“Herr Munack hat uns einige Fragen beantwortet, andere blieben offen.”

Habe ich gestern noch kritisiert, der 1. FC Union würde sich nach seiner Entscheidung, Jens Keller und Henrik Pedersen zu entlassen und dafür das Projekt Bundesliga-Aufstieg in die Hände von André Hofschneider zu legen, einfach in sein Forsthaus zurückziehen, so hat ein Teil der Verantwortlichen sich gestern doch zu Wort gemeldet. Ob das daran lag, dass Jens Keller so bereitwillig Interviews gibt (jetzt bei Sport1 und RBB, nachzuhören hier auf der Seite von Inforadio), dass sich die Berliner Journalisten, die ihn fast nur zu Pressekonferenzen zu sprechen bekamen, wahrscheinlich die Augen reiben, weiß ich nicht. Vielleicht hat sich auch intern die Erkenntnis durchgesetzt, dass Ereignisse, die aus Sicht von Verantwortlichen logisch und schlüssig erscheinen, es für Außenstehende noch lange nicht sein müssen. Erst recht, wenn sowohl Trainer als auch Mannschaft von dieser Entscheidung überrascht waren.

Gestern also hat sich Sportgeschäftsführer Lutz Munack den Fragen des RBB gestellt und wie immer seit Montag müssen wir das zweiteilen, einerseits in die Frage, warum Keller und Pedersen entlassen wurden und andererseits in die Frage, was André Hofschneider aber nicht dem vorherigen Trainerteam zugetraut wird.

Argument für die Entlassung: “Wir haben trotz aller Investitionen eine klare sportliche Linie nicht erreicht.”

Dass man dieser Argumentation folgen kann, ist absolut klar. Und die Details dazu haben wir hier im Blog auch schon ausführlich behandelt. Munack spricht im Interview davon (schaut euch bitte die Videoversion des Interviews an und nicht nur den Text), dass ein regelmäßiger Austausch stattgefunden habe. Da er kurz zuvor erzählt, dass die Entscheidung in einer Präsidiumssitzung in der Nacht gefallen sei (zum Präsidium gehören Dirk Zingler, Oskar Kosche, Lutz Munack, Jörg Hinze und Dirk Thieme), ist mir jetzt nicht zu 100% klar, ob der Austausch dazu im Präsidium stattgefunden hat oder zwischen Lutz Munack und dem Trainerteam. Ich gehe mal davon aus, dass er den Austausch mit Jens Keller und Henrik Pedersen meint. Und wundere mich dann weiterhin, weshalb Trainer und Mannschaft aus allen Wolken fallen, wenn denn ein Austausch über Probleme und deren Lösungen stattgefunden hat. Ein Zerwürfnis zwischen Mannschaft und Trainer verneinen übrigens sowohl Munack als auch Keller.

Dass das Gespräch zur Entlassung nur 20 Sekunden gedauert hat, bestätigt Munack. Keller habe das Gespräch abgebrochen. Ehrlich gesagt wüsste ich aber auch nicht, was es noch zu besprechen gibt, wenn man gefeuert wird. Gesprächsangebot von Munack hin oder her. Die Entscheidung ist gefallen. Wenn ein Gespräch so eskaliert, dürfte es aber auch nicht in die persönlichen Top 5 der bestgeführten Mitarbeitergespräche eines Vorgesetzten fallen.

Der zweite Punkt: Was bringt André Hofschneider mit was Keller und Pedersen in dieser Situation nicht haben?

Lutz Munack sagt dazu: “André Hofschneider ist jemand, der den Verein und den Kader kennt und der zum jetzigen Zeitpunkt den Funken Mentalität einbringt, der uns deutlich fehlt.” Mir ist das persönlich zu allgemein. Es klingt für mich danach, als ob Stallgeruch, also die Herkunft und Verwurzelung im Verein, wichtiger ist, als andere Dinge. Und das mit dem Funken Mentalität ist ein sehr weicher Begriff, den wir alle nicht festmachen können. Das hat etwas mit persönlicher Wahrnehmung zu tun. Kann sein. Kann nicht sein. Das lässt sich aus meiner Sicht schwer diskutieren. Der Mannschaft kann ich in ihren Spielen Mentalität nicht absprechen. Die wirkte nie, als würde sie nicht kämpfen wollen oder können. Das sie in Teilbereichen verunsichert gespielt hat, hat ja nicht unbedingt etwas mit Mentalität zu tun. Auch wenn man da gerne einen Zusammenhang ziehen kann, wenn man möchte. Aber ein Team, dass in der Lage ist, bis zum Schluss zu kämpfen, aber auch am Schluss Gegentreffer hinzunehmen, dem kann ich Mentalität nicht absprechen.

Ich sehe die Bemühungen des Vereins, jetzt selbst zu kommunizieren. Dazu gehört auch dieses kleine Video vom Training mit André Hofschneider, das mir etwas zu deutlich absolut normales Training als “Alles ist gut, geht weiter, es gibt nichts zu sehen” verkaufen möchte.

André Hofschneider wird absolut knallhart an Ergebnissen gemessen werden. So wie das bei Jens Keller letztlich auch der Fall war. Und am Samstag werde ich auch das Team von den Rängen zu hundert Prozent unterstützen. Es ist mir absolut unverständlich wie einige wenige da ein Drama daraus machen und glauben, nun habe sich alles geändert. Das, was wir diese Woche erlebt haben, ist zu hundert Prozent der 1. FC Union, wie wir ihn kennen. Mit einer Entscheidung, die niemand kommen sieht und einer Kommunikationsstrategie, die erst einmal Rätsel aufwirft. Das kann gutgehen. Das kann schiefgehen. Das finde ich übrigens gut, dass Munack diesen Punkt auch macht und das Risiko des Scheiterns einbringt.

Ich selbst muss nicht zu hundert Prozent hinter dieser Entscheidung stehen und ich trage vor allem nicht alle Argumente für die Alternative mit. Das hat sehr viel damit zu tun, dass mir persönlich nicht klar ist, was ich von Hofschneider zu erwarten habe. Aber ich kann sie auch nicht rückgängig machen. Sport lebt ja auch von Entscheidungen, die nicht alle objektiv nachzuvollziehen sind. Da spielen Wahrnehmungen und persönliche Perspektiven eine Rolle. Das werden auf jeden Fall sehr spannende Wochen. Crunchtime mitten im Dezember. Vielleicht schärft das auch die Sinne und tut dem ganzen Team gut. Ein Beispiel aus der letzten Saison ist ja Hannover, die ja (leider im Spiel gegen Union) unter André Breitenreiter ihren Aufschwung zum Aufstieg holten. Da pfiffen allerdings die Spatzen die Entlassung von den Dächern, weil dort Entscheider nicht so gut das Wasser halten können.

Aber wieso soll es uns anders gehen als den Spielern? Toni Leistner wird nach dem ersten Training mit folgenden Worten zitiert: “Herr Munack hat uns einige Fragen beantwortet, andere blieben offen.”

Hier die Eindrücke der Berliner Medien vom ersten Training unter André Hofschneider, bei dem auch 40% des Präsidiums (Dirk Zingler und Lutz Munack) dabei waren:

Ich bin mal gespannt, ob die Kommunikationsoffensive von Union auch dazu führt, dass sich Dirk Zingler als Unionpräsident auch zu Wort meldet. Würde mich wundern, wenn er weiter schweigt.

Akaki Gogia freut sich auf das Spiel gegen Dynamo Dresden. Und ich hoffe, dass das uns allen so geht:

Nachher gibt es auf AFTV die Pressekonferenz mit André Hofschneider:

Und sonst so?

Nachmacher aus Hamburg …

Tusche spielte sein eigenes Derby gestern und verlor gegen seinen Heimatverein Cottbus mit 0:2 (Bilder gibt es hier).

17 Gedanken zu „“Herr Munack hat uns einige Fragen beantwortet, andere blieben offen.”

  1. @sebastian
    Vielleicht meint Mentalität in diesem Fall
    – den Zusammenhalt der Mannschaftsteile
    – nicht in konfusen Aktionismus verfallen wenn es brenzlig wird
    – gegen einen groben Klotz auch mal einen groben Keil rauszuholen
    – die Angst vorm Verlieren abzulegen
    – die Köpfe der Spieler frei zu bekommen (mir scheinen die derzeit recht verkrampft)
    – die große Aufgabe des Aufstiegs nicht als Last wahrzunehmen sondern als einfache sportliche und freudige Herausforderung
    – die Durchlässigkeit zur Startelf zu erhöhen
    – mehr Konzentration aufs Wesentliche
    – klarere Aufgabenstellungen

  2. “Wir haben trotz aller Investitionen eine klare sportliche Linie nicht erreicht.”

    Diesen Vorwurf muss sich die Führungsebene allerdings auch gefallen lassen. Erfolg lässt sich nicht nur mit Investitionen erkaufen, da gehört noch eine Menge mehr dazu. Ein wichtiges Puzzleteil ist Kontinuität und da macht Union in den letzten Jahren nicht die beste Figur. Das dürfte auch ein Grund sein, warum man die selbst gesteckten Ziele nicht erreicht hat. Mir stellt sich die Frage, ob unser Führungspersonal die Qualität für die Top 20 hat. Ständig wechselnde und auf kurzfristigen Erfolg ausgerichtete sportliche Konzepte sprechen jedenfalls nicht dafür.

  3. “Ständig wechselnde … sportliche Konzepte” würde ich von Hofi gar nicht unbedingt erwarten. Schon als er Lewandowski beerbt hat, hat die Mannschaft ja in etwa dessen Stil weitergespielt. Ich glaube, er ist da eher Verwalter als Innovator.

  4. Hier ein paar Zeilen aus der Welt. Ich hatte gehofft sowas über den 1. FC Union niemals lesen zu müssen. Ob die Entscheidung sportlich gesehen richtig war ist eigentlich nicht wichtig. Menschlich gesehen war die Art und Weise nicht gut und der Imageschaden ist nicht zu bestreiten oder wieder gutzumachen. Das Präsidium sollte in der Zukunftsensibler mit solchen Entscheidungen umgehen und sich nicht von Panik und Klüngelei leiten lassen.

    ://www.google.co.uk/amp/s/amp.welt.de/amp/sport/fussball/article171270946/Wie-der-ach-so-coole-1-FC-Union-seinen-Ruf-riskiert.html

    Sicher macht das Präsidium seit geraumer Zeit einen Top-Job, in diesem Fall haben sie versagt. Professionell ist anders. Der Verein sind immer noch die Fans und nicht andersrum …

    Eisern

  5. Ich verstehe Munack so, dass er mit dem ‘regelmäßigen Austausch’ den in dem leitenden Gremien über, nicht mit dem, Trainer meint.

  6. Sorry, da ich inzwischen seit 22 Jahren zu Union gehe und auch seit knapp 17 Jahren Mitglied bin, traue ich mich schon zu sagen, dass das nicht das Union ist, was ich kenne. Klar gab es immer mal wieder Trainerwechsel, aber bei denen lief es entweder wirklich nicht gut oder es war ganz klar keine sportliche Entwicklung mehr zu sehen, sodass neue Impulse nötig waren. Das mit den Impulsen habe ich bei Düwel damals noch durchgehen lassen, da die Entwicklung tatsächlich stagnierte, aber bei Jens Keller bin ich mir ziemlich sicher, dass da noch genügend positive Impulse gewesen wären, um das Team weiterzuentwickeln.

    Es geht schon langsam das Gefühl verloren, dass wichtig ist, um sich mit einem Verein identifizieren zu können. Ein Gefühl, das wichtig ist für den Zusammenhalt und eben auch für die Mitgliedschaft. Und ja, ein solches Gefühl ist Individuell und es hängt wahrscheinlich auch davon ab, wie lange mensch den Verein schon begleitet.

  7. @Daniel,

    das wäre dann aber ein weiteres Armutszeugnis. Wenn es Unzufriedenheit mit der Spielweise gibt, dann sollte man das doch mit dem Trainer besprechen, um ihm Möglichkeiten zur Reaktion zu geben. So ganz kann ich mir das nicht vorstellen.

  8. @ Sven: sehe ich genauso! @ Sebastian: “der Satz hier “Das, was wir diese Woche erlebt haben, ist zu hundert Prozent der 1. FC Union, wie wir ihn kennen. Mit einer Entscheidung, die niemand kommen sieht und einer Kommunikationsstrategie, die erst einmal Rätsel aufwirft.” bezieht sich jetzt auf dich selbst oder wen? Ich jedenfalls wundere mich das wir nun, wo wir in gutem sportlichen und finanziellem Fahrwasser sind in solche Verhaltensmuster zurück fallen und wenn es nur so wäre auch Verhalten zeigen welches man von Clubs und Personen kennt welche wir zu Recht kritisieren, ich finde es weiterhin traurig dass mein Verein den ich seit 30 Jahren in Herz geschlossen habe so merkwürdig agiert!

  9. @ Musiclover: aber es gab hier keine “Informationsdefizite” sondern nur unterschiedliche Interpretationen!

  10. “Reviersport” gehört nicht zum Springer-Konzern, daher wäre das ein blödes Argument. :P Ich teile die Meinung (!) des Autors trotzdem nicht. Hier mal ein ausgewogener Artikel aus dem Osten ;-) mit etwas mehr Inhalt:

    http://www.sz-online.de/nachrichten/aus-fuenf-mach-vier-3833702.html

    Für das bestehende Aufstiegsproblem gibt es keine Lösung, die allen Wünschen gerecht wird. Ziel kann es also nur sein, den ausgewogensten Kompromiss zu finden. Aber selbst dann werden sich noch einzelne benachteiligt fühlen. Wird sich bei klassischen Zielkonflikten auch nicht verhindern lassen.

  11. wir sind jetzt off-topic, sorry Sebastian: der Link ist gut, was ich besonders sinnvoll finde ist der dort zitierte Vorschlag: “Der NOFV hat zwei Anträge an den Bundestag gestellt. In der ersten Variante soll es nur noch vier Regionalligen geben, die Nordost-Staffel aber unbedingt erhalten bleiben. Wie die Grenzen dann verschoben werden sollen, steht nicht im Papier. In der zweiten Variante bleibt es bei fünf Staffeln, jedoch soll es vier statt bisher drei Aufsteiger geben. Drei Meister kommen direkt in die 3. Liga, die beiden anderen treten bei einem Hin- und Rückspiel an. Geregelt werden soll das über ein Rotationsprinzip. Der Nordostmeister würde so dreimal innerhalb von fünf Jahren direkt aufsteigen.”
    Du hast sicher Recht dass es sehr schwierig ist eine Lösung zu finden.

  12. Zur Art und Weise des Trainerwechsels: Wenn es so war, wie beide Seiten es erzählt haben, kann man nicht unbedingt nur Union die “Schuld” geben.
    Bei St. Pauli wurde offenbar über eine Stunde über die Ursachen geredet, bei Union hat Jens Keller das Gespräch offenbar nach 20 Sekunden abgebrochen, weil es seiner Meinung und Aussage nach nichts mehr zu besprechen gab.

    Zum “Mentalen”: Ich kann das Argument schon nachvollziehen.
    Seitdem Union letzte Saison auf Platz 1 stand, ging ein Ruck durch die Mannschaft. Leider ein negativer. Danach beherrschte in nahezu allen Spielen Angst, vor allem im Defensivverhalten das Spiel von Union.
    Das ist eindeutig ein mentales Problem und es war keine Spur von Besserung zu erkennen. Eher das Gegenteil war der Fall, in letzter zeit wurde die Angst größer und beherrschender.

    Ich interpretiere die Aussagen von Lutz Munack so, dass sie Jens Keller nicht mehr zugetraut haben, das nochmal zu ändern, André Hofschneider dagegen schon.

  13. Guten Morgen,

    Wer sich fragt, warum Keller bei uns entlassen wurde kann ja auch mal den t-online Artikel zu Entlassung bei Schalke lesen. Ich sehe da durchaus Parallelen.
    Und zu Frage, ob das noch “mein“ Union ist:
    Trainerentlassungen gehören zum Geschäft. Das ist auch bei Union nicht neu. Uwe sollte da kein Maßstab sein.
    Was mich viel mehr von meinem Verein entfernt sind die Fanartikelpreise und diese furchtbare runde Logo das uns immer mehr aufgezwungen wird. Aber das ist eine andere Diskussion.
    Ob Hofi der Richtige ist kann er nur durch Ergebnisse bewiesen. Ich halte von solchen “Stallgeruchlösungen“ nicht viel. Hier bei uns im Exil nennt man das den Bremer Klüngel. Der führt auch seit Jahren eher abwärts.

  14. @ CBrown: Stimmt, die Ähnlichkeit der Begründung zum Schalke-Rauswurf ist erkennbar. Allerdings wurde es bei Schalke ohne Keller erstmal jahrelang nur schlechter. Manchmal lernt man das was man hat erst zu schätzen, wenn es weg ist. Hoffentlich blüht uns das nicht.

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