Monthly Archive for April, 2010

Über allen Gipfeln Ist Ruh’

Theo Zwanziger hat sich als DFB-Präsident das eine oder andere Mal für sein Krisenmanagement kritisieren lassen müssen. Zuletzt im Fall Amerell/Kempter. Anschauungsunterricht für den Politikstil Merkel bekam er vom ehemaligen Kanzleramtsminister und heutigen Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Auf Einladung des Ministers kamen am 23. April viele Vertreter ins Innenministerium, deren Aufzählung mit Titeln eine Reminiszenz an das Neue Deutschland und andere DDR-Zeitungen wäre. Neben dem Gastgeber und Theo Zwanziger, nahmen  unter anderem teil:

  • Christoph Ahlhaus, Vorsitzender der Innenministerkonferenz,
  • Reinhard Rauball, Präsident des Ligaverbandes
  • Christian Seifert, Vorsitzender der DFL-Geschäftsführung
  • Helmut Spahn, Sicherheitsbeauftragter des DFB
  • Jürgen Schubert, Inspekteur der Bereitschaftspolizei der Länder
  • Klaus Schlie, Vorsitzender der Sportministerkonferenz

Damit waren in Berlin tatsächlich alle versammelt, die etwas zum Thema zu sagen gehabt hätten (Gesamte Liste aller Teilnehmer). Natürlich ist das Fehlen der medial am stärksten wahrgenommen Gruppen, die Polizeigewerkschaften und die Fangruppierungen, ein Kritikpunkt der augenfällig ist. Zur Entkräftung wird auf die Teilnahme der Koordinationstelle Fanprojekte verwiesen, die allerdings keine Interessenvertretung von Fans ist, sondern hauptberuflich im Rahmen von Fanprojekten mit Fans arbeitet und zum Thema Fanarbeit berät, wie Michael Gabriel von der Koordinationsstelle auf Anfrage erklärt. Ob eine Teilnahme von Vertretern der Ultragruppierungen oder der Polizeigewerkschaften Sinn gehabt hätte, steht auf einem anderen Blatt. Allerdings ist ein Runder Tisch nicht rund, wenn die betroffenen Gruppen nicht ausgewogen und gleichberechtigt daran teilhaben können.

Ebenso wichtig wie die Teilnehmerliste eines Runden Tisches ist auch der Gesprächsinhalt. Während allerdings bei den Runden Tischen in der Wendezeit noch um Inhalte und die Verteilung von Macht gerungen wurde, kann man sich in der Nachbetrachtung des Runden Tisches zum Thema “Fußball und Gewalt” des Eindrucks nicht erwehren, dass es nur um den Austausch von Grußadressen und Worthülsen ging.

Thomas de Maizière:

Fußball ist ein großes Spiel und hat eine erhebliche Bedeutung in unserer Gesellschaft. Wir möchten uns miteinander verständigen und anstrengen, damit der Fußball weiterhin eine der größten Integrationskräfte unserer Gesellschaft bleibt. [...] Nutzen wir diese Botschaft heute – über den Fußball hinaus – gerade mit Blick auf den bevorstehenden 1. Mai als Aufruf an die ganze Gesellschaft: Schluss mit Gewalt! Das sollte heute unsere Botschaft sein.

Diskussionen? Streit? Differenzen? – Fehlanzeige! Stattdessen wird die anberaumte Pressekonferenz in den Saal der Bundespressekonferenz verlegt und erläutert, dass DFB und DFL den anderen Vertretern einen Zehn-Punkte-Plan vorgestellt hätten. Nähere Auskünfte,  was der Zehn-Punkte-Plan genau beinhaltet und wie die Reaktionen von staatlicher Seite darauf ausfielen, waren nicht zu erhalten. Sowohl der DFB als auch das Bundesinnenministerium verweisen in Anfragen auf den Initiator des Planes, den Ligaverband DFL. Von der DFL kommt der Hinweis auf die Pressemitteilung vom 19. April, die “sicher eindeutig genug” sei. Davon abgesehen, dass die Mitteilung der DFL vier Tage vor dem Runden Tisch veröffentlicht wurde, bleibt sie inhaltlich auch im Vagen. Zusätzlich bittet die DFL bei der Nachfrage nach Details des Zehn-Punkte-Plans um Verständnis: “[...] es wäre sicherlich nicht seriös, wenn wir vor Abschluß der Verschriftlichung unserer Beratungen voreilig und einseitig Stellung beziehen würden.” Wozu dann eine Pressekonferenz im Anschluss an den Runden Tisch anberaumt wurde, ist dann mehr als fraglich.

Einige Punkte lassen sich in den verschiedenen Pressemitteilungen identifizieren. Allerdings sind diese sehr allgemein gehalten:

  • Ab 2011 verzichtet die DFL auf die Austragung von Spielen um den 1. Mai. Für die darunter liegenden Ligen solle eine sorgfältige Prüfung der Spielansetzung stattfinden.
  • In den Vereinen sollen ein hauptamtlicher Fanbeauftragter und ein hauptamtlicher Sicherheitsbeauftragter eingestellt werden. Für die Vereine im DFL-Bereich ist das heute oft schon Realität. Ob das für andere Ligen auch gilt, ist unklar. Allerdings haben bereits jetzt schon Vereine in den Regionalligen Probleme, den vorgeschriebenen Sportdirektorenposten zu besetzen.
  • Intensivierung der präventiven Arbeit, wobei die Fanprojekte einen besonderen Stellenwert einnehmen würden. Auch hier fehlt jegliche Erläuterung der Phrase, die sicherlich jeder so unterschreiben würde. Wenn es allerdings um die Finanzierung der Fanprojekte geht, wird man sehen , was den Vertretern der Vereine, Verbände, Kommunen und Länder diese Arbeit wert ist.
  • Verbesserung der Kommunikationswege zwischen allen beteiligten Parteien. Noch eine Phrase, die erst mit Inhalt gefüllt werden muss.
  • Qualifizierungsoffensive. Dies kann sowohl Ordner als auch die eingesetzten Beamten betreffen. Was gemeint ist, wurde nicht erklärt.
  • Kontinuierlicher Dialog aller Beteiligten – vor allem von Fans und Polizei – unter Moderation der Liga. Ein interessanter Punkt, der allerdings wiederum durch PR-Sprech weichgespült und von jeglichem Inhalt befreit wurde.
  • Öffentlichkeitswirksame Maßnahmen für die Ächtung von Gewalt durch die DFL. Ob das mehr als ein bloßes Bannertragen von Profifußballern und das Verteilen von Klatschpappen sein wird, bleibt abzuwarten. Ebenso fraglich ist der Effekt solcher plakativen Aktionen.
  • Durchführung einer Studie zu den bisherigen Sicherheitsmaßnahmen durch die TU Darmstadt. Damit ist sicher auch die Evaluation der “Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen” gemeint. Wann diese Studie fertig sein soll und wer daran beteiligt sein wird, wurde nicht bekannt.

Wenn der vage Inhalt des Maßnahmenpaketes bereits einige Tage vorher von der DFL, die von allen Beteiligten als federführend bezeichnet wird, veröffentlicht wird und nach dem Runden Tisch niemand etwas Konkretes dazu sagen möchte, lässt das vermuten, dass es nur um den Showeffekt ging. Bekannt ist das Prozedere bereits von den vielen Gipfeln, die vor allem unter der Kanzlerin Angela Merkel zum anerkannten Politikstil wurden. Bei öffentlichkeitswirksamen Themen wird zu einem Gipfeltreffen geladen. Dort werden gegenseitige Absichtserklärungen postliert und am Ende gibt es die passenden immergleichen Gipfelbilder. Inhaltlich bleibt es allerdings weiter nebulös und allgemein. Das macht es schwierig, die verfassten Ziele überprüfen zu können. Was der DFB-Präsident womöglich für sein persönliches Krisenmanagement vom Runden Tisch mitgenommen hat, wird man sehen, wenn er demnächst auch zu Gipfeln in die DFB-Zentrale nach Frankfurt einlädt.

Mehr zum Thema: Presseschau zum Runden Tisch (Koordinationsstelle Fanprojekte)

Being Ritter Keule.

Es ist grundsätzlich schön, einen Glücksbringer zu haben. Wie schön es ist, ein Glücksbringer zu sein, beschreibt Tobias Kurfer in “Ritter des Rasens”. Der Magazin-Autor versucht sich jeden Monat auf´s Neue in eigenwilligen Berufen, wie etwa Sargträger, Erschrecker, Hundeausführer – oder Fußballmaskottchen. Im Aprilheft beschreibt er seine Erfahrungen als Ritter Keule:

Maskottchen sind ihrer hauptsächlichen Natur nach Wink-Elemente.

Das und die Erkenntnis, dass man -knuffig oder nicht- nur von Kindern einschränkungslos gemocht wird, lassen den Beruf des Mannschaftsbusfahrers verglichen mit dem als Maskottchen in ungeahntem Glanz erstrahlen. Nichtsdestotrotz ein sehr lesenswerter Artikel aus einer eher ungewohnten Sicht auf das Spielfeld.

There´s a new bus in town.

Erinnert sich außer mir noch jemand an die BMW-Art Cars? Die sind rein gar nichts gegen das, was ein guter Grafiker aus einem gewöhnlichen Mercedes machen kann. Klicken Sie hier und sehen Sie selbst. Ihr ah! und oh! dürfen Sie in die Kommentare schreiben oder direkt an Daniel Blauschmidt richten, bittesehr.

Und nur um den Gerüchten vorzubeugen: Holger Bahra lernt keinen neuen Beruf, der bleibt Torwarttrainer – auch wenn er da mit Auf-Achse-mäßiger Lässigkeit hinterm Steuer klemmt, wie Manfred Krug es nicht besser könnte. Den anderen Jungs, die alle “Mannschaftsbusfahrer” als Berufswunsch angegeben haben, sei gesagt: den Job macht schon jemand anders, leider. Ich habe ihn einparken sehen. Ich glaub, der kann das wirklich.

Ein Lied geht um die Welt.

Dem @nedfuller gewidmet. Dem Heinzi Kamke möge es eine Warnung sein!

Plappern gehört zum Handwerk

Der Duden hat sich mittlerweile dem Mainstream angeschlossen und nennt das, was früher ein Fehler war, heute eine Variante. Das ist die professionelle Form des Mechanismus’, dass etwas umso wahrer erscheint, je öfter es gesagt wird.

Samstag Abend. Eine volle Straßenbahn quält sich von der Warschauer Brücke Richtung Prenzlauer Berg. Das Verhältnis Bierflaschen zu Fahrgästen beträgt nahezu 1:1. Eine junge Frau berichtet begeistert von ihrer Auswärtsfahrt nach Hannover. Sie ist Anhängerin von Hertha BSC und hatte bei diesem Ausflug auch vom Ergebnis her viel Freude. Sie klingt überschwenglich und ihr Enthusiasmus wirkt ansteckend. Ihr Gesprächspartner mag die Hertha auch, war allerdings noch nie bei einem Auswärtsspiel dabei. Er überlegt, ob er das Wagnis angehen sollte.

“Wenn die Hertha dieses Wochenende nicht gewinnt, kann man es in der nächsten Saison zunächst erst einmal mit einer Auswärtsfahrt mit der S-Bahn probieren.” Ein Einwurf, bei dem die Hertha-Freundin argumentativ den Stahlhelm aufsetzt und das Maschinengewehr in Stellung bringt. Die Spiele zwischen Hertha und Union würden doch sowieso im Olympiastadion stattfinden und außerdem sei das Unionstadion nicht sicher. Bis vor einem Jahr hätte der Anhänger des 1. FC Wundervoll an dieser Stelle sich nach einem Notausgang umgeschaut und den geordneten Rückzug angetreten. Aber mittlerweile ist vieles anders. Und so wird der Angriff nicht nur verbal abgewehrt, indem auf die Tauglichkeit des neuen Stadions an der Alten Försterei für den gesamten DFL-Bereich hingewiesen wird. Sondern 2010 ist auch das Jahr, in dem rhetorisch zurückgeschlagen werden kann mit scheinheiligen Frage, in welchem Stadion in dieser Spielzeit ein Platzsturm stattgefunden habe. “Alles eigentlich ganz nette Leute, die da auf den Platz gerannt sind”, murmelt die Herthanerin zum Abschluss des Wortgefechts.

Es war im Zuge der medialen Hysterie um den bei Lichte betrachteten harmlos verlaufenen Platzsturm bei Hertha BSC im Olympiastadion, als die Berliner Morgenpost das vielleicht bevorstehende Derby zwischen Hertha und Union als riskant bezeichnet wissen wollte. Solche Texte fallen wohl bei manchen auf fruchtbaren Boden, die meinen, ein Zweitligaabstieg sei nur ein vorübergehender Betriebsunfall und eine Anspruchshaltung ausstrahlen, dass der Verein per sé in die erste Liga und in den Europapokal gehöre. Das erinnert an Union im Jahr 2004. Damals stieg der Verein unnötig aus der zweiten Liga ab in eine Liga, für die er mental nicht bereit war. Bereits ein Jahr später fand man sich in der vierten Liga wieder.

Weiterbildung

Wir waren in der letzten Woche auf der re:publica 2010 und haben uns unter anderem eine Veranstaltung angesehen, die mit dem Thema “Deutsches Fussball-Bloggen im Jahr der WM” warb. Dort ging es größtenteils um bestimmte Unsicherheiten, denen sich (nicht nur) Fußballblogger ausgesetzt sehen: Dürfen Vereinslogos zur Berichterstattung verwendet werden? Darf während eines Spiels das Fußballfeld photographiert werden? Wie sieht es mit der Einbettung von Videos aus Youtube aus?

Ein Ansprechpartner war der für “Internet” verantwortliche Vertreter der Presseabteilung von Hertha BSC, Robert Burkhardt. Und dieser sprach, dass eine Verwendung des Logos von Hertha aufgrund des Urheberrechtes im Internet nicht genehmigt werde. Der anwesende Rechtsanwalt Thorsten Feldmann relativierte diese Aussage, indem er darauf hinwies, dass der Schöpfer dieses Logos sicher bereits über 70 Jahre tot sei und das Logo damit gemeinfrei. Eine pauschale Untersagung mit Bezug auf das Urheberrecht muss also nicht gegeben sein. Der zweite Punkt ist der, dass die Verwendung eines Logos im Zuge einer Berichterstattung sicher nicht durch das Urheberrecht untersagt werden kann. Unsere Frage, ob der Kicker für seine Print- oder Onlineausgabe um Erlaubnis für das Abdrucken des Logos gefragt hat, wurde verneint. Gegen die Bild-Zeitung, die als Sinnbild des sportlichen Misserfolgs das Logo zertrümmert darstellt, werde nach Auskunft von Robert Burkhardt ebenfalls nicht vorgegangen. Hier gelten also zwei unterschiedliche Maßstäbe. Um Rechtstreitigkeiten aus dem Weg zu gehen, helfen uns zwei Dinge: Kommunikation mit den entsprechenden Personen, um Rechte zu klären und eventuell auftretende Streitigkeiten auf dem kurzen Weg ohne Anwalt zu klären. Außerdem Sorgfalt bei der Recherche.

Heute war wieder einmal zu beobachten, dass solche Herangehensweise nur funktioniert, wenn sie beidseitig betrieben wird. Die Axel Springer AG ging per Abmahnung gegen das Bildblog vor. Konkret ging es um einen Fehler in der Berichterstattung über eine Rüge des Presserates gegen “Welt Online”, der vom verantwortlichen Redakteur nach eigenen Aussagen nach ein paar Stunden korrigiert wurde. Trotzdem mahnte die Axel Springer AG ab. Die Abmahnung wurde sowohl an den Redakteur als auch an den Verantwortlichen im Sinne des Telemediengesetzes geschickt. Das erweckt den Anschein, als ob dadurch die Anwaltskosten künstlich erhöht werden sollten. Erhält man eine solche Abmahnung und unterschreibt die beigefügte Unterlassungserklärung, so ist man verpflichtet, der Gegenseite die  entstandenen Anwaltskosten zu ersetzen. Die Axel Springer AG macht Auslagen in Höhe von 2407,36 € geltend. Zusätzlich zu den eigenen Anwaltskosten des Bildblogs, versteht sich. Ob man sich, anstatt zu zahlen, auf einen Prozess einlässt, kommt angesichts der Macht des Gegenüber der Wahl zwischen Strick und Pistole gleich. Wie gesagt, es geht um ein Problem, das bereits behoben ist und sich im Zweifelsfalle auch mit einem Telefonanruf schnell erledigt hätte. Einen Reim auf diese Vorgehensweise mag sich jeder selbst machen.

Wir, die wir das Textilvergehen bisher als Hobby betreiben, möchten uns auf diesem Weg bei allen Verantwortlichen im Verein bedanken, die uns an vielen Stellen unterstützen und uns auch ihre Zeit widmen, wenn es nötig ist. Das gleiche betrifft auch die festen und freien Journalisten, die uns bei der Informationsbeschaffung nicht vergessen oder für Gespräche zur Verfügung stehen. Ganz besonderer Dank gebührt dabei Mathias Bunkus vom Berliner Kurier, der als Gast im Podcast mit Analysen  und Hintergrundberichten für einen erheblichen Mehrwert sorgt. Und nicht zu vergessen die Photographen rund um Union, die uns sehr oft Bildmaterial zur Nutzung im Blog überlassen. Danke.

Mit dem Kosmos im Einklang

Und plötzlich ist alles prima. Lange gab es nicht mehr solche Gefühle nach einem Spiel. Drei Punkte. Blauer Himmel und nur ein paar kleine rosa Wölkchen am Firnament. Diese Wölkchen streiten sich, ob Mattuschkas Freistoß das Tor des Monats war. Wie es zu solch vielen Ballverlusten beider Mannschaften kam. Warum ein Torwart, der am Ball vorbeifliegt, einen Freistoß bekommt, und ob es für Benyamina schwieriger war, den Ball im Tor unterzubringen oder den aus dem Abseits startenden Mosquera von einer Ballannahme abzuhalten. Probleme? Wir doch nicht!

Im Podcast ist übrigens ein Freud’scher Versprecher harmloser Natur enthalten. Wer ihn zuerst findet, bekommt gegen Bielefeld ein Bier ausgegeben. Einfach in den Kommentar schreiben.

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Wie es sein sollte.

Fanfreundschaften sind die Freundschaftsbänder von Wolfgang Petry in den Fußballstadien des Landes. Gerne garniert mit pathetischen Sprüchen wie “In Treue vereint”. So kommt es, dass sich Anhänger von Hertha zu den Fans des Karlsruher Sportclubs in den Gästeblock stellen. Nicht aus lokalem Interesse und der Prüfung der S-Bahnverbindung für die (wahrscheinliche) Anreise in der nächsten Spielzeit, sondern aus Fanfreundschaft.

Mit Fanfreundschaft kann man das Punktspiel zwischen dem 1. FC Wundervoll und dem magischen FC am Sonnabend aber nicht erklären. Auch der mediale Wettbewerb, den die Fußballwoche bereits am Montag der letzten Woche ausrief, indem sie Florian Bruns fragte, welche Verein kultiger sei, bringt kaum Erkenntnis darüber, was das Besondere an dieser Begegnung ist. Ausgerechnet Sky hatte in seiner Übertragung aber einen Erklärungsansatz gebracht. Sie betonten das Aufeinandertreffer zweier Vereine, die sich trotz Kommerzialisierung ihre Identität zu bewahren suchen. Und: Respekt. So sprach der Kommentator des Fanradios von St. Pauli kurz vor Spielbeginn, dass man über Union durchaus diskutieren könne. Zur Atmosphäre im Stadion und dem Engagement der Anhänger beim Stadionbau könne man aber nur sagen: Respekt!

Zum Respekt gehört immer auch das Kennenlernen und Verstehen des anderen und damit das Aufbrechen der wagenburgartigen Wir-Identität, hinter der sich gerne verschanzt wird. Parolen wie “Euer Hass ist unser Stolz” oder “Keiner mag uns – Scheißegal” illustrieren solch ein Verhalten. Reflexartig würde zum Beispiel das Vorspielgrillen am Freitag Abend mit Anhängern von St. Pauli, dem HSV, Babelsberg 03, FC Bayern und eben Union zum Risikogrillen erklärt werden. Aber es wurde ein Kennenlernen, das sich jenseits der transportierten unverrückbaren Grenzen bewegte. In Bildsprache übersetzt: Hamburger tranken Berliner Pilsner und Berliner Astra.

Der Sonnabend begann früh. Sehr früh. Bereits kurz vor neun Uhr sammelten sich reisewillige Anhänger der beiden Vereine gemeinsam am Anleger von Eddyline am Berliner Dom. Wer bis dato noch kein Gefühl dafür hatte, wie es bei der Verteilung der Dauerkartenanträge durch die Ultras St. Pauli dieses Jahr zuging, bekam beim Einstieg auf das Flaggschiff “Viktoria” eine Demonstration davon. Ab da regierte die Glückseligkeit. Entweder, weil man das erste Frühstück mit Bier und Wiener Würstchen einnahm und bis zum Kanzleramt schipperte, oder weil es die Möglichkeit gab, sich in Wechselgesängen mit den anderen Booten einzusingen. Das Herz von St. Pauli und Eisern Union.

Die Berliner Zeitung brachte die Polizeipräsenz rund um das Stadion auf den Punkt:

Das Szenario passte zu diesem Tag, an dem die Einstufung als Risikospiel durch die Deutsche Fußball Liga und die massive Polizeipräsenz wie Verschwendung von Steuergeld wirkte. Warum müssen Fans derart bewacht werden, die sich mögen? Ach, hätten die Herren in Grün besser den Verkehrsabfluss geregelt, der chaotisch verlief, weil die Infrastruktur um das Stadion keine Spiele mit 19 000 Fans verträgt. So endete die Party im Stau.

Im Stadion: Anfeuerung der eigenen Mannschaft. Choreographien für das eigene Team von den Rängen. Kampf um die Punkte auf dem Platz ohne Nickeligkeiten und ausgiebiges Wälzen auf dem Rasen. Ein Stadionsprecher, der wie immer sein Herz sprechen lässt, als er erst die obligatorische Begleitung der Auswärtsfans durch die Polizei zum am weitesten entfernt liegenden S-Bahnhof samt 15minütiger Wartezeit im Gästeblock ankündigt, um dann hinzuzufügen: “Wer will, darf aber auch alleine nach Hause gehen.” Dem Gegner wurde mit Applaus nach dem Spiel nicht nur der Respekt für ein Fußballspiel bezeugt. Sondern ausgerechnet von der Waldseite, wo die Ultras vom Wuhlesyndikat stehen, bekam der unterlegene Gast Anfeuerungsrufe für die restlichen Spiele um den Aufstieg.

Und der ganze Tag hatte rein gar nichts mit Fanfreundschaft zu tun. Sondern es ging nur um viele Anhänger, die eine ähnliche Idee davon haben, wie sie Fußball erleben wollen.

Nachricht von Paul.

Seit geraumer Zeit bekomme ich regelmäßig Nachricht von Paul. Ich habe viele eigenwillige Freunde, aber Paul ist die einzige gelbe Plüschente in meinem Bekanntenkreis, die auswärts fährt. Und das Bild oben ist mein bislang liebster Kommentar zum Spiel in Kaiserslautern am vergangenen Wochenende. Danke, Paul, und schönen Gruß zurück!

Kaffeeberliner

Die Spielzeit ist beinahe vorüber und es wird langsam Zeit, ein Fazit zu ziehen. Der Aufstieg in den von Vereinsseite als “DFL-Bereich” titulierten Elitekreis der 36 besten Mannschaften führte für die Anhänger des 1. FC Wundervoll zu einer Umgewöhnung. Der Spieltag findet nun an vier verschiedenen Tagen zu komplett unterschiedlichen Anstoßzeiten statt.

Vor allem die Termine am Sonnabend und Sonntag sind eine Herausforderung. Das gilt für Familien genauso wie für Singles. Der Besuch eines Fußballspiels muss mittlerweile streng in die Wochenplanung eingebaut werden. Sei es, dass der Mittagsschlaf der Kinder bereits drei Tage früher begonnen wird, zeitlich vorzuziehen. Auf dass das Kind am Spieltag bereits um 10 h morgens mit den Mittagschlaf beginnen kann und pünktlich zum Gang ins Stadion wach ist. Für den anderen Teil der Stadionbesucher ist das Weckerstellen vor dem Spieltag zur Pflicht geworden. Gefrühstückt wird dann im Stadion das Menü “Alte Försterei”. Eigentlich überflüssig zu sagen, dass das Kaffeeangebot ausgebaut werden sollte. Vor dem Anpfiff ein doppelter Espresso anstatt wie früher ein Halbliterbecher Bier ist das Gebot der neuen DFL-Zeit.

Das gleiche betrifft die Planung von Auswärtsspielen. Anstatt wie früher bestimmte Arbeitstage mit den fußballfremden Kollegen zu tauschen, gilt es jetzt dem Chef die in der Bewerbung vorgegaukelte Flexibilität abzuverlangen. Zwei Wochen vor dem Spiel eine Ansetzung als Freitags- oder Montagsspiel zu erfahren, ist dafür eine echte Bewährungsprobe. Gleiches gilt für Freitagspiele nach Europapokalspieltagen oder Qualifikationsspielen der Nationalmannschaften. Da kann es schon einmal vorkommen, dass der Anhänger 18 Uhr alleine im Stadion steht, weil das Spiel der eigenen Mannschaft erst 20.30 h angepfiffen wird. Als Ausgleich für ein nichtstattfindendes Bundesligaspiel am Freitag.

Nebeneffekt des Aufstieges aus der 3. Liga ist natürlich, dass bei Auswärtsspielen nicht mehr der einzige Ticker beim Abstürzen beobachtet werden muss, weil einige Anhänger ihre Finger nicht von der F5-Taste lassen konnten. Die zweite Liga kommt bequem in das Café der Wahl. Und so ist ein Spiel auf dem Betzenberg auch mal bei Kaffee und Käsekuchen zu genießen. Ganz ohne buckelige Verwandtschaft. Mit Freunden.