Ich muss keinen Sieg gesehen haben, um ein legendäres Spiel zu erkennen

Noch einmal kurz zurück zum Mittwochabend. Ich wurde gestern unzählige Male von Nachbarn und Arbeitskollegen gefragt, ob ich enttäuscht sei über das Ausscheiden im Pokal gegen Dortmund. Und ich verstehe diese Frage einfach nicht. Ich durfte mit meinem großen Sohn Zeuge eines der wohl technisch und kämpferisch brillantesten Unionspiele aller Zeiten sein. Ich habe eine Mannschaft gesehen, die gezeigt hat, wie man gegen Borussia Dortmund spielen muss. Und ich habe wohl eines der Top Erlebnisse vieler Unionfans mitgemacht, als wir fast die gesamte Pause durchgesungen haben: “FC Union. Unser Liebe. Unsere Mannschaft, unser Stolz!” Enttäuschung? Nein. Traurig? Nur kurz. Ansonsten: Nur Stolz! Ich muss keinen Sieg gesehen haben, um ein legendäres Spiel zu erkennen.

Medial gibt es tatsächlich zwei Themen: Ist es jetzt Zeit für den ersten Startelfeinsatz für Polter? Dieser Frage widmen sich nahezu alle Berliner Medien (BZ, Kurier, Berliner Zeitung und Tagesspiegel). Vielleicht muss man die Antwort auf diese Frage nicht mit den zwei geschossenen Tore von Polter anfangen. Für mich fängt die Antwort kurz vor der Einwechslung des Torschützen in Dortmund an, nämlich in der 54. Minute, als Sebastian Andersson nach einem Ballgewinn gegen Hakimi alleine auf den Dortmunder Torhüter läuft und noch eingeholt wird. Der Schwede, der den Hauch des Atems von Polter im Nacken spüren dürfte, tat mir so unendlich leid in der Situation, denn er braucht unbedingt ein Erfolgserlebnis und litt in den vergangenen Spielen sehr darunter, dass es kaum Anspiele auf ihn gab.

Die Frage ist also vor allem für Urs Fischer: Wem traut der Trainer zu, in Regensburg effizient mit Möglichkeiten vor dem Tor umzugehen? Gegen Dortmund haben alle drei Stürmer jeweils 60 Minuten gespielt. Die Fitness könnte ein zweiter Aspekt sein. Aber ich sehe ihn nicht als allzu großen Punkt. Im Zweifelsfall gibt es einen frühen Wechsel im Angriff. Es ist aus meiner Sicht vor allem eine Frage des Vertrauens in die Form der jeweiligen Stürmer und der strategischen Ausrichtung gegen Regensburg.

Sebastian Polter jubelt nach seinem Tor zum 1:1, Foto: Matze Koch

Und das ist dann der zweite Punkt. Welchen Spielern gibt der Trainer eine Verschnaufpause? Ich weiß gar nicht, ob es angesichts des Hochs gegen Dortmund unbedingt einen radikalen Wechsel geben muss, denn schließlich liegen drei volle Tage zwischen beiden Partien. Robert Zuljs Krämpfe sind sicherlich in Erinnerung, aber das schüttelt sich schon heraus. Und auch hier ist die Frage, wie stark die Sprunggelenksverletzung von Felix Kroos nach dem Dresden-Spiel ist. Urs Fischer hat (bis auf in der Innenverteidigung, auch wenn dort Michael Parensen wieder einsatzbereit ist) überall die völlig frei Wahl.

Die wichtigste Erkenntnis aus dem Dortmund-Spiel: Union kann sich spielerisch nach vorne kombinieren (auch wenn der BVB sicher mehr Räume im Angriffsdrittel öffnete als ein normaler Zweitligist). Aber wie sich aus dem Pressing herauskombiniert wurde, dürfte Hoffnung für Partien gegen dicht gestaffelte Gegner geben. Wenn dieses Spiel der Mannschaft nicht Selbstvertrauen in ihre eigene Stärke gegeben hat, dann weiß ich auch nicht.

Der Kurier trauert mit Simon Hedlund noch dessen vergebener Chance aus der Verlängerung nach.

Auf den anderen Plätzen

Die erste Frauenmannschaft wurde im Pokal dem SFC Stern 1900 zugelost. Die Partie wird wahrscheinlich am 14. November stattfinden. Das nächste Punktspiel ist am Sonntag um 14 Uhr auf dem Fritz-Lesch-Sportplatz gegen Fortuna Dresden. Das zweite Frauenteam spielt erst nächste Woche wieder.

Die U19 der Männer spielt am Samstag beim Niendorfer TSV und muss dort eigentlich punkten, um einen Konkurrenten beim Kampf um den Klassenerhalt auf Distanz zu halten. Die U17 spielt am Samstag um 13 Uhr im Heimspiel gegen Wolfsburg und ist dabei Außenseiter.

Apropos Nachwuchs: Union hat mit Stefan Studer einen neuen Chefscout (Bild). Er kommt von der gleichen Position beim FC St. Pauli.

Und sonst so?

Damir Kreilach hat ein absolutes Traumtor im Spiel gegen Los Angeles geschossen und steht nach dem 3:2 mit Real Salt Lake City im Halbfinale der Western Conference.

In einer Form von Aktionismus hat Hertha BSC beschlossen, bis auf Weiteres keine Blockfahnen, Choreos, Spruchbänder usw. zuzulassen (Hertha Vereinsmitteilung, in der der Klub später ergänzte, dass das Verbot nicht für Zaunfahnen und Fanclubbanner gelten würde). Dazu soll die Zahl des Sicherheitspersonals erhöht und die Eintrittskontrollen verschärft werden. Warum ich das als Aktionismus bezeichne? Weil ich mich ganz gut erinnern kann, wann es zuletzt bei Hertha im Olympiastadion zu Ausschreitungen gekommen ist (das war im Abstiegskampf im März 2010 als Fans den Graben zum Innenraum überwanden und ein paar Stühle bei der Trainerbank umwarfen). Das Gewaltpotential sowohl im Heimbereich als auch bei den Gästen von Rasenballsport sehe ich als überschaubar an. Es dürfte niedriger sein, als wenn ich zu irgendeiner beliebigen Uhrzeit am Alexanderplatz von der U-Bahn zur S-Bahn umsteige. Ich kann nur vermuten, dass man sich als Verein angesichts der zu erwartenden Strafe durch den DFB nicht den Verdacht aussetzen möchte, nach den Zusammenstößen von Polizei und Teilen der Fans untätig zu sein. Das Zeichen an die komplette eigene Fanszene ist allerdings fatal:

Ich kann mir kaum vorstellen, dass das so hingenommen wird. Das Mindeste als Gegenreaktion dürfte sein, dass der Support komplett eingestellt wird. Eine Spirale, die sich hochschaukeln wird, wenn sie nicht von mindestens einer Seite durchbrochen wird. Eine ausgewogene Analyse gibt es beispielsweise bei der Morgenpost.

Medial gibt es Stimmen, die zwischen Pyro und Gewalt differenzieren und ein Ende der gerade von Innenpolitikern dogmatisch geführten Pyro-ist-gleich-Gewalt-Debatte fordern:

Weil es so schön war

Hier noch einmal unser Jubel in Dortmund nach dem 1:1 durch Sebastian Polter

12 Gedanken zu „Ich muss keinen Sieg gesehen haben, um ein legendäres Spiel zu erkennen

  1. volle Zustimmung, sehe ich genauso! Das war am Mittwoch abend wieder so ein Union-Moment, genau deswegen können wir so stolz auf uns sein. Und: organisatorisch hat alles geklappt, Einlass ok, Polizei sehr zurückhaltend, BVB-Anhänger freundlich, zwar besorgt ob wir denn nun auch radalieren würden, was wir natürlich ausräumen konnten, super Stellungnahmen der Südtribüne und von uns zu dem Vorgehen der Polizei beim Spiel gegen Hertha, selbst die de meinten ..urensöhne zu skandieren und ständig den Stinkfinger gen BVB-Anhänger zu zeigen waren in der Minderheit. Selbst zum Elfer gab es auf dem Heimweig Zweifel bei den BVB-Fans ob der wirklich gerechtfertigt war und viel Respekt für unsere Mansnchaft und für unseren Support, alles in allem hat sich die Anstrengung mehr als gelohnt! Zu Hertha: irre, wie kann man so einseitig seinen Anhängern in der Rücken fallen, dass man Leute die Gewalt ausüben bestraft ist sicher ok, ABER die gesamte Situation so zu verdrehen und alle kollektiv zu bestrafen, unglaublich, anscheinend wünschen sich Preetz und Co. nur noch Klatschtouristen die zwar keine Ahnung von Fußball haben aber schöne Bilder liefern? Bin ich froh Unioner zu sein!

  2. Ich muß sagen das ich nach dem Spiel sehr enttäuscht war und zudem sauer auf den Schiri. Aber nach dem aufwachen gestern überwog der Stolz auf die Mannschaft. Auch wenn es tragisch war so auszuscheiden und egal wer da für den BVB auflief, man hat unsere Farben würdig vertreten. Wir sind glaube ich, jetzt so weit das bei einer dritten Paarung die Dortmunder aufstöhnen würden. Die haben sich das zweimal leichter vorgestellt.

  3. So sehr ich die Polter-Rufe „Jetzt geht’s los“ in der ersten Sekudne genossen habe, umso mehr grübelte ich später darüber nach, wie sich Sebastian Andersson dabei gefühlt haben muss. Sicher er ist nicht mehr so gut drauf wie zu Saisonbeginn. Aber in Dortmund hat er ordentlich gerackert und auch mal wieder ein par Zuspiele mehr bekommen. Das war in den Wochen zuvor eher nicht der Fall.

  4. Andersson kann einem echt leid tun, dass Polter so stark zurück kommt. Ich meine der macht schon wieder aus dem Nichts heraus irgendwelche Tore. Abartig geil. Einlassstation war entspannter als erwartet auch die Polizei hätte ich mir wesentlich angespannter vorgestellt, aber die waren relaxed as fuck. Der Stehplatz Bereich war dezent überfüllt und die Rückfahrt hat sich ziemlich hingezogen. Wir meckern, dass wir nach dem Spiel Probleme haben mit den Öffis wegzukommen. Ich weiß nicht aber Entlastungszüge mit zwei Wagons sorgen jetzt nicht so sehr für Entlastung. Ich will gar nicht wissen wie das aussieht wenn Schalke Gladbach und co dort spielen, die nehmen sich vermutlich vorsorglich ein Zelt mit.

  5. Andersson hat am Beginn der Saison herausragend gespielt, allerdings auch gegen Gegner, die aufgrund der jungen Spielzeit weniger organisiert agierten, als es jetzt der Fall ist. Da war er absolut frei im Kopf und unbelastet. Nun, da der Druck mit Polters Nachrücken und Torerfolgen wächst, wachsen die Zweifel und er droht, den geraden Zug zu Tor und seine Impulsivität einzubüßen. Bei allem Mitgefühl für seine Situation muss man aber festhalten, dass dies zu Alltag eines jeden Profisportlers gehört, der für sich in Anspruch nimmt, erfolgreich in der Startformation zu stehen. Ich drücke ihm die Daumen, dass er wieder zu seiner Leichtigkeit zurück findet. Polter und Andersson in guter Form – nicht auszudenken, was da möglich wäre.
    EISERN

  6. Es ist ja nicht nur Polter für Andersson gekommen, sondern auch Abdullahi für Redondo. Für mich war ein Doppelwechsel ein Signal, dass Urs Fischer nochmal alles versucht und neue Offensivkräfte bringt. Kann man natürlich auch nur auf Polter beziehen, so habe ich es aber in dem Moment nicht gesehen, ich hoffen Andersson auch nicht :)

  7. @ Pándorà: ich kann zur Öffisituation nicht viel sagen, wir sind zu viert mit einem Familien-Van angereist und haben etwas weg vom Stadion in Sichtweite von einem Büroturm und Fernsehturm geparkt (als Orientierung gut), auf dem Hinweg habe ich keine Staus gesehen und auch keine übervollen Straßen/U/Stadtbahnen, am U-Stadtbahnhof Westfalenhallen standen eine große Zahl von Gelenkbussen, nach dem Spiel waren dort zwar keine Busse, dafür viele Taxen, die Straßen/U/Stadtbahnen die wir gesehen haben waren mäßig voll und sehr lang, nur die Straßen auf der Fahrt aus Dortmund hinaus war etwas voll, aber dank Navi haben wir eine schnelle Route gefunden (dass nach Mitternacht auf der A2 ab ca. Kamener Kreuz massig Lkw unterwegs waren, teilweise die 2 rechten Spuren Lkw an Lkw, dann noch mehrere Schwertransporte mit Windrädern und auch welche mit so Mobilhäusern steht auf einem anderen Blatt), was den Stehplatzbereich angeht so war der bis oben voll, selbst die Treppe war fast zu, nicht wie bei uns wo man immer von Security in den Block geschoben wird, aber das ist mir schon bei anderen Auswärtsspielen aufgefallen. Zu Andersson: das ist mir auch aufgefallen und ich hoffe dass sich das alles einspielt auch weil ja Abdullahi auch als sehr gut beurteilt wird und wenn er sich nach seiner Verletzung wieder richtig erholt hat glaube ich dass wir da noch einige super Tore von ihm sehen werden, zumindest wenn man dem glaubt was so im Netz über ihn geschrieben steht. @ Tom: Pyro or not pyro: danke für den Link, ich war trotzdem froh dass wir keine Pyro gezündet haben, so lange die Situation so ist wie sie ist und gerade nach der Sache mit Hertha vorher war es so wie es war besser, die Ultras haben ja unsere Auffassung mehr als deutlich gemacht! EISERN

  8. @jens otto mit den Wechseln hab ich auch so gesehen, es war ein gutes Zeichen an die Mannschaft – zwei neue Offensivkräfte zu bringen – zu pyro or not pyro – grundsätzlich brauche ich es nicht um im Stadion in Stimmung zu kommen, finde aber gerade was bei uns gemacht wird oft sehr schön. in Dortmund war ich froh, dass bei uns nichts qualmte, weil ich so sehr auf ein Elfermeterschießen auf unserer Seite gehofft habe. funfact am Rande – als unser Fanzug abfuhr, wurde wenigsten ein Bengalo zum Abschied gezündet, war irgendwie schön, trotz des Qualms im Abteil.

  9. Insgesammt vierzehn Stunden im Bus und mir war davon keine Minute zu Schade, um bei diesem Spektakel dabei gewesen zu sein.
    Danke Hertha für das Vorgeplänkel am Wochenende davor. So konnten wir uns auf das konzentrieren, dass uns wirklich wichtig ist: das Spiel und der Support. Wir sind nochmal über uns hinausgewachsen, auf dem Rasen und auf den Rängen und waren in der Lage das Jahr 2016 noch einmal zu toppen. Wer hätte das vorher gedacht? Ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich nur daran denke.
    Danke Union.

  10. Mir hat auch gefallen, dass um mich herum alle bereit waren, unsere Götter bedingungslos zu unterstützen. Ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn Simon die Nerven von Polti hätte und wir als Sieger vom Platz gegangen wären. Vermutlich hätte ich mir ein Brinkhoff geholt und es mir an Ort und Stelle selbst über den Kopf gekippt. Es war wie du geschrieben hast, der Stolz auf unseren Verein ist riesig. In zwei Jahren schmeißen wir Dortmund dann aber mal raus, okay?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.