Directors Cut: “Trainer!”

Er habe gerade einen Film über Fußballtrainer gedreht, erzählte mir Aljoscha Pause schon im Frühjahr am Rande des 11mm-Festivals. Ein Beruf in der Öffentlichkeit sei das wie kaum ein anderer. Trotzdem wisse man eigentlich nichts darüber. Das hat ihn interessiert. “Eine ganz banale Fragestellung”, sagte er. “Was müssen die bewältigen, und wie setzt sich das zusammen?” Sein Film “Trainer!” ist der Versuch einer Annäherung an eine unnahbare Welt.

trainer

Eine Saison lang hat Aljoscha Pause die Trainer André Schubert (FC St.Pauli), Frank Schmidt (1.FC Heidenheim) und Stephan Schmidt (SC Paderborn) durch drei sehr unterschiedliche Saisonverläufe begleitet. Während Schubert schon zu Saisonbeginn, Stephan Schmidt erst zu Saisonende entlassen wurde, steuerte Frank Schmidt auf einen Aufstiegsplatz zu. Die Fragen, die dabei auftauchen, werden auch mit anderen Trainern besprochen. Jürgen Klopp, Armin Veh, Hans Meyer, Peter Neururer, Michael Oenning, Thomas Schaaf und Mirko Slomka kommentieren, wie sie mit bestimmten Situationen in ihrem Berufsleben umgegangen sind. Das hat dramatische, aber auch komische Höhepunkte, wenn etwa Jürgen Klopp über das Grimassieren nachdenkt oder Hans Meyer über Phasen der Arbeitslosigkeit. Parallel dazu hat Aljoscha Pause immer wieder mit Frank Wormuth gesprochen, der die Fußballlehrerausbildung des DFB leitet. Daraus ist ein zweiter Erzählstrang geworden, der einen Einblick in den Trainerlehrgang erlaubt. Überhaupt ist Frank Wormuth der heimliche Star des Films. Die Stimme der Vernunft, die alles zusammen hält. Ruhig und besonnen.

Einige Bilder tauchen im Verlauf des Films immer wieder auf. Zum einen wird viel Auto gefahren. Interviews werden dabei geführt, vor allem aber entstehen sehr konzentrierte Nahaufnahmen. Das zweite sind Außenaufnahmen, die Jahreszeiten zeigen und so eine zeitliche Dimension in den Film bringen. Das erzeugt einen Rhythmus in der Bildfolge und hilft, die Informationen zu ordnen.

Nebenher sind dem Regisseur einfach drei sehr schöne, weil detailreiche Porträts gelungen. Denn das ist seine große Stärke: Menschen. Gerne auch Menschen in extremen Situationen. Aljoscha Pause ist einer, der genau zuhört, verdichtet, aber nie jemanden bloß stellt dabei.

Bei Stephan Schmidt in Paderborn etwa wäre das ganz leicht gewesen. Dem möchte man die ganze Zeit zurufen: Ein so dermaßen gesundes Selbstbewusstsein ist der erste Schritt zum Größenwahn! Andererseits gehört Größe dazu, einen Misserfolg vor laufender Kamera zu besprechen und seine Enttäuschung öffentlich zu verarbeiten. Mit Blick auf den Vorgängerfilm “Tom meets Zizou” hat Aljoscha Pause das einmal erklärt. “Da wird nicht einfach nur jemand blind abgefeiert, als Hero oder als Vollkatastrophe, sondern es wird ein Mensch mit mehreren Wahrheiten, mehreren Facetten gezeigt, der sich nicht zu schade ist, sich auch mal in einer beschissenen Situation oder in der Krise zu zeigen.” Gemeint war dabei Thomas Broich, es ist aber wohl generell die Arbeitsweise von Aljoscha Pause, der seine Protagonisten nicht auflaufen lässt, sondern immer respektvoll behandelt. André Schubert taut von Drehtag zu Drehtag mehr auf, und am Ende weinen alle Zuschauer ein bißchen mit Heidenheim um den vergeigten Aufstieg. Auch die, die gar nicht wissen, wo Heidenheim liegt. Ich, zum Beispiel.

Ich bin froh, die lange Fassung abgewartet zu haben. 135 Minuten, nach denen ich wieder etwas klüger war. Danke, Aljoscha Pause!

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