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Der Turbine-Effekt.

Der 1.FFC Turbine Potsdam gewinnt das Auftaktspiel gegen den Hamburger SV mit 4:0 vor 2790 Zuschauern. Ein Traumstart, sollte man meinen. Die beiden Doppeltorschützinnen, Yuki Nagasato und Genoveva Anonma, sind trotzdem nicht ganz zufrieden. Beide sagen nahezu wortgleich:”Ich hätte noch viel mehr machen können.” Das beschreibt das Leistungsgefälle zwischen beiden Teams recht gut. Ohne das begeisterungsfähige Potsdamer Publikum wähnte man sich auf einem Testspiel. Wenn eine Mannschaft das Spiel vollkommen dominiert, gelingen Spielzüge. Das sieht schön aus. Leider ist es kein bißchen spannend.

Deshalb mutet die am häufigsten gestellte Frage im Anschluss an die Partie auch etwas seltsam an. Ist die Zuschauerzahl -die höchste, die Turbine zum Ligastart je hatte- ein Effekt der Weltmeisterschaft? Bernd Schröder, Trainer der Potsdamerinnen, glaubt das nicht. “Wir haben viele neue Spielerinnen, die die Leute sehen wollen. Wir haben eine Weltmeisterin. Das ist der Blick auf die neue Saison. Der WM-Effekt muss sich zeigen, wenn Freiburg gegen Leverkusen spielt.”

Seine neue Mannschaft lobt Schröder. Sie sei in sich geschlossener als das Team der vergangenen Saison. Mit Patricia Hanebeck, Ann Katrin Berger, Genoveva Anonma haben sich drei seiner Neuzugänge gleich im ersten Spiel bewähren müssen und dabei brilliert. „Hanebeck hat nicht nur die Nummer 10 auf dem Trikot – die ist auch eine.“ Und zum Schluss möchte er noch wissen: „Weiß einer, wieviele Zuschauer aus Frankfurt gemeldet wurden?“ Frankfurt. Die echte Konkurrenz. Spannende Spiele gibt´s nämlich auch bei den Frauen.

“Kiekt euch dit an – so wird jekämpft!”

Mit diesen Worten wurde gestern die Mannschaft des 1.FC Union Berlin beim alljährlichen Drachenbootrennen der Unioner begrüßt. “Begrüßt” heißt nicht unbedingt “Willkommen geheißen”. Nach der Niederlage in Dresden war die Stimmung fühlbar angespannt. Dennoch kam man schließlich miteinander ins Gespräch. Umlagert wurde vor allem Torsten Mattuschka, bevor sich Uwe Neuhaus (“… und jetzt schnappen wir uns den Coach”) den Fragen der Fans stellte. Viel zu erklären hatten beide Seiten. Etwa, seit wann es bei Union üblich ist, die eigene Mannschaft auszupfeifen und mit Bechern und Feuerzeugen zu bewerfen. Aber auch die Ursachen für das Dresdner Debakel.

Und wie jetzt weiter? Heile, heile Gänschen? Sicherlich ist nicht alles wieder gut, weil man mal drüber geredet hat. Dem beiderseitigen Verständnis hat es aber gewiss nicht geschadet. Ein geschickter diplomatischer Zug allemal, denn es fällt schwer, “die Mannschaft” pauschal zu beschimpfen, wenn sie einem in Gestalt von Christian Stuff, Michael Parensen, Jan Glinker und Christopher Quiring gegenüber steht.

Den Werfern von Gegenständen sei gesagt, dass diese wunderbare Stadt andere sehr schöne Stadien für sie bereit hält. Und andere Bundesländer erst! Und Europa ist auch sowas von groß! Ich gehe zum 1.FC Union Berlin, nicht zum 1. FC Nullachtfuffzehn. Den Unterschied machen die Fans, nicht der Fußball.

“Die Medien sind halt da.”

Wie geht man mit einem Hype um, Aylin Yaren?

Im großen Kinosaal des Babylon sitzen ein paar hundert Leute. Die sind da, weil sie Kurzfilme sehen wollen. Für die Pause wird Aylin Yaren angekündigt. Bitte wer? Aylin ist das Mädchen auf dem Plakat des diesjährigen 11mm-Fußballfilmfestivals, sie zeigt Fußballkunststücke für den Kinotrailer dazu. Ach, das war kein Trick, das war echt? Das waren nur Tricks und nichts als Tricks. Das war echter Trickfußball. Die kann das aber wirklich, dieses Ball stoppen und Jonglieren und Balancieren und in der Luft halten mit so ziemlich jedem Teil ihres Körpers? Ja, sie kann.

Aylin ist von Beruf Freestyle Girl. Sie tritt im Rahmenprogramm größerer Events auf und zeigt, was man mit einem Fußball so alles anstellen kann. Das wirklich ungewöhnliche an ihr: Sie begeistert Frauen und Männer, Jungen und Mädchen gleichermaßen. Auf Aylin Yaren können sich alle einigen. So unangestrengt sähe man die Nationalspielerinnen um Silvia Neid auch gerne mal. Wenn das Frauenfußball ist, sollten Frauen nichts anderes mehr machen.

Dennoch wirkt Aylin im ersten Moment fast schüchtern, als sie die Bühne betritt. Sie lächelt unter ihrer Mütze hervor, antwortet brav auf alle Fragen des Veranstalters, redet über ihre Sponsoren und ihren Ausstatter. Eine ideale Werbeträgerin. Ihr Wesen verändert sich, sobald sie einen Ball vor die Füße bekommt. Mit Ball ist sie eine andere. Konzentriert, selbstbewusst, geschmeidig. Ihr Lachen danach ist strahlend und gelöst. Sie weiß, dass sie gut ist. Und gerade eben ist ihr etwas gelungen.

Alles, was sie macht, sieht leicht aus. Als würden die Regeln der Schwerkraft für sie nicht gelten. Wasser fließt bergauf und Bälle fallen nach oben. Ein einfacher Weg ist es trotzdem nicht, den sie da beschreitet. Ihr spektakulärer Auftritt im ZDF-Sportstudio, bei dem sie 2007 Franck Ribery beim Torwandschießen besiegte, markiert den Beginn ihrer Freestyle-Karriere. Inzwischen hat sie Auftritte in ganz Deutschland. Und 2011 ist ihr Jahr. Die mediale Aufmerksamkeit ist so hoch wie nie zuvor. Sie war eines der Aushängeschilder der Fußballweltmeisterschaft der Frauen. Während dieser Zeit war sie ausgebucht, trat fast an jedem Tag in einer anderen Stadt auf. Ob das Spaß macht? Ja, sagt sie. Denn die Auftritte mag Aylin, ihre Freude am Freestyle ist ungebrochen und der Zuspruch des Publikums nach wie vor groß. Langweilig sind nur die endlosen Zugfahrten. Und ab und an eine Verschnaufpause wäre gut. Mal nach Hause fahren.

Das wird jetzt nach der WM ruhiger, glaubt sie. Auch wenn sie schon wieder Termine für den Monat August hat. Aber eben nur die üblichen drei oder vier. Das ist mit ihrem Trainer so vereinbart. Ihr Trainer ist Jürgen Franz. Aylin ist nicht nur Freestylerin, sondern auch Mittelfeldspielerin bei den Frauen des 1.FC Lübars. Im Spiel, sagt sie, braucht man die Tricks eigentlich nicht. “Ich kann mich ja nicht hinstellen und sagen, wartet mal ‘nen Moment, ich möchte hier noch einen Trick machen. Aber das Ballgefühl, den Ball annehmen und mitnehmen, das braucht man schon.” Sie versucht, zu jedem Training, zu jedem Spiel da zu sein. Das ist anstrengend und bedeutet im Extremfall, vom Bahnhof direkt zum Fußballplatz zu fahren. “Aber ich gehöre zur Mannschaft dazu.” Solange ihre Leistung stimmt, wird ihr besonderer Weg akzeptiert.

Hat sie Angst, ähnlich wie Fatmire Bajramaj erst bejubelt und dann auf die Bank gesetzt zu werden? Ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit ist Aylin gewöhnt. “Die Medien sind halt da.” Das findet sie in Ordnung, relativiert aber gleich: “Es ist nicht so, dass hier tagtäglich Reporter anrufen.” Es ist elf Uhr mittags und ich bin an dem Tag die erste, erfahre ich.

Das Freestylen hat sich Aylin selbst beigebracht. Jetzt gibt sie manchmal Workshops für Jungen und Mädchen, kann sich für später eine Trickschule für Kinder vorstellen. Sie weiß, dass sie vielen ein Vorbild ist. “Ich ermutige Talente, wenn ich sehe, eine hält den Ball gut hoch.” Eine Ausbildung hat sie bisher nicht abgeschlossen. Ihr Traum ist es, erzählt sie zum Schluss, in Berlin ein Fußballcafé zu eröffnen. Zur nächsten Weltmeisterschaft der Herren. Zusammen mit ihrem Bruder.

Der Wert der Kritik.

Bernd Schröder, langjähriger Trainer von Turbine Potsdam, hielt am Montagabend einen Vortrag am Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam. Die Vortragsreihe zum Thema „Soft Skills“ schließt in jedem Semester mit einem prominenten Gast.

„Woll´n Sie auch zu Schrödi?“, fragt mich ein älterer Herr, der wie ich suchend auf dem abendlich leeren Campus umher irrt. Ein Kamerateam rückt an. Wir sind also richtig. Der Hörsaal füllt sich. Überwiegend Studenten, aber auch einige Turbine-Fans. Welche, die ihn mit „Sportfreund Schröder“ und „mein lieber Bernd“ anreden. Noch ein Kamerateam baut auf. Bernd Schröder ist das offenbar gewöhnt. Freundlich und bestimmt, aber doch im Laufschritt, arbeitet er die Fragen ab, gibt Statements, stellt sich hierhin, blickt dorthin – und das alles vor dem eigentlichen Termin.

Nun ist Bernd Schröder nicht die Person, die einem als erstes in den Sinn kommt, wenn von Soft Skills die Rede ist. Meinungsverschiedenheiten mit dem Trainer gaben etwa Britta Carlson und Petra Wimbersky als Grund für ihren Vereinswechsel an. Fatmire Bajramaj, jüngst zur Konkurrenz nach Frankfurt abgewandert, mochte ihn auch schon mal lieber. Mit Bundestrainerin Silvia Neid verbindet ihn eine innige Zwietracht. Der Untertitel von Schröders Vortrag aber lautete: „Was macht erfolgreich?“ Dazu wiederum kann einer, der alles gewonnen hat, was es für einen Bundesligatrainer im Frauenfußball zu gewinnen gibt, einiges erzählen.

In der Essenz lautet seine Erfolgsstrategie: Vorbild sein, Vorbilder haben. Das sei die beste Motivation. Sein Vortrag handelt denn auch im weitesten Sinne von seiner sehr persönlichen Vorstellung darüber, was ein Vorbild auszeichnet – und was eben nicht. Das bezieht er keineswegs nur auf den Sport. Manchmal erzählt er dabei gleichzeitig seinen Lebenslauf, Fußballgeschichte und Weltgeschichte. Mindestens so oft wie Beispiele aus dem Fußball zitiert er Bergarbeitermetaphern. Er hat Montanwissenschaften an der Bergakademie Freiberg (Sachsen) studiert, eine Grobwissenschaft, wie er sagt. Was man daraus lernen und übertragen kann, sind zwei Dinge. Es gibt Situationen, in denen man nicht weg kann – die muss man auszuhalten lernen. Und zweitens, man trägt in einem Team Verantwortung füreinander. Platz für Stars ist dabei nicht. Dieses Weltbild prägt ihn und macht deutlich, warum einer wie er im Frauenfußball so sehr verhaftet ist. Es ist das Gegenteil der Glamourwelt des professionellen Männerfußballs, wo in Fantastillarden gerechnet wird. Bernd Schröder ist ein sehr erdverbundener Mensch.

Es fehlten Menschen, meint er, die widersprechen und Widerspruch annehmen können. Jemand, der den Wert der Kritik nicht anerkenne, ist in seinen Augen kein Vorbild. Das Wort Streitkultur fällt. Matthias Sammer sei noch einer, der das kenne. Bernd Schröder selbst sucht die Auseinandersetzung und trifft dabei in schönster Poltergeistmanier nicht immer den richtigen Ton.

Vielleicht liegt darin die Ursache seines Disputs mit Silvia Neid. Den Ehrenkodex habe er durch seine öffentliche Kritik verletzt, und nun soll er sich dafür entschuldigen. Weniger für die Kritik, als wohl vielmehr für ihre Öffentlichkeit. Die Ziele von Neid und Schröder liegen nicht so weit auseinander. Beide wollen erfolgreichen Frauenfußball, beide wollen eine starke Nationalmannschaft, beide wollten den WM-Titel. Bundesliga und Nationalmannschaft arbeiten idealerweise miteinander und nicht gegeneinander. Deshalb hat Schröder recht, wenn er sagt: „Wir müssen das Problem letztlich gemeinsam lösen“. Sich zu entschuldigen hält er trotzdem nicht für den richtigen Weg – denn seine Haltung zur Sachfrage besteht unverändert. Man kann sich nun darüber streiten, ob das Mangel an Diplomatie oder Charakterstärke ist. Es liegt jedenfalls keine Häme darin, wenn er erklärt, warum das WM-Spiel der Frauen gegen Japan verloren ging. Die verpasste Olympia-Teilnahme schmerzt ihn, und der durch die WM-Vorbereitung bedingte Ausfall seiner Spielerinnen im Vorfeld ärgert ihn noch immer. „Ich habe ja nicht gesagt, dass sie keine Ahnung von Fußball hat.“ Aber eine Anerkennung für seine Arbeit, Respekt ihm gegenüber hätte er sich gewünscht – das klingt in jedem Satz durch, den er sagt.

Fragt man ihn, was einen guten Trainer ausmacht, bekommt man zur Antwort: Das Team um ihn herum. Und damit meint er nicht an erster Stelle die Feldspielerinnen, sondern explizit die Sekretärin, den Busfahrer, die Betreuer, den Zeugwart. Schröder versteht seinen Beruf sehr umfassend. Genau so wichtig wie sportliche Förderung ist die Sorge um die Ausbildung der Frauen und Mädchen. Die Potsdamer Sportschule, Eliteschule des Mädchen-Fußballs, nimmt jedes Jahr zur 7.Klasse etwa 10 Nachwuchsfußballerinnen auf. In jedem Jahr stellen sich die selben Fragen. Wer kommt dafür in Betracht? Schaffen die ihr Abitur? „Wenn nicht“, sagt er, „müssen wir uns um Lehrstellen kümmern. Denn wir bilden aus und kaufen nicht ein.“ Das sei eine gesellschaftliche und eine pädagogische Aufgabe, für die man Menschenkenntnis brauche. Man müsse zudem Familie, Herkunft, Umfeld, soziale Situation und Erlebniswelt der Spielerinnen genau kennen.

Angesichts dessen, was er in den Frauenfußball investiert hat, überrascht die Nüchternheit, mit der er dessen Stellenwert beurteilt. Der WM-Hype entspricht nicht seiner Lebenswirklichkeit. Ob die WM mehr Zuschauer in die Stadien spült? Bernd Schröder glaubt nicht daran. Was ist mit den neuen Leistungszentren für die Frauen, die bei den Bundesligavereinen der Männer angesiedelt sind? Das müsse man von Fall zu Fall sehen. Der HSV, sagt Schröder, habe die finanziellen Probleme der Herrenmannschaft 1:1 an die Frauen weitergegeben. Leverkusen sei ein guter Verein, komme aber nicht richtig hoch. Bayern München spielt in Aschheim – da interessiere sich kein Schwein dafür. Die einzigen, die derzeit investierten, seien die Wolfsburger. Die anderen Männervereine betreiben Frauenfußball halbherzig, das Interesse daran sei zu gering. Er stellt das fest, ohne es als Vorwurf zu formulieren.

Bernd Schröder gilt als harter Hund. Deshalb lohnt sich die Frage nach dem berüchtigten Straftraining. „Das gibt es nicht mehr, das gibt es auch bei den Männern nicht. Wenn man im Sport eine Aufgabe nicht mit dem Herzen wahrnimmt, dann funktioniert es nicht. Ich kann die drei Runden laufen lassen oder zehn. Wenn sie das oberflächlich machen, kommt nichts dabei heraus. Das macht man höchstens, um sich selbst zu beruhigen. Wenn meine Mannschaft schwach spielt, bin ich der Schwache, und nicht die Mannschaft.“ Wie man statt dessen motiviert? Ganz einfach. Man hängt die Leistungswerte der einzelnen Spielerinnen aus.

Für alle, die mal ganz normalen Frauenfußball kucken wollen: Der Spielplan.

Testspielweltmeister.

Der 1.FC Union Berlin gewinnt auch sein letztes Testspiel gegen Heart of Midlothian mit 3:0. Zwei Fragen drängen sich auf. Wie hat uns Silvio gefallen, und was sind diese Siege wert?

Zumindest für das Selbstvertrauen sind sie wichtig. Uwe Neuhaus zeigt sich denn auch keineswegs enttäuscht vom schottischen Team. Dessen Qualität sei trainingsbedingt nicht durchgängig gegeben gewesen. Individuelle Klasse bescheinigt er speziell Mehdi Taouil, dem Zehner der Hearts. Insgesamt sei es aber vor allem eine konzentrierte Leistung seiner eigenen Mannschaft gewesen. Mit Simon Terodde und Silvio stünden zwei anspielbereite Stürmer zur Verfügung, die die Lücke finden und als Typen optimal zusammenpassen. Auch Simon Terodde sieht in seinem Sturmkollegen Silvio eine echte Bereicherung und zitiert die sprichwörtliche Konkurrenz, die das Geschäft belebt. Besonders, wenn John-Jairo Mosquera und Santi Kolk wieder fit sind. Spannend wird, wie sich Halil Savran hier einfügt. Letztlich kann Uwe Neuhaus auf die Frage “Wie sieht es im Sturm aus?” freundlich lächelnd mit “Gut!” antworten und gelassen auf die nun folgende Trainingswoche verweisen.

Silvio selbst schätzt seinen derzeitigen Fitnesszustand auf etwa 80%. Vom Team fühlt er sich gut angenommen, Eingewöhnungsschwierigkeiten hat er keine. Der Umweg Schweiz hat es ihm ermöglicht, sich an europäischen Fußball zu gewöhnen, sagt er. Neuhaus traut Silvio noch wesentlich mehr zu als das, was er heute gezeigt hat. Einer, der im Zweifel nicht auf den Pfiff wartet, sondern erst einmal wieder aufsteht und den Ball im Tor versenkt, wird aber wohl kaum Mühe haben, in Köpenick Freunde zu finden.

Michael Parensen, der dazu neigt, sich zu übernehmen, hat sich gefreut, überhaupt auf dem Platz zu stehen. “War schön, mal wieder bei der Mannschaft zu sein, die Wettkampfschnelligkeit zu erfahren.” Er will sich dennoch zurücknehmen, in Ruhe fit werden. Ihm fehlt ein Jahr, sagt sein Trainer. Läuft man Gefahr, nach sechs Siegen in Folge überheblich zu werden? “Die Testspielsiege waren super”, meint Parensen, “aber entscheidend ist es, am Freitag da zu sein. Die Saison wird kein Selbstläufer.”

Freuen wir uns trotzdem drauf? Aber hallo!

Wie ein Mannschaftsfoto entsteht.

Das alljährliche Mannschaftsfoto. Für die Spieler ist es wahrscheinlich ein noch anstrengenderer Termin als der berüchtigte Laktattest. Auf dem Platz steht die Mannschaft “Fußballspieler” der Mannschaft “Fotografen” gegenüber. Das Team in rot findet seine Ordnung recht schnell, was man über die Fotografen nicht sagen kann. Fotografen sind generell keine Teamplayer und stehen sich meist gegenseitig im Bild. Typische Sätze sind “Kopp runter!”, “Weg da!” und “Rück doch mal zur Seite!” Allerdings verlieren die Köpenicker Fußballspieler bei der Seitenwahl und müssen zur Strafe nun in die Sonne blinzeln. Kein Wunder, dass das zunächst freundliche Lächeln alsbald in angestrengtes Gesichtstillhalten übergeht. Die Presseabteilung assistiert an den Linien und achtet darauf, dass nonverbale Meinungsäußerungen wie das beliebte Blankziehen unterbleiben. Anschließend geht es eins gegen eins, Porträtaufnahmen. Die Fotografen schreiten unter Verrenkungen die Reihe ab. Strafrunden gibt es für die neuen Spieler. Die müssen für ein Extra-Foto auf eher unnatürliche Weise zu sechst einen Ball festhalten. Wer das überstanden hat, darf duschen und hat für die kommendenden 364 Tage fotofrei. Allerdings nur, wenn er über den Rest der Saison in keiner Weise auffällt.

Testspielsiegesserie.

Union gewinnt 4:0 gegen Carl Zeiss Jena. Getestet wird erneut vor allem, wie man Ausfälle verkraftet. Wenn es nach dem Spiel heißt “Ich habe Torsten Mattuschka nicht vermisst”, bedeutet das nichts im Hinblick auf Mattuschka. Vielmehr haben Markus Karl und Christoph Menz ihre Sache sehr gut gemacht. Steven Skrzybski möchten wir öfter sehen.

Momentaufnahmen.

Fahrgäste und Fußballfans.

“Sehr geehrte Fahrgäste und Fußballfans, sind Sie nicht traurig, wenn Sie diesmal nicht mitkommen. Der nächste Zug wartet schon hinter mir.” Unbeholfene Freundlichkeit bei der S-Bahn. Der Berliner ist das nicht gewöhnt und wundert sich, der Brandenburgerin geht´s ganz genauso. Ich betrachte meine Mitreisenden. Zwei ältere Damen in beigen Strickpullovern mit noch eingeschweißten Deutschlandfahnen. Erstgebrauch, vermutlich. Zwei befreundete Ehepaare um die 50 auf Berlinreise in Fan-T-Shirts. Eine Gruppe junger Mädchen mit schwarzrotgoldenen Blumengirlanden. Einige wenige in Trikots. Familien mit kleinen Kindern und dezenter Gesichtsbemalung. Frauen mit Frauen. Während die Mannschaften einlaufen, soll auf den Rängen eine Choreografie entstehen. Vorher wird am Spielfeldrand ein Transparent entlang getragen: Bitte zum Einlauf der Mannschaften die Papiertafeln hochhalten. Es ist kein typisches Fußballpublikum, das zum Olympiastadion pilgert, um die Eröffnung der Frauenweltmeisterschaft im Fußball zu sehen. Darin besteht der auffälligste Unterschied zur WM der Männer.

Wer prinzipiell nur Champions League der Herren kuckt, wer Stars braucht, Diven und Empörung, der wird bei einem Frauenfußballspiel nicht glücklich werden. Als in der 67. Minute Kerstin Garefrekes das leere Tor verfehlt, wirft der rechts neben mir sitzende Mann die Arme in die Luft und ruft gequält “Oarrrrrr – Mosquera!” Seine Karten hat er bei einem Radiosender gewonnen, erzählt er. Und hingegangen ist er, weil “schlimmer als Oberliga kann das auch nicht sein, und da hab ich meine Dauerkarte sogar gekauft.” Die Frau hinter uns findet dagegen alles “sehr gut”. Bis auf das, was “sehr, sehr gut” ist. Bei Abpfiff sagt sie “Ich bin ganz beseelt.” Zu meiner Linken sitzt ein Rentnerpaar, das ohne Rücksicht auf das Spielgeschehen große Freude an La Ola hat.

Es war nicht das überschäumende Wahnsinnsspektakel, von dem ich heute in den Zeitungen gelesen habe. Es war auf andere Weise trotzdem schön, die Freude ehrlich. Das mag auch daran liegen, dass man das Erlebnis Fußball für ein Publikum geöffnet hat, das sonst gute Gründe hat, dem fernzubleiben.

Von der Schwierigkeit, ein guter Eventfan zu sein.

Das Ticket habe ich. Aber Zubehör, ich brauche doch Zubehör! Na gut, da sind noch diese schwarzrotgoldenen Lametta-Pompons vom letzten Sommer. Die kichernden kleinen Schwestern der Nationalfahne. Ich versuche, ein Panini-Album zu kaufen. Ich erwerbe versehentlich ein Fußball-Sonderheft. Weder die Verkäuferin noch ich bemerken den Fehler. Extra für mich öffnet sie dann die Box mit den Aufklebern. Sie hat nur diese eine Hunderter-Box. Ich kaufe die ersten zwei Tütchen. Keine Ahnung, was mit den anderen achtundneunzig passieren wird. “Geht ja bald los”, sagt sie zu mir. Aber man merkt eben nichts davon, denke ich und antworte “Hm”. Wo sind eigentlich diese spielfeldgrünen Servietten bei Lidl, die fußballförmigen Untersetzer bei Aldi und die bekloppten Hüte bei Pfennigland, wenn man sie mal braucht? Mehr als bei einem vergleichbaren Männerturnier bin ich entschlossen, das alles gut zu finden. Es gibt kein vergleichbares Männerturnier, ich weiß. Selbst das Wintertrainingslager der Männerproficlubs in Belek ist spannender. Diese deutsche Nationalmannschaft, die da ab Sonntag um die Weltmeisterschaft spielt, soll nicht nur gewinnen – es wird von ihr erwartet, dem Frauenfußball zu mehr Ansehen zu verhelfen. Die Aufgabe ist schwer, jedes Mittel ist recht.

Ich bin neugierig, ob es gelingt.

Und das Paniniheft muss ich wohl doch noch haben, denn etwas optisch so eigenwilliges wie die Panini-Bilder der Nordkoreanerinnen wird es ganz bestimmt nie wieder geben.