Monthly Archive for März, 2011

Der Rasen ist weg …

Mit dem Kurzfilmwettbewerb „Shortkicks“ und der Preisverleihung für die besten Filme schloss gestern die Berliner Ausgabe des 11mm-Fußballfilmfestivals. Warum Berliner Ausgabe? Weil 11mm auf Deutschlandtour geht. Über die Berliner Festivaltage und die kommenden Auswärtsspiele habe ich mit Jochen Lohmann gesprochen, während im und vor dem Kino Babylon aufgeräumt und abgebaut wurde.

Der für die Dauer des Festivals vor dem Babylon verlegte Rasen wie auch die Ersatzbank waren bereits abtransportiert worden. Das war das erste, was ihm heute vormittag auffiel, sagt Jochen Lohmann. Schade fand er das. Sonst gab es keinen Grund zur Traurigkeit, die Veranstalter sind hochzufrieden.

Bei den Frauenfußballfilmen hat „Die schönste Nebensache der Welt“ von Tanja Bubbel das Rennen gemacht, in der Gesamtauswahl hat sich „Meister vs. Meister“ von Johannes Grebert durchgesetzt. Mit „The Ball“ von Katja Roberts hat in der Kategorie „Bester Kurzfilm“ eine charmant erzählte Geschichte über Fußball als Gesprächsmittler zwischen zwei Kindern gewonnen. Auf die außergewöhnlich gut besetzte Jury, der unter anderem Dominic Peitz, Jörg Schüttauf und Philipp Köster angehörten, sind die Festivalleiter stolz. Außerdem, sagt Jochen Lohmann, waren noch nie zuvor so viele Gäste aus dem Sportbereich dabei. „Wir sind Amateure“, sagt er. „Dass wir so eine Gala stemmen …“ Mindestens genauso wichtig wie die Superlative sind ihm aber die kleineren Veranstaltungen. Ein gut gefülltes Studiokino, in dem Regisseure und Publikum miteinander ins Gespräch kommen, das sind „Perlen, die für uns glänzen“.

Eine Veranstaltungsreihe, die weitgehend abseits des Festivalsbetriebs lief, waren die Kinovorstellungen speziell für Schulklassen. An den Vormittagen der Werktage wurden für Schüler ausgewählte Fußballfilme gezeigt, zu denen es Vorträge, Spiele und Gespräche gab. Die Stimmung sei wie im Stadion gewesen, und über 600 Schüler hätten das Angebot wahrgenommen. Deshalb soll dieses Programm im nächsten Jahr fortgesetzt werden. „Wenn man es als seine Aufgabe ansieht, Sport und Kultur zu verbinden, schließt das Bildung mit ein.“

Die Filme über den Frauenfußball hatten es erwartungsgemäß nicht ganz leicht. Bezeichnend hierfür war etwa die Reaktion von Marita Dähn, ebenfalls Mitglied der Shortkicks-Jury, ihrerseits ehemalige Fußballtrainerin und Schiedsrichterin im Herrenbereich, die meinte, so ein WM-Spiel könne man schon mal gesehen haben, die aber sonst mit Frauenfußball sichtlich nichts anfangen konnte. „Wir zeigen die Frauenfußballfilme seit Jahren und werden das auch weiterhin tun. Nur die Preisverleihung ist einmalig, anlässlich der WM“, erklärt mir Jochen Lohmann. Auf der Tour werden diese Filme sogar überwiegend gezeigt werden. Der DFB möchte auf diese Weise ein Kulturprogramm in den WM-Städten etablieren, und das 11mm-Festival ist Bestandteil dessen. Auch das ist ein Erfolg für ein Filmfest, das vor acht Jahren einmal ganz klein angefangen hat.

„Es ist mein Grundrecht, ins Stadion zu gehen“

Frauen und Fußball im Iran sind das bestimmende Thema der Filme „Football under Cover“ und „Offside“. Weil sie trotz inhaltlicher Überschneidungen so schön unterschiedlich sind, werden sie hier zusammen besprochen. Beide stehen im Wettbewerb des 11mm-Festivals um den besten Frauenfußballfilm aller Zeiten.

„Passt auf eure Kopftücher auf, die filmen!“

„Football under Cover“ von Ayat Najafi und David Assmann, wiederum eine Dokumentation und bereits 2008 mit dem Teddy Award ausgezeichnet, ist wohl der berlinerischste Film des diesjährigen 11mm-Festivals. Das Frauenteam des Kreuzberger Vereins Al Dersimspor hört davon, dass das Frauennationalteam des Iran noch nie gegen eine ausländische Mannschaft gespielt hat. Die Teilnahme an internationalen Wettbewerben ist ohnehin ausgeschlossen, „weil die Kleidervorschriften der FIFA genauso streng sind wie die des Iran“. Die Frauen dort können zwar trainieren, dürfen aber nur unter Ausschluss des männlichen Publikums einschließlich der eigenen Trainer und vollständig verhüllt spielen. Da die Vorschriften für alle im Land befindlichen Frauen gelten, will es das Kreuzberger Team auf sich nehmen, zu diesen Bedingungen in Teheran zu spielen. Es dauert dennoch ein gutes Jahr, bis alle bürokratischen Hürden überwunden sind und das Freundschaftsspiel zustande kommt. Gespielt wird vor einem ausschließlich weiblichen Publikum, aber als die Frauen applaudieren und jubeln, werden sie ermahnt “Wenn Sie tanzen wollen, gehen Sie in eine Disco!”. Das Beeindruckende an dem Film ist das Projekt als solches, die Organisation des Spiels, die Dokumentation dessen und das Durchhaltevermögen aller Beteiligten. Die Bilder sind nicht immer belastbar, was zu einem Teil sicherlich ihrer Entstehung geschuldet ist. Trotz oder vielleicht auch wegen der fortwährenden Improvisation und der kleinen Unvollkommenheiten im Filmischen ist der Streifen unglaublich lebendig. Wirklich stark sind die Protagonistinnen beider Mannschaften.

„Dein Vater und dein Bruder sind nun mal nicht der Vater und Bruder der anderen Frauen.“

„Offside“ von Jafar Panahi setzt das Thema mit den Mitteln des Spielfilms um. Hier geht es nicht um fußballspielende Frauen, sondern um junge Frauen, die sich im Stadion das Qualifikationsspiel der iranischen Nationalmannschaft der Männer für die WM in Deutschland ansehen wollen. Weil das ebenfalls verboten ist, gehen sie als Männer gekleidet und hoffen, dass sie nicht ertappt und der Sittenpolizei übergeben werden. Selbstverständlich geschieht genau das. Sie werden noch vor Anpfiff im Stadion unter Arrest gestellt. In der Folge verwickeln sie nun die zu ihrer Bewachung abgestellten Männer in Gespräche über das laufende Spiel, über einzelne Spieler, aber auch über die absurde Situation, in der sie sich befinden. Das Stadion, heißt es im Film, schafft den Rahmen dafür, dass sich Männer, die Gebote von Anstand und Moral über Bord werfend, austoben können. Das sei nichts für Frauen. Woraufhin eine der Arrestierten entgegnet „Aus welchem Bergdorf kommst du denn?“. Am Schluss wird komödiantisch aufgelöst. Der Iran gewinnt das Spiel. Der Polizeibus, der die Frauen abtransportieren soll, gerät in Autokorso und Stau, und im allgemeinen Siegestaumel gelingt ihnen die Flucht. Der Zuschauer ist sich trotzdem jederzeit darüber im Klaren, dass alles, was im Film so leicht und lustig wirkt, nach europäischen Maßstäben schlicht Diskriminierung ist.

Das Grundrecht Fußball

Beide Filme sind eher Gesellschaftsstudien als Fußballfilme. Fußball wird hier als Maßstab und Sinnbild verwendet, weil er Zuschauern weltweit Vergleichsmöglichkeiten eröffnet. Während in Deutschland das „Grundrecht auf Fußball“ unter dem Aspekt diskutiert wird, ob die Zuschauer Anspruch auf Bundesligafußball im öffentlich-rechtlichen Fernsehen haben, fragt man anderswo, wie es möglich ist, dass eine Hälfte der Bevölkerung generell vom Fußball ausgeschlossen ist.

Shortkicks – Kurzfilmgala.

Zum 11mm-Fußballfilmfestival gehört die Kurzfilmgala als Abschluss dazu. Am Mittwoch um 20 Uhr werden sieben Kurzfilme gezeigt und anschließend von einer Jury bewertet. Zu ihr gehört auch Dominic Peitz vom 1.FC Wundervoll, der sich im Vorgespräch sehr aufgeschlossen und interessiert zeigte.

Als kleiner Appetizer der Film “Refait”, der das Elfmeterschießen des Viertelfinals der WM 1982 zwischen Frankreich und Deutschland nachstellt.

Refait from Pied La Biche on Vimeo.

Schuld und Sühne.

Der alte Titel der Übersetzung von Dostojewskis Roman trifft den Film des niederländischen Regisseurs Johan Kramer viel besser als “Johan Primero”. Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein Mann, der sich selbst nur Johan nennt, fährt täglich mit einer Ente 50 Mal um das Stadion Camp Nou des FC Barcelona. Der ganze Tagesablauf ist von dieser Fahrt im Citroen 2CV strukturiert. Johan sitzt im ganzen Film im Auto. Der Kaffee wird jeden Tag zu ihm auf die Straße gebracht, ebenso die Pizza Funghi und die Lollis. Ein Mann, ein Auto, ein Fußballstadion.

Für eine echte Geschichte wäre das zu schlicht. Und so kommt nach der Einführung der ständigen Rituale heraus, dass Johan gar nicht Johan heißt. Er nennt sich selbst so. “Wie Johan Cruyff?”, fragt die Scheibenputzerin an der Ampel. “Nein! Wie Johan Neeskens! Der müsste Johann I. sein!”, ruft Johan entrüstet. Stück für Stück  kommt der Zuschauer diesem Kauz immer näher und erfährt schließlich, warum er so manisch, um das Stadion fährt. Sein Vater ist immer am Wochenende mit ihm eine Runde in dem Auto um Barcas Heimstätte gefahren. Ein Ritual. Mehr bekam Johan von seinem Vater nicht mit. Ein Ritual, damit Barca gewinnt. Einmal verweigert Johan als bockiges Kind die Fahrt. Barca verliert. Johan verliert seinen Vater.

Aus dieser Neurose, für seinen Vater weiter und mehr zu fahren, kommt alleine Johan nicht heraus. Der Vater allerdings auch nicht. Die Urne mit der Asche steht angeschnallt auf dem Beifahrersitz. Die Prinzessin auf dem weißen Pferd ist Paquita, die Scheibenputzerin von der Ampelkreuzung.

“Johan Primero” zeigt den Zauber und die Manie, die Fußball ausüben kann. Und das, ohne eine einzige Spielszene zu zeigen. Johan selbst kann nämlich auch nicht zusehen, wie Barca spielt. Er sitzt im Auto auf der Straße, seine Mutter hält immer ein Schild mit dem aktuellen Spielstand heraus. Ein Märchen, das sehr liebevoll und behutsam mit den wenigen auftauchenden Figuren umgeht und sie nie der Lächerlichkeit preisgibt.

Der Film “Johan Primero” wurde auf dem 11mm-Fußballfilmfestival im Berliner Kino Babylon gezeigt. Das Festival wird auch dieses Jahr wieder auf Tour gehen. Folgende Städte sind im Programm: Augsburg, Bochum, Dresden, Frankfurt, Leverkusen, Mönchengladbach, Sinsheim und Wolfsburg.

The BOBs – Deutsche Welle Blog Awards

Der DFB-Pokal der Blogger sind die Deutsche Welle Blog Awards, und wir haben uns qualifiziert!

Mit diesem Preis werden Webseiten in insgesamt elf Sprachen ausgezeichnet, die – so schreibt es der Veranstalter – im Sinne der Meinungsfreiheit den offenen Diskurs im Internet vorantreiben und bereichern.

Wir sind in der Kategorie „Best Blog German“ nominiert worden. Schon die Nominierung bedeutet uns viel, denn sie zeigt, dass unsere Arbeit wahrgenommen und geschätzt wird. Aber sagt mal ehrlich: Spielt man, um zu spielen, oder spielt man, um zu gewinnen? Genau. Und wenn die Gegner VfL Bochum, Borussia Mönchengladbach und Schalke 04 heißen, und man selbst ist beispielsweise der 1. FC Union Berlin? Meinen wir doch auch.

Wir nehmen die Herausforderung gerne an, wir wollen gewinnen. Das können wir nur mit eurer Unterstützung. Die Spielregeln stehen hier: http://thebobs.dw-world.de/de/category/start/

Danke!

Hana, dul, sed …

Das 11mm-Festival widmet sich in diesem Jahr in besonderem Maße der filmischen Umsetzung des Frauenfußballs. Eingeleitet wurde die Reihe der Frauenfußballfilme gestern mit dem Dokumentarfilm “Hana, dul, sed …” von Brigitte Weich. Sie begleitet darin vier nordkoreanische Fußballspielerinnen während und nach ihrer Nationalmannschaftskarriere und zeichnet zugleich ein sehr genaues Bild des heutigen nordkoreanischen Alltagslebens.

Brigitte Weich kommt aus dem Bereich des Kulturmanagements, “Hana, dul, sed …” ist ihr erster Film. Schon seine Entstehungsgeschichte ist bemerkenswert. Während eines Besuchs in Nordkorea im Jahr 2002 entdeckt sie Parallelen in der Geschichte Koreas und Deutschlands. Sie beginnt sich mit der Teilung des Landes nach dem zweiten Weltkrieg und seinem Führerkult auseinanderzusetzen und stößt auf ein Gesellschaftsmodell, das überall in der Welt als gescheitert gilt. Brigitte Weich will über dieses Land erzählen, das ihr wie eine einzige große Kulisse vorkommt und deshalb wenig greifbar ist. Augenfällig wird die Symmetrie, die strenge Ordnung schon bei einer der ersten Außenaufnahmen. Die Menschen fügen sich wie Mosaiksteinchen zu Ornamenten vor der gigantischen Statue des großen Generals. In einer späteren Sequenz sitzen Jugendliche in einer Musikschule aufgereiht wie eine Militärkapelle. Alle Spielerinnen der Nationalmannschaft tragen völlig identische Haarschnitte.

Brigitte Weich sucht aber nach Alltag, nach wirklichem Leben. Beides vermutet sie im Fußball, und das nordkoreanische Frauenteam gilt zu der Zeit als eines der besten. Sie fragt 2003 nach, ob sie eines der Spiele der Frauennationalmannschaft besuchen dürfe. Es hat bis 2007 gedauert, bis ihrem Wunsch entsprochen wurde. Und doch meint sie rückblickend, die Verwirklichung ihres Filmprojektes sei leicht gewesen. Die Drehbedingungen waren unerwartet gut, denn die koreanische staatliche Filmagentur wollte diesen Film ebenfalls und habe sie sehr unterstützt.

Als Brigitte Weich mit den Dreharbeiten beginnt, stehen vier junge Frauen vor ihr, die zum Teil gegen den Willen ihrer Familien am Anfang einer Fußballkarriere stehen, die vom Staat forciert wird. Ihr größter Wunsch sei es, dass der große General sie kennt, sagt eine der Spielerinnen. Ich bin 1,68 m, so groß wie Maradona, und der ist weltberühmt – das kann ich auch, sagt eine andere. Ob Training oder Länderspiel, als Motivation hört man den Dreiklang “Für den General, für das Volk, gegen den Feind” überall durch. Es dauert eine Weile, bis man versteht, dass das ernst gemeint ist. Als die Nordkoreanerinnen 2003 bei der WM gegen die USA verloren und 2004 an der Qualifikation für die Olympischen Spiele gegen Japan scheiterten, endete der sportliche Weg der vier Spielerinnen abrupt. Das Nationalteam wurde umgebaut und verjüngt. Dies war nicht wirklich vorhersehbar, und Brigitte Weich hatte nunmehr Gelegenheit, die Rückkehr der vier ins zivile Leben zu beobachten. Wie verarbeiten sie den Bruch in ihrem Leben, wie nehmen sie die ihnen ursprünglich zugedachten Rollen als Frauen im traditionellen, nordkoreanischen Gesellschaftsgefüge an?

Den Film zeichnet aus, dass die Deutungshoheit letztlich beim Zuschauer verbleibt. Brigitte Weich zeigt, ohne zu kommentieren. Sie nimmt die Frauen und ihr Land so an, wie sie sind. Ein deutscher Zuschauer wird ihren Film anders lesen als ein koreanischer. Mit Ausnahme eines Satzes, der gegen Ende des Films fällt. Gefragt, was das Schöne am Fußball sei, ringt die Spielerin sichtlich um Worte, denn ihre Karriere ist beendet worden. Wenn sie das Spielfeld betrete, sagt sie, wird das Herz weit.

“Hana, dul, sed …” wird am Dienstag, 29. März 2011 um 19:30 Uhr noch einmal im Kino Babylon in Berlin gezeigt. Weitere Spielorte stehen auf der Facebook-Seite zum Film.

Willkommen in der wirklichen Welt

Gestern abend wurde das diesjährige 11mm-Fußballfilmfestival im Berliner Kino Babylon eröffnet. Auftakt war die Welturaufführung von Aljoscha Pauses Langzeitdokumentation über Thomas Broich, „Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen“.

Vorab dies: Wer seine Illusionen über den Traumberuf Fußballprofi behalten möchte, darf sich diesen Film auf gar keinen Fall ansehen. Allen anderen sei er dringend empfohlen, denn es ist einer jener seltenen Filme, die zwischen der Welt der Fußballspieler und dem Paralleluniversum des Fußballpublikums vermitteln. Man sollte ihn sich mit seiner Lieblingsfußballmannschaft zusammen ansehen. Man könnte sich anschließend stundenlang sinnvoll unterhalten, ganz ohne Bier, Vereinstradition und Schulterklopfen.

Aljoscha Pause hat den Fußballspieler Thomas Broich über acht Jahre begleitet. Aus 100 Stunden Material ist ein zweistündiger Dokumentarfilm entstanden, der vor allem Fußballalltag aus der Sicht des jungen Spielers zeigt. Dazu wurden die Interviews mit Broich, seinen Mitspielern, Trainern, seiner Lebensgefährtin und seiner Familie, die während dieser Zeit entstanden, aneinander gereiht und von Thomas Broich aus der Jetzt-Perspektive kommentiert. Öfter als einmal passiert es ihm, dass er sich befremdlich findet, über seine damalige Selbstinszenierung lachen muss, sich unerträglich eitel nennt. „Selbstbewusst oder abgehoben?“ fragt er sich dann.

Der Film setzt 2003 ein, Broich war gerade mit Wacker Burghausen in die zweite Bundesliga aufgestiegen und galt als großes Talent. Er wechselte im Jahr darauf in die Bundesliga zu Borussia Möchengladbach. Zu erwarten waren nunmehr ein kometenhafter Aufstieg, die Nationalmannschaft und eine große internationale Karriere. Die spielerische Befähigung dazu wurde ihm von allen Seiten zugesprochen. Thomas Broich spielt heute bei Brisbane Roar in Australien. Der Film untersucht, was ihn in der Bundesliga immer wieder aus der Bahn geworfen hat. Er selbst bezeichnet seine Geschichte als die eines Scheiterns und sagt über sich „Ich bin kein sonderlich erfolgreicher Spieler“.

Das mutet seltsam an, wenn man berücksichtigt, wie weit nach oben es Thomas Broich trotz alledem geschafft hat. Verständlich wird es erst, wenn man sich vor Augen hält, was für ihn möglich war.

Aljoscha Pause hatte in mehrfacher Hinsicht großes Glück mit seinem Protagonisten. Thomas Broich ist nämlich kein tragischer Held. Die Geschichte wäre nicht erzählenswert, wenn ihn Verletzungen oder Krankheit gehindert hätten. Er beklagt sich auch nicht. Es waren seine Persönlichkeitsstruktur und das System Bundesliga, die nicht zusammengepasst haben. Wie sehr kann man sich als Person zurücknehmen, ohne Schaden zu erleiden? Wann ist der Punkt erreicht, an dem man besser aufgibt? Darf man überhaupt aufgeben, wenn man so glänzende Aussichten hat? Man merkt dem Film außerdem an, dass sich Broich und Pause mochten und vertrauten. Und schließlich wirkt Broich zu jeder Zeit reflektiert und sympathisch.

Heute sagt er, er habe sich damals nicht vorstellen können, auf was er sich einließ, als er Pause und seinem Filmprojekt zusagte. Schon gar nicht, dass er damit einmal bei einer Filmpremiere auf der Bühne landen würde. Viele Szenen hätte man zu Broichs Zeit in Deutschland auch nicht zeigen können, ohne ihn postwendend arbeitslos zu machen. Beispielsweise die, in der sich Christoph Daum über Thomas Broich und Thomas Broich über Christoph Daum äußern. Ein größeres Mißverstehen zwischen Trainer und Spieler ist kaum vorstellbar.

Etwas irritierend sind die Bilder von Thomas Broich heute in Australien. Sie taugen sicherlich als Ausdruck momentanen Empfindens, es bleibt aber fraglich, ob sie in zwei Jahren noch gültig sind. Sie erinnern, und das ist wohl kein Zufall, an seinen Karrierebeginn, als die Welt noch in Ordnung schien. Die letzten Sequenzen, der Gewinn der australischen Meisterschaft, sind erst kurz vor der Uraufführung des Films angefügt worden. Das merkt man, hier entsteht ein Bruch in der ansonsten konsequenten Umsetzung, der aber verschmerzbar ist. Es bleibt ein langer, aber sehr lehrreicher Film, in dem nichts Spekatuläreres als der ganz alltägliche Wahnsinn gezeigt wird. Ganz am Rande werden viele Fragen aufgeworfen, die sich jeder Fußballfan ruhig einmal stellen darf, bevor er das nächste mal „Scheiß Millionäre“ ruft.

Oberliga is pain in the ass.

Das hatte sich Trainer Bahman Foroutan im Jahnsportpark sicher ganz anders vorgestellt. Der Trainer saß in der Pressekonferenz nach dam Achtelfinalspiel zwischen BFC Dynamo und BAK wie immer mit seiner Schiebermütze, eingerahmt von BFC-Pressesprecher Martin Richter und BFC-Coach Heiko Bonan. Der große Raum in der Haupttribüne war sicher für andere Oberliga-Verhältnisse gestaltet worden. Für eine erstklassige Oberliga. Jetzt ist sie nur noch fünftklassig und es waren nur die gekommen, die es wirklich interessiert hatte: Fußballwoche, TVB und Berliner Kurier. Der Einfachheit halber blieben deshalb an den allen anderen Tischen die Stühle auf den Tischen.

Aber nicht das störte Foroutan. Seine Mannschaft, der Berliner AK, ist souveräner Tabellenführer. Nur eine Niederlage in 21 Spielen und dabei nur sechs Gegentore sind ein klares Zeichen. Trotzdem verlor der BAK das Pokalspiel 2:1 nach Verlängerung. Doppelt bitter für die Moabiter: Das Gegentor zum Ausgleich fiel erst in der 92. Minute. In der Verlängerung kam der BFC erst in der 119. Minute zum Siegtreffer. Aber Foroutan, der kurz von 1983-84 die iranische Nationalmannschaft betreute, funkelte kurz mit den Augen und sagte dann: “Mir war klar, wer dieses Spiel gewinnt, wird Pokalsieger. BFC, herzlichen Glückwunsch zum Pokalsieg. Vielleicht bekommt ihr in der ersten Runde des DFB-Pokals Bayern München.”

Den Trainer wird die Niederlage nicht so schmerzen wie den Manager vom BAK. Wer im DFB-Pokal startet, bekommt ungefähr 120.000 € als sichere Einnahme. Nichts, was ein Bundesligist merken würde. Aber für einen Oberligisten kann das schon einen Großteil des Etats ausmachen. “Normalerweise gewinnen wir immer mit einem Tor”, haderte Foroutan dann doch kurz. Seine Augen funkelten. Aber ich musste wegen Verletzungen unseren Innenverteidiger und linken Verteidiger herausnehmen. Da war klar, dass wir noch ein Tor bekommen würden.”

Foroutan weiß, dass das Problem seiner Mannschaft woanders liegt. Der Coach des BAK muss wissen, dass er eine Art van Gaal der Oberliga ist. “Wir sind schon aufgestiegen”, sagte er lächelnd. Wissend, dass nur ein zweiter Verein in der Oberliga überhaupt einen Lizenzantrag für die Regionalliga gestellt hat. Der BAK besitzt technische Fähigkeiten und ein sicheres Passpiel, das bis zur dritten Liga selten zu sehen ist. Ein frühes Führungstor des BAK, wie im Pokalspiel in der 4. Minute, reicht zum Sieg. Im Normalfall. Dann sieht der Gegner den Ball nur noch aus der Entfernung. Auch der BFC lief lange nur den Pässen hinterher. Am aktivsten war noch dessen Trainer Bonan, der wie alle ehemaligen Profis, die auf einem bestimmten Niveau spielten, bei jedem versprungenen Ball ausflippte.

Das Problem der Spielweise des BAK wird klar, wenn etwas unvorgesehenes passiert. Ein Gegentreffer zum Beispiel. Die Mannschaft hat sich durch das Spiel “Tod durch Ballbesitz” bereits in eine solche Trance gespielt, dass sie einfach nicht mehr daraus aufwacht. So geschehen beim Ausgleich des BFC in der 92. Minute. So sehr die Fans des BFC berechtigt über diesen Erfolg jubelten. Aber Olaf Seier, Trainer vom sechstklassigen SV Empor Berlin, wird nichts gesehen haben, was ihn sonderlich beunruhigen musste. Entspannt trank er sein Bier auf der Tribüne und zog an seiner Zigarette. Denn die Oberliga ist der direkte Nachbar der Berlin-Liga. Vom BFC Dynamo und dem BAK ist es also nur ein kleiner Schritt zu Empor Berlin, Eintracht Mahlsdorf oder Lichtenberg 47.

Stürmertore.

Wir freuen uns so sehr über die beiden Stürmertore, dass wir die Treffer des Spiels gegen Bielefeld wieder analytisch bearbeitet haben. Ob das ungefähr die Qualität hat, wie die Spielanalysen von Daniel Stenz für die Mannschaft, wissen wir nicht. Aber wir merken uns für ein Gespräch mit Unions Videoanalytiker die Einstiegsfrage: “Bereiten Sie Spielszenen lieber mit Legofiguren oder Subbuteomännchen auf?” Das sollte das Eis sofort brechen.

Gute Strafen, schlechte Strafen.

Trainer Uwe Neuhaus hat gewarnt. Allerdings vor dem Gegner und nicht vor dem Schiedsrichter. So kam es gegen Arminia Bielefeld wieder zu einem Spiel, wie es für Union typisch ist. Leidenschaft. Kampf. Willensstärke. Alles Attribute, die in der Vorwoche nicht unbedingt mit dem neuverlegten Rasen in Verbindung gebracht wurden.

Gemeinsam mit Mathias Bunkus (Berliner Kurier), Hans-Martin und Robert reden wir über Bestrafungen von und mit dem Schiedsrichter. Und im Zusammenhang mit der Spendenaktion für die Geldstrafe für das Abbrennen von Pyro im Derby gegen Hertha diskutieren wir gute Strafen und schlechte Strafen. Aber es gibt auch schönes zu berichten. Auf wundersame Weise schossen nämlich zwei Stürmer die Tore für Union beim 2:2 gegen Bielefeld.

Themenliste:

  • 00:00 Was passiert mit dem Geld aus unserem Phrasenschwein?
  • 02:00 Union mit Schiedsrichter bestraft. Wir hadern.
  • 19:05 Gute Strafen, schlechte Strafen. Der Umgang mit den unterschiedlichen DFB-Strafen.
  • 28:00 Die Absage des Testspiels gegen RB Leipzig.
  • 40:33 Was ist mit dem Bunki-Countdown (Punkte bis Klassenerhalt)?
  • 45:32 Das Positive: Stürmertore.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.