Monthly Archive for Mai, 2010

Spieltrieb.

Dass Daniel Schulz ein ruhiger Zeitgenosse sei, hatte Unions Pressesprecher Christian Arbeit angekündigt. Das scheint unter Innenverteidigern so üblich und kann zwischen norddeutsch-nassforsch, brandenburgisch-barsch bis westfälisch-wortkarg alles mögliche bedeuten. Daniel Schulz betreffend heißt ruhig aber vor allem: Besonnen. Ein aufgeräumter junger Mensch mit sehr viel Übersicht, klar definierten Zielen, einem hohen Maß an Selbstdisziplin und professioneller Distanz.

Seine ersten Spiele für den 1. FC Union bestritt er in der Saison 2004/05. Union spielte Regionalliga Nord, Marcel Rath trug die 18, Frank Lieberam war Trainer, Sebastian Bönig hatte lange Haare, die Auswärtstrikots waren grellorange, Jan Glinker löste Marco Sejna ab, Florian Müller galt als Hoffnungsträger und Tom Persich war nicht aus der Mannschaft wegzudenken. Fester Bestandteil der Herrenmannschaft wurde Daniel Schulz dann in der Saison 2006/07.

Die aufregendsten Überschriften, in denen er erwähnt wird, lauten sinngemäß “Ist Kapitän/Ist nicht Kapitän”, “hat sich verletzt”, “spielt U21-Nationalmannschaft” und seit Freitag “wechselt nach Sandhausen”. Auffällig war er in seinen Berliner Jahren einzig durch sportliche Leistung. Keine Cousinen, keine Whirlpools. Discoschlägereien, Frisurenwunder oder rätselhafte Tätowierungen: Genau null. Ein Sportler, der Präzisionsantworten auf Sachfragen gibt. Der Boulevard stürzt sich vor Langeweile aus dem Fenster. Ein jeder Sportjournalist weint heiße Tränen der Verzweiflung. Einen besseren Gesprächspartner, um realistische Auskünfte über den Traumberuf Fußballprofi zu erhalten, findet man nicht.

War Fußball eine bewusste Entscheidung von Dir, oder haben das Deine Eltern für Dich ausgesucht?

Ich wollte sogar noch früher anfangen, Fußball zu spielen – meine Eltern haben gesagt, warte mal noch, ein, zwei Jahre – aber als ich dann in der ersten Klasse war, haben sie mich beim VfB Friedrichshain angemeldet.
Man sollte immer darauf achten, dass das Kind die Eigeninitiative ergreift. Man sollte niemanden in eine Schublade stecken. Ich habe das auch mit meinem Bruder so beobachtet: Wenn die Väter da so am Spielfeldrand stehen und alles besser wissen und nur ihren Jungen zusammenstauchen, finde ich das schon ganz schön abartig. Der Junge sollte da hin gehen, Spaß haben, und die Eltern sollten sich total raus halten.

Wie ist der Übergang aus dem Jugendbereich in die erste Mannschaft, wie kommt man an, wie behauptet man sich?

Es ist schon ein ziemlicher Sprung, weil einfach viel athletischer gespielt wird. Du bist köperlich noch nicht auf dem Niveau, das man eigentlich braucht. Man ist ein bißchen naiv und denkt auch noch nicht darüber nach, seinen Körper zu pflegen, gewisse Kraftübungen zu machen, die aber wichtig sind. Für mich war der Sprung trotzdem relativ angenehm, weil wir damals “nur” in der Oberliga gespielt haben. Da ist der Unterschied weniger groß, als wenn du direkt in eine Zweitligamannschaft wechselst, und die Mannschaft hat mich damals toll aufgenommen.

Ist Vielseitigkeit dabei von Vorteil? Ich denke an Christoph Menz, der auf sehr unterschiedlichen Positionen spielt.

Das ist sicherlich eine Eigenschaft, die dich immer mal zu Einsätzen bringt, aber ich bin mir nicht sicher, ob es dich dauerhaft zu Einsätzen, also zu einer konstanten Saison bringt. Wenn Du immer nur hinten dran bist, einspringst, wenn einer ausfällt, ist das sicherlich eine gute Eigenschaft, aber man sollte auch ein, zwei Positionen wirklich gut spielen können und richtig beherrschen.

Wie sieht ein normaler Tag bei euch aus?

In der Saisonvorbereitung hast du am Tag zwei oder drei Trainingseinheiten und bist den ganzen Tag beim Verein. Du fährst frühmorgens hin, absolvierst die erste Trainingseinheit, und je nachdem, ob du weit weg wohnst oder nicht, fährst du in der Mittagspause nach Hause oder bleibst beim Verein, legst dich da schlafen. Manche Trainer schreiben das sogar vor, dass man da bleibt, weil die Regeneration immens wichtig ist. Dann gibt es die zweite Trainingseinheit, und man muss das Training auch vor- und nachbereiten. Das kann Massage sein, oder so – einfach, um wieder runter zu kommen. Danach fährt man nach Hause.

Wie vereinbart man den Beruf Fußballprofi mit einem Sozialleben? Wenn andere Leute am Wochenende ihre Familie sehen, steht ihr auf dem Platz, euer Urlaub ist knapp bemessen, und ihr könnt schlecht sagen: “Ich fahr jetzt mal sechs Wochen nach Brasilien”.

Das ist sicherlich der saure Apfel, in den man dann beißen muss – aber die Annehmlichkeiten überwiegen. Mal ist um 10 Uhr, mal um 14 Uhr Training. Über die Woche ist das ein ganz anderes Arbeiten als bei normalen Arbeitnehmern, die jeden Tag um 6 Uhr aufstehen, um 8 Uhr anfangen und um 16 Uhr Feierabend haben. Für mich ist Fußball da einfach geil.
Ich habe das damals angefangen, weil es mir Spaß gemacht hat ? du siehst die ganzen Profis und willst das auch. Du spielst halt, weil es dir Spaß macht, und über die anderen Sachen denkst du nicht nach.

Viele Leute, die auf dem selben Weg waren, haben aufgegeben, noch bevor sie eine Profikarriere angefangen haben. Aus ganz unterschiedlichen Gründen, weil sie etwa Musik interessanter fanden, oder sich lieber abends rumtreiben wollten, haben sie das Training schleifen lassen und sind dann aus dem Raster gefallen. Hattest Du solche Phasen?

Ich wollte schon immer Fußball spielen, das hat mich begeistert. Und irgendwann wird einem bewusst, spätestens, wenn man erfolgreich ist, dass es reichen könnte, um oben anzukommen. In dem Moment muss man sich entscheiden, und ich hab viele gesehen, die sich dagegen entschieden haben, weil sie es zu stressig fanden oder lieber eine Ausbildung machen wollten. Das war bei mir aber nie so. Ich wollte oben ankommen, und deshalb hab ich das auch immer so intensiv verfolgt.

Wie plant man die Karriere nach der Karriere? Plant man die überhaupt, und wird oder ist man darauf vorbereitet?

Ich habe mein Abitur gemacht. Ich bin der Meinung, dass es wichtig ist, dass man wenigstens ein Abitur hat und die Schule nicht abbricht. Ich würde wahrscheinlich versuchen zu studieren, aber ich hab ja bis dahin hoffentlich noch ein paar Jahre, darum denke ich jetzt noch nicht so intensiv darüber nach. Ich weiß auch nicht, ob ich später im Fußballbereich bleiben will. Wir werden aber nicht speziell darauf vorbereitet. Jeder muss für sich überlegen, was er danach machen will.

Neben Ehrgeiz und Selbstdisziplin braucht man die Fähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Hartnäckigkeit. Was sonst noch?

Ja, auch wenn viele das nicht so sehen, was der Fußballberuf mit sich bringt. Es steckt schon viel dahinter. Es sind sicherlich andere Arbeitszeiten, aber es ist auch ein stressiger Beruf, allein vom Kopf her. Man sieht das an der Sache mit Robert Enke. Das geht an Spielern nicht einfach so vorbei. Das ist sicherlich typabhängig, und an manchen prallt es ab, aber andere belastet es. Man muss einiges aushalten können.

Zum Beispiel, dass Dir sechs- bis zwölftausend Leute sagen, was sie von Dir halten – und zwar gleichzeitig. Wie geht man damit um?

Man nimmt das natürlich wahr, und es trifft einen auch, aber man sollte überlegen, wie man solche Sachen einordnet. Das hat ja teilweise nichts mit Fachkenntnis zu tun, das kommt aus der Emotion heraus. Da sollte man, und das macht auch jeder, oder sollte jeder machen, eine Art Schutzschild aufbauen und das auch ein bißchen an sich abprallen lassen. Man sollte aber auch selbstkritisch sein. Das gehört in dem Beruf dazu, dass man kritikfähig ist.

Was ich aber viel schwerer auszuhalten fände, wäre Zuneigung, oder eigentlich: vereinnahmt zu werden.

Damit hab ich kein Problem. Klar, sicherlich ist es ab irgendwann auch anstrengend, wenn eine Grenze erreicht ist, wo man sagt: Jetzt will ich meine Ruhe haben. Man muss nicht 24 Stunden am Tag in der Öffentlichkeit stehen. Das sind 90 Minuten am Spieltag, vielleicht ein bißchen länger, oder wenn man Leute am Trainingsplatz sieht. Ich mag die Leute, wenn sie Stimmung machen, anfeuern – das ist unglaublich. Aber ich muss nicht in der Öffentlichkeit stehen.

Fällt es dir schwer wegzugehen? Bei der Verabschiedung vor dem Spiel gegen Vitesse Arnheim hatte ich schon den Eindruck, dass Dich das angekratzt hat.

Sicher. Wie lange war ich jetzt hier? Neun Jahre.

Das ist lange, eigentlich.

Das ist sehr lange. Ich bin Berliner, absolut Berliner, und klar ist es für mich schwer, hier wegzugehen – vom Verein, aus der Stadt. So richtig verarbeitet hab ich das auch noch nicht, dass ich wegziehen muss. Ich bin bin ziemlich traurig darüber – aber das wird schon irgendwie.

Steven Ruprecht hat es, glaube ich, gut getan. Er ist ja auch nicht ganz freiwillig gegangen, aber sportlich hat ihn der Neuanfang in Ingolstadt weitergebracht. Kannst Du in Deinem Wechsel jetzt auch so etwas wie eine Chance sehen?

Ich hoffe es, und ich gebe natürlich alles dafür, dass es eine Chance für mich wird, dass ich mich wieder irgendwo reinbeiße und da etabliere, so wie es Steven auch gemacht hat.

“Fußballspieler sein ist wie eine einzige große Klassenfahrt”, sagt ein Freund von mir. Und wenn man sich die Kolumne im Berliner Kurier ansieht, die Torsten Mattuschka und Mathias Bunkus in diesen Tagen zusammen gemacht haben, findet man den Eindruck bestätigt.

Das gehört zu einer Mannschaft, und der Zusammenhalt, das Mannschaftsgefüge war bei uns immer etwas besonderes. Dass Späße gemacht werden, gehört einfach dazu. Man ist so eine Truppe, man ist nur unter Männern, und sicher ist es verdammt wichtig für eine Mannschaft, die vor allem über die Gemeinschaft funktioniert – im Spiel hilft es dir ungemein, wenn du so einen Zusammenhalt hast, Spaß hast, mit der Truppe zusammen zu sein, wenn du dich morgens einfach freust, okay, jetzt komm ich in die Kabine, und da ist die Stimmung gut; du kommst mit allen einigermaßen aus, machst teilweise viel privat mit denen. Das ist in anderen Mannschaften vielleicht nicht ganz so, und das war in diesem Jahr, oder vielleicht sogar in den letzten Jahren unser Vorteil, unser Plus, dass wir eine eingeschworene Gemeinschaft waren.

Bleibt da noch Raum für Leute, die sich gar nicht mit Sport beschäftigen oder bleibt ihr doch eher unter euch? Fällt man aus dem Gefüge nicht raus, wenn man zum Beispiel in der Reha ist?

Das denke ich eigentlich nicht. Es kommt natürlich darauf an, wo und wie lange man die Reha macht. Wenn man länger weg ist und die Leute erstmal gar nicht sieht, verliert man ein bißchen den Draht, aber das kommt ganz schnell wieder. Wenn Du wieder dabei bist, wirst Du wieder aufgenommen in die Gemeinschaft.

Ob man Freunde außerhalb des Sports hat? Bei mir persönlich relativ wenig, weil ich meine Freunde immer über den Sport kennen gelernt habe. Ich war auf der Sportschule, da ist das noch extremer. Ansonsten ist es bei mir die Familie, die mir viel Rückhalt gibt, die aber eben auch sehr sportinteressiert ist.

Wie nimmt man den Prozess der Auslese wahr? Merkt man, wenn man andere Sportler hinter sich zurücklässt? Und bleibt man trotzdem in Verbindung?

Es ist kein Maßstab für mich, ob die Leute, mit denen ich auf der Sportschule war, noch Leistungssport machen oder nicht, aber man verliert den Kontakt, auch zu denen, mit denen man sich gut verstanden hat.

Aber man ist natürlich stolz auf das, was man selbst geschafft hat. Und man hat die Vergleiche von damals mit Leuten, von denen man denkt, die hätten es auf jeden Fall geschafft. Die waren so viel besser, und jetzt ist man selbst derjenige, der es durchgezogen hat. Da sollte man auch stolz drauf sein, wenn man sich solche Ziele setzt.

Kannst Du Dir ein Leben vorstellen, wie es John Jairo Mosquera fährt?

Bei ihm ist das extrem, auch wegen der Sprache. Das ist nicht mein Anspruch, das möchte ich eigentlich nicht. Ich möchte versuchen, meine Verträge zu erfüllen, mich zu entwickeln ? ohne dabei zehnmal in zehn Jahren umzuziehen. Ich möchte jetzt etwas finden, wo ich wieder wachsen kann, mich etablieren.

Naja, manche werden Flugbegleiter, weil sie gerne unterwegs sind.

Nee, das ist nichts für mich. Ich muss das zwar jetzt machen, aber die Familie – die sind ja alle hier in Berlin, und die lässt du ja alle erstmal zurück. Ich meine schon, dass das wichtig ist, dass man die regelmäßig sieht und nicht nur telefoniert.

Warten auf einen Anruf vom Bundestrainer.

Seit heute Vormittag berichtet wurde, dass Michael Ballack aufgrund eines Innenbandrisses auf die WM wird verzichten müssen, geistern verschiedene Ersatzvarianten durch das Internet. Beispielhaft dafür die von heinzkamke bei Twitter.

Gesucht wird ein torgefährlicher Mittelfeldspieler und da kann eigentlich nur die, laut Sky Top-11 der Saison, “personifizierte Standardsituation” in Frage kommen: Torsten Mattuschka. Anstatt sich zu freuen, kommen natürlich zuerst die Bedenkenträger in rot-weiß hervor.

Der Einwand mag berechtigt sein, wenn bedacht wird, dass Mattuschka in der vierten Liga zu Union kam und sich selbst in die zweite Liga katapultiert hat. Zehn Tore und sieben Vorlagen sprechen ihre eigene Sprache. In Anspielung auf die ab und zu sichtbar gewesenen Schwankungen des Kampfgewichts wird jedoch klar ein Vorteil in der WM-Teilnahme gesehen.

Argumente, die auch die Zweifler überzeugen. Zumal, wenn sie selbst kürzlich erst den Rennsteiglauf absolviert haben.

Wäre das also geklärt. Nur was passiert mit Tusches Lied? Zwei Vorschläge wurden bereits eingereicht.

Morgen in Schönow lautet also die entscheidende Frage an Mattuschka: “Hat sich der Bundestrainer schon bei Ihnen gemeldet?”

Das Finale in Berlin ist etwas besonderes.

Das Pokalfinale in Berlin sei etwas besonderes, wird oft gesagt. Warum das so ist, wird dabei allerdings mit keiner Silbe erwähnt. Wenn nicht gerade die beiden Stammfinalisten Werder Bremen und Bayern München aufeinandertreffen, ist die Teilnahme für die Vereine an sich ein Höhepunkt in ihrer Geschichte. Dazu müsste das Finale aber nicht in Berlin sondern könnte auch in Köln, Hamburg oder Düsseldorf stattfinden. Es ist wohl etwas besonderes, weil der Gang nach Berlin ritualisiert wurde. So gibt es das merkwürdige Synonym vom “deutschen Wembley” für das Berliner Olympiastadion. Wobei zum Leidwesen der Berliner Hertha das Olympiastadion nicht wie das englische Vorbild abgerissen und neugebaut wurde.

Das besondere für den Berliner, der in den letzten 30 Jahren nur Amateurmannschaften aus seiner Stadt hat im Finale des DFB-Pokals stehen sehen, ist das Betrachten der Fangruppen tagsüber. Diese irren biertrinkend und singend durch die Stadt ohne auch nur ansatzweise ein sogenanntes Stadtzentrum inklusive Fußgängerzone zu finden. Eine große Berlin-Klassenfahrt, die immer noch meint, in Berlin spiele sich das Leben auf dem Kurfürstendamm ab. Ansonsten gilt auch hier das stoische Motto des Ureinwohners: “Mir kann keener, aber mich könn’se alle!”

Zum Klassentreffen wird das Pokalfinale auch für die Sportjournalisten. Einmal jährlich treffen sie sich in Berlin. Bei Kartoffelsuppe werden Schultern geklopft und dieses Jahr im speziellen das Foul von Kevin-Prince Boateng an Michael Ballack diskutiert. Ein polnischer Kollege fragt interessiert nach den Gründen für die katastrophale Saison von Hertha. Und auch er entrüstet sich darüber, dass in Deutschland ausgerechnet die Hauptstadt keinen Vertreter mehr in der ersten Liga habe. Eine Steilvorlage, die Berliner mittlerweile blind doppelt versenken können. Zunächst der sachte Hinweis, dass Deutschland nicht das einzige europäische Land ohne Hauptstadtklub ganz oben sei. Schließlich würde der FC Vaduz auch nicht in der ersten Liga kicken. Während sich das Gegenüber verschluckt, wird gekonnt hinterhergeschoben, dass vor 1990 auch niemand einen Stammplatz des Bonner SC eingefordert hätte.

Zum Finale werden die jeweiligen Stadionsprecher der Vereine eingeladen. Eine gut gemeinte und besondere Idee. Aber gut gemeint bleibt trotzdem das Gegenteil von gut gemacht. Schon zuvor hatte der eigentliche Stadionsprecher Animationsversuche gestartet, die an ein Kinderpuppentheater (“Kann ich mal die Fans vom SV Werder Bremen hören?”) erinnerten. Durch die geringe Zeit, die den vereinseigenen Stadionsprechern zur Verfügung stand, wirkten beide wie gestresste Animateure während eines Kluburlaubs im Mittelmeer. Zusätzlich wurde von der Stadionregie jeder Versuch unternommen, Gesänge der Anhänger nicht aufkommen zu lassen. Unschöner Nebeneffekt: Auch Gespräche mit dem Nachbarn waren so nur noch mit gepflegtem Gebrüll durchzuführen.

Zu Beginn zeigten an diesem nasskalten Abend die Bremer eine Chroeographie, die misslang. Letztlich bekamen die Anhänger der Bayern einen jubelnden Bremer Spieler neben einem nass herumhängenden Bremer Hemd zu sehen. Ein Symbolbild der besonderen Art. Auf der Gegenseite verzichteten die Bayern auf eine eigene Darstellung, da ein Sponsor Vereinsfähnchen verteilt hatte, und dadurch die teure Choreographie nicht zur Geltung gekommen wäre. So wedelten die Roten mit ihren Winkelementen wie in der DDR das Fußvolk, wenn es am 1. Mai an der Ehrentribüne vorbeimarschierte.

Etwas besonderes war das Spiel auch für eine Delegation ukrainischer Polizisten. Diese weilten in Umkehrung zur bekannten Losung “Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen” dem Finale bei, um sich von den deutschen Kollegen zeigen zu lassen, wie eine Großveranstaltung hierzulande durchgeführt wird. Auf die Frage, ob sie angesichts der Probleme im Land noch mit einer Ausführung der Europameisterschaft 2012 in der Ukraine rechneten, antworten sie überzeugt: “Natürlich! Klar!” Ebenso überzeugt gaben sie sich von einem bevorstehenden Bremer Sieg. Seit Viktor Skripnik für den Klub gespielt hat, sind offensichtlich sämtliche Sympathien der ukrainischen Fußballfans den Bremern zugefallen. Erschwerend hinzu kam, dass sie sich sehr genau an das 3:3 Ausgleichstor in der letzten Minute durch Carsten Jancker im Hinspiel des Halbfinals der Champions League zwischen Dynamo Kiew und Bayern München erinnerten. Der Groll auf Jancker ließ sich auch nicht durch einen Verweis auf Oleg Blochins Tor gegen die Bayern vertreiben. “Das ist zu lange her.” Während des Spieles pressten die ukrainischen Polizisten immer wieder die gleichen Worte heraus: “Bestie. Bestie.” Doch zum Schluss standen auch sie und applaudierten der besonderen Leistung des FC Bayern.

Der Besuch dieses besonderen Endspiels wurde durch die Sportredaktion des Berliner Kuriers ermöglicht, der wir an dieser Stelle recht herzlich für diese Möglichkeit danken.

¡Adios Amigos!

Die Tradition der offiziellen Spielerverabschiedung am Ende der Saison – ich möchte sie so gerne mögen, denn vieles spricht für sie. Sie anerkennt Leistung, Einsatz, erlittene Knochenbrüche und das weit schmerzhaftere Ausharren auf der Ersatzbank.

Aber danach fehlen eben immer die Spieler, denen dies schöne Ritual gewidmet ist.

¡Adios Amigos! haben die Ramones ihr letztes Studioalbum genannt. Es ist das, was man Menschen mit auf den Weg gibt, die man schätzen gelernt hat. Adios, Marco Gebhardt, Michael Bemben, Carsten Busch, Hüzeyfe Dogan und Daniel Schulz!

Frische Fotos vom Saisonabschluss gibt es bei www.unveu.de und www.union-foto.de, und weil heute Sonntag ist auch im Fotoarchiv des ***textilvergehen***.

Schlusspunkt.

München war wunderbar. Ein Teil der ungefähr 3000 mitgereisten Unioner vergnügte sich in Erding beim ehemaligen Mannschaftskapitän Sebastian Bönig auf dem Treffen der Exil-Unioner. Das Treffen war ein kurzes Thema im Podcast, wobei es da vor allem um das Verständnis von zu Hause und Heimatgefühl geht. Viel mehr Zeit wird dem Spiel gewidmet, das gar nicht wunderbar war, und der Frage, ob Trainer Uwe Neuhaus doch dem einen oder anderen Spieler die Chance auf einen Abschied geben wollte.
Außerdem wurde der TSV 1860 betrachtet und die Wirkung, die der Verein im Stadion in Fröttmaning hinterlässt. Eine Art negatives Beispiel für Union.

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Auf Atmosphäre aus dem Stadion im Podcast wurde dieses Mal verzichtet. Als Beispiel, was bei 1860 darunter verstanden wird, kann der Jubel um das 1:0 gelten. Die jubelnden Zuschauer werden unter einem Klangteppich gekehrt.

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Und es wird zur schönen Gewohnheit, dass auch hier wieder ein Freud’scher Versprecher versteckt ist. Wer ihn findet, bekommt ein Getränk ausgegeben. Der erste Kommentar gewinnt.

Im Podcast sind jeweils kurze Audiosequenzen des Berichtes von AFTV über das Fantreffen in Erding enthalten. Darunter ein Ausschnitt des Interviews von Christian Arbeit mit Sebastian Bönig.

Gastfreundlichkeit

Das letzte Spiel des Jahres führt den 1. FC Wundervoll in ein Stadion, dass noch nie einen richtigen Namen besaß und auch nie Stadion genannt wurde. Wie bei einigen anderen Spielstätten, die nicht mehr Stadion sondern Arena heißen wollen, hat sich auch die Betreibergesellschaft in München für ein Kartensystem zur Bezahlung entschieden: Die Arena-Card. Der Vorteil für den Betreiber liegt auf der Hand. Die gesamte Abrechnung muss nicht mehr mit Bargeld durchgeführt werden, sondern kann durch elektronische Kassensysteme erfolgen. Ein Vorteil für den Besucher ist nicht zu erkennen. Für den Gästeanhänger erst recht nicht. Der darf sich vorher die Karte holen und muss es nach dem Spiel so organisieren, dass er die Karte wieder zurückgeben kann.

Um die Gästefans allerdings nicht allzusehr gegen sich und sein Kartensystem aufzubringen hat der Betreiber folgenden Hinweis veröffentlicht:

Hinweis für Gästefans: Speisen und Getränke dürfen im Gästesektor nicht in den Block mitgenommen werden.

Das erinnert an die sowjetische Variante des Verkaufs von Kwas oder Bier aus Kübeln auf Rädern. Damals hing am Kübel ein Becher, aus dem jeder das Getränk in einem Zug leerte. Der Becher wurde ausgewischt und danach war der nächste dran.

Bild: hanszinli

Zusätzlich kam als Information vom gastgebenden Verein, dem TSV 1860 München, noch folgende Verbotsliste:

Folgende Fanutensilien sind in der Allianz ARENA nicht erlaubt:
• Große Schwenkfahnen (auch nicht mit Fahnenpass) über 150 cm
• Doppelhalter, Megaphone
• Blockfahnen
• Rucksäcke, Obst
(Rucksäcke können am Gäste-Eingang abgegeben werden, sind während des Spiels beaufsichtigt und können nach Spielende wieder abgeholt werden.)

Es ist nicht davon auszugehen, dass kein Obst mitgebracht werden darf, damit im Stadion Obstsalatbecher verkauft werden können. Zynisch könnte von einer Lex Oliver Kahn gesprochen werden. Was auch immer der Hintergrund ist: Gastfreundschaft sieht in jedem Fall anders aus.

Alle meine Söhne sollen Björn heißen

Der Podcast zum Spiel gegen Bielefeld beschäftigt sich natürlich mit Björn Brunnemann. Schließlich war beim zweiten Treffer auf der Tribüne zu hören “Alle meine Söhne sollen Björn heißen”. Wir gehen die Checkliste von Trainer Neuhaus durch und spekulieren wer kommen, bleiben oder gehen könnte. Aufgegriffen wird anhand des Beispieles von Christoph Menz die stets wiederkehrende Frage, ob man als Allrounder nicht benachteiligt ist gegenüber Spielern, die sich spezialisiert haben. Zuletzt kommt noch einmal die Bootsfahrt zum Stadion und ihr Grund zur Sprache.

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Angebot und Nachfrage

Diese beiden Anzeigen, die sich in der aktuellen Fußballwoche bei den Ergebnissen und Neuigkeiten der Kreisliga B finden, bieten die Chance, inne zu halten. Naheliegend, dass sich beide Inserenten zusammentun könnten. Aber in welcher Situation stecken beide? Und was sagen sie uns?
Zunächst der Verein, der sich in Nordberlin verortet, was alles nördlich von Mitte sein kann. Vielleicht Prenzlauer Berg oder doch weit in Pankow oder Reinickendorf? Vielleicht gibt sich damit auch der Nordberliner SC zu erkennen? Man wünscht sich mit dieser regionalen Einordnung einen Trainer, der in der Nähe lebt. Einen Trainer, der weiß, wie das Umfeld im Bezirk aussieht, in dem sich seine Spieler bewegen. Außerdem soll es ein neuer Trainer sein. Der Verein öffnet sich der modernen Trainingslehre. Aber die Regularien müssen gewahrt bleiben. Eine entsprechende Fußballehrerlizenz ist vorzuweisen. Da bereits jetzt schon für die kommende Saison gesucht wird, trifft der zu verpflichtende Trainer auf ein vorausschauend arbeitendes Umfeld. Der bisherige Trainer setzt sich vielleicht wie per Handschlag abgesprochen zur Ruhe.
Im Gegensatz zu dieser ruhigen Anzeige wirkt das Inserat des Trainers auf Vereinssuche laut. Der Leser kann ihn sich buchstäblich vorstellen, wie er an der Seitenlinie wütet und die Wasserflasche zu Boden wirft. Er brüllt die Spieler an, die er als unfähig schimpft und spricht dem Vereinsvorstand, der ihm diese Spieler vorgesetzt hat, jeglichen Sachverstand ab. Wahrscheinlich hat er sich gesagt: “Denen werde ich es zeigen!” Die Forderung “mit realistischen Zielen” zeigt, dass die Wut noch nicht verraucht ist. Vielleicht wurde er gerade entlassen, weil ein Saisonziel nicht mehr zu erreichen war. Der Schlag mit der Faust auf dem Tisch ist das Ausrufezeichen am Ende der Bedingung. Ein Mann der klaren Worte, der nicht lange herumredet und deshalb auf Chiffre verzichtet und Mobiltelefon und E-Mail direkt angibt. Ein Verein, der Zucht und Ordnung als Saisonziel ausgibt, der meint, die eigene Mannschaft sei ein Sauhaufen, der bekommt sicher einen hervorragenden Trainer.