Es ist Zeit für ein Geständnis. Ich komme nicht aus Berlin. Und meine Großmutter stammt nicht aus Schlesien, wie es sich für einen anständigen Berliner gehört. Schlimmer noch: Ich bin Sachse. So, jetzt ist es raus. Vorbei die Zeit, da ich besonders laut berlinerte, um nicht inmitten der Unionfans aufzufallen. Nur echten Sachsen fiel auf, wie ich mich verstellte. Aber wir Auswärtigen, die wir uns in der Alten Försterei “Ostdeutschen” Fußball ansehen wollten, schauten uns nur verstohlen an. Verpfiffen wurde noch nie einer. Denn wir alle wollten doch nur Fußball pur sehen.
Doch das ist jetzt vorbei. Johannes Schneider outet sich im Tagesspiegel nicht nur selbst, sondern uns alle, indem er uns krawallartig zuruft: “Ihr seid keine Unioner!” Doch nicht nur das. Für die Scheiß-Stimmung sind wir auch verantwortlich. Wir alle, die wir bei der Erwähnung des BFC Dynamo nicht Schaum vor dem Mund haben, sondern nur mit der Achsel zucken. Wir sind Fremde und werden es immer bleiben. DDR-Fußball ist für uns wie Dieter Kürten im Aktuellen Sportstudio. Wir haben mal davon gehört. Aber die emotionale Bindung dazu ist genauso stark wie die zu Angela Merkel.
Doch die reine Bloßstellung reicht Schneider nicht. Im Tagesspiegel benennt er auch noch einen Schleuser beim Namen: J. Ein Rheinländer. Eingefleischter Gladbach-Fan. Der sich Union als Zweitklub hält und nun alle Auswärtigen nach Köpenick einschleust. Mit einer gewieften Taktik, gegen die sich die armen Ossis gar nicht wehren können, werden sie vom alten, bösen Kapitalismus unterwandert. Denn die Neuen wollen angeblich nur mal “interessiert umherblicken”.
Wie es der Zufall will, habe ich J. kennengelernt. Letzte Woche. In Mitte natürlich. Beim Italiener. Wo sonst? Wir saßen alle zusammen. Noch wusste ich nichts von dem besonderen Schicksal, das uns beide eint. Wir redeten über Journalismus. Bis wir auf Fußball kamen. “J. ist ein ganz großer Union-Fan. Geht zu jedem Spiel!”, sagte plötzlich mein Gegenüber. Ich sah nach links. J. wurde rot. “Schon. Eigentlich bin ich ja Gladbach-Fan. Aber seit ich in Berlin bin…”, druckste er herum. Nun war es raus. Wir erzählten uns gegenseitig unsere schönsten Union-Geschichten. Wie wir uns vom interessiert dabei stehenden Zuschauer zum Schal schwenkenden Fan wandelten. Wir, die wir Kategorien wie Erstklub und Zweitklub haben. Wir, die bei einem Aufeinandertreffen von Erst- und Zweitklub nicht wissen, wie wir mit unserem Gefühl umgehen sollen. Heim oder Gast? Noch gibt es keine Kategorie für beides.
Und nun? Wie geht es für uns weiter, die wir nicht schon als Kinder an die Alte Försterei geschleppt wurden? Wir müssen stark sein. Wir müssen dazu stehen. Wir sind nicht von hier. Wir sind keine Berliner. Aber wir sind Unioner. Nicht wegen der Legende des unterjochten Klubs in der DDR. Sondern wegen Schneeschippen, Oberliga, Stadion bauen und jetzt auch Stadion kaufen. Heimat ist vor allem Gefühl und Liebe. Und glücklicherweise nicht Herkunft.






































