Sieg gegen den FC St. Pauli: Mehr als nur ein interessanter Diskussionsabend

Es gab gestern nach dem 2:0 gegen den FC St. Pauli einige seltsame Momente. Der vielleicht merkwürdigste fand vielleicht zum Ende der Pressekonferenz statt, als Pressesprecher Christian Arbeit die Veranstaltung mit folgenden Worten beendete: “Vielen Dank für den sehr interessanten Diskussionsabend allen Beteiligten.” Ganz so als hätte ein Debattier-Wettbewerb stattgefunden und kein Zweitligaspiel bei sehr euphorischer Atmosphäre (das war übrigens der Beweis, dass ein ausverkauftes Stadion nicht bedeutet, dass die Stimmung schlechter ist).

Philipp Hosiner nach seinem ersten Tor für Union, Foto: Tobi/unveu.de

Aber Unrecht hatte Christian Arbeit mit seinen Worten nicht, denn Ewald Lienen war mehr als angefasst, was sich direkt nach dem Abpfiff schon am Sky-Mikro zeigte. Der Hamburger Trainer kam zu Jens Keller hinzu, der sich sichtlich über Ergebnis und Spiel freute, weil die Tore durch Nachsetzen bei scheinbar bereits verlorenen Bällen enstanden. Dann kam jedenfalls Ewald Lienen, sagte, dass Union zuvor in Auswärtsspielen bereits nicht gut ausgesehen habe und er die Hamburger Startelf so geändert habe, weil er einen tief stehenden auf Konter lauernden Gegner erwartet habe.

Jens Keller und Ewald Lienen in der Pressekonferenz nach dem Spiel; Screenshot: AFTV

Bäm! Ich bewundere Jens Keller, der wahrscheinlich durch das Schalker Stahlbad gelernt hat, seine Gesichtszüge zu kontrollieren. Während mir die Kinnlade heruntergefallen wäre, hätte ich mir das anhören müssen, machte Jens Keller ein Gesicht, als würde ihn das alles nichts angehen. Und vielleicht ging er schon in Gedanken seinen Einkaufszettel für heute morgen durch. So sehr ich mit den häufig nichtssagenden Sätzen des Trainers in Pressekonferenzen nichts anfangen kann, so sehr bewundere ich ihn in solchen Momenten für seinen emotionalen Schutzpanzer.

In der Pressekonferenz nach dem Spiel fuhr Lienen das argumentative Feuer etwas runter, auch wenn er sagte, dass sich Union quasi keine Chance aus dem Spiel herausgespielt habe (hier wäre mir schon wieder der Dampf aus den Ohren gekommen wie bei einem Teekessel, der auf dem Herd vergessen wurde). “Ich denke, dass wir heute bei einer momentan echten Spitzenmannschaft angetreten sind. Union hat einen Lauf. Die Mannschaft hat nicht immer mehr Ballbesitz, hat nicht immer mehr Torchancen. Aber wenn sie Torchancen haben, dann nutzen sie die. Das haben sie in den letzten Wochen und Monaten immer wieder gezeigt.”

Damit hat er Recht mit Blick auf die vergangenen zwei Spiele. Aber die Partie gegen St. Pauli sehe ich anders und bin bei Jens Keller. Beide Tore sind durch Nachsetzen entstanden. Das zweite durch Kenny Prince Redondo ganz offensichtlich, worauf Jens Keller dann in einer Art Streitgespräch auch beharrte. Denn so weit wollte er der Rhetorik von Ewald Lienen das Feld dann doch nicht überlassen, in dessen Darstellung die Fehler von St. Pauli quasi alleine zu den Gegentoren geführt haben. “Aber ohne das Nachsetzen wäre das gar nicht passiert”, sagte Keller.

Twitter: @tonikroos

Live im Stadion habe ich das gar nicht gesehen, aber in der 5. Zeitlupe auf AFTV sieht man, dass auch das erste Tor von Hosiner durch ein Nachsetzen von Redondo fällt. Das war kein unbedrängter Fehlpass eines Hamburgers. Der Pass entstand durch Redondo, von dem Keller sagte: “Er läuft immer durch. Er spekuliert.” Das haben wir gegen 1860 gesehen und das haben wir gestern zwei Mal erleben dürfen.

Screenshot: AFTV

Das war übrigens der gleiche Spieler, der einem euphorisierten Christian Arbeit nach der Partie auf die Frage “Läuft bei Dir?” erst einmal mit “Würde ich nicht so sagen”, antwortete (auf AFTV).

Ganz so abgeklärt bin ich nicht und freue mich weiter wie Hulle über diese Tabellenplatzierung:

via Die Eisernen

Hier sind die Spielberichte der Berliner Medien:

Fotos gibt es wie gewohnt bei unveu.de und union-foto.de

Unser Podcast startet heute um 21 Uhr live.

Zwischenstand bei Eisern zu Fuß

Sammelaktion im Stadion für die Auswärtsfahrt für Unioner mit Handicap, Foto: Tobi/unveu.de

Gestern wurde im Stadion im Rahmen der Aktion “Eisern zu Fuß” Geld gesammelt, das am Ende eine Auswärtsfahrt für Unioner mit Handicap nach Braunschweig ermöglichen soll. Und es wurde laut Aussage der Beteiligten so viel Geld gegeben, dass noch nicht fertig gezählt wurde. Hier die ganze Meldung:

Facebook: Eisern zu Fuß

Allein die Spenden, die digital von Sascha eingeworben wurden, der dafür zu Fuß von Berlin nach Nürnberg läuft, belaufen sich auf über 4000 Euro. Ihr könnt weiter unterstützen auf: www.eiserner-wanderer.de

6 Gedanken zu „Sieg gegen den FC St. Pauli: Mehr als nur ein interessanter Diskussionsabend

  1. Hmm… Ich zweifle angesichts der Euphorie bei Union und auch in den Berliner Medien ein wenig an meiner Wahrnehmung gestern aus Sektor IV heraus. Ja, tolle Stimmung, 2:0-Sieg, großartiger Tabellenplatz. Aber auch wenn ich bezüglich der zwei Tore es sehe wie Keller, dass diese beiden konkreten Spielszenen durchs Berliner Nachsetzen entschieden wurden, gewonnen hat Union gestern zu großen Teilen auch, weil St. Pauli wirklich gar keine Ambitionen gezeigt hat, ernsthaft ins Tor treffen zu wollen. Mit etwas mehr Biss hätten die den Eisernen in Hälfte zwei den Schneid locker abkaufen können. Union sah für mich im vorigen Heimspiel gegen Karlsruhe in allen Phasen zwingender aus. Das ist völlig okay, weil Ende englische Woche und so. Und der Abend war zweifelsohne unterhaltsam. Und ein gutes Team macht es halt auch aus, ohne Vollgas Spiele zu gewinnen. Aber die herausragende Leistung, die mir da heute entgegenberichtet, habe ich halt eher nicht gesehen. Dazu war etwa Kroos’ Spiel zu fehleranfähllig , Pedersens in Hälfte zwei ebenfalls und vor dem Tor einiges viel zu kompliziert und dadurch zu langsam. Oder andersrum (um jetzt vollends wie so’n Bayern-Erfolgsfan rüberzukommen): Bei St. Paulis Harmlosigkeit hätte es 4:0 ausgehen müssen, um eine Spitzenleistung zu sein. So aber war es “nur” toll, auch das Ding am Ende der englischen Woche nach einer souveränen ersten Hälfte wieder zu null mitgenommen zu haben. Was ja unterm Strich geil genug ist.

  2. Im Großen und Ganzen haben wir das Spiel gestern zurecht gewonnen, auch wenn in der zweiten Halbzeit Pauli mehr nach vor gemacht hat, was mich vielmehr gestört hat, waren die Abstöße von Busk. Gerade in der zweiten Halbzeit haben diese Abstöße dazu geführt, dass die Angriffsbemühungen von unseren Eisernen schon scheiterten, bevor sie überhaupt den Ball hatten. Busk muss unbedingt an seinen Abstößen arbeiten, denn den Ball andauernd in die nähe der Seitenlinie zu spielen, bringt am Ende mehr für den Gegner, der nämlich – was auch gestern zu sehen hat – sehr viele Einwürfe bekommt und das ist nicht notwendig.

  3. Das Diagramm zum 1-0 stimmt nicht -) Kenny hat den Ball außen am IV vorbei gespielt und Hosiner ist dann an hinter ihm lang gedribbelt

  4. Zur Einschätzung der Leistung: Da war grade offensiv schon noch einiges nicht optimal, aber es war schon einigermaßen ungefährdet gegen eine gar nicht schlechte, aber etwas komisch ausgerichtete St Pauli Mannschaft

  5. @Jörg Braun: Ich kann deine Einschätzung nur bedingt teilen.
    Pauli hat in der ersten Hälfte nichts mit dem Ball anfangen können und die Unseren haben gut gepresst und ordentlich die Pille laufen lassen um Paulis Abwehr in Bewegung zu bringen bzw. zu Fehler zu zwingen.
    Zu deiner Spielerbewertung: Gefühlt wird bei Kross immer eine sehr gute Leistung erwartet. Am besten er schießt noch einen Hattrick. Ich glaube solche Diagonalpässe, wie Kross sie von kurz hinter der Mittellinie auf die Außenbahn spielt ist in der zweiten Liga wesentlich wichtiger, denke ich, als sich nur vorne aufzuhalten. Am Ende reichen doch 3 Punkte :)

  6. Ergänzung zu meinem Kommentar zu Kroos von vor 2 Tagen: deutlich engagiertere und daher auch bessere Leistung als zuletzt. Da sollte er dran anknüpfen.

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