Monthly Archive for Mai, 2009Page 2 of 2

Er ist da.

Der Tag. Himmelblau und hoffnungsfroh. Ich bin seit sieben blitzwach, zähle die Minuten runter und hätte diesen zweiten Kaffee eigentlich nicht gebraucht. Aber Gewohnheiten sind anhängliche kleine Tiere.

Schwer zu beantworten ist die allmorgendliche Frage nach der Kleiderordnung. Ich kann mich wie gewöhnlich längere Zeit nicht entscheiden und entschließe mich überraschend, vollkommen grundlos aus einer Laune heraus zu etwas rotweißem. Es ist inzwischen dreiviertel zehn. Ob ich noch ´n Kaffee … ?

Meinem Gefühl nach vergeht die Zeit nicht im Geringsten. Es wäre genug davon da, um mindestens ein Haus zu bauen, einen Baum zu pflanzen und ein Kind nach den Bestimmungen des Preußischen Allgemeinen Landrechts zu adoptieren. In der Zeit, die dann noch übrig ist, könnte man das Haus streichen, innen wie außen, Kind wie Baum beim Wachsen zusehen und das Internet schwarzweiß ausdrucken und handkolorieren. Vollständig. Mehrmals. Danach bliebe immer noch genug Zeit, um beispielsweise einen Kaffee zu trinken. Acht Minuten nach Zehn.

Und wie jetzt weiter? Pfandflaschen in Dreierreihen aufstellen, sortiert nach Farbe, Form und wie gut das geschmeckt hat, was drin war. Klein, durchsichtig, bäh! ist Wasser ohne Blubb. Klein, gelb und auch bäh! ist ein Biermischgetränk, das Radler zu nennen selbst für Sterni mit Zitronenbrause ein Schlag ins Gesicht wäre. Ich stelle fest, das mein Ordnungsprinzip nichts taugt und werfe am Schluss alles in den selben Beutel. Zehn Uhr sechsundzwanzig. Leider hab ich schon abgewaschen. Bleibt wieder nur Kaffetrinken.

Zehn Uhr achtunddreißig. Um mich herum wird es zunehmends ordentlicher. Das gefällt mir gar nicht. Schnell eine Kaffeetasse dreckig gemacht.

Ich amüsiere mich ein bißchen mit den Lokalnachrichten. Die Hertha, so steht zu lesen, will den Osten gewinnen. Cindy aus Marzahn, Hellersdorf und Friedrichshain ist gefragt. Nehmt Peggy, Nancy und Doreen aus Hohenschönhausen bitte auch gleich mit! Zehn Uhr siebenundvierzig. Ein Espresso muss her, sofort. Na, ein Kaffee tut´s auch.

Angeblich beruhigt in Stresssituationen das Bekucken von Urlaubsfotos. Ebenso soll das Angeben der Entspannung sehr zuträglich sein. Täterätä! Spreeblick hat diese Woche eins meiner Urlaubsfotos veröffentlicht. Hm. Naja. Also … ich bin immer noch bißchen unentspannt. Da hatte die Apotheken-Zeitung wohl doch gelogen. Latte Macciato bitte, mit dreifach Zucker. Wie, gibt´s nicht? Jaja. Kaffee. Geht in Ordnung. Und es ist noch nicht mal elf!

Sinnentleerte Rituale

1. FC Union Berlin gegen Tennis Borussia Berlin. Das war die Paarung des Finales im Berliner Pokal. Die Beziehung der beiden Vereine zueinander ist nicht einfach. Selbst jetzt, einige Tage nach dem Spiel, ärgere ich mich noch maßlos. Kaum geht es einmal gegeneinander, was in den letzten Jahren eher selten war, wird schnell die Mauer in den Köpfen wieder aufgebaut.

Auf der einen Seite stehen die vermeintlichen “Wessis”, die sich mit dubiosen Sponsorengeldern (Göttinger Gruppe; Treasure AG) an der Verfestigung ostdeutscher Nachwendestereotype beteiligen (“…wer lässt sich nicht vom Westen kaufen…”). Alles was seit den Wendejahren schiefgelaufen ist, wird dann auf den Charlottenburger Klub projiziert und entlädt sich in Rufen wie “Lila-Weiße Westberliner Scheiße!” Dazu kommt noch die unsägliche Verknüpfung der Vereinsfarben von Tennis Borussia mit sexuellen Orientierungen, die zu homophoben Gesängen führt. Selbst das schöne, weil irgendwie berlinerische Ritual, das Vorlesen der gegnerischen Mannschaftsaufstellung mit einem geschlossenen “Na und!” zu kommentieren, fällt bei solch einem Spiel aus. Da wird wie in vielen Stadien leider üblich dann auf einen anderen Begriff verwiesen.

Auf der anderen Seite steht der tumbe “Ossi”, der zum Betrügen zur Erfüllung bürokratischer Erfordernisse unfähig ist. Dazu gesellt sich das Bild des xenophoben und homophoben Bewohners Neufünflands, der im Stadion seiner Frustration freie Bahn lässt.

Auf der Strecke bleibt dabei eine objektive Auseinandersetzung. Eigentlich könnten sich beide Vereine relativ egal sein. Sie spielten selten in der gleichen Liga. Es gibt wenig Berührungspunkte. Dass eine gefälschte Bankbürgschaft aufgeflogen ist, reicht meines Erachtens nicht für eine dauerhafte Fehde. Ebensowenig glaube ich, dass es bei Union noch eine Gruppe gibt, die mit rechtsextremen Schmähungen auch nur einen kleinen Teil der Anhänger hinter sich scharen oder verbal das Stadion dominieren könnte. Auch wenn manche das selbst bei Union anders sehen, ist der Klub kein typischer Vertreter eines Ostvereins. Phantomschmerzen ob vergangener Erfolge in der DDR gibt es nicht. Dazu gab es schlicht keine (Chronistenpflicht: einmal Pokalsieger). Dem sogenannten sozialistischem System stand der Anhang eher abgeneigt gegenüber.

Es wäre also einmal an der Zeit, die jeweils jahrelang eingeübten Vorurteile zu überprüfen und ein normales Verhältnis zueinander aufzubauen. Freundliche Gesänge während eines Spiels der anderen Seite hinüberzuschicken ist die eine Sache. Danach trotzdem gemeinsam ein Bier trinken zu können, wäre mein erwünschtes Ziel.

Der Zaunkönig.

Union setzt sich in allerletzter Minute gegen Tennis Borussia durch und gewinnt auf “neutralem Boden” den BFV-Pokal. Das war die gute Nachricht.

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Es dürfte dies das letzte Spiel von Sebastian Bönig gewesen sein. Das ist -in gewisser Weise- die schlechte Nachricht. Es wäre jedenfalls ein würdiger Abgang für den Zaunkönig. Als Kapitän 90 Minuten durchgespielt, siegreich. Das Bild, wie er am Schluss, als alle Lichter ausgehen, ganz allein über den Rasen schlendert, die Kurve im Rücken, und diese riesige, seltsame Trophäe glänzt in seiner rechten Hand, den Deckel dazu hält er in der linken, bevor er ins Dunkle verschwindet, brennt noch auf der Netzhaut.

Sicherlich ist Sebastian Bönig nicht das, was man einen Ausnahmefußballer nennt. Nicht die ganze große Begabung, das stets unterschätzte Talent, der Überflieger. Sein Kämpfernaturell hat zu Union gepasst, sein Übermut nach Spielende erst recht. Er hat Neustrelitz gesehen, Torgelow und Falkensee-Finkenkrug. Und ausnahmsweise nur -Steffen Baumgart bestätigt die Regel- leistet sich ein Fußballprofi den Luxus, sich in seinen Verein zu verlieben. Er kann sich dann zumeist darauf verlassen, zurückgeliebt zu werden. In Köpenick wird man Böni nicht vergessen. Wir werden uns sogar liebevoll an seine Frisuren erinnern. Danke!

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Haushaltstag.

Bei den Twitter-Telegrammen stehts schon, aber auf die Hausaufgabe des Spielbeobachters möchte ich, weil heute mein Haushaltstag ist, trotzdem hinweisen.

Weil man als Frau im Haushalt praktisch nichts mehr selbst machen muss, denn diverse elektrische Geräte (die mal irgendwer ein- und ausräumen müsste, bitte. Danke!) erledigen das für dich, verzeichne ich Freizeitgewinn ungeahnten Ausmaßes und diskutiere ein Fußballspiel, das ich überhaupt gar nicht gesehen habe. Während der @spielbeobachter nicht darüber reden möchte, unternimmt @heinzkamke, der in Wirklichkeit natürlich ganz anders heißt, den heldenhaften Versuch, mich von zwei Dingen zu überzeugen. Erstens, Messi ist der Beste. Und zweitens davon, dass eigentlich Messi der Beste ist.

Ich schwärme. Und kann gleich weiter machen: Messi ist unvergleichlich. Der Ball ist, wie sein Nationaltrainer kürzlich sagte, ein Teil seines Körpers. Damit ist eigentlich alles gesagt.

[heinzkamke: Notizen aus der katalanischen Metropole: Camp Nou]

Ich möchte ihm widersprechen. Mir fällt aber nichts ein.

Wichtiges Indiz dafür, dass Cristiano Ronaldo gestern aber auch nicht ganz schlecht gewesen sein kann, wenigstens manchmal, möglicher Weise sogar in Momenten, als es darauf ankam, und damit in der Gesamtwertung mindestens Zweitbester nach Messi, ist, dass aufallend wenig darüber geredet wird. Oder anders: Wenn das längste in der Suppe zu findende Haar der auf Marcel Reif zurückzuführende, von @heinzkamke überlieferte Ausspruch, Cristiano Ronaldo schieße Freistöße wie ein Tippkick-Männchen, war, bin ich fast ein bißchen traurig, dass ich das Spiel gestern nicht gesehen hab. Ich glaube, ich hätte es gemocht.

Und dann, als ich denke, okay, jetzt aber mal Lack machen in der Küche, kommt @probek vorbei, schließt sich einerseits dem schweigenden @spielbeobachter an, und möchte aber außerdem sofort verkaufen. Beide. Den Ronaldo nach Spanien, den Ribery nach England.

Tolles Ding, dieses Internet. Kann man viel Spaß mit haben. Fast soviel wie mit ähm … Staubsaugen.

Und dann war da noch … (Presseschau vom 2.5.2009)

Die Süddeutsche Zeitung, an der ich eigentlich ständig irgendwas zu mäkeln habe, lässt Hans Meyer, an dem ich nie viel auszusetzen fand, die Welt erklären.

Während der ersten 13 Jahre meiner Tätigkeit, bei Carl Zeiss Jena, waren wir ständig im Ausland. In Kairo zum Beispiel oder in Baalbek im Libanongebirge. Da kommen jeden Tag Tausende Touristen hin, aus USA, aus Japan, die legen Tausende Dollar hin, um das mal zu sehen, die riesigen Steine, die Tempelreste. Ist eine Stunde von Beirut entfernt, interessant, sich das mal anzuschauen. Haben wir gemacht. Aber die meisten blieben provozierend im Bus sitzen, und der Roland Ducke, mein Bester, sagt: “Schon wieder Steene!”

[Ulrich Hartmann und Philipp Selldorf: Interview mit Hans Meyer, via surfguard]

Vorfreuen auf zuhause.

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Wenn das nicht das rotweißeste Stadion wird, das die Welt kennt, möchte ich mich auf der Stelle in einen Zebrafinken verwandeln. Ich spekuliere nunmehr darauf, dass die 11Freunde uns nächstens mal wieder ein Stadionposter spendieren.

Was alle so machen.

Der Trainer frug unlängst, was Jörg Heinrich macht. Als ich´n 2007 das letzte Mal gesehen hab, hat er Fußball gespielt. (Wer Lust hat, darf raten, welches Spiel das ist.)

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Den Nicht-Unionern unter den geschätzten Lesern sei gesagt, dass man über jeden Spieler, der je das rotweiße Trikot für Union vollgeschwitzt hat (oder das orangene, das himmelblaue, das heißgeliebte dunkelblauschwarze) in der Datenbank “… einmal Unioner, immer Unioner” Informationen findet. So auch über Jörg Heinrich. Ich mein´, wikipedia kann ja jeder.

Ich selbst fragte mich neulich, was eigentlich Uli Hannemann macht, wenn er nicht grad auf irgendwelchen Dachterassen rumhängt und vor Publikum Bier trinkt. Auch das ist schnell beantwortet. Er blökt ins Internet rein. Über die hohe Kunst des Foulspiels etwa.

Auf der anderen Seite ist auch das Foulspiel integrativer Bestandteil einer jeden Sportart, ebenso wie die intensive Spielnachbereitung, unter die die Mordtat fallen könnte. Es ist eben nicht immer ganz einfach zu sagen, wo der originäre Sport endet und der originelle Todesfall beginnt.

Aber manchmal, ganz selten nur, schreibt er auch Texte auf Papier. Die heißen dann zum Beispiel “Ich war Werner Lorant”, und wer sich für Fußballliteratur interessiert, kommt daran nicht vorbei.

Mit einer Flasche Rex-Pils meditiere ich in der Hasenheide, als in meiner Nähe etwa fünfzehn Kinder Tore aus Papierkörben aufstellen und beginnen, Fußball zu spielen. Doch kann man diese Katastophe überhaupt “Fußball” nennen? Eine Ordnung fehlt komplett, Kampf- und Laufbereitschaft gehen gegen null. Zuteilung bei Standards sowie Übersicht und Deckungsverhalten: Cordoba lässt grüßen! [...] Ich betrete das Spielfeld und halte den Ball fest. Die Kinder gucken komisch.

Wie die Geschichte weitergeht, kann man in dem Erzählband “Neulich in Neukölln” nachlesen. Oh, und er spielt natürlich Fußball, der Herr Hannemann. Und nicht irgendwo, es muss schon die hier bereits des öfteren erwähnte Nationalmannnschaft der Autoren sein. Schätze, für Eintracht Braunschweig war er einfach zu gut ;)

Und falls es wen interessiert, was ich mache: ich verbrauche Papiertaschentücher, freue mich über so schöne Texte wie Jens´ Interview mit Frau Schönau oder den von nolookpass über eine ganz bestimmte herbe Niederlage, lache laut, wenn Herr Haas Reime schüttelt und empfehle gegen Halsschmerzen und weg´ge Stimme Lutschtabletten der Geschmacksrichtung Honig-Zitrone. Hilft zwar nicht, ist aber lecker.