Oliver Ruhnert fängt mit der Kaderplanung bei Union nicht bei Null an

“13 Uhr bin ich für niemanden zu sprechen”, habe ich meinen Kollegen gestern am Morgen gesagt. Ich wollte mir einen ersten Eindruck vom neuen Geschäftsführer Profifußball Oliver Ruhnert machen, der in der auf AFTV direkt übertragenen Pressekonferenz vorgestellt wurde (Aufzeichnung auf AFTV). Der bisherige Chefscout von Union wird nun also das, was man gemeinhin als Manager im Fußball bezeichnet. Und zwar nur für die Profis. Er hat dafür einen Vertrag bis 2020 erhalten.

Screenshot: AFTV

Ich saß also in unserer Büroküche und hörte mir an, was Oliver Ruhnert zu sagen hatte. Aus meiner Sicht wirkte er sehr klar, in dem, was er sagte. Auch wenn er wie erwartet nicht gleich ins Detail ging, was das Profil des neuen Cheftrainers betrifft. Hier würde ich ihn ebenso wie wie beim Kader auch viel lieber an seinen Taten messen als herumzudeuten.

Bei der Kaderplanung fängt Ruhnert nicht bei null an, denn als Chefscout war er vollkommen integriert in die Struktur rund um Helmut Schulte. Außerdem ist es ein leichtes Missverständnis, dass Kaderplanung erst mit der Transferperiode beginnt. Das ist schlicht und einfach der Zeitpunkt, an dem sie für uns sichtbar wird, weil die Planung zu Entscheidungen führt. Den Schattenkader mit möglichen Kandidaten für jede Position gibt es permanent und an dem wird auch ständig gearbeitet.

Geschäftsführer Oliver Ruhnert, Foto: Matze Koch

Jedenfalls wurde mir beim Schauen der Pressekonferenz sehr schnell klar, was Präsident Dirk Zingler meinte, als er über Ruhnert sagte: „In jedem Gespräch hat er schnell eine eigene Meinung gehabt und das auch kund getan, das brauchen wir.“ Meinungsstärke, sich auch mal reiben können, das dürfte der Profiabteilung gut tun. Über die sportliche Kompetenz von Ruhnert gibt es keinen Zweifel, auch wenn ich schon dachte, dass er Richtung Wolfsburg abwandert, wie der Kicker es Ende April mal schrieb. Jetzt hat er volle Gestaltungsmöglichkeiten bei Union, was sicher sehr reizvoll ist. Zingler sagte dazu: “Er hat ein hervorragendes Netzwerk und ist in der Lage, große Strukturen zu führen.“ Schließlich war Ruhnert vorher viele Jahre im Schalker Nachwuchs tätig und leitete auch die Knappenschmiede. Die Zeit ging mit der Übernahme des Managerpostens durch Christian Heidel bei Schalke zu Ende (Der Westen).

Welchen Fußball Ruhnert favorisiert, ist vielleicht erst einmal nachrangig. Denn letzten Endes steht fast jeder Verein in der Bundesliga vor der Aufgabe, neben dem Umschaltfußball eine Variante zu etablieren, wie man mit Ballbesitz vor das Tor kommt. Die geringe Torgefährlichkeit hat er in der zweiten Saisonhälfte bei Union als Defizit ausgemacht. Ich bin gespannt, welche Antworten er darauf geben wird. Wir werden das bei Spielern mit auslaufenden Verträgen bald sehen und hoffentlich auch in absehbarer Zeit einen neuen Trainer.

Ich möchte mal noch etwas zum Thema Stallgeruch sagen, weil ich das Thema selbst in den vergangenen Wochen und Monaten bei Union kritisch betrachtet habe. Stallgeruch ist erst einmal weder schlecht noch gut, sondern heißt einfach, dass man schon mal miteinander Erfahrung gehabt hat und vielleicht auch die Kultur im jeweiligen Verein kennt. Es gibt Vereine, die fahren damit schon ewig (ich weiß nicht, wann Bremen zuletzt einen Trainer ohne Werder-Vergangenheit hatte, vielleicht in den 60er Jahren … Update 11.38 Uhr: Stellt sich raus: Robin Dutt war 2013 ohne Werder-Vergangenheit zu Bremen gekommen. Danke für den Hinweis). Kritisch habe ich das bei Union gesehen, weil ich das Gefühl hatte, dass ganz plötzlich fast nur noch Leute aus dem Nachwuchs-Bereich in leitende Positionen der Profi-Abteilung kamen. Und ich finde, dass man es immer schaffen muss, in sein Team Leute von außerhalb des eigenen Netzwerkes zu holen. Das gilt für die Profiabteilung von Union genauso wie für Redaktionen von Medien und so weiter.

Aber dazu vielleicht auch mal eine andere Perspektive: Erstens kamen bis auf André Hofschneider alle Cheftrainer der vergangenen Jahre von extern und zweitens war das vielleicht ein Punkt, bei dem man nach der Trennung von Jens Keller mitten in der Saison dachte, das Risiko minimieren zu können und sich sagte: Die Personen kennen wir und wissen, wie die arbeiten und unter Stress agieren. Das kann man bei Personen, die man von außen holt über viele Background-Checks herausbekommen, aber nie hundertprozentig wissen. Ich erinnere mich, dass Sascha Lewandowski in der Winterpause nach wenigen Monaten wirklich alles andere als fest im Sattel saß und vielleicht kurz vor dem Rauswurf stand. Und das lag nicht allein an sportlichen Ergebnissen.

Hier die Berichte der Berliner Medien über die Pressekonferenz mit Oliver Ruhnert:

Wer noch einmal einen ganz guten und kurzen Einblick in das Saisonfazit von Dirk Zingler bekommen möchte, dem empfehle ich das RBB-Interview mit dem Präsidenten, in dem er Faktoren für die schlechte Rückrunde nennt und sich selbst auch bei der Kommunikation rund um den Rauswurf von Jens Keller nicht aus der Kritik nimmt:

Kommunikativ war das eine Katastrophe im Dezember. Das lag auch an einer Aussage von mir, als ich von „außergewöhnlichen Gründen“ gesprochen habe. Das würde ich heute nicht mehr so tun, denn das hat sicherlich dazu beigetragen, dass wir relativ lange keine Ruhe reinbekommen haben. Jeder hat spekuliert, diese Themen immer wieder hochgebracht. Das würde ich heute anders machen.

Sebastian Polter hat auf Instagram auch eine Art Saisonfazit gezogen und schreibt:

Eine Saison zum Vergessen… Für den Verein und für mich persönlich. Als Spieler und auch Mitglied des Vereins habe auch ich natürlich einiges hinterfragt, was diese Saison abgelaufen ist. Wir haben uns Ziele gesetzt, die wir als Mannschaft ganz klar verfehlt haben. Die wahre Kunst ist es aber, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, auch wenn man mal vom Weg abkommt. Wir müssen nach vorne schauen, aus den Fehlern, die wir begangen haben, lernen und selbstbewusst und gestärkt in die neue Saison starten. Das sind wir vor allem euch Fans schuldig. Für euch tut es mir leid, dass wir euch enttäuscht haben und nicht die Resultate einfahren konnten, um bis zum Schluss, um unser Ziel mitzuspielen. Euch gilt mein Dank, dafür, dass ihr uns die ganze Saison hindurch, auch in den schlechten Phasen, bedingungslos unterstützt habt und an uns geglaubt habt! ✊🏼⚪🔴 Ich werde mich jetzt weiterhin auf mein Comeback konzentrieren und alles dafür geben, schnellstmöglich wieder fit zu werden.

 

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Eine Saison zum Vergessen… Für den Verein und für mich persönlich. Als Spieler und auch Mitglied des Vereins habe auch ich natürlich einiges hinterfragt, was diese Saison abgelaufen ist. Wir haben uns Ziele gesetzt, die wir als Mannschaft ganz klar verfehlt haben. Die wahre Kunst ist es aber, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, auch wenn man mal vom Weg abkommt. Wir müssen nach vorne schauen, aus den Fehlern, die wir begangen haben, lernen und selbstbewusst und gestärkt in die neue Saison starten. Das sind wir vor allem euch Fans schuldig. Für euch tut es mir leid, dass wir euch enttäuscht haben und nicht die Resultate einfahren konnten, um bis zum Schluss, um unser Ziel mitzuspielen. Euch gilt mein Dank, dafür, dass ihr uns die ganze Saison hindurch, auch in den schlechten Phasen, bedingungslos unterstützt habt und an uns geglaubt habt! ✊🏼⚪🔴 Ich werde mich jetzt weiterhin auf mein Comeback konzentrieren und alles dafür geben, schnellstmöglich wieder fit zu werden.

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Beim Köpenicker Stadtteilmagazin Maulbeerblatt ist ein feiner Text über Michael Parensen und dessen Arbeit für die Union-Stiftung erschienen:

Anlässlich der Vorstellung des vorläufigen WM-Kaders hatte Felix Kroos gestern eine wichtige Frage:

Und Toni Leistner ist ein bisschen im Abschieds-Modus:

Ich hätte den Verteidiger gerne weiter bei Union gesehen, aber manchmal ist es auch gut, wenn man versucht, den nächsten Schritt zu gehen:

Gratulation an Torwarttrainer Michael Gspurning zum Abschluss:

Morgen startet die Relegation mit dem Spiel Wolfsburg gegen Kiel. Eine kleine Vorschau darauf von Daniel gibt es beim Taktik-Blog Spielverlagerung.

Am 27. Mai findet wieder Union läuft statt (mehr Infos hier). Das dazugehörige Shirt sieht ziemlich gut aus:

9 Gedanken zu „Oliver Ruhnert fängt mit der Kaderplanung bei Union nicht bei Null an

  1. Die Frage, welchen Fußball man bei Union spielen lassen möchte, ist alles andere als nachrangig. Es ist eigentlich die erste Frage, die beantwortet werden muss.
    Aus der Antwort darauf definiert sich welche Art Trainer wir suchen und was für Spielertypen.

  2. @Sebastian: Interessant, dass Du kein Wort zu den Spekulationen um Steffen Baumgart schreibst, die jener ja offenbar selbst ein wenig anheizt.

  3. Schade, dass du den Spruch von Zingler zu Stevie nicht mit aufgegriffen hast. Ansonsten find ich es eine gute Zusammenfassung zu gestern.

  4. @Jan Da habe ich mich vielleicht falsch ausgedrückt. Die Frage ist nachrangig für uns nicht für Union oder Oliver Ruhnert. Was hilft es uns, wenn Ruhnert uns jetzt bis ins Detail erzählt, was für einen Fußball er spielen lassen will, wenn wir noch nicht wissen, welcher Trainer kommt und wie die Mannschaft aussehen wird. Ich habe mich daran erinnert, wie Norbert Düwel vor 4 Jahren sehr genau bei seiner Vorstellung über den Fußball sprach und den dann nicht so umsetzen konnte. Mir reicht es ehrlich gesagt erst einmal aus, wenn man die Prämisse vermittelt, auch mit Ballbesitz ohne Umschaltsituationen zu Torgefahr zu kommen.

    @Basti Es sind halt einfache Spekulationen. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe gestern im Blog geschrieben, dass Baumgart eine Ausstiegsklausel hat. Den Reim darauf soll sich jeder selbst machen.

  5. Aber es sind ja Spekulationen, die sicher einem Großteil der Fans das Herz höher schlagen lassen. Daher finde ich sie schon relevant. Zumal, wenn Baumgart selbst sich so äußert, dass man es als Bewerbung auffassen kann ;)

  6. @exExil Unioner Da hast du recht. Das habe ich mit Absicht weggelassen, weil das ein Punkt ist, den Zingler schon sehr oft gesagt hat. Zuletzt hatte ich den Fakt, dass Steven Skrzybski für Union unersetzlich ist, am 8. Mai geschrieben. Deshalb war das vielleicht für mich weniger interessant. Aber ja, das gehört eigentlich trotzdem mit rein.

  7. Union fehlt seit Jahren eine sportliche Identität. Unter Zingler wird im 18-Monats-Rythmus operativ in den sportlichen Bereich eingegriffen und mal mehr, mal weniger erfolgreich Personal ausgetauscht. Eine strategische sportliche Ausrichtung, wie man das Ziel Top 20 erreichen will, kann ich leider nicht erkennen. Man scheint zu hoffen, dass im Gleichschritt mit einer Etat-Erhöhung eine sportliche Leistungserhöhung eintritt. Ich befürchte, das könnte sich als Trugschluss herausstellen. Schauen wir mal.

  8. Ich bin immernoch der Meinung, dass es ein sehr großer Fehler war die 2te Mannschaft abzumelden. Nicht nur, dass man nicht mehr verletzte oder nicht aufgestellte Spieler zu mehr Spielpraxis verhelfen kann, sondern vielmehr um die gewünschte Spielstrategie zu verfeinern und zu festigen. Überhaupt fehlt es an einer langfristig ausgerichteten Strategie im Spielsystem. Sonst würde man vllt. mal merken, dass man eine Aufstellung mit 3 Innenverteidegern über die Saison nur spielen kann, wenn man mindestens 5 hat. Spielt man 4er Kette, dann passt Pedersen meiner Meinung nach nicht, weil er zu offensiv ist.

    Mal sehen ob wir auch eine Knappenschmiede bekommen. :)

  9. Zum Thema Kaderplanung:

    https://www.mopo.de/sport/fc-st-pauli/transfer-geruechte-st–pauli-jagt-schalkes-czyborra-30415052

    Ich wäre sehr erfreut, wenn das Union-Interesse wirklich besteht. Er war bei uns in der Jugend, kommt aus Randberlin (der leicht ältere Bruder spielt in Altglienicke) und hat sich auf Schalke gut entwickelt. Im letzten Jahr etwas längeres Verletzungspech, aber nun auch wieder in der U-Nationalmannschaft aktiv. Bitte handeln, für Schalke hat er nur noch das Endspiel um die A-Jugend-Bundesliga gegen die Hertha kommenden Sonntag in Oberhausen.

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