Die verschollene Presseschau – Finale

state_of_the_union_p6

Das Flugzeug brummte vor sich hin, während es durch die Dämmerung in Richtung Nürnberg flog. Ich saß auf einem billigen Last-Minute Platz und ging alles noch einmal in Ruhe durch.

Endlich hatte ich alle Puzzle-Stücke in der Hand. Ich wusste, was ich von den zurückliegenden Tagen zu halten hatte. Die DVD, die ich im Keller gefunden hatte, enthielt alles, was ich brauchte: Rechnungen, Verträge, Pläne.

Ich hatte sie mir auf Johns altertümlichen Rechner angesehen, der bemerkenswerterweise ein DVD Laufwerk enthielt. Es dauerte nicht lange, bis ich erkannte, welches Spiel hier gespielt wurde: Die Entführung, die ich beauftragt war aufzuklären, war keine echte Entführung.

Um genau zu sein, war nichtmal das Entführungsopfer ein echtes Entführungsopfer. Den Star-Autoren der Presseschauen auf dem Blog meiner Auftraggeberin gab es nicht. Man könnte sogar sagen, dass es das Blog gar nicht richtig gab.

In Wahrheit waren alle Texte dort billige Auftragsarbeiten aus Text-Schmieden in Dritte-Welt-Ländern. Für nur wenige Cents arbeiteten dort Tagelöhner an den gefeierten Texten und meine Auftraggeberin und ihr Ehemann strichen hier die Werbeeinnahmen ein, die für jeden billig produzierten Text ein Vielfaches dessen betrugen, was dieser eigentlich wert war. So ein Haus, in dessen Keller ich die letzten 24 Stunden unrühmlich zubringen durfte, bezahlt sich eben nicht von alleine.

Und ich hatte alle Beweise in meiner Tasche. Rechnungen über die Texte, Inhaltslisten und Verträge der Bestellungen. Die Presseschauen der letzten Jahre, die auf Zuruf produziert wurden und hierzulande Anerkennung und Geld verdient hatten.

Was die Ereignisse der letzten Tage anging, hatte ich eine recht gute Vorstellung. Ich fand Reisevorbereitungen auf die Bahamas, gefälschte Erpresserbriefe und sogar ein Aktenzeichen der Polizei. Ich vermutete, dass die Nominierung und der Gewinn zu dem Blogger-Preis das Ehepaar aufgeschreckt hatte. Offensichtlich befürchteten sie, dass Ihre Methoden im Rahmen der Preisverleihung auffliegen würden. War doch ihr Starautor ausdrücklich zur Gala mit eingeladen.

Dass dieser nur ein von Facebook geklautes Profilbild und ein ausgedachter Name war, durfte niemand wissen. So ersannen die Beiden den Plan, ihn kurz vor der Preisverleihung entführen zu lassen, den Preis anzunehmen und anschließend mit dem üppigen Preisgeld für immer zu verschwinden. Damit waren sie ausser Landes, ihr „Autor“ ausser Gefecht und niemand hätte gewusst, was wirklich passiert war.

Ich war dabei nur ein Feigenblatt. Meine Beauftragung sollte die Zeit zur Preisverleihung überbrücken – sie wollten zeigen, dass sie alles taten, um ihren ausgedachten Starautor von seinen ausgedachten Entführern zurückzubekommen. Als ich dann anfing, die falschen Fragen nach der Preisverleihung zu stellen, gerieten die beiden in Panik und entschlossen sich, mich verschwinden zu lassen.

Eigentlich hätte die Geschichte hier für mich enden können. Ich hätte die Beiden ihr Preisgeld einsammeln lassen und es mir mit einem Drink gemütlich machen können. Aber erstens reagiere ich allergisch auf Schläge gegen den Kopf und zweitens verdient sich jeder, der mich länger als 2 Stunden gefangen hält, eine Revanche.

Es war vielleicht zu einfach, den Techniker der Preisgala zu bestechen. Ich überreichte ihm die DVD mit genauen Anweisungen, was er davon auf die Bühne projizieren sollte. Den Ablaufplan der Gala fand ich ebenfalls in den Notizen und so konnte ich ihm genau sagen, wann ich welche Dokumente auf dem großen Bildschirm hinter den vermeintlich Geehrten sehen wollte.

Ich setze mich in der Lobby an die Bar, bestellte mir einen Drink und musste nur noch warten. Ich war gerade in meinen dritten Bourbon versunken, da verwandelte sich der Applaus, der aus dem Saal nebenan drang, zunächst in staunendes Murmeln, dann in erstes Buhen und schließlich in ein aufbrausendes Pfeifen und Johlen.

Die Tür flog auf und ich sah meine Auftraggeberin und ihren Mann mit hochroten Kopf auf den Ausgang zulaufen – ohne Preis und auch für den Scheck hatten sie es plötzlich zu eilig. Mit ernstem Blick nahm ich den Veranstaltern eben diesen ab und versichterte, dass ich ihn meinen “sehr guten Freunden” zukommen lassen werde, wenn sie sich wieder beruhigt hatten.

Zufrieden und für die Strapazen der letzten Tage einigermaßen angemessen kompensiert, machte ich es mir in einem der tiefen Sessel der Hotellobby bequem und blätterte in den ausliegenden Zeitungen.

Haas, Haas, Haas – alle hatten das eine Thema mitgebracht. Zusätzlich wurde noch ein “Derby” herbeifabuliert, wo gar keines war. Einzig der nachdenkliche Blick auf Puncec trübte die Stimmung ein wenig.

Während ich das alles so las, ging mir der Gedanke nicht aus dem Sinn, wie es wohl sein wird, kommenden Montag wieder die Presseschau zu lesen und zu wissen, dass diese aus Indien, Bangladesch oder wer weiß wo kommt. Die Verträge liefen ja noch eine ganze Weile.

Ich trank meinen Bourbon aus, zündete mir eine Zigarette an und machte mich auf den Weg zum Flughafen. Ich brauchte dringend ein paar Tage Schlaf in meinem eigenen Bett. Und danach, wer weiß, lege ich mir doch endlich auch einen eigenen Computer zu. Geld genug hatte ich ja jetzt.

Ende.

4 Gedanken zu „Die verschollene Presseschau – Finale

  1. Lieber Robert,
    erhol dich gut in deinem eigenen Bett, du hast es dir verdient. War ja auch ne harte Woche für dich.😉 Viel Spaß mit deinem neuen Computer. Und danke nochmal für die unterhaltsame “Presseschau”

  2. Schade, dass die Presseschau noir schon zu Ende ist. Aber Robert “Marlowe” Schmidl wird bestimmt wieder mal einen Fall zu lösen haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.