Der Transfer von Suleiman Abdullahi zu Union ist aus verschiedenen Perspektiven bemerkenswert

Wir wussten ja, dass Union Stürmer X sucht, der als Backup oder neben Sebastian Andersson stürmen kann, so lange Sebastian Polter wegen seines Achillessehnenriss keine Option ist. Dieser Stürmer X ist Suleiman Abdullahi (21 Jahre, der gestern von Eintracht Braunschweig ausgeliehen wurde und und dessen Vertrag sich bei Ziehen der Kaufoption bis 2022 verlängern würde, Vereinsmitteilung). Das ist in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswerter Transfer. Denn einerseits kann ich mich nicht erinnern, wann Union zuletzt einen verletzten Spieler (Abdullahi laboriert noch an einer Sprunggelenksverletzung) unter Vertrag genommen hat. Und gleichzeitig ist er ganz klar mehr als nur ein Backup oder Stürmer Nummer 3 hinter den beiden Sebastians. Er ist ein Spieler, von dem sich Union verspricht, ihn weiterzuentwickeln und davon in Form einer Ablöse zu profitieren. Das sagt die vereinbarte Vertragslaufzeit bis 2022 aus, wenn die Kaufoption gezogen wird. Und diese Kaufoption ist gleichzeitig die Minimierung des Risikos für Union in diesem Fall. Ein wirklich erstaunlicher Transfer.

Was mich ein bisschen irritiert hat in der Berichterstattung um diese Verpflichtung, war der offensive Hinweis auf ein 4-4-2. Sowohl der Kurier (“Womit Union endlich auch Optionen für ein 4-4-2 hätte.”) als auch die Morgenpost (“will Union im bevorzugten 4-4-2 mit zwei Stürmern spielen lassen”) legen nahe, dass dieses System mehr als nur eine Option im Spielverlauf wäre. Ich hatte das bisher nur als Variante gesehen, mit der Trainer Urs Fischer während des Spiels auf bestimmte Ereignisse reagieren könnte, aber nicht als Option, damit ein Spiel zu beginnen. Das liegt vor allem daran, dass das 4-3-3 aus meiner Sicht gerade offensive Kaderspieler wie Simon Hedlund, Akaki Gogia, Kenny Prince Redondo, Joshua Mees, Marcel Hartel und so weiter viel besser zur Geltung bringen kann. Und wenn es um eine Veränderung der Grundordnung gehen sollte, hätte ich je nach Rückkehr der verletzten Innenverteidiger (Florian Hübner ist jetzt zurück, Kurier) ein 3-4-3 eher als Option gesehen (aber das wirklich erst als Thema für die Wintervorbereitung). Es wird also spannend sein zu sehen, in welche Richtung Urs Fischer die taktische Variabilität seiner Mannschaft entwickelt.

Diese kleinen theoretischen Gedanken führen uns aber ganz leicht zum zweiten Thema, denn Union hat Robert Zulj (26 Jahre, Hoffenheim) für ein Jahr ausgeliehen (Vereinsmitteilung). Der Gedanke, den offensiven Mittelfeldspieler zu verpflichten, hat mich zunächst irritiert, denn im zentralen Mittelfeld gibt es allein von der Zahl der verfügbaren Spieler keinen Bedarf für Union. Wenn aber die sportliche Leitung um Trainer Urs Fischer und Manager Oliver Ruhnert qualititativen Handlungsbedarf sieht, dann spricht das für einen Abgang vielleicht noch in dieser Transferperiode. Und als erstes fällt mir da Eroll Zejnullahu ein. Das dürften also noch ein paar spannende Tage bis Ende August werden, denn bis dahin sind Transfers noch möglich.

Oliver Ruhnert auf dem Trainingsplatz Anfang August, Foto: Matze Koch

Der Kader ist eigentlich jetzt schon zu groß, doch Oliver Ruhnert hat laut Morgenpost deutlich gemacht, dass die Verkleinerung des Kaders erst zur Winterpause das Ziel sein werde. Das spricht dafür, dass man sich bei bestimmten Mannschaftsteilen (Innenverteidigung, zentrales Mittelfeld) nicht sicher ist, wie es sich entwickelt und sich lieber keine Optionen im Laufe der Hinrunde verbauen möchte. Das kann ich nachvollziehen, auch wenn die Moderation eines so großen Kaders sicher nicht einfach ist.

Hier die weiteren Berichte der Berliner Medien zu den Transfers:

Felix Kroos hat das Tor von Marvin Plattenhardt gegen Braunschweig im Pokal zur Kenntnis genommen. und zwar auf sehr trockene Felix-Kroos-Art:

Und wer sich komprimiert dafür interessiert, was sich seit Mai bei Union verändert hat, kann sich diese Episode des St.-Pauli-Podcasts Millernton vor dem Spiel gegen die Hamburger anhören, in der Tim und ich Fragen zu Union beantworten.

Und sonst so?

Die Banner “DFB, DFL & Co – Ihr werdet von uns hören” haben wir am DFB-Pokalwochenende in den Stadien gesehen. Sie waren die Ankündigung zur Aufkündigung des Dialogs mit den Verbänden (Faszination Fankurve). Ich kann überhaupt nicht beurteilen, wie ernst die Verbände die Anliegen im bisherigen ein Jahr dauernden Dialog genommen haben. Aber dass der DFB diesen Dialog in der AG Fankulturen bündeln wollte, spricht nicht dafür, dass sie besonders ernst genommen wurden. Obwohl ich beispielsweise den veröffentlichten Strafenkatalog nicht nur schlecht fand. So war transparent, wie mögliche Geldstrafen zusammenkommen. Gleichzeitig ist das natürlich für manche Vereine auch Mittel, um einzelne Fans eher zu Schadenersatz verpflichten zu können. Denn vorher war unklar, welchen finanziellen Schaden ein einzelner Fan verursacht hat, was aber bei Schadenersatz wichtig ist.

Gästeblock beim Pokalspiel in Jena, Foto: Tobi/unveu.de

Wenn ich mir die bei Faszination Fankurve veröffentlichte Stellungnahme durchlese wird vor allem deutlich, dass es nicht nur um Strafen oder eine einheitliche Behandlung von Fanutensilien in allen Stadien ging, sondern um Mitbestimmung. Und das ist in vielen Bereichen (Montagsspiele 3. Liga, neue Aufstiegsregelung in den Regionalligen, 50+1) nicht passiert. Und was ich noch viel schlimmer finde. Das passiert trotz mitgliedergeführter Vereine auch in den Klubs immer seltener. Wir hatten ja in der Bundesliga die kuriose Situation, dass die Vereinsvertreter sich für die Montagsspiele in der Bundesliga ausgesprochen hatten und teilweise gleichzeitig die Proteste dagegen unterstützt hatten. Wir haben merkwürdige Abstimmungen bei Mitgliederversammlungen gesehen, bei denen mit Trikots (VfB Stuttgart, als es um Ausgliederung der Profis und Öffnung für Investoren ging) oder Pullovern (Köln, als es dem Klub darum ging, einen Antrag abzulehnen, der die Befragung der Mitglieder vor jedem Anteilsverkauf vorsah), ansonsten an Teilhabe desinteressierte Mitglieder motiviert wurden, im Sinne der Klubführung zu stimmen. Wir sehen die Tendenz einer Entfremdung zwischen organisierten Fans und Klubs. Und sollte die DFL sich vielleicht irgendwann komplett vom DFB abspalten, wäre das nur der logische Schritt. Ich habe das Gefühl, dass sowohl der DFB als auch viele Klubvertreter überhaupt nicht mehr mithalten können bei der rapiden Veränderung des Fußballs in Deutschland durch den riesigen Kapitalzufluss.

Der Standpunkt von Union als Verein ist klar. Ohne ein starkes Stadionerlebnis, gibt es keine vernünftige Vermarktung. Das war bekannt und das hatte Präsident Dirk Zingler im Stadionheft vor der Partie gegen Aue noch einmal deutlich gemacht:

Für die meisten von uns ist der Kern ihres Union-Lebens das Stadionerlebnis. Dieses Erlebnis ist auch für den Verein und seine Mitarbeiter das Wichtigste.

Denn insbesondere für unsere Zuschauer im Stadion spielen und organisieren wir Fußball, darüber hinaus lassen wir Millionen Fußballfans an den Bildschirmen daran teilhaben. Für mich ist dabei die Reihenfolge der Dinge ganz entscheidend: Fußball begeistert Menschen, wenn er live im Stadion gespielt wird. Diese Stadionatmosphäre transportieren Medien dankenswerter Weise in die Wohnzimmer oder auf die Smartphones anderer Menschen. Regional, national, international. So kann die reale Begeisterung tatsächlich auch über weite Entfernungen geteilt und nachempfunden werden. Dieses reale Stadionerlebnis betrachten wir als wertvolles und schützenswertes Gut. Wir nennen es „Fußball pur“!

Trotzdem geht es auch für Union in diesem Jahr darum, auszuhandeln, was die Werte des Vereins sind und wie diese Positionen vertreten werden sollen.

Noch ein paar kurze Infos zum Schluss:

  • In einem Interview in der Berliner Zeitung schildert der Fan-Anwalt René Laue, wie er die Berliner Polizei wegen willkürlichen Freiheitsentzugs von Fans erfolgreich vor Gericht brachte und gewann
  • Deutschland soll ja angeblich das Land des Datenschutzes sein. Wie die Berliner Polizei mit einer aufgeblähten Datenbank die Schutzrechte der Bürger missbraucht, keine Löschfristen einhält und dabei noch nicht einmal Konsequenzen fürchten muss, obwohl die Fälle bekannt sind, könnt ihr im Berliner Kurier nachlesen.
  • Dass nicht alle Sport-Dokus tatsächliche Dokus im eigentlichen Sinne sind, sondern auch Inszenierungen, dürfte klar sein. Wer aber mehr dazu wissen will, kann dies beim Deutschlandfunk nachlesen oder nachhören.
  • Und zum Thema rechtsextreme Propaganda ermittelt bei Energie Cottbus die Polizei. Anlass ist diese Person in mit “Siegheilson” beflocktem Trikot (Klick aufs Foto zeigt das ganze Trikot)

5 Gedanken zu „Der Transfer von Suleiman Abdullahi zu Union ist aus verschiedenen Perspektiven bemerkenswert

  1. Bemerkenswerter als die Verpflichtung eines verletzten Spielers finde ich die Konditionen des Zulj-Transfers. 1 Jahr Leihe ohne weitere Optionen?

  2. Naja, Žulj ist/war bei einem Champions League Verein, auch wenn er da kaum gespielt hat. Da ist Union nicht in der Position, ein stärkeres commitment zu bekommen. Und manchmal geht das ja auch wie bei Felix Kroos aus.

  3. Alles richtig, @Daniel, allerdings hat die Sache mehrere Haken. Schlägt er hier voll ein, dann liegt die Rückkehrwahrscheinlichkeit zur TSG bei 100% und wir haben nicht viel gewonnen. Sollten wir aufsteigen, dann würden sich unsere Möglichkeiten sicherlich verbessern, aber dieses Szenario sehe ich aktuell eher nicht. Wenn er hier nur so semi überzeugt, dann würden wohl unsere Chancen auf eine Weiterverpflichtung steigen, aber viel gewonnen hätten wir dann auch nicht.
    Die Personalie Kroos ist ein Thema für sich.

  4. wenn Zulj hier eine sehr gute Saison spielt ist das für Union doch schon viel wert, auch wenn er dann nächste saison wieder woanders spielen sollte.

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