Monthly Archive for März, 2010Page 2 of 3

Empören. Anheizen. Empören.

Mathias Bunkus vom Berliner Kurier hat es geahnt, als er sagte, er befürchte die Diskussion um Stehplätze sei keine Scheindebatte und man müsse aufpassen, dass kein öffentlicher Druck aufgebaut werde, der bewirkt, dass Union das Heimspielrecht im vermutlich nächste Saison stattfindenden Derby gegen Hertha BSC verliert. Öffentlicher Druck meint meist, dass solange herumtelefoniert wird, bis man jemanden findet, der eine Aussage tätigt, die man hören möchte. Die wird dann publiziert und dann wird wieder herumtelefoniert und Entscheidungsträger werden gefragt, wie sie zu dieser Aussage stünden. Öffentlicher Druck meint also meist die veröffentlichte Meinung, oder positiv gesagt: die vermutete öffentliche Meinung.

Die Berliner Morgenpost veröffentlichte ein Interview mit Rainer Schwienke, Mitarbeiter der Landesinformationsstelle für Sporteinsätze im Lagezentrum Berlin, das mit zwei Worten als Antwort auf eine suggestive Frage für Furore sorgen könnte:

Morgenpost Online: Empfehlen Sie, beide Spiele im Olympiastadion durchzuführen?

Schwienke: Unbedingt sogar! Ich würde die “Alte Försterei” nicht als “nicht sicher” bezeichnen. Aber gegen ein Spiel dort sprechen das allgemein hohe Besucherinteresse und das Verhältnis von Heim- und Gästefans. Zwar gibt es unter Hertha- und Union-Fans auch gemeinsam handelnde Personen, aber es gibt auch eine Rivalität. Rivalität, die gesund sein kann – aber eben auch ungesund.

Es muss einem Mitarbeiter der Berliner Polizei gerade in der Situation nach dem Platzsturm bei Hertha BSC im Olympiastadion klar sein, welche Antworten von manchem Journalisten momentan erwartet werden. Erst recht muss dies einem Mitarbeiter klar sein, der in einem solch sensiblen Bereich arbeitet.

Über ein Jahr lang haben Anhänger und Verantwortliche des 1. FC Wundervoll dafür gearbeitet, ein allen Sicherheitsanforderungen entsprechendes Stadion zu bauen. Die Zahl der Rückschläge bei der Suche nach Unterstützung durch das Land Berlin sind nicht zu zählen. Außer den durchsichtigen Versuchen, Union in das Olympiastadion oder den nicht zweitligatauglichen Jahnsportpark abzuschieben, kam nichts dabei heraus. Und nun solch eine Aussage.

Eine Aussage, die sofort Erinnerungen hervorruft an eine vergangene Zeit, deren Ende mit den ersten freien Wahlen heute ausgiebig gefeiert wird. In der DDR durfte der 1. FC Union seine Heimspiele gegen den BFC Dynamo aus “Sicherheitsgründen” nicht mehr im Stadion an der Alten Försterei durchführen. Das Ministerium für Staatssicherheit, zu dem der Verein BFC Dynamo gehörte, verfügte für diese Spiele einen Umzug in das Stadion der Weltjugend. Ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet der BND jetzt seine neue Zentrale an der Stelle des abgerissenen Stadions baut.

Die Frage, ob das Derby vielleicht nicht im Stadion an der Alten Försterei stattfinden sollte, birgt also eine enorme Sprengkraft. Dies hat auch Rainer Schwienke eingesehen, der heute morgen am Telefon zu keinem Interview ohne Genehmigung der Pressestelle bereit war. Die Aussage in der Berliner Morgenpost sei, so seine Aussage, so nicht getätigt worden. Er habe dies in einer Nachricht auch dem Geschäftsführer von Union, Oskar Kosche,  und dem Sicherheitsbeauftragten des Vereins, Sven Schlensog, mitgeteilt.

Aus dieser Nachricht geht hervor, dass das Interview noch nicht autorisiert gewesen sei. Eine Änderung sollte gemacht werden. Die oben zitierte Antwort sollte durch folgenden Text ersetzt werden:

Ich bin nicht der Meinung, dass das Stadion “An der Alten Försterei” nicht für ein Spiel zwischen Union und Hertha geeignet ist. Es bedarf für die Durchführung zwar einer professionellen Vorbereitung der Sicherheitsmaßnahmen, könnte aber nach derzeitiger Einschätzung sehr wohl im Stadion in Köpenick durchgeführt werden.

Zum besseren Verständnis. Es gibt zwar die Praxis der Autorisierung von Interviews in Deutschland, doch sie ist nirgendwo festgeschrieben und daher kann kein Journalist dazu gezwungen werden, Aussagen zu ändern. Zumal davon auszugehen ist, dass die Aussage von Rainer Schwienke festgehalten wurde. Entsprechend wurde daran auch kein Wort geändert. Es macht eher den Anschein, dass sich hier jemand allzu schnell zu einer Aussage hat hinreißen lassen, ohne die Konsequenzen des zerbrochen Porzellans zu bedenken. Was natürlich die beiden verantwortlichen Journalisten, Daniel Stolpe und Kai Niels Bogena, betrifft, so war die Fragestellung einerseits geschickt. Andererseits jedoch: Siehe Überschrift.

Inventur.

Über Aljoscha Pauses “Tabubruch – Der neue Weg von Homosexualität im Fußball” ist bereits alles Nötige gesagt und geschrieben worden – dem ist rein gar nichts entgegen zu setzen.  Die Reportage ist genau so gut wie alle sagen und wurde kürzlich mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Gestern war sie zudem Ausgangspunkt des Filmgesprächs bei 11mm.

Mehr noch als die Suche nach neuen Wegen im Umgang mit Homosexualität im Fußball ist der Film eine Bestandsaufnahme, eine Dokumentation des Ist-Zustands. Wie würdest Du persönlich auf ein Outing reagieren? Dabei beschränkt sich Aljoscha Pause nicht auf Deutschland, er befragt Spieler, Trainer, Fans und Medienschaffende auch in Holland, Italien,  Brasilien und wagt den Vergleich.

Bei der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wo genau der Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit verläuft. Es hat sich herumgesprochen: Diskriminierung ist dem Ansehen abträglich. Dass die Moderatorin des Abends, Gudrun Fertig vom Berliner Stadtmagazin “Siegessäule”, in diesem Kontext  Christoph Daum eine “Speerspitze der Homosexuellenbewegung” nennt, wird mit Gelächter quittiert und ist trotzdem wahr.  Zur Erinnerung:

Da wird es sehr deutlich, wie sehr wir dort aufgefordert sind, gegen jegliche Bestrebungen, die gleichgeschlechtlich ausgeprägt ist, vorzugehen. Gerade den uns anvertrauten Jugendlichen müssen wir mit einem so großen Verantwortungsbewusstsein entgegentreten, dass wir denen einen besonderen Schutz zukommen lassen.

Instinktiv distanziert sich nahezu jeder von Daums Äußerungen. Man gibt sich eingeschränkt weltoffen: Es betrifft mich zwar nicht, und ich kenne auch niemanden, aber wenn sich jemand anders outete, fände ich es nicht so schlimm. Dem Sinn nach ist das die in Aljoscha Pauses Film am häufigsten geäußerte Ansicht, und weiter weg von Daum schaffts kaum jemand.

Man müsse fragen, setzt Gerd Dembowski den Gedanken fort, welche Haltung hinter dieser vermeintlichen Offenheit steht. Bleibt es Lippenbekenntnis oder resultiert daraus ein Verhalten? “Scheinmodernisierte Maskulinität” nennt er die aufgesetzte Lockerheit, die ihre Ursache oft in wirtschaftlichen Erwägungen habe.

Wäre Marcus Urban noch Berufsfußballspieler, hätte er sich nicht geoutet, sagt er, und auch, dass er niemandem dazu raten kann.

Ein neuer Weg ist vielleicht in Sicht, aber jedenfalls noch nicht beschritten. Ein Etappenziel muss es aber sein, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen, im Bewusstsein zu verankern und das Gespräch darüber zu ermöglichen. Das ist Aljoscha Pause in hervorragender Weise gelungen.

Reliquien

Es könnte so einfach sein. Man schnappe sich eine der reflexhaften Pressemitteilungen vom “Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft”, Rainer Wendt, mit denen er die Medien des Landes nach jedem Aufruhr versorgt, und seziere sie. Aber das wäre zu simpel, denn diese “Forderungen” sind durchsichtig und folgen lediglich dem Prinzip “Je unsinniger und plaktiver, desto eher werden sie verbreitet.” Sich an Aussagen der Deutschen Polizeigewerkschaft oder der Gewerkschaft der Polizei abzuarbeiten hieße in dem Kontext, demjenigen Aufmerksamkeit zu schenken, der am lautesten schreit. Das kann man anderen wie dem Geschäftsführer von Borussia Dortmund überlassen, der über Rainer Wendt sagt: “Wenn ich sehe, dass er sich wie ein Innenminister aufspielt und zu allem seinen Senf dazu gibt, platzt mir der Kragen.”

Interessant wird es, wenn sich Personen mit Bedacht äußern, die Entscheidungen so vorbereiten können, dass sie zur Abstimmung kommen können. Ein Beispiel dafür ist Holger Hieronymus, stellvertretender Geschäftsführer der DFL und für den Spielbetrieb verantwortlich. Und der sagt in einem Interview mit dem ZDF (das gesamte fast zehn Minuten lange Gespräch ist sehr sehenswert) folgendes:

Stadion der Zukunft. Sieht das so aus wie in Amerika? Keine Stehplätze mehr, nur noch Sitzplätze, die ja sowas [Anm. d. Red.: gemeint sind die Vorfälle im Olympiastadion beim Spiele Hertha - Nürnberg] minimieren würden?

Ich glaube, und wenn ich mir die Diskussionen, die noch nie so intensiv geführt worden mit der Fanszene wie 2010, ansehe und wir immer wieder darauf hingewiesen haben, dass für den Fall, dass wir keine deutliche Qualitätsverbesserung im Sinne von weniger Ausschreitungen sehen können, dann wird es irgendwann auch an Reliquien gehen, die es in deutschen Stadien immer noch gibt. Das sind Stehplatzbereiche und zehn Prozent Gästetickets. All diese Dinge haben wir bereits in Frage gestellt in der Diskussion mit den Fans. Ich glaube, wir werden über diese Maßnahmen all along reden müssen. Und ich hoffe nicht, dass wir dann eine Stadionstruktur wie in Amerika oder auch in England haben werden. Allerdings müssen die Maßnahmen, die wir uns überlegen, greifen, um dies zu verhindern.

Die Diskussion mit den Engländern, die ja als erste versucht haben, das Hooligan-Problem in den Griff zu bekommen und dabei relativ erfolgreich waren. Die Zäune sind wieder weg.

Ja, ich denke der Erfahrungsaustausch mit den Kollegen aus England sieht so aus, dass wir die Maßnahmen die seinerzeit vorgenommen worden sind, nachvollziehen können. Sie haben letztendlich zu einer Form des Erfolges geführt, dass es zumindest innerhalb der Stadien diese Ausschreitungen in der Form nicht mehr möglich sind.

In diesen Zusammenhang muss die Entscheidung des FC St. Pauli und der Hamburger Polizei gesehen werden, lediglich 500 Sitzplatzkarten personalisiert an Rostocker Anhänger zu verkaufen. Natürlich ist dieses Vorgehen ein Dammbruch. Der Berliner Polizeipräsident Glietsch wollte bereits vor zwei Jahren den Anhängern von Dynamo Dresden die Anreise verbieten und nahm für sich auch das Totalverbot von Partien in Anspruch. Die Dresdner Ultras reagierten mit einem größtenteils eingehaltenen Boykott des Spiels.

Sämtliche Anhänger befinden sich angesichts solcher Forderungen in einer Lose-Lose-Situation. Zunächst wird eine große Drohkulisse aufgebaut und mit Maximalforderungen unterlegt. Anschließend wird ein “Kompromiss” gefunden, der vorher von Verein wie Anhängern rundweg abgelehnt worden wäre. So spricht Paulis Präsident Littmann jetzt nach der Einigung mit der Polizei von der “weitestgehend möglichen Wahrung der Fanrechte“. Natürlich passiert bei einer solcherart zu einem Hochsicherheitsspiel hochgejazzten Partie erwartungsgemäß nichts, was anschließend nur mit dem hohen Sicherheitsaufwand begründet wird. Beweisen kann diese Aussage niemand.

Der 1. FC Wundervoll feierte erst gestern mit einer Kinopremiere erneut den Bau seines fast reinen Stehplatzstadions. Das Stadion an der Alten Försterei besitzt neben 2460 Sitzplätzen 16.540 Stehplätze. Eine Grundbedingung für Präsident Dirk Zingler bei der Planung und für die Mitarbeit der Fans an diesem Stadion war der Erhalt der Stehplätze entsprechend den Kriterien für den Spielbetrieb von DFL und DFB. Die Stehplätze sind ein Selbstverständnis für die Fankultur des Vereins. Maßnahmen wie in England aufgrund der Umsetzung von Vorschlägen des Taylor-Reports wären das Ende der Atmosphäre, die man mit Union verbindet.Aus diesem Grunde befindet sich der Verein in einer Findungsphase, wie mit Anhängern umgegangen werden soll, die sich nicht an die Regeln halten. Bewusst wurde auf plakative Maßnahmen verzichtet und die Diskussion in die Vereinsgremien gegeben. Die bald erwarteten Ergebnisse und ihre Wirksamkeit werden für alle von immenser Wichtigkeit werden. Sie werden das Verhältnis von Verein, Fans, Verband und Sicherheitskräften bestimmen.

Holger Hieronymus hat leider nicht ausgeführt, wie er Reliquie meinte: Gegenstand religiöser Verehrung oder Überbleibsel…

Auch mal einer Meinung sein.

Zwei Filme, die weitesten Sinne als dokumentarisch gelten können, wurden gestern abend beim 11mm-Festival im Kino Babylon gespielt. Weil sich die Redaktion ausnahmsweise komplett einig war, gibts nur einen Text über den Union-Abend.

“Das Rudel” (Trailer) spürt der Motivation und dem Selbstverständnis der Ultra-Bewegung nach. Es ist weder ein Union-Film -das Wuhlesyndikat steht hier stellvertretend für den Ultra-Gedanken ganz allgemein-  noch eigentlich ein Fußballfilm. Es geht nicht um Fußball, es geht um Fans, nein:  es geht um eine geschlossene Gesellschaft innerhalb der Fanszene. Im Fokus stehen die Aktionen einer Ultra-Gruppierung während zweier Fußballspiele – und wenn ich Fokus sage, meine ich: Fokus. Mittendrin. Rechts und links daneben: Nichts.  “Das Rudel” besticht durch die Nähe zu seinen Protagonisten. Die Kamera ist immer dicht am Geschehen. Dazu muss man angstfrei sein und Vertrauen haben. Auf beiden Seiten. Die so entstandenen Bilder sind mächtig. Sie überwältigen, und sie zeigen, welche Energie eine verschworene Gemeinschaft freisetzen kann.

Der Film zeigt hingegen nicht, wie die Choreos entstehen oder Transparente gemalt werden. Er zeigt das richtiger Weise nicht. Im Theater wie in der Fankurve geht es immer auch um Illusionsmalerei. Das Bild nimmt Schaden, wenn man sieht, wie´s gemacht ist. Und Erkenntnisse oder Verständnis für das Wesen der Ultra-Bewegung gewinnt man daraus nicht – ebenso, wie man ein Theaterstück nicht besser versteht, weil man Maske und Kulissen gesehen hat.

Und schließlich: “Das Rudel” relativiert nicht. Es geht nicht um die Ultras im Verhältnis zu anderen Gruppierungen, um ihre Einordnung in Jugend- oder Subkulturen. Der Film konzentriert sich auf eine einzige Frage: Was wollen diese Leute? – und das ist seine große Stärke.

Dokumentarisch ist “Das Rudel” wohl in den  Bildern und Originaltönen aus dem Stadion, gebrochen wird dieser dokumentarische Charakter aber durch die Erzählstimme aus dem Off, die nicht das Gesehene kommentiert, sondern das erklärt, was man nicht sieht. So fügt sich Kopf ein Bild zusammen, dessen Bewertung jedem selbst überlassen bleibt.

“Eisern vereint” (Trailer), der zweite Film des Abends, hatte es danach in mehrfacher Hinsicht schwer. Zunächst, weil “Das Rudel” Maßstäbe gesetzt hat, was filmisches Handwerk betrifft. Aber auch, weil der Stadionbauerfilm kaum mehr planbar war, als die Bauarbeiten sich hinzogen, dehnten, verlängerten, ausuferten und zu keinem Ende kamen. Es scheint, als hätte die Regie dabei die Übersicht verloren, und die fehlt dann auch dem Film. Er zerbröckelt in tausend kleine Anekdoten – eine klare Linie fehlt ihm, ebenso ein Schwerpunkt.

Drei große Vorwürfe sind dem Stadionbauerfilm in jedem Fall zu machen.

Zunächst: Wenn “Eisern vereint” tatsächlich einen dokumentarischen Ansatz verfolgt, hat das Filmteam einige Monate zu spät mit der Arbeit begonnen. Dem Film fehlt ein Anfang. Unverständlich bleibt daher die Größe der zu bewältigenden Aufgabe, wenn man doch alles schon fertig betoniert sieht und “nur noch” auf das Dach wartet. Dass hier ein Stadion in weiten Teilen zunächst zerlegt und abgetragen werden musste, wird komplett unterschlagen. Schalen, bohren, Wellenbrecher aufstellen – das fehlt alles.

Sodann: Man darf seine Protagonisten nicht der Lächerlichkeit preisgeben. Wer den Kusturica-Film über Maradona gesehen hat, weiß, wie schwer das sein kann. Unbeschadet überstehen Gossi und Steven den Film, sonst niemand. Das liegt nicht daran, dass die Leute nicht gut waren oder nichts zu sagen gehabt hätten. Man ist nur wenig sensibel mit ihnen umgegangen und opfert seine Charaktere mäßig witzigen Äußerungen. Eine zu Tränen gerührte Silvia Weisheit, die am Morgen des Eröffnungstages letzte Anweisungen gibt und dabei ihre Stimme kaum mehr beherrschen kann, darf man nicht einfach so abwürgen. Und was hat eigentlich dieser Mielke mit unserem Stadion zu tun? Ich hoffe doch nichts!

Zum Schluss:  Ohne die Tränen bleibt der Jubel unverständlich, und ein bißchen Schneefegen macht noch keinen Winter. Natürlich waren alle Beteiligten frustriert, dass sich die Fertigstellung immer weiter verschoben hat. Nächtliches Warten auf Dachteiltransporte ist gar nicht mal so romantisch. Selbstverständlich herrscht auf Baustellen nicht nur eitel Sonnenschein. Und Scheiße, war der Winter kalt! Dass ein großer Teil der Leistung darin bestand, trotzdem weiterzumachen, übermüdet und mit blank liegenden Nerven, transportiert der Film ebenfalls nicht.

Schade.

1000 Tage Uwe Neuhaus

Uwe Neuhaus trainiert die erste Mannschaft des 1. FC Wundervoll mittlerweile 1.000 Tage. Aus diesem Anlass hat Mathias Bunkus ein langes und lesenswertes Interview geführt, das dankenswerter in voller Länge auf der Website des Berliner Kuriers nachzulesen ist.

Das Gespräch macht bestimmte Positionen des Trainers zum Beispiel bei der Informationspolitik klarer und erläutert auch die Beweggründe hinter solchen Entscheidungen:

Berliner Kurier: Man sagt Ihnen ja einen gewissen Kontrollwahn nach. Sind Sie zu Hause auch so ein Mensch?
Uwe Neuhaus: Kontrollwahn? Gegenfrage: Was wird denn hier so kontrolliert, dass es wahnsinnig erscheint?
Berliner Kurier: Womit wir ganz geschickt den Bogen weg vom privaten Bereich gekriegt haben … (Gelächter beidseitig) … Respekt!
Uwe Neuhaus: Okay, ne Frage beantwortet man nicht mit einer Gegenfrage, ich sage einfach, ich habe keinen Kontrollwahn. Ich empfinde es als normal, dass man gewisse Dinge regelt. Wir haben Spielregeln, wie man das auch in der Zusammenarbeit mit der Mannschaft vorgibt. Der eine ist da ein bisschen lockerer, andere sehen das strenger. Ich glaube schon, dass ich irgendwo in der Mitte liege. Ich bin davon überzeugt, dass die Dinge, die ich versuche zu kontrollieren, auch kontrolliert werden müssen. Wenn ich Spieler habe wie Mosquera, wie Glinker, die ein bisschen sensibel sind, das hinterlässt schon Spuren wenn auf einmal private Geschichten drin stehen. Oder nehmen wir Benyamina, als die angebliche Geschichte mit der algerischen Nationalelf aufkam. Wenn man dann die Zeiträume nach solchen Veröffentlichungen sieht, da vergehen Wochen bis bei denen wieder Normalform herrscht. Die sind mit ihren Gedanken völlig woanders. Da muss ich versuchen, das zu verhindern, diese Auswüchse zu kontrollieren. Das sind Gefahren, die Journalisten nicht sehen, nicht sehen können, vielleicht sogar sehen aber nicht beachten können, die als Trainer für mich aber schon eine Rolle spielen.

Das Gespräch behandelt Fragen nach der persönlichen Entwicklung des Trainers und seiner Zukunft, geht der Neugestaltung der Mannschaft auf den Grund und kommt am Ende zu einem Punkt, der seit Sonnabend wohl aktueller denn je ist: Dem Verhältnis zu Hertha BSC und einem kommenden Stadtderby.

Berliner Kurier: Sie haben jetzt den Ortsrivalen schon angesprochen. Glauben Sie es würde die Situation in der Stadt beleben, wenn es nächste Saison Derbys gibt? Derzeit deutet ja vieles daraufhin.
Uwe Neuhaus: Man kann das Thema ja schlecht ausklammern. Ich meine, ich wünsche niemandem einen Abstieg. Ich kann und werde da auch gar keine Häme entwickeln. Das ist nicht meine Art. Wenn es einer sportlich nicht geschafft hat, dann muss er halt den bitteren Gang in die Liga drunter gehen. Und ich bin überzeugt, wir haben es ja an den Zahlen gesehen, dass Hertha mit 42, Union mit 12 bis 13 Millionen, uns weit voraus ist. Und trotzdem, rein sportlich gesehen, dieses Derby alleine, diese Vorstellung, das hat ja schon was. Da wären Emotionen drin, das würde die ganze Stadt in Bewegung setzen, vom 2-Jährigen bis zum 98-Jährigen jeden faszinieren. Das wären sicherlich zwei ganz interessante Spiele.

Getestet: Der Sport-Tag

Die Idee ist nicht neu und in Ländern wie Italien, Portugal oder Spanien funktioniert sie auch leidlich gut: Eine tägliche Sportzeitung. In Deutschland hingegen hat sich dieses Konzept bis heute nicht gegen die qualitativ und quantitativ starken Sportteile der Tageszeitungen und das zweimal in der Woche erscheinende Magazin Kicker durchsetzen können. 2006 im Zuge der WM-Euphorie startete die B.Z. in Berlin mit der Sport-BZ einen Versuch, über die WM hinaus eine tägliche Sportzeitung zu etablieren und scheiterte.

Seit heute wird die Zeitschrift “Der Sport-Tag” herausgegeben. Da die Zeitung zunächst im Verbreitungsgebiet Berlin startet und dann sukzessive auf Deutschland ausgeweitet werden soll, haben wir uns zu einem ersten Test entschlossen.

Die Zeitung ließ sich problemlos an einem Zeitungskiosk mit üblichem Angebot kaufen. Das war auch so angekündigt. Vom Layout macht die Ausgabe nicht viel her. Sie ist übersichtlich gegliedert, kommt aber etwas billig herüber. Das mag an dem Stern liegen, der auf der Titelseite prangt und dem Leser „NEU! nur 0,50 €“ entgegenbrüllt. Vielleicht kommt der Eindruck auch vom Schlagschatten, der hinter „Der Sport-Tag“ liegt.

Der inhaltliche Aufmacher ist das gestrige Formel 1 Rennen. Das geht für eine tägliche Sportzeitung in Ordnung. Links daneben werden die Ergebnisse der 1. und 2. Bundesliga gelistet. Darunter wird ein Hintergrundtext zur Situation der Hertha und den Ausschreitungen im Olympiastadion angeteasert. Sehr klar auch die Appetizer mit Bild zu Ribéry, Eisbären und Manchester United.

Schlägt man die Zeitung auf, wird auf einer Seite der Rennverlauf geschildert. Die Platzierungen sucht man zunächst vergeblich, da auf der rechten Seite yet another Interview mit Michael Schumacher samt Infografik zu seiner Karriere zu finden ist. Erst auf Seite vier befindet sich eine kleine Grafik der Rennplatzierungen und einer gleich großen meines Erachtens überflüssigen bildlichen Darstellung aller Streckenprofile. Das war es.

Das nächste übliche Sportthema sind die beiden Bundesligapartien vom Wochenende. Eine Seite für Bremen gegen Hoffenheim und eine für Leverkusen gegen Hamburg. Der Text steht unter jeweils fast halbseitigen Bildern. Ihm wird zusätzlich noch von einer Aufstellungsgrafik samt sehr schmaler Information zu Torfolge und Auswechslung Platz genommen. Inhaltlich sind die Spielberichte belanglos und machen nicht den Eindruck, jemand sei vor Ort gewesen. Lediglich der Spielbericht zum Sieg der Leverkusener enthält einen nichtssagenden O-Ton von Jupp Heynckes, der auch von Sky oder EyeP.TV hätte kommen können. Sprachlich sind die Texte in einem routinierten 08/15-Agenturstil geschrieben, der niemandem weh tut. Allerdings bieten sie auch entsprechend nichts. Auf weitere Statistiken zum Spiel oder Benotungen der Spieler muss man komplett verzichten. Es gibt lediglich eine größere Tabelle, Torschützenliste, Übersicht der demnächst gesperrten Spieler und eine Kreuztabelle. Ganz harte Hausmannskost. Wenn Leckerbissen geplant sind, hat man sie sich wohl noch aufgespart.

Die Berichte zu den Spielen der 2. Liga bekommen jeweils eine halbe Seite, wobei je nach Bildgröße und Aufstellungsgrafik nur Platz für Texte zwischen 26 und 56 Zeilen bleibt. Detailliert ist anders. Der Statistikteil sieht genauso wie der zur ersten Liga aus. Übersichtlich, könnte man wohlmeinend sagen.

Ganz dünn wird es bei der 3. Liga. Klar gab es viele Spielausfälle. Aber wenn von 36 Zeilen die Hälfte der Aufzählung der ausgefallenen Spiele gewidmet wird, dann ist das lustloses Abhandeln. Die vier stattgefundenen Spiele werden wie folgt dokumentiert:

Am Samstag konnten zumindest vier Begegnungen ausgetragen werden. Kickers Offenbach spielte gegen Jahn Regensburg 0:0. Die Braunschweiger Eintracht setzte sich zu Hause mit 1:0 gegen die SpVgg Unterhaching durch. Das Spiel Werder Bremen II gegen den FC Ingolstadt 04 endete torlos. Und der VfL Osnabrück konnte trotz eines Unentschiedens gegen den Wuppertaler SV seine Tabellenführung verteidigen.

Es wäre sicherlich kein Problem, den ganzen Text zu zitieren, da die Schöpfungshöhe hier bei Normalnull liegt.

Zu den angeteaserten Hintergrundberichten. Die Geschichte um Frank Ribéry wird auf einer Seite ausgebreitet. Es geht um seine Zukunft bei den Bayern oder woanders. Kurz: Man erfährt gar nichts. Kein Statement des Vereins, des Trainers, anderer vermeintlich interessierter Vereine, der Berater oder gar von Ribéry selbst. Vielmehr eine kurze Abhandlung seiner bisherigen Karriere, die locker auch aus der Wikipedia kommen könnte und ein paar Informationen zu den Einkommen französischer Sportstars aus der L’Equipe. Der Hintergrundbericht zur Hertha krankt ebenfalls an mangelnder Eigenrecherche und konstatiert nur Offensichtliches. Interessanterweise findet sich kein Wort zum Platzsturm nach dem Spiel. Die finden sich einige Seiten weiter zusammengefasst unter der Überschrift „Tatort Bundesliga“. Dort werden allerdings nur O-Töne zusammengefasst und Zusammenhänge zu der Pyroaktion Nürnberger Anhänger in Bochum und Gewalttätigkeiten Rostocker Anhänger im März gezogen. Beschäftigung mit den Anhängern, Nachforschen bei den Beteiligten oder in Frage stellen von schematisch wiederkehrenden vermuteten Zusammenhängen: Fehlanzeige.

Ein wirklich schlimmer Lapsus ist die Mini-Rubrik „Bundesligasprüche“, die auf Schülerzeitungsniveau vermeintlich witzige Zitate sammelt.

Die internationalen Ligen werden mit je einer halben Seite abgespeist. Zwischen 17 und 26 Zeilen verbleiben neben Bild, Tabelle und Spieltagsübersicht für einen Text zum Spieltag. Nun ja.

Drei Seiten gibt es für den restlichen Sport wie Handball, Eishockey oder Wintersport. Der auf der Titelseite versprochene Text zu den Eisbären war nicht zu finden. Dafür gab es nur eine kurze Ergebnisübersicht und eine lieblose Tabelle, für die sich nicht einmal Trennstriche zwischen den einzelnen Platzierungen haben finden lassen.

Ein Kreuzworträtsel ohne Sportbezug füllt die vorletzte Seite während die letzte Seite das Sportfernsehprogramm des Tages präsentiert. Dabei die Kanäle von Sky, Eurosport und ESPN.

Ernüchternd lässt sich feststellen, dass sich kein Artikel in der Zeitung fand, der einigermaßen interessant war, obwohl das sportliche und nichtsportliche Geschehen vom Sonntag das durchaus hergegeben hätte. Die Texte hinterlassen den Eindruck, dass sie auch in einer Gratiszeitung hätten stehen können. Und das ist ein vernichtendes Signal. Gegen den Sportteil einer normalen seriösen Tageszeitung kommt der Sport-Tag nicht an. Und da schließe ich agenturbelieferte Blätter wie meinetwegen die Mitteldeutsche Zeitung ein. Über den Preis konkurriert die Zeitung auch nicht mit diesen Zeitungen, die im Schnitt doppelt soviel oder noch mehr kosten. Aber selbst Tabloids, die in im gleichen Preissegment liegen und wie man sie in Berlin mit Bild, Berliner Kurier und BZ gleich dreimal hat, pointieren die Sportereignisse besser. Es ist also die Frage, welches Profil der Sport-Tag entwickeln möchte. Denn er bräuchte eines, um zu bestehen. Gegen die Lokalsportberichte der Tageszeitungen kann er jedenfalls überhaupt nicht ankommen. Das stiefmütterliche Abhandeln der 3. Liga zeigt, dass dort der Kampf um Anteile auch gar nicht erst aufgenommen werden soll. Magazine wie die Fußballwoche für Berlin oder der Kicker bundesweit beziehen ihre Stärke durch die Beobachtung vor Ort. Knapp gesagt: Es fehlt dem Sport-Tag an Qualität.

Der an Sportereignissen interessierte Leser kennt die Inhalte, die im Sport-Tag präsentiert werden, bereits aus dem Fernsehen oder Netz. Auch hier lässt sich also keine Zielgruppe erkennen. Es ist schon merkwürdig, wie eine Zeitung ohne eine vernünftige Zielgruppenanalyse oder deren inhaltliche Umsetzung, durch Investoren auf dem deutschen Zeitungsmarkt etabliert werden soll. Schade um das Geld. Klar übrigens, dass die Zeitung auch keine ansprechende Internetpräsenz hat.

Wer sich durch die Kritik angespornt fühlt, kann sich allerdings noch als Redakteur bewerben. Es findet sich im Heft eine entsprechende Stellenanzeige.

Eisern vereintes Rudel

Es gibt es etwas zu feiern. Kein Tor. Denn mit dem Schießen von Toren tun sich momentan einige Berliner Fußballklubs schwer. Aber abseits von den Ergebnissen des Spieltages in den verschiedenen Ligen lädt das Fußballfilmfestival 11mm am Montag, den 15.03., zum Union-Abend. Im Kino Babylon werden ab 19 Uhr in einer Doppelvorstellung die beiden Filme “Eisern vereint” und “Das Rudel” gezeigt. Die Eintrittskarte kostet für beide zusammen 6,50 €.

Eisern vereint

Das erste Mal im Kino zu sehen, befasst sich der Dokumentarfilm von Andreas Gräfenstein mit einem der am meisten identitätsstiftenden Ereignisse in der Geschichte des 1. FC Wundervoll. War das 8:0 gegen den BFC Dynamo vor fünf Jahren in der vierten Liga für viele ein noch zu erledigender Punkt auf der To-Do Liste, so gab der Stadionbau die Möglichkeit, sich mit dem Verein zu identifizieren, ohne sich von anderen abgrenzen zu müssen. Eine Art positiver neuer Gründungsmythos, der auch die Möglichkeit schafft, sich Union jenseits der Herkunft aus der DDR zu nähern. Gräfenstein hat die Stadionbauer vom Beginn bis zum Eröffnungsspiel gegen Hertha BSC begleitet.

Das Rudel

Viel wird über Ultras gesprochen und geurteilt, ohne sich ein Bild dieser Gruppierungen zu machen. Das liegt zum Teil sicher auch daran, dass diese selbst sehr verschlossen sind und sich den Medien gegenüber kaum äußern. In diesem Dokumentarfilm gelingt es dem Regisseur Alexander Schimpke, Zugang zu den Ultras des 1. FC Wundervoll zu erhalten. Er begleitet sie bei einem Regionalligaspiel gegen Dynamo Dresden. Die Kamera folgt der Blickrichtung des Capos – Rücken zum Spielfeld und Gesicht zu den Rängen. Der Film vermittelt Einstellung und Gefühle der Ultras und die Bilder wirken mit einer ungemeinen Kraft auf den Zuschauer. Die Entscheidung, sich eine eigene Meinung dazu zu bilden, nimmt der Film den Zuschauern trotzdem nicht ab.

Der König der Mittelstürmer.

Meine Oma sagte über Unvorstellbares immer “Dit jibs do in keen Russenfilm”, und das musste man dann wirklich gesehen haben. Ich konnte mir bis heute keinen schwarzweißen Fußballstummfilm mit leibhaftiger Klavierbegleitung vorstellen. Drum hab ich mir einen angesehen. “König der Mittelstürmer” ist einer der ersten deutschen Fußballfilme überhaupt, kam 1927 in die Kinos und ist einfach unfassbar … komisch. Das ist in weiten Teilen durchaus so beabsichtigt, denn es handelt sich um eine Komödie, gelegentlich ist die Komik jedoch unfreiwillig, weil dem Zeitgeist geschuldet. Und dann ist es besonders lustig.

Das Allerschönste aber ist: der Film funktioniert. Man könnte dieselbe Geschichte heute noch auf die selbe Weise erzählen: Fußballspielender Sohn eines insolvenzbedrohten Geschäftsmannes trifft reiche Erbin (“Reden Sie mir nicht von Liebe”), Mittelstürmer ist kein gesellschaftlich anerkannter Beruf, der Junge soll lieber was Richtiges arbeiten, es folgen einige Liebesturbulenzen, ein eifersüchtiger Nebenbuhler sabotiert den glücklichen Fortgang der Ereignisse, jedoch zeigt sich am Ende die Frau dreifach einsichtig. Erstens, sie bittet den künftigen Schwiegervater, den König der Mittelstürmer (“Ohne Tull keine Meisterschaft”) wieder spielen zu lassen. Zweitens, sie bandagiert seine Sportverletzungen (“Wunderheilung”). Drittens, sie liebt ihn trotzdem. Oder gerade weil. Und am Ende gibts einen Platzsturm, wie wir ihn 2009 zuletzt gesehen haben.

Erstaunlich ist der Film trotzdem, wenn man ihn im Kontext seiner Zeit betrachtet. Filmtechnisch beeindruckend sind die Fußballszenen, die das ganze Drama Fußball einfangen. Der Film selbst ist universell verständlich. Stummfilmschauspieler mögen in Gestik und Mimik übetrieben wirken, und manchmal muss eine wenig dezent geschminkte Augenbraue einen Dialog ersetzen, was speziell an männlichen Darstellern außerhalb von Vampirfilmen sonderbar anmutet – trotzdem käme der Film auch ohne seine Texttafeln aus, weil die Bilder klar sind und die Geschichte stringent erzählt wird.

Und schließlich: Schießen Sie ja nicht auf den Pianisten! Dramatische Musik kann man gar nicht genug überschätzen. Im Stummfilm ist sie unersetzlich.

African Challenge.

Ein bemerkenswertes und noch recht junges Sportmagazin ist uns gestern zugelaufen. African Challenge betrachtet deutsches Sportgeschehen, und zwar hauptsächlich Fußball, aus der Perspektive hier lebender afrikanischstämmiger Athleten. Die Artikel sind auf deutsch geschrieben, es gibt aber jeweils englische und französische Zusammenfassungen. Ein bißchen ist es ein Familienalbum. Eines, das vor allem die Porträts der erfolgreichen Kinder der Familie zeigt. Als dehnbar erweist sich zudem der Begriff des afrikanischstämmigen Athleten. Auch Karim Benyamina ist afrikanischstämmig in diesem Sinne.

Zwei Anliegen verfolgt das Heft. Es möchte das europäische Bild von Afrika korrigiert wissen. Afrika wird oft als Ganzes wahrgenommen – es sind aber viele Länder. Auch Ägypten ist Afrika. Auch Algerien. African Challenge beschönigt dabei weder die politischen Schwierigkeiten der meisten afrikanischen Länder, noch die Nöte ihrer Bevölkerung. Allzu verständlich ist der Wunsch, es anderswo “zu etwas zu bringen.” Und eben das ist der zweite Ansatzpunkt des Magazins. Es vernetzt die hier lebenden Sportler miteinander. Die Ausgewanderten, die Nomaden. Die, die Legionäre genannt werden.

Den Unionern sei die Ausgabe 4, Januar-Februar 2010 empfohlen. Sie enthält ein siebenseitiges Special über Afrikaner bei Union: Darunter ein Interview mit Karim Benyamina und ein Porträt von Macchambes Younga Mouhani, in dem er über Probleme wie Korruption im Sport, die Gefährdung der eigenen Familie durch Funktionäre und seine Anfangschwierigkeiten bei Union spricht. Bemerkenswert, dass er trotz seiner sehr schweren Zeit zu Beginn über die Unionfans folgendes erzählt:

Ich liebe die Fans von Union am meisten. Die Fans bringen einen immer noch ein Stück weiter. Wir haben überragende Fans, sie haben uns sehr, sehr gut unterstützt, als der Aufstieg noch ganz weit weg war. Egal was passiert ist, die haben nie einen Spieler schlecht gemacht. Selbst wenn das Spiel mal nicht so gut lief, die Fans haben nie etwas Negatives gesagt, sondern weiter angefeuert. Die singen, machen Stimmung und sagen “Jungs, wir sind da!”. Ich habe sowas noch nie erlebt.

African Challenge erscheint zweimonatlich und kostet 3 EUR.

Togo.

Eine gelungene filmische Gratwanderung vollzog der Eröffnungsfilm “Togo” des diesjähren Fußballfilmfestivals 11mm. Die beiden schweizerischen Regisseure beobachteten in ihrer Dokumentation die Menschen in Lomé, während die togolesische Mannschaft sich auf die WM 2006 vorbereitete und ihre Gruppenspiele bestritt. Dabei begleiteten sie einen arbeitslosen Journalisten, einen Geschäftsmann, der extra für die WM ein Lokal aufgemacht hat, und Fans, die teils vergeblich vor dem deutschen Konsulat auf Visa für den Besuch der Gruppenspiele warteten.

Eine Gratwanderung, weil die Kulisse und Improvisation im armen Viertel am Stadtrand geeignet ist, bestimmte europäische Afrikaklischees zu bedienen. Dem entzieht sich der Film, indem er auf eine Kommentierung aus dem Off verzichtet und die Akteure selbst sprechen lässt. So bekommt der Zuschauer einen unmittelbaren Eindruck von der Stimmung im Land nach den politischen Unruhen 2005 und der erstmaligen Qualifikation für eine Weltmeisterschaft: Hoffnung, Übermut, Enttäuschung, Wut, Resignation. Für ständige Lacher sorgen Voodoomänner, die vor jedem Spiel das Orakel befragen, einen Sieg der Togolesen vorhersagen und danach mit aberwitzigen Ausreden erklären, warum dann doch alles anders gekommen ist.

Der Film wird noch einmal am Mittwoch, dem 17. März 2010 um 20.30 Uhr im Kino Babylon gezeigt (Eintritt: 6,50 €). Die DVD kann direkt bei den Regisseuren bestellt werden.

Nach der Premiere stand uns Otto Pfister, der damalige Trainer der togolesischen Mannschaft für ein kurzes Interview zur Verfügung:

Im Film haben Sie die Stimmung in Togo gesehen, während Sie mit der Mannschaft hier waren. Haben Sie vorher damit gerechnet, dass es so hoch hergehen würde?

Ich habe das gewusst. Und das belastet einen natürlich auch. Zum Beispiel das mit der Mama Togo habe ich gewusst, weil ich immer auf dem Kontinent lebe, wenn  ich ein Engagement habe. Es gibt Trainer, wie den, der vor mir Kamerun trainiert hat. Die wohnen hier und gehen nur zum Spiel herunter. Das mache ich nicht. Ich habe eine Schwäche für diese Länder und ich wohne dort. Ich weiß, was dort los ist. Für die ist Fußball heilig. Das ist nicht wie hier in Berlin heute. Wenn da ein Spiel ist wie Hertha BSC gegen Nürnberg in einer solch großen Stadt. Dann sind alle im Stadion. Der Rest sitzt vor dem Fernseher oder am Radio. Da ist keiner auf der Straße. Das ist eine Religion. Und das ist schwer hier zu vermitteln.

Dazu kommt noch die Selbstüberschätzung. Sie meinen, sie treten an mit einer Infrastruktur, die Sie im Film sehen konnten. Und die Erwartung ist dann so, das sei jetzt überall genau so wie zu Hause. – Allerdings war das mit der Nationalmannschaft nicht ganz richtig dargestellt. Ich war ja mit den Jungs vier Wochen hier in Europa im Trainingslager in normalen Sportschulen. Wenn man dann sieht, dass es nicht läuft, gibt man auf. Als es dann losging mit dem Geld, haben die Spieler gestreikt. Ich habe gekündigt, als Adebayour zu mir kam und sagte: ‘Trainer, wir trainieren heute nicht. Wir haben noch keinen Pfennig Geld gesehen.’ Das war der Grund. Ich habe mit dem Präsidenten gesprochen und gesagt: ‘Sie entziehen mir die Arbeitsgrundlage. Zahlen Sie den Spielern das Geld, damit sie zum Training kommen.’ Dann ist die FIFA in Vorschuß getreten. Aber uns haben die zwei Tage gefehlt. Sonst wäre die Mannschaft auch in der Lage gewesen, die zweite Runde zu erreichen.

Waren Sie wieder aufgeregt, als Sie die Szenen der Spiele jetzt noch einmal gesehen haben? Wie haben Sie manche Schiedsrichterentscheidungen jetzt noch einmal wahrgenommen?

Wenn der Schiedsrichter vom Spiel gegen die Schweiz Englisch verstanden hätte, wäre ich für das, was ich ihm in der Halbzeit gesagt habe, von der FIFA für ein Jahr gesperrt worden. Einmal wird Adebayour heruntergerissen und einmal lässt Patrick Müller im Strafraum das Bein stehen. Aber das ist halt so.

Haben es afrikanische Mannschaften bei einem solch großen Turnier besonders schwer mit den Schiedsrichtern?

Ja. Aber dazu möchte ich mich lieber nicht äußern. Das ist kein einfaches Thema.