To absent friends.

Milan. Unter dem Namen hast Du Dich hier im Blog vorgestellt. Dass Du eigentlich Andreas heißt, dass Deine Freunde Dich Assi nennen, das wusste ich damals noch nicht. Später konnte ich mich nicht mehr daran gewöhnen, und so bist Du für mich eben Milan geblieben. My Blog is your Tresen, habe ich ich gesagt. Und Du: Your blog is my Stammpub.

Dass es Dir nicht gut ging, wusste ich seit einigen Wochen. Den Tag, an dem es hieß, Milan ist letzte Nacht gestorben, möchte ich am liebsten vergessen. Das war, als käme ich nach Hause, und das Elternhaus ist abgebrannt. Ich kann immer noch Deine Stimme hören. Ich kann Dich immer noch sehen. So, wie Du warst, als wir uns das letzte Mal zufällig trafen und dann einfach noch ein Stück zusammen gegangen sind. Aus keinem besonderen Grund. Weil grad Zeit war.

Zeit. Du hast mir vor Jahren erklärt, was Zeit eigentlich ist.

Zugegeben, ich benutze Zeitrechnungen auch. Da gibt es Montage, Julis, 1960, 14.00 Uhr und ähnlicher Quatsch – und das alles, obwohl es Zeit gar nicht gibt. Ich dachte lange, ich bin der Erste, dem mit Hilfe von LSD klar geworden ist, dass es Zeit ohne die menschliche Einbildungskraft und Ordnungssucht gar nicht gibt. Sie ist nur eine nützliche Einrichtung, wie ein Zaun, damit alle das Spiel nicht nur spielen sondern auch sehen können. Aber dann las ich von einem australischem Physiker, der wissenschaftlich beweisen will, dass es die Zeit nicht geben kann, sondern alles in einer unendlichen Gegenwart stattfindet. Mir muss er das nicht beweisen, ich hab´s schon verinnerlicht, aber Physiker auf der Suche nach der Weltformel sollten alle Berechnungen in die Tonne schmeißen, die mit Zeitfaktoren spielen. So wird das nämlich nix.[…]

Selbstverständlich ist die Zeit eine nützliche Erfindung, sonst würde ich ja mein ganzes restliches Leben bei Konopke verbringen, um dort jemanden zu treffen, der erst nach meinem Leben (nicht nach meinem Tod, das geht nicht) dort vorbeischaut.

Das mit dem Zaun hast Du Dir so vorgestellt:

Deshalb kam ich sicherlich auf den Zaun als Vergleich, denn der sagt “Bis hierher und nicht weiter”, während die Zeit ähnliche Hindernisse kreiert. Du kommst zu spät, oder sie klaut einfach Geburtstage im Kalender wie den 29.Februar.

Wenn das stimmt –und bei solchen Sachen warst Du immer klüger als ich– stehen wir jetzt auf verschiedenen Seiten des Zauns, ja?

Ich werde noch lange nicht wieder in Deinen alten Kiez gehen können. Ich weiß, dass ich Dich da nie mehr zufällig treffen werde. Wir hier drüben vermissen Dich furchtbar.

5 Gedanken zu „To absent friends.

  1. Danke für diesen Text, Steffi. Danke für das Zitat mit der Zeit, Milan! Machs Gut!

  2. “….um dort jemanden zu treffen, der erst nach meinem Leben (nicht nach meinem Tod, das geht nicht) dort vorbeischaut.”

    So unglaublich einfach und doch so schwer.

    Mach’s gut, Milan.

    Danke Steffi!

  3. Deine Einladung kann ich nicht mehr annehmen. Ich danke Dir für die vielen interessanten und freundlichen Mails während des Stadionbaus. Deinen Angehörigen und Freunden wünsche ich, dass sich die Traurigkeit in Freude wandelt, ein Stück des Weges mit Dir gegangen zu sein.
    Traurige und eiserne Grüße.
    Milena

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