Der Pokalsieg der Eintracht ist (leider) nur die Ausnahme von der Regel, aber trotzdem geil

Als ich gestern Abend mit Maik vom St.-Pauli-Podcast Millernton nach dem Pokalfinale die Treppenstufen des Olympiastadions nach oben stieg, sagte ich: “Das war ein richtig geiler Abend. Aber es tut auch ein bisschen weh, zu wissen, dass unsere beiden Vereine so etwas wahrscheinlich nie mehr erleben werden.”

Pokalübergabe an die Eintracht, Foto: Sebastian Fiebrig

Die Gründe dafür sind vielfältig. Das hat beispielsweise etwas damit zu tun, dass der Pokalwettbewerb so gestaltet wurde, dass die Risiken für große Klubs verringert wurden. So muss in der ersten Runde der Amateurbereich gegen den Profibereich spielen. Die Chance, dass sich dort schon Bundesligisten gegenseitig eliminieren ist also sehr gering. Das geht erst in der zweiten Runde. Und wir erinnern uns, wie sich RaBa Leipzig und der FC Bayern darüber aufgeregt haben, dass beide dieses Jahr schon in der zweiten Runde aufeinander trafen und noch eine zusätzliche Setzliste gefordert haben. Unterklassige Klubs haben nicht automatisch Heimrecht (ein Fakt, der Union sehr geholfen haben dürfte, als es 2001 bis ins Pokalfinale ging). Und die Chance, als Verlierer des Pokalfinales trotzdem in den Europa-Pokal zu kommen, wurde auch abgeschafft. Es gibt noch mehr Gründe wie beispielsweise die Ausstattung mit finanziellen Mitteln, die schon in der Bundesliga dramatisch ungleich ist und sich so nach unten fortsetzt.

Die Eintrachtfans in der Ostkurve, Foto: Sebastian Fiebrig

Deshalb war dieser Abend mit dem Eintracht-Pokalsieg so besonders. Weil mal nicht Bayern oder Dortmund den Pott geholt haben. Weil es ein Klub war, der 30 Jahre lang auf dem Trockenen saß. Ein Klub, dessen Fans sich auch damit abfinden müssen, wohl nie mehr die Chance auf eine Meisterschaft zu haben. Ein Klub, der gerne von den Hoffenheims und Leipzigs als Auslaufmodell Traditionsklub hingestellt wurde. Es ist die Ausnahme, dass das passiert. Das wissen wir. Aber weil es manchmal passieren kann, schauen wir noch das Finale. Ein Finale, für das ich 90 Euro für eine Karte mit Sichtbehinderung bezahlt habe …

Maik und ich haben in der S-Bahn auf der Rückfahrt ein Gedankenexperiment gemacht. Wie würde das Finale und Interesse aussehen, wenn durch irgendeinen Zufall schon die Halbfinalisten aus Leverkusen, Hoffenheim, Wolfsburg und Leipzig bestehen würden? Wieviel ist der Wettbewerb dann noch wert? Diese Inbrunst und dieser Wahnsinn, den die Eintrachtfans da mitgebracht haben, der ist nicht zu kaufen. Die anderen Klubs mögen finanziell stärker sein, sie mögen rationaler sein, sie mögen die besseren Leute haben und erfolgreicher sein. Aber sie sind keine großen Klubs. Und sie werden es niemals sein.

Eintracht-Choreo mit Charly Körbel vor dem Spiel, Foto: Sebastian Fiebrig

Mein Herz ging auf, als Charly Körbel den Pokal auf die Tribüne trug. Der Charly Körbel, der vor dem Spiel auf der Choreo zu sehen war, wie er vor 30 Jahren den Pokal in die Luft hob. Und was machte er? Er stellte den Pokal nicht einfach ab. Statt das so staatstragend zu machen, wie das DFB-Protokoll es wohl vorgesehen hat, hob er den Pokal über seinen Kopf und jubelte wie ein kleines Kind. Beim Runtergehen riss er noch einmal die Fäuste hoch. Er hatte die Zeremonie komplett ignoriert, sondern sich einfach gefreut. Da war nichts Geschäftsmäßiges dabei. Das kam tief aus dem Inneren. Dass wenige Minuten später Sandro Wagner seine Medaille einfach beim Abgang wenige Meter neben mir ins Publikum warf, war auch eine Ignoranz des Protokolls und dürfte als Enttäuschung genauso aus dem Inneren gekommen sein wie vorher bei Charly Körbel.

Falls jemand über den nicht gegebenen Elfmeter in der Nachspielzeit diskutieren will. Hier aus meiner Sicht alles, was es dazu zu sagen gibt:

Und was ist mit Union?

André Hofschneider wird heute sein letztes Spiel als Cheftrainer des 1. FC Union absolvieren (BZ). Der RBB hat ein kurzes Video mit Schnipseln von der Vorbereitung von Türkiyemspor auf das Jubiläumsspiel zum 40-jährigen Bestehen des Vereins. Anpfiff ist 15.30 Uhr im ehemaligen Katzbachstadion (heute Willy-Kressmann-Stadion). Denkt daran, dass heute auch Karneval der Kulturen ist. Mit Auto hinfahren könnte eine echt schlechte Idee sein.

Ansonsten ist jetzt Zeit für ein paar Rückblicke auf die abgelaufene Saison: Den ersten hat Union in Englisch, der auch mit vielen Fotos garniert ist. Bei Eiserne Ketten werden verschiedene Preise verteilt, zum Beispiel für das kurioseste Eigentor der Saison. Mein Lieblings-Preis ist der “Die-Nationalhymne-mitsingen-Preis für die sinnloseste Kontroverse der Saison”:

Die Debatte über die wahren Gründe für die Entlassung von Jens Keller liegt hier weit vorne, denn dieser Teil der Entscheidung zur Trainerentlassung war genau nicht das Problem. Eine Erwähnung verdient die Beschwerde darüber, dass zu viele Schiedsrichter-Pfiffe gegen Sebastian Polter gehen.

Fabian Schönheim zog auf Instagram sein Saisonfazit: “Nach einer in allen Belangen enttäuschenden Saison möchte ich mich dennoch herzlich bei Euch für all die Unterstützung, den Zuspruch und die wahnsinnig vielen Nachrichten bedanken. Wie ich schon mal sagte, IHR macht diesen Verein besonders und dafür bin ich sehr dankbar. Ich werde alles daran setzen noch stärker zurückzukommen.”

Korrektur: in einer früheren Version hieß es, dass Wagners Reaktion genau das Gegenteil von Körbels Aktion bei der Zeremonie der Pokalübergabe war. Aber das stimmt nicht. Beide haben das Protokoll ignoriert und sich von ihren inneren Gefühlen leiten lassen.

7 Gedanken zu „Der Pokalsieg der Eintracht ist (leider) nur die Ausnahme von der Regel, aber trotzdem geil

  1. Hammertext! Die Eintracht hat für alle Traditionsmannschaften gewonnen

  2. Naja, mit diesem: “Unsere beiden Vereine werden das wahrscheinlich nie wieder erleben.”, kann ich nicht wirklich viel anfangen. Natürlich gibt es da Vereine, die bedeutend mehr Geld haben, bei denen ein Fußballer mehr verdient, als bei uns das ganze Team, aber am Ende sind es alles nur Menschen. Menschen können einen super Tag haben, sie können aber auch einen schlechten Tag haben. Wenn ich von vornherein mit der Entschuldigung ran gehe, dass gegen diese Teams wahrscheinlich eh nichts zu holen ist, kann ich es mir sparen, die Fußballspiele überhaupt noch anzusehen.

    Aber das Gegenteil ist doch der Fall, wir schauen die Spiele, weil wir auf die Überraschung hoffen, so eine, wie sie Frankfurt gestern geschafft hat. Und solch einen Überraschung ist immer möglich.

    Die Voraussetzung dafür ist nur, dass das Team funktioniert, dass es zusammenpasst, dass jeder für jeden kämpft. Das muss nicht immer klappen, aber es kann.

  3. Sven hat recht. Ich verstehe auch nicht, weshalb ihr nach einem solchen Spiel in selbstmitleidiges Gewäsch verfallt. Wenn euch dieses Spiel nicht Mut macht und anspornt, ist das ziemlich schade. Auch die Sache mit Sandro W. aus M. ander I. – klar: menschliche Regung, verständlicher Frust – aber eben auch: Kleinscheiss, grob unsportlich, ätzend, Größenwahn. Schon wieder ein Moment, wo ich denke, der Löw hat wahrscheinlich recht, ihn auszumustern.
    Trotzdem, schöne Pfingsten!

  4. Ehrlich gesagt hat das wenig mit selbstmitleidigem Gewäsch zu tun, sondern eher damit, dass durch Strukturveränderungen der Zufall so weit wie möglich ausgeschaltet wird, was vor allen stärkeren Klubs zugute kommt. Sei es durch Setzlisten, weniger K.o.-Runden (Champions League), Fallschirmzahlungen, Geldverteilungen, kein automatisches Heimrecht für unterklassige Gegner, etc. Darum ging es. Was Union betrifft: Ich gehe zu Spielen von Union, weil ich in denen tatsächlich nicht weiß, wie es ausgeht. Aber in der Bundesliga fallen Spiele gegen den FC Bayern nicht mehr in diese Kategorie.

  5. Aber Sebastian, all das, was du aufzählst, ist ja auch durchaus wieder veränderbar. Vielleicht nicht kurzfristig, aber die Möglichkeit besteht. Deswegen ist das für mich auch kein Grund, deswegen die Segel zu streichen. Die Blase, die unsagbar großen Geldsummen im Fußball, die wird irgendwann platzen und dann wird sich vieles ändern, sogar ändern müssen. Deswegen kann ich mit dem Pessimismus nichts anfangen, den ihr hier verstrahlt.

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