Wie konnte das passieren?

Der 1. FC Union hat gegen Borussia Dortmund 3-1 (drei-zu-eins) gewonnen. Wie passiert sowas?

Wir versuchen es in der Taktik-Analyse ein wenig zu erklären. Jedenfalls den Teil der Erklärung, für den nicht gilt: Muss man dabei gewesen sein.

Union Sieg Dortmund Taktik-Analyse

3:1 für Union, gegen Dortmund: Kann Taktik das erklären? Photo: Stefanie Fiebrig

Union anders defensiv

Fangen wir am Anfang an: Union spielte nicht nur mit einem neuen System (einem 442 jetzt auch mit dem Ball), sondern auch mit drei Spielerwechseln. Zwar fielen sowohl Keven Schlotterbeck als auch Grischa Prömel und Marcus Ingvartsen für das Spiel aus, sie gegen Marvin Friedrich, Manuel Schmiedebach und Sebastian Andersson zu tauschen machte aber auch für Unions Plan durchaus Sinn. Denn alle drei konnten ihre Rollen sehr gut ausfüllen:

Taktik-Analyse Union

Die Aufstellungen zu Beginn: Drei neue Spieler und ein neues System bei Union.

Bei Friedrich war das vor allem Defensivzweikämpfe zu gewinnen, was grundlegend, aber auch begeisternd, episch und wichtig ist. Andersson gab zusammen mit Anthony Ujah ein doppeltes Ziel für Unions befreiende lange Bälle ab, die keine Befreiungsschläge waren, und die der schwedische Nationalspieler sehr gut erlief und behauptete.

Andersson hatte aber auch, zusammen mit Schmiedebach und ihren jeweiligen Positions-Partner die interessanteste und wichtigste Funktion in Unions Spiel: Dortmunds Aufbauspiel einzuschränken und den Champions-League-Teilnehmer daran zu hindern, seine überlegenen Mittel zu oft einzusetzen.

Manuel Schmiedebach

Manuel Schmiedebach hatte eine zentrale Aufgabe in Unions Spiel. Photo: Stefanie Fiebrig

Die Pressingwüste um Julian Weigl

Dazu wurde um Julian Weigl eine Konstellation aufgebaut, die man eine Pressingfalle nennen könnte. Die aber eher im selben Sinn eine Falle ist, wie eine Wüste ein Durstfalle ist. Denn es war vollkommen klar, dass Union die Innenverteidiger von Dortmund selten direkt anlief, sondern erst dann scharf Druck auf den Ball ausübte, wenn der zu den Sechsern gespielt wurde.

Darauf reagierte Weigl oft, indem er sich den Ball dort abholte, wo er ihn mit wenig Druck empfangen konnte, nämlich zwischen den Innenverteidigern. Das Problem für Dortmund war nun, dass der zweite Sechser des BVB, Thomas Delaney, grundsätzlich im Deckungsschatten der Stürmer stand und es dann noch einfacher für Schmiedebach und Andrich war, ihn zu attackieren, wenn er den Ball bekam. Was die beiden dann auch taten, und zwar gegen beide BVB-Sechser sehr konsequent und manchmal auch weiträumig. Weigl und Delaney, also meistens Weigls, mussten so besonders gute Dinge tun um den Ball wirkungsvoll an ihre Offensive zu bringen. Das sehr dicke Dreieck zwischen Manuel Akanji, Mats Hummels und Weigl und die sparsamen Verbindungen nach vorn in der graphischen Darstellung von Dortmunds Spiel (bei spricht da (bei Between the Posts) Bände.

Was bei Dortmund hätte besser sein können

Etwas besser sah Dortmunds Aufbau aus, wenn sich Delaney zurückfallen ließ, weil Weigl im Mittelfeld den Ball mehr forderte und pressingresistenter ist. Ebenso wie Mahmoud Dahoud, der nach Delaneys Kopfverletzung zur Halbzeit ins Spiel kam und ein Grund dafür war, dass Union dann tiefer verteidigte.

Ein weiteres Problem für Dortmund war, dass die Weise, in der Brandt und Sancho ihre Positionen interpretierten, letztlich nicht funktionierte. Beide spielten nominell auf den Flügeln, verbrachten aber sehr viel Zeit im Zentrum (oder auch auf dem entgegengesetzten Flügel ihrer eigentlichen Anordnung).

Union Dortmund

Dortmunds Anhänger hatten viel Grund sich bei Ecken für Union zu beschweren…

Das, was sie im Zentrum machten, war gar nicht so schlecht, vor allem von Brandt. Aber Dortmund bekam eben den Ball nicht besonders oft dorthin. Mit Brandt und Sancho in zentralen Positionen fehlte Dortmund so die Breite, um Union auseinander zu ziehen und es der verteidigenden Mannschaft schwerer zu machen, alle Optionen im Deckungsschatten zu verdunkeln. Außerdem passten die Bewegungen von Reus, Sancho und Brandt oft nicht so zusammen, dass sie Union nicht nur individuell, sondern auch systematisch und numerisch überfordert hätten.

… Union war besser …

Es gibt wenige Dinge, die ich auf Fußballplätzen habe geschehen sehen, die mich mehr gewundert haben, als dass nach dem 2-1 Union im Rest des Spiels die besseren Chancen hatte – zumindest gemessen in expected goals. Da hatte Union am Ende wahrscheinlich insgesamt Vorteile, aber allermindestens nur kleine Nachteile.

Das liegt dann natürlich vor allem an Unions defensiver Leistung, denn in einem Spiel mit einer Dynamik wie in diesem beginnen auch die meisten Union Chancen mit guten Verteidigungsaktionen (die dann produktiv genutzt wurden, dazu gleich mehr).

Das Handballspiel

Die Phase nach der zweiten Führung für Union war die, die am meisten dem Modell ‘Handballspiel’ entsprach, also mit einer Union-Mannschaft, die ihren Strafraum verteidigte und Dortmund, das um sie herum spielte und versuchte, Lücken zu finden. Das geschah aber so gut wie nie.

Dafür war neben der guten, hartnäckigen Zweikampfführung (vor allem Lenz gewann viele Zweikämpfe im zweiten Versuch, an den Ball zu kommen) hauptsächlich verantwortlich, dass Union nicht einfach passiv den Weg versperrte. Sondern wie eine gute Handball-Verteidigung immer wieder auf die ballführenden Dortmunder herausrückte. So setzte Union auch die Prinzipien weiter um, die in der ersten Halbzeit wichtig waren. Nur eben jetzt deutlich weiter hinten.

Dass das trotzdem funktionierte, lag auch daran, dass Union auch in tieferen Position mutig auf verlorene Zweikämpfe reagierte, und die nächsten Optionen zustellen statt nur zurückzufallen.

Kompetente Konter

Und nach Ballgewinnen spielte man weiter meistens unspektakuläre aber kompetente Konter. Dabei war vor allem beeindruckend, wie die Unioner in der Offensive bis zur Grenze ihrer physischen Leistungsfähigkeit in Sprints nach vorn gingen. Und wie Union im eigenen Drittel die Pässe, die ohne hohes Risiko möglich waren, trotz des psychischen Drucks der Gelegenheit, die sich bot, und dem, der durch andauerndes Verteidigen entsteht, weiter spielte. So konnte man die öffnenden Pässe nach vorn oft mit etwas Ruhe und Überblick spielen, statt unmittelbar aus dem Ballgewinn heraus.

Dass Union seine Konter besser ausspielte als noch gegen Augsburg, sieht man in den Graphiken bei Between the Posts auch darin, dass Christopher Trimmel wieder Verbindung zu den Offensiv- und Mittelfeldspielern hatte. Dass er bei seinen Ballaktionen in so einem Spiel aber so extrem weit vorne (in Dortmunds Hälfte, fast auf der Höhe von Bülter, Andersson, Ujah und Becker) war, ist noch so etwas sehr verwunderliches. Dabei half aber auch, dass Brandt so weit innen spielte und Trimmel deshalb sehr oft Unions freier Spieler war.

Christopher Trimmel

Christopher Trimmel kurz bevor er gegen Julian Brandt spielt. Photo: Stefanie Fiebrig

Nicht ganz so verwunderlich, aber auch ein bisschen, war, wie mutig und gut Christopher Trimmel insgesamt gespielt hat.

Es kann immer etwas passieren

Es wäre aber Unsinn zu ignorieren, dass der BVB durchaus immer wieder einmal gefährlich wurde. Dass geschah vor allem auf zwei Weisen: Erstens, mit sehr gut umgesetzten strukturell sehr einfachen Mitteln wie langen Bällen hinter Unions Abwehr, wie bei der Chance nach fünf Minuten.

Und zweitens, wenn die Gäste ihr Aufbauspiel einmal weit nach vorn schieben konnten, also von Ujah und Andersson nicht angelaufen wurden, und dann den Ball schnell genug von Seite zu Seite spielten. Denn dann konnte Unions Mittelfeld und Angriffsduo sich nicht immer schnell genug mit diesen Pässen in der Breite mitbewegen. Wenn dann Dortmunds Innenverteidiger vertikale Pässe ins offensive Mittelfeld oder sogar die Angriffsreihe spielten, war das, was Union am stärksten destabilisierte.

Sehr viele der Situationen, in denen Dortmund Pässe in den Strafraum spielte, entstanden daraus, dass solche Pässe gespielt wurden und zur Gefahrenzone hin angenommen wurden – was mehrere der BVB-Angreifer auf Elite-Niveau können.

Julian Brandt Christopher Lenz

Julian Brandt war am offensichtlichsten besser als Union – konnte aber Dortmund nicht besser als Union machen. Photo: Stefanie Fiebrig

Und wo wir schon bei Elite-Niveau sind: Julian Brandt.Der hatte noch nicht mal ein besonders glückliches Spiel, war aber der BVB-Spieler, der am meisten seiner Klasse zeigte. Nicht immer wieder, aber immer wieder einmal nahm er Bälle mit so enger Ballkontrolle und so gutem Gespür für offenen Raum an, dass er scheinbar ohne auf Gegenwehr durch Unions Mittelfeld lief. Aber eben nur scheinbar, und nur, weil er dieser Gegenwehr so gut aus dem Weg ging.

Am besten zeigen dass die Sekunden ab Spielminute 44:44 in einer Szene, in der Dortmund einem Tor sehr nahe kam, Brandt den dann-gar-nicht-mehr-ganz-so-schwierigen Ball auf Reus aber unpräzise spielte. Überhaupt zeigten die Minuten um 45:00 ganz anschaulich, auf welche Weisen Dortmund mehr Tore hätte schießen können. Bevor dann doch Union noch zwei gute Chancen vor der Halbzeit hatte…

Szene des Spiels

In einem Spiel, in dem sehr viele Szenen wie entscheidende Tore gefeiert wurden, gibt es da natürlich viele Kandidaten, und eigentlich ist es schwer, von der Kombination und dem Pass durch die Beine von Julian Weigl zum 3-1 abzusehen.

Marius Bülter

Genau der Moment, in dem sich Marius Bülter sehr clever dreht. Photo: Stefanie Fiebrig

Andererseits kann die Antwort irgendwie auch nur heißen: Bülter! Seine Tore, ja… Aber auch phantastische Drehungen in offenen Raum, wie nach 53:45 Minuten, als Bülter sich mit einer sehr schönen Ballannahme und -umlage Platz für einen Lauf den Flügel herunter verschaffte. Dass er damit Piszczeck doch nicht los wurde, und letztlich nur ein Einwurf und 60 Meter Raumgewinn daraus wurden, beschreibt aber auch ganz gut den Schwierigkeitsgrad für Union.

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