Die verschollene Presseschau – Teil 1

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Schon an ihrem Klopfen hörte ich, dass dieser Fall etwas Besonderes sein würde. Genaugenommen erkannte ich es an der Tatsache, dass sie um diese Zeit an meiner Bürotür klopfte. Zu so später Stunde tummeln sich in diesem Gebäude maximal ein paar Ratten und vielleicht die eine oder andere Kakerlake. Aber ganz bestimmt keine Frau wie sie.

Aufgelöst stand sie vor mir. Ich hatte es mir gerade mit einem Bourbon bequem gemacht und versuchte den Ärger des späten Gegentores runterzuspülen. Eine kleine Unachtsamkeit und plötzlich hieß es Platz 5 in der Tabelle anstatt Platz 3. Noch völlig in Gedanken und Bourbon versunken, versuchte ich mich auf ihre Worte zu konzentrieren, die nach meinem halblauten „Herein…“ aus ihr herausbrachen.

Sie führte eines dieser neumodischen Dinger im Internet – ein Blog, wie sie es nannte. Hatte wohl gerade irgendeinen Preis gewonnen. Alles was ich hörte, war die Stimme in meinem Kopf, die mich seit Jahren dazu drängte, meine Schreibmaschine endlich sterben zu lassen und mich mit diesem Internet doch auch mal zu beschäftigen. Bisher hatte ich meine Fälle auch alle ohne lösen können aber ich würde lügen wenn ich behaupten würde, dass die Geschäfte nicht weniger geworden sind, seit Jeder jeden auf Facebook finden konnte.

Noch völlig in Gedanken zwang ich mich, ihr wieder zuzuhören. Einer ihrer besten Autoren war spurlos verschwunden; schrieb etwas, was sie „State of the Union“ nannte – ein unnötig aufpolierter Name für eine Presseschau. Alle machten sich Sorgen. Es sei nicht seine Art, sich einfach so nicht zu melden. Ist es ja nie, dachte ich und musste ein Schmunzeln unterdrücken.

Ich konnte es mir nicht leisten, Nein zu sagen. Ich zündete ihr und mir eine von den billigen Zigaretten an, die ich am Tag zuvor meinem letzten Fall abgenommen hatte, nachdem ich ihn reichlich leblos in seiner Badewanne angetroffen hatte. Sie beruhigte sich und wir gingen die Details durch.

Nachdem sie gegangen war, las ich in meinen Notizen: Ein Erfolgsautor verschwindet spurlos genau in der Woche, in der das Preisgeld für diesen Bloggerpreis ansteht. Ob freiwillig oder nicht – das konnte kein Zufall sein. Die Alarmglocken in meinem Kopf waren nun nicht mehr zu überhören.

Ich ging die lokale Presse durch in der Hoffnung Anhaltspunkte zu finden.

Voll des Lobes ergingen sich die örtlichen Blätter in Einzelkritiken und sachlich nüchternen Analysen. Zentrales Thema war fast überall irgendein Feuerwerk aber das half mir auch nicht weiter.

Auch die furchtbaren Wortspiele der bunten Presse brachten mich einer Spur keinen Schritt näher. Einzig das Interview mit dem Präsidenten über einen möglichen Stadionausbau gab mir zu denken. Führte die Spur eventuell in die dunkle Welt des Baugewerbes mit all ihren Verstrickungen?

Ich hasste es, so früh in einem Fall in einer Sackgasse zu landen. Ohne Spuren und Hinweise und mit mehr Fragen als zu Beginn dazustehen ließ mich immer unruhig schlafen.

Ich goss mir noch noch ein Glas Bourbon ein, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Im Nachhinein betrachtet waren es vielleicht auch zwei oder drei Gläser – jedenfalls genug, so dass ich augenscheinlich an meinem Schreibtisch kurz weggenickt sein musste.

Anders kann ich es mir zumindest nicht erklären, dass ich es nicht bemerkte, wie mir jemand einen braunen Umschlag unter der Bürotür durchschob.

… Fortsetzung folgt.

7 Gedanken zu „Die verschollene Presseschau – Teil 1

  1. Super, Robert! Sehr schön :-)
    (Und Erlöser für alle, die schon den ganzen Tag panisch immer wieder den “Reload” Knopf gedrückt haben…)

  2. Wie geil, da wird die Latte für Sebastian ziemlich hoch hängen, wenn er wieder da ist.

  3. Super Robert.
    Nur mache ich mir Sorgen, dass der Bourbon nicht die Woche übersteht :-)

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