Unions Spielmacher ist Christopher Trimmel

Das zweite Spiel des 1. FC Union in der Bundesliga war eines, das die Mannschaft von Urs Fischer gegen den FC Augsburg auf Augenhöhe bestreiten konnte. Das half nicht nur Union dabei, einen ersten Punkt zu holen. Sondern auch bei der Analyse, um genauer zu sehen, was Union in dieser Saison versucht, was gelingt und was die Mannschaft nicht kann. Das Ergebnis: wenige Überraschungen.

Trimmel 1. FC Union

Christopher Trimmel hat eine zentrale Rolle (auf dem Flügel) im Spiel des 1. FC Union, Photo: Matthias Koch

Offensiv kann man Union so zumindest attestieren, dass klar ist, worauf die Mannschaft ausgerichtet ist: Fast alle Offensivszenen entstanden aus Kontern – das schließt auch die Standardsituationen ein, die ein wichtiger Teil von Unions Torgefahr sein werden (müssen), zu denen man aber den Ball ja auch erst einmal in halbwegs gefährliche Räume bringen muss. In diesem Spiel resultierte, gemessen in expected Goals, ziemlich genau die Hälfte von Unions Chancen aus Standards, wie man in den sehr informativen Graphiken von Between the Posts nachlesen kann (durchklicken zum Spiel).

Dort sieht man auch, dass keine der Mannschaften die spielerische Präsenz hatte, aus den Räumen vor dem Strafraum Schnittstellenpässe zu spielen. Union probierte das noch etwas öfter, während Augsburg von dort fast immer auf die Flügel spielte.

Aufstellungen Taktik FC Augsburg 1. FC Union

Die Formationen: Union verändert seine Aufstellung im Vergleich zum ersten Spieltag auf vier Positionen.

Halbraum-Konter

Besonders auffällig ist bei Unions Kontern, dass sie vor allem über flache Pässe durch die Halbräume funktionieren (die Halbraüme sind die Teile des Spielfeldes, die zwischen Zentrum und Flügel liegen, wenn man das Feld längs in zum Beispiel fünf Korridore teilt). Union versucht deutlich, klare Laufwege für die Stürmer, insbesondere die Außen, zu definieren, mit denen solche Pässe genutzt werden können.

Gegen Augsburg funktionierte das immer wieder einmal, scheiterte man aber naturgemäß auch oft in der Umsetzung dieser nicht einfachen Pässe (wie etwa besonders bitter bei dem Pass von Trimmel, den Sheraldo Becker in die Hacken bekam). Das Tor durch die Sebastians war dann eine vereinfachte Umsetzung dieses Prinzips, weil Augsburg in dieser Situation schon weit aufgerückt war und Polter und Andersson nach Tin Jedvajs Fehlpass und Robert Andrichs zielgerichtetem Block sehr frei standen.

Allerdings gibt es auch noch Abstimmungsbedarf zwischen den individuellen Fähigkeiten und Charakteristika der Spieler und den Mustern in Unions Spiel. So hatte Sheraldo Becker seine besten Szenen, nachdem er Mitte der ersten Halbzeit auf die linke Seite gewechselt war. Dort spielte er näher an der Auslinie und linearer, und kam in gefährliche Situationen (siehe Szene des Spiels). Wenn das konstant eher Beckers Stärke ist, muss man dafür den Plan vielleicht etwas adaptieren. Das ist, was man meint, wenn man sagt, dass eine Mannschaft sich einspielen muss.

Marvin Friedrich 1. FC Union

Suleiman Abdullahi, Sebastian Andersson und Marvin Friedrich. Zwei von ihnen haben gespielt. Photo: Matthias Koch

Union ist in der Bundesliga angekommen, das Mittelfeld aber noch nicht

Zu diesem Schwerpunkt in Unions Spiel muss man aber sagen: Auch auf dem Niveau von Augsburg, das in der Bundesliga sicher unterdurchschnittlich ist, fehlte Union eine Spieleröffnung aus eigenem Ballbesitz (Augsburg übrigens auch, was erstaunlicher ist, weil sie Daniel Baier haben). Ähnliche Pässe der Außenverteidiger wie bei den Kontern wurden auch aus dem Aufbau gesucht, sind dann aber natürlich viel leichter zuzustellen und noch schwerer als in ungeordneten Umschaltmomenten.

Sehr anschaulich werden Unions Probleme in Ballbesitz, wenn man sich die graphischen Darstellungen der gespielten Pässe ansieht (ebenfalls bei Between the Posts). Da sieht man, dass Unions häufigste Passwege (außer der Verbindung Torwart-Mittelsturm) von Rafal Gikiewicz zu Neven Subotic und von Subotic zu Christopher Trimmel waren. Deshalb war es ein Problem, dass Trimmel zu niemandem sonst eine konstante Anbindung hatte. Man kann also schon sagen, dass Christopher Trimmel Unions Spielmacher ist. Und Außenverteidiger als Spielmacher, das klingt fast ein bisschen wie Guardiola. Aber so war das da nicht gemeint.

Union fehlt offenbar die Qualität oder ein Plan für spielerische Eröffnungen eigener Angriffe. Solche Spieleröffnungen durch die Mitte und das Mittelfeld werden deshalb nur selten versucht. Im besten Fall ist eigener tiefer Ballbesitz so ein neutraler Posten, aus dem man versucht, mit langen Bällen zu offensiver Präsenz zu kommen oder – wahrscheinlicher – früher oder später wieder Gelegenheit zu haben, aus gegnerischem Ballbesitz zu attackieren.

Keven und Neven

Dieser “beste Fall” trifft aber längst nicht immer ein, weil Pässe innerhalb der Hintermannschaft auch gegen Augsburg gar nicht so selten zu großen Fehlern geführt haben. Union hatte recht großes Glück, dafür nicht bestraft zu werden.

Neven Subotic

Neven Subotic machte nicht immer eine gute Figur. Photo: Matthias Koch

Falls es in Ballbesitz Sicherheit geben sollte, dass statt Marvin Friedrich in der Innenverteidigung Neven Subotic zusammen mit Keven Schlotterbeck spielte, schlug das fehl. Denn Subotic selbst spielte einige sehr gefährliche Fehlpässe und lief und stand nicht immer in guten Positionen (auch wenn er einige Male mit gutem Timing in Zweikämpfe ging). Schlotterbecks rote Karte erzwingt eine weitere Umstellung in der Defensivzentrale. Aber Subotics aktueller Leistungsstand hätte auch allein schon Anlass gegeben, darüber vor dem Spiel gegen Dortmund nachzudenken. Und dass Friedrich ‘ausgerechnet’ gegen Augsburg nicht spielte, zeigt ja schon, dass Urs Fischer da nicht sentimental ist.

Szene des Spiels

Sie wurde eben schon angedeutet: neben dem Tor war der Moment, in dem am meisten Qualität in Unions Spiel zu sehen war, als Sheraldo Becker mit einer guten und überraschenden Ballan- und Mitnahme Tin Jedvaj stehen ließ. Dass Becker den Ball dann aber Augsburgs Keeper in die Arme schoss, statt ihn auf den zweiten Pfosten zu lupfen, wo Bülter frei war, zeigte auch Unions Schwierigkeiten, Angriffe mit maximaler Effizienz auszuspielen.

Zu diesen Schwierigkeiten gehörte auch, dass es in einigen von Unions besten Gelegenheiten nicht gelang, diese bis zum Abschluss genau genug auszuspielen, was sich auch in niedrigen expected goals Werten zeigt, die ja (überwiegend) auf Schüssen beruhen.

4 Gedanken zu „Unions Spielmacher ist Christopher Trimmel

  1. Die Analysen von Daniel sind an dieser Stelle eine echte Bereicherung. Bitte unbedingt fortsetzen!!!

  2. Pingback: Urs Fischer kann nicht (Aufstiegs-)Helden spielen lassen - 1. FC Union › ***textilvergehen*** › 1. FC Union, 1. FC Union Berlin, Christopher Trimmel, FCU, FCUB, union, Union Berlin

  3. …und das bedeutet für das Dortmund-Spiel, Daniel?
    Ich hoffe, auf ein paar “Prozentpunkte” für uns am Samstag! Unser/Mein Dauersingen wird da wohl allein nicht reichen!? ;)
    u.n.v.e.u.

  4. Ich weiß nicht. Ich habe mich vor dem letzten Spiel von Union gegen Dortmund schon über die Herangehensweise getäuscht. Urs Fischer war damals viel offensiver und aggressiver eingestellt, als ich es erwartet hätte.

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