Monthly Archive for August, 2011

Das Drama um die Allianz-Arena.

Der Löwen-Fluch genießt bei Unions Chef-Trainer Uwe Neuhaus höchste Priorität. Denn die Bilanz gegen den säumigsten Mieter der Allianz-Arena ist miserabel. Dreimal hingefahren und nicht einen mickrigen Punkt mitgenommen. Deshalb lud Neuhaus heute Co-Trainer Hofschneider und U23-Trainer Engin Yanova zum großen Krisengipfel ins Forsthaus.

(Uwe Neuhaus sitzt am Schreibtisch seines Büros unter dem Dach und raucht. Das Fenster ist angeklappt.)
Hofschneider: Zu Friedenszeiten hatten wir das Problem mit 1860 bei Union noch nicht.
Neuhaus (rollt die Augen): Zum Punkt, André. Wir machen uns doch total lächerlich, wenn das so weitergeht. Ständig ruft der Wolf von der Berliner Zeitung an und fragt, ob man nicht sagen könne, dass wir ein Problem mit der Abwehr haben. Ich traue mich schon gar nicht mehr, die Zeitung aufzuschlagen.
Hofschneider: Mit der Presse hatten wir zu Friedenszeiten auch keine Probleme.
Yanova (hustet): Trainer, ich mache mal das Fenster weiter auf.
Neuhaus (schließt das Fenster): Wer hier das Fenster öffnet, entscheide immer noch ich.
Hofschneider: Zu Friedenszeiten hatten wir hier überhaupt keine Fenster.
Neuhaus (zündet sich erneut eine Zigarette an): Ich brauche eine kreative Lösung. Los, Leute! Denkt nach!
(Hofschneider holt eine Packung Karo aus dem Campingbeutel und fängt auch an zu rauchen)
Yanova: Wenn wir gegen die im Grünwalder Stadion spielen würden, klappt es bestimmt. Wir müssen die nur aus der Allianz-Arena rausbekommen.
Neuhaus: Jungs, ich habe eine Idee. Wenn wir die aus der Allianz-Arena rauswerfen, können die dort nicht mehr spielen und müssen ins Grünwalder. Das alte Ding liegt uns bestimmt. (Er springt auf, öffnet die Tür und ruft Nico Schäfer, den kaufmännisch-organisatorischen Leiter der Lizenzabteilung.)
Schäfer (betritt energisch den Raum und ruft): Uwe, Du bist gefeuert!
Neuhaus: Was?
Schäfer: Scheeeeerz! Weißt Du noch damals in Essen? Das waren noch Zeiten!
Neuhaus (zündet sich wieder eine Zigarette an): Nico, wir brauchen Anteile an der Stadiongesellschaft in München, damit wir 1860 den Mietvertrag kündigen können.
Schäfer: Der Wurst-Uli entlässt keine solventen Mieter. Seit 1860 den Scheich hat, brauchen wir mit unseren Alu-Chips gar nicht erst nach München zu trampen.
Neuhaus (zündet sich wieder eine Zigarette an): War halt so eine Schnapsidee von dem Yanova. Okay, Nico. Kannst Dich weiter um den Verkauf von Jérôme Polenz kümmern.
(Schäfer geht ab.)
Hofschneider: Zu Friedenszeiten gab es Scheichs nur beim Kinderfasching der BSG Turbine EKB Treptow.
Neuhaus (zündet sich wieder eine Zigarette an und redet mit sich selbst): Vielleicht hat der Wolf doch Recht und ich sollte mir die Gegner mal vorher persönlich ansehen. Vielleicht klappt es ja dann bei den Löwen…
Yanova (röchelnd): Vielleicht einfach nicht mehr mit der besten Mannschaft antreten und stattdessen eine teambildende Maßnahme durchführen.
Neuhaus (bläst Yanova den Rauch ins Gesicht): Ich hab es! Wir treten einfach nicht mehr mit der besten Mannschaft an.
Hofschneider: Zu Friedenszeiten hätte es das nicht gegeben.
Neuhaus (zündet die komplette Zigarettenschachtel an): Ich verfüge hiermit. Ab jetzt spielt gegen 1860 nur noch unsere U23. (Zu Yanova) Ihr werdet zwar dadurch nicht Tabellenführer in der Oberliga bleiben, aber Du sollst ja auch ausbilden und nicht erfolgreich sein. Den Rest erklärt Dir unser Zonen-Scout.
Alle Profis fahren mit dem Co-Trainer nach Ahlbeck. André, Du kennst den Weg ja noch aus Friedenszeiten. Ich komme mit einem Modell der Allianz-Arena nach, die Tusche als teambildende Maßnahme alleine maßstabsgetreu am Strand nachbaut. Nee, doch ohne Modell. Zeit zum Ansehen des Stadions hatte er beim letzten Spiel ja genug. (Welterobererlachen. Vorhang.)

Schuldig. Again. Menzenskinder!

Ach! Zehnsechzig München. Kein gutes Pflaster für Union. Wird Zeit, dass die Guten vom 1.FC Union in diesem Stadion gegen einen anderen Verein spielen. Denn gegen die Blauen gibt es nichts zu holen. Nichts. Nada. Ничего.

Zu Gast sind Mathias und Robert. Wir diskutieren das Spiel und Menz wird als Schuldiger auserkoren. Wer Union schon eine Weile verfolgt, weiß dass darin vor allem Zuneigung steckt. Trotzdem hadern wir mit den null Punkten. Weitere Themen sind ein Testspieler (Platero), die Vertragsverlängerung von Ede und eine Trophäe für Christopher Quiring.

O-Töne

02:29 Min Christoph Menz ist untröstlich
06:43 Min Michael Parensen ist fassungslos
07:26 Min Uwe Neuhaus leitet die Fragen an die Spieler weiter

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Houston, wir haben ein Stasiproblem.

Es ist Wahlkampf in Berlin. Da liegt es auf der Hand, den Straßenwahlkampf ins Netz zu verlagern. Allerdings macht das Wählerstatements nicht durchdachter. Das gleiche gilt auch für den Wahlkämpfer. Stellvertretend dafür stehen die Berliner Grünen, denen im Netz eine Aufgabe gestellt werden kann. Zum Beispiel diese:

Sicher ist das Ansinnen dieser “Aufgabe” schwer zu erkennen. Kommt die Aktion doch ähnlich subtil daher wie der Wunsch einiger BVB-Fans, das Schalker Stadion in Google Street View unkenntlich zu machen. Aber zu jedem Spaß gibt es eben auch jemanden, der ihn ernstnimmt. In dem Fall Heiko Thomas, Kandidat der Grünen für das Berliner Abgeordnetenhaus.

Mögliche Antworten gibt es viele. Zum Beispiel diese: Ein Verein kann nicht mit einem anderen zwangsfusioniert werden. So charmant die Idee auch durch die Brille eines anderen Vereins sein mag. Doch darauf geht Heiko Thomas nicht ein. Es wäre auch eine viel zu klare Antwort. Vereine können innerhalb strenger Regeln durch die Innenminister verboten werden. Auch das ist nicht die Antwort. Die müsste eigentlich lauten: “Wir können das nicht regeln.” Stattdessen kommt etwas überraschend daher:

Es gehört zum guten Ton, sich zu bedanken. Allerdings nicht in Berlin. Und schon gar nicht für sinnfreie Aufgaben. Dafür wurde hier der Ausspruch erfunden: “Mir kann keener, aber mich könnse alle!”

Wie Heiko Thomas, der immerhin bei der letzten Bundestagswahl kandidierte, darauf kommt, dass eine Fusion das Stasi-Problem sicher nicht lösen würde, bleibt sein Geheimnis. Suggeriert er doch damit, dass sowohl der 1.FC Union als auch der BFC Dynamo zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands noch ein “Stasi-Problem” hätten. Das trifft bei Lichte betrachtet aber auf keinen der beiden Vereine zu. Überhaupt wird es nicht einfach sein, noch “Stasi-Probleme” in Deutschland zu finden. Schließlich wurde das Ministerium für Staatssicherheit bereits 1990 aufgelöst.

Die große Kunst der Fettnäpfchentreterei ist übrigens, nicht nur auf solch leicht durchschaubare Provokationen hereinzufallen, sondern sich ihnen auch noch anzubiedern. Ich hoffe, dass Heiko Thomas das Spiel von Hertha gegen Nürnberg ausreichend genossen hat.

Wir kommen nicht über’s Reden ins Spiel

Ein 2:1 Sieg gegen Bochum und alles ist gut. Wirklich? Gemeinsam mit Hans-Martin und Mathias diskutieren wir die Grundstimmung beim 1.FC Union. Neben dem Spielgeschehen geht es aber auch um die Frage, ob es nur mit einem solchem Kraftakt wie gegen den VfL in der zweiten Liga geht. Schließlich gingen einige Spieler die letzten zehn Minuten arg auf dem Zahnfleisch. Ein bisschen Boulevard-Inhalt gibt es zum Schluss: Warum wechselte Marcel Höttecke die Frisur?

O-Töne:
07:29 Min Michael Parensen über die (wiedererkämpfte) Liebe der Fans

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Der Turbine-Effekt.

Der 1.FFC Turbine Potsdam gewinnt das Auftaktspiel gegen den Hamburger SV mit 4:0 vor 2790 Zuschauern. Ein Traumstart, sollte man meinen. Die beiden Doppeltorschützinnen, Yuki Nagasato und Genoveva Anonma, sind trotzdem nicht ganz zufrieden. Beide sagen nahezu wortgleich:”Ich hätte noch viel mehr machen können.” Das beschreibt das Leistungsgefälle zwischen beiden Teams recht gut. Ohne das begeisterungsfähige Potsdamer Publikum wähnte man sich auf einem Testspiel. Wenn eine Mannschaft das Spiel vollkommen dominiert, gelingen Spielzüge. Das sieht schön aus. Leider ist es kein bißchen spannend.

Deshalb mutet die am häufigsten gestellte Frage im Anschluss an die Partie auch etwas seltsam an. Ist die Zuschauerzahl -die höchste, die Turbine zum Ligastart je hatte- ein Effekt der Weltmeisterschaft? Bernd Schröder, Trainer der Potsdamerinnen, glaubt das nicht. “Wir haben viele neue Spielerinnen, die die Leute sehen wollen. Wir haben eine Weltmeisterin. Das ist der Blick auf die neue Saison. Der WM-Effekt muss sich zeigen, wenn Freiburg gegen Leverkusen spielt.”

Seine neue Mannschaft lobt Schröder. Sie sei in sich geschlossener als das Team der vergangenen Saison. Mit Patricia Hanebeck, Ann Katrin Berger, Genoveva Anonma haben sich drei seiner Neuzugänge gleich im ersten Spiel bewähren müssen und dabei brilliert. „Hanebeck hat nicht nur die Nummer 10 auf dem Trikot – die ist auch eine.“ Und zum Schluss möchte er noch wissen: „Weiß einer, wieviele Zuschauer aus Frankfurt gemeldet wurden?“ Frankfurt. Die echte Konkurrenz. Spannende Spiele gibt´s nämlich auch bei den Frauen.

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert.

Vier. Zu. Null. Verloren. In Dresden. Dazu pfeifen die eigenen Fans, werfen mit Feuerzeugen und Bierbechern auf die Spieler. Ernüchtert sitzen wir mit Robert in unserer Küche. Wir diskutieren das Spiel der Mannschaft, das Verhalten der Fans und das Verhältnis zwischen Mannschaft und Anhängern. Dazu nehmen wir die Frage von Philipp auf, ob sich vielleicht das Anspruchsdenken bei den Fans verschoben habe. Die Aussprache beim Drachenbootcup und das Fantreffen mit Präsident Dirk Zingler sind weitere Themen.

O-Töne:
01:49 Min Uwe Neuhaus vor dem Spiel
02:08 Min SGD Eieiei
07:51 Min Uwe Neuhaus nach dem Spiel
21:07 Min Daniel Göhlert über einfache Fehler
22:16 Min Daniel Göhlert ist fassungslos
37:56 Min Torsten Mattuschka kneift die Arschbacken zusammen

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Die neue Sommerkollektion des RBB.

Angestellte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks haben es nicht immer leicht. Vor allem dann nicht, wenn die Gebühren nicht so sprudeln, wie beim RBB im armen Berlin und strukturbenachteiligten Brandenburg. Sand ist genug da, für Meer hat es nicht gereicht.

Trotzdem hat sich Intendantin Dagmar Reim nicht lumpen lassen und ihren Mitarbeitern neue Dienstkleidung für den Sommer spendiert. Betont lässig und an die gerade wieder angesagte Mode aus den 80ern angelehnt. Dem Textilvergehen wurde eine Rundmail an alle Mitarbeiter des RBB zugespielt. Darin heißt es:

Ab einer Temperatur von 23 Grad (zu messen im Büro des Intendanten/der Intendantin) ist die Diensthose in kurz zu tragen. Dazu ein kurzärmliges Mitarbeiteroberteil. Um ein jüngeres Publikum zu erreichen, ist mittig auf der Rückseite des Oberteils der Vorname des Mitarbeiters aufzutragen. in Absprache mit dem Betriebsrat und der Datenschutzbeauftragten können Mitarbeiter von ihrem Recht auf Pseudonymisierung Gebrauch machen.

Beim Drachenbootcup der Unionfans konnte die neue Sommerkollektion am Redakteur Jörg Hellwig vom RBB Sportplatz erstmals beobachtet werden.

“Kiekt euch dit an – so wird jekämpft!”

Mit diesen Worten wurde gestern die Mannschaft des 1.FC Union Berlin beim alljährlichen Drachenbootrennen der Unioner begrüßt. “Begrüßt” heißt nicht unbedingt “Willkommen geheißen”. Nach der Niederlage in Dresden war die Stimmung fühlbar angespannt. Dennoch kam man schließlich miteinander ins Gespräch. Umlagert wurde vor allem Torsten Mattuschka, bevor sich Uwe Neuhaus (“… und jetzt schnappen wir uns den Coach”) den Fragen der Fans stellte. Viel zu erklären hatten beide Seiten. Etwa, seit wann es bei Union üblich ist, die eigene Mannschaft auszupfeifen und mit Bechern und Feuerzeugen zu bewerfen. Aber auch die Ursachen für das Dresdner Debakel.

Und wie jetzt weiter? Heile, heile Gänschen? Sicherlich ist nicht alles wieder gut, weil man mal drüber geredet hat. Dem beiderseitigen Verständnis hat es aber gewiss nicht geschadet. Ein geschickter diplomatischer Zug allemal, denn es fällt schwer, “die Mannschaft” pauschal zu beschimpfen, wenn sie einem in Gestalt von Christian Stuff, Michael Parensen, Jan Glinker und Christopher Quiring gegenüber steht.

Den Werfern von Gegenständen sei gesagt, dass diese wunderbare Stadt andere sehr schöne Stadien für sie bereit hält. Und andere Bundesländer erst! Und Europa ist auch sowas von groß! Ich gehe zum 1.FC Union Berlin, nicht zum 1. FC Nullachtfuffzehn. Den Unterschied machen die Fans, nicht der Fußball.

Das ist meine Biographie.

Der Aufruhr um den dreijährigen Wehrdienst von Unions Präsident Dirk Zingler beim Wachregiment des MfS in Berlin war groß. Sowohl medial als auch unter den Fans. Am Dienstag Abend stellte sich der Präsident beim monatlichen Fantreffen im General Dealer Club in Oberschöneweide den Fragen der Anhänger und zeigte seine Sicht auf Ereignisse der letzten Wochen und seinen fast 30 Jahre zurückliegenden Wehrdienst.

Vor Beginn saß Dirk Zingler alleine auf dem Rand der Bühne. In sich gekehrt. Es schien, als ob er selbst nicht genau wusste, wie ihm die rund 300 anwesenden Unionfans begegnen würden. Die vorher in Foren verlaufene Diskussion war kontrovers. Nicht jeder Vereinspräsident würde sich auf solch ein Risiko einlassen. Doch Zingler, und das wird schon in den ersten Minuten klar, treibt ein inneres Bedürfnis an. Er ist zuerst Fan und als zweites Präsident. Deswegen haben ihn die Ereignisse der letzten Wochen getroffen: “Vor allem hat mich der Zusammenhang, der zwischen meinen Wehrdienst und meiner Eigenschaft als Unionfan und Unionpräsident gezogen wurde, gestört. Ich wurde als Fan auf den Rängen geprägt. Das hatte nichts mit meiner Wehrdienstentscheidung zu tun.”

Das Mikrofon hält Dirk Zingler mit beiden Händen fest. Er sucht den Blickkontakt zu den Fans, die dicht gedrängt im Raum stehen. Viel Schärfe nimmt er schon dadurch aus der Veranstaltung, dass er keineswegs versucht, sich herauszuwinden. Er war kein Widerstandskämpfer in der DDR. Das ist klar. Sein Leben in der DDR war nichts besonderes und deshalb sagt er: “Ich kann nur mit meiner Biographie antworten. Die ist, wie sie ist. Dem einen gefällt sie, dem anderen nicht. Aber ich kann sie nicht ändern.” So spricht jemand, der offensichtlich mit sich im Reinen ist.

Zingler erzählt, wie er als 17-Jähriger zu Hause ausgezogen ist und in Berlin alleine gewohnt hat. Angesichts des grassierenden Wohnungsmangels in der DDR etwas besonderes. Etwas, das den Satz: “Ich habe früh sehr viel Freiheit genossen”, glaubhaft unterstreicht. Deshalb habe er sich bei seiner Musterung zu drei Jahren Wehrdienst bereit erklärt, wenn er in Berlin bleiben könne. Ob er beim MfS-Wachregiment dienen wolle, wurde er dort nicht gefragt. Die Frage stellten ihm zwei Männer von der Staatssicherheit, nachdem er aus dem Unterricht in der Berufsschule herausgeholt wurde. Der Handel war laut Zingler: 3 Jahre beim Wachregiment in Berlin und er könne seine Lehrzeit um ein halbes Jahr verkürzen. “Für mich war entscheidend, was ich wo tun muss. Aber mir war egal, ob das Ministerium Erich Mielke, Erich Honecker oder dem Papst unterstand.” Letztlich stand Dirk Zingler 183 Mal vor dem Regierungskrankenhaus Wache.

Die überwiegende Zahl der Fans teilt Zinglers Einschätzung. Doch, dass sie den Teil der Biographie aus der Zeitung erfahren mussten, hat sie verwundbar werden lassen. Sie haben Angst, noch mehr erfahren zu müssen. Ein Fan bringt das Gefühl auf den Punkt: “Dirk, war nach dem Wehrdienst noch etwas mit der Stasi? Ja oder nein?” Zingler verneint: “Ich habe im März 1986 meine Armeezeit beendet. Seitdem hatte ich keinen Kontakt mehr zum Ministerium.” Stasi und Union, das passe nicht zusammen, hat Zingler erzählt. Das war, als der Vertrag mit dem Investor ISP gekündigt wurde, weil der Geschäftsführer hauptamtlicher MfS-Mitarbeiter war. Ein Widerspruch? Nein, der Präsident steht auch heute noch dazu. Allerdings hätte man schon zeitiger öffentlich differenzieren müssen zwischen Wehrdienstleistenden beim MfS und IMs beziehungsweise Stasi-Angestellten. “Vielleicht war das eine vergebene Chance”, räumt er ein.

Die aufgeladene Bedeutung seines Wehrdienstes beim MfS sieht Zingler kritisch. Natürlich wisse er im Nachhinein mehr. Doch dass alle MfS-Wachsoldaten sogenannte “Hundertprozentige” gewesen seien, will er nicht bestätigen: “In meiner Wahrnehmung waren das alles ganz normale Leute.” Auch seine Familie sei nicht einfach systemtreu gewesen. Dann sagt Zingler einen Satz, der im Prinzip über jeder DDR-Biographie stehen kann: “Das Leben ist halt nicht so, wie es sich häufig von außen darstellt. Die Vielfältigkeit deutscher Biographien findet sich auch in meiner Familie.”

Es ist ihm immer noch anzumerken, wie unangenehm ihm der Fokus ist, in dem er steht. Aber er redet mit Verve, weil es ihm wichtig ist, bestimmte einfache Sichtweisen aufzubrechen. Der Vater war Betriebsdirektor, die Tante aber stellte einen Ausreiseantrag und konnte die DDR verlassen. Zingler selbst hat sich für drei Jahre als Zeitsoldat verpflichtet, sein Bruder aber hat den Dienst an der Waffe komplett verweigert und wurde Spatensoldat. Ein Stigma im sozialistischen Lebenslauf. Doch Zingler schmunzelt: “Der hat sich noch einen Gaudi daraus gemacht, zu meiner Vereidigung zu kommen.  In seiner Uniform mit dem Spaten darauf.” Aus heutiger Sicht ist diese Familiengeschichte vielleicht ein Widerspruch. In der DDR war sie Realität und Zingler stellt nicht ohne Stolz fest: “Aber trotzdem sind wir eine Familie und reden miteinander.” Ein Satz, der auch ohne weiteres auf Union zutreffen könnte.

Bei den Fragen und Statements der Fans hört Zingler aufmerksam zu. Die könnten unterschiedlicher kaum sein und werden teils hitzig vorgetragen. Vor allem, wenn es um die Rolle der Medien in dem Fall oder das Verhältnis zum BFC Dynamo geht. Doch Zingler bleibt immer ruhig. Ob er seine MfS-Akte schon gelesen habe, möchte ein Fan von ihm wissen. Der Präsident verneint vehement: “Es interessiert mich nicht, wie mich Stasi-Offiziere vor 30 Jahren eingeschätzt haben. Da soll sogar drin stehen, dass ich 73 Kilo gewogen habe. Meine Frau wollte das nicht glauben.”

Zum Schluss steigt Zingler im von der Menschenmenge aufgeheizten Saal von der Bühne. Mit einem Bier in der Hand steht er danach dort, wo er sich selbst viel lieber sieht. Bei den Fans.

Fotos: Robert Schmidl

Auf einen Kaffee mit Santi Kolk.

Montag Morgen. Eine Tasse Kaffee dampft auf dem Tisch. Zeit, sich anzusehen, was in Holland los ist. Saisonstart auch dort. Eigentlich aus Berliner Sicht so interessant wie die Brandenburg-Liga. Aber seit der überstürzten Ausleihe Santi Kolks vom 1.FC Wundervoll an NAC Breda lohnt sich ein Blick. Zwar glaube ich nicht daran, dass Kolk jemals als Spieler nach Berlin zurückkommen wird. Aber für den Fall der Fälle möchte ich schon Bescheid wissen. Also Aufnahme vom Sonntagsspiel starten.

Breda bekam es zum Auftakt mit Meisterschaftsanwärter FC Twente zu tun und hatte dem wenig entgegenzusetzen. Kolk konnte sich den Elfmeter zum 0:1 für Twente von der Bank aus ansehen. Erst in der 69. Minute durfte er rein. Dem ideenlosen Spiel von Breda konnte Kolk keine Impulse geben. Erst in den letzten fünf Minuten schien ein Ruck durch das Team zu gehen. Dabei auch zwei Szenen von Kolk der im 4-3-3 als rechter Stürmer spielte.

Einmal bricht Santi an der Mittellinie durch, läuft knapp 20 Meter mit dem Ball und spielt den Konter schwach aus. Sein Pass verunglückt. Zwar bleibt der Ball bei Breda, aber zu allem Überdruss pfeift der Schiedsrichter den Vorteil weg. In der zweiten Szene kommt Kolks Stärke zum Tragen. Er zieht mit dem Ball von rechts kommend Richtung Tor und schließt gleich von der Strafraumkante ab. Ein harter flacher Schuss, den der Torhüter nicht festhalten kann. Doch es fehlt ein Stürmer, der den Abpraller gedankenschnell verwandelt. Breda verliert am Ende völlig verdient 0:1 gegen Twente Enschede.

Von diesem einen Spiel ist wenig abzuleiten, was die genaue Form von Kolk angeht. Zu sehen sind die Ansätze seines Könnens und vielleicht ein Grundproblem, das neben seinem Heimweh ausschlaggebend für seine schwere Zeit in Berlin sein könnte. Als rechter Flügel-Stürmer in einem 4-3-3 hat er seine Stärke. Doch diese Position gibt es so im Spielsystem bei Union nicht. Kolk machte mir viel zu häufig den Eindruck, ein hochbegabter Fremdkörper bei Union zu sein. Mein Kaffee ist alle und ich bin mir nach diesem Spiel sicher, dass Santi nicht mehr zurückkommt.

Zusammenfassung von NAC Breda – FC Twente Enschede auf eredivisielive.nl