Matze Koch und der Spielführer der Herzen

Im Mai 2017 erschien die erste und bislang einzige Torsten-Mattuschka-Biografie. „Kultkicker mit Herz und Plauze“ hat der Sportjournalist Matthias Koch sein Buch untertitelt. In drei Jahren hat er zahlreiche Interviews geführt. Nicht nur Tusche selbst hat ihm Rede und Antwort gestanden. Die Familie Mattuschka kommt ebenso zu Wort wie Freunde, Trainer, Mitspieler und Fans. Matze Koch hat sich durch Zeitungsarchive gewühlt, durch Fotoalben und Wetterberichte und dann die gesamte Fülle der Informationen sortiert, portioniert und in Buchform gegossen. Entstanden ist ein Reporterbuch im besten Sinne, das den Werdegang des fußballbegabten, aber undisziplinierten Dorfbengels Torsten Mattuschka nachzeichnet und einordnet.

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Es ist kein klassisches Porträt geworden. Ein literarisches Werk habe er nie beabsichtigt, sagt Matze Koch später selbst. Statt dessen hat er einfach das gemacht, was er am besten kann: Informationen sammeln und nachvollziehbar aufbereiten. Sehr kleinteilig und mit großer Sorgfalt. Das wird all denen eine große Freude sein, die früher selbst ein Heft geführt haben, in das sie Aufstellung und Wechsel, Tore, Karten und besondere Vorkommnisse notiert haben. Die wichtigen Dinge eben. Es ist aber auch Ritt durch die jüngere Union-Geschichte, durch die Zeit der hektischen Trainerwechsel vor Uwe Neuhaus. In Gedanken stand ich kurz am Trainingsplatz, als Georgi Wassilew zurückkam und auf der Waldseite, als ich das Mattuschka-Lied zum ersten Mal gehört habe. An der Pressekonferenz, mit der sich Mattuschka in Cottbus zurückmeldete, leide ich bis heute.

Dass Koch seinen Protagonisten sehr schätzt, spürt man in jeder Zeile. Trotzdem bleibt er bei den Fakten, gleicht sie mit Medienberichten ab, stellt Interviews im vollständigen Wortlaut daneben und legt die Quellen aller Zitate offen. Dann lehnt er sich zurück und überlässt es dem Publikum, sich eine Meinung zu bilden. Beim Lesen ist das manchmal ungewohnt, als Arbeitstechnik ist es aber immer dann spannend, wenn es mehr als eine Wahrheit gibt, etwa beim Weggang von Steven Ruprecht oder Mattuschkas Konflikt mit Norbert Düwel und die anschließende Flucht nach vorn in Richtung Cottbus. Bemerkenswert unaufgeregt manövriert sich Matze Koch da durch schwieriges Gelände und unterschlägt eben nicht, dass auch Norbert Düwel berechtigte Interessen und einen klaren Arbeitsauftrag hatte.

Weil es neben den professionellen Aspekten des Berufsfußballs aber auch um den Menschen Torsten Mattuschka geht, der beinahe gar kein Fußballspieler geworden wäre, haben eine ganze Reihe ziemlich unterhaltsamer Begebenheiten ihren Platz im Buch gefunden. Wer als Fan immer dachte, dass Tusche ein ziemlich lustiger Typ ist: Das war nur die Spitze des Eisbergs!

Zwei besonders schöne Features hat das Buch. Christoph Kramer hat ihm ein Vorwort spendiert, das keine Lobhudelei ist, sondern eine sehr warmherzige Respektsbezeugung. Bemerkenswert sind aber auch die beiden Fototeile des Buches. Sie zeigen einen Typen, dessen Kindergartenfoto ziemlich genau wie meines aussieht, dessen Jugendweihe sich in nichts von allen anderen Jugendweihen der Republik unterschied und der den gleichen Quatsch mit Blondiercreme gemacht hat wie jeder. Nichts davon ist lächerlich, alles daran ist normal. Spätestens da wusste ich wieder, warum ich Torsten Mattuschka so gerne mag.

Matthias Koch: Torsten Mattuschka – Kultkicker mit Herz und Plauze
Verlag Die Werkstatt
208 Seiten
Paperback mit Fotos
ISBN 978-3-7307-0327-4
1. Auflage 2017
Preis: 14,90 EUR

3 Gedanken zu „Matze Koch und der Spielführer der Herzen

  1. hmmm…ich lese es ja auch gern und habe es fast durch. Aber wenn man eh schon seit langem nah an der Berichterstattung dran ist, dann steckt leider nicht wirklich viel Neues und Interessantes drin (mit Ausnahme z.B. der Infos über Tusches Gehälter ;). Alles in einem hätte ich mir gerade die vielen kleinen Geschichten sehr viel größer gewünscht. Und trotzdem – wie ja alles zu Union – Pflichtlektüre…

  2. Ich glaube, wenn jemand so lange im Rampenlicht stand wie Tusche, dann sind da keine großen Überraschungen zu erwarten. Mir haben die Kleinigkeiten gefallen, wie etwa die Rückfrage von Uwe Neuhaus, ob es auch lustig sein darf, was er über Tusche zu sagen hätte. Bei der Lesung hatte ich den Eindruck, dass Tusche ein komplettes Buch mit den besten Anektdoten füllen könnte. Aber das wäre auf eine andere Art nicht richtig: Man übersieht zu leicht, dass er neben dem Spaßmacher vor allem ein sehr hart an sich selbst arbeitender Sportler war und ist. Und mir ist beim Lesen klar geworden, wie lange ich mit Tusche durch´s Unionleben gegangen bin. Ich hatte manches tatsächlich schon vergessen, weil sich seitdem doch so einiges geändert hat. Das war wie ein Fotoalbum ansehen und hat mir einfach Spaß gemacht. Klar hätte man das alles anders schreiben können und überhaupt ein anderes Buch draus entwickeln können. Aber hat halt niemand gemacht, und ist unglaublich viel Arbeit. Ich hätte den Ehrgeiz nicht gehabt.

  3. Ich hätte mir das Buch auch gekauft, selbst wenn es nur aus Weißen Seiten bestanden hätte… Tusche war ja schließlich mal Maler😉… ich mag diesen Typen einfach… eben weil er in der heutigen und typenlosen (Fußball)Zeit ein Typ war und ist… das war jetzt aber viel “Typ”😉

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