Seit einiger Zeit habe ich nun auch meine Versuche eingestellt, sie und all die anderen vom Fußballgucken abzubringen (was ich vor allem dadurch zu schaffen hoffte, dass ich ihnen Alternativen aufzeigte: den Kopf gegen die Wand hauen, ein Blatt Papier mit dem Bleistift ausmalen und anschließend wieder leerrradieren, solches Sachen eben). Ich denke mittlerweile, dass eine friedliche Koexistenz möglich ist. Nur das Publicgeviewe muss aufhören und was Union angeht: Bitte nie wieder Spiele in der Alten Försterei an Wochenenden, an denen ich meine Mutter in Erkner besuchen will. Oder zieht euch wenigstens nicht so komisch an. Schals im Sommer, meine Fresse!

