Als ich Andora das erste Mal traf, hatte ich keine Ahnung. Ich meine wirklich gar keine Ahnung. Ich hatte ihn kurz im Grüne-Hölle-Film gesehen und dachte, wat´n Tüp, ey. Ich kannte seine Madonna, seine Fahne, seine Kunst. Ich wusste, dass er Unioner ist. Das schien mir genug Wissen, für den Anfang. Ich war schlecht vorbereitet. Und dann fing er an zu reden, und reden kann er gut, viel, lange und völlig frei von Bescheidenheit, mit dieser Stimme von dem Wolf aus dem Märchen, bevor der die ganze Kreide fraß – man konnte ihn nicht nicht mögen. Er erzählte eine ostwestdeutsche Biografie, in der eine Republikflucht vorkommt, einen Künstlerlebenslauf und eine Fußballfankarriere. Das ist alles er, und ich: beeindruckt. Ich habe noch nie jemanden auf diese Weise Wodka trinken sehen.
Das zweite Mal begegnen wir uns, um den Aufstieg zu feiern. “Und Du komma her, Du krichst uff´s Maul”, sagt Andora und meint damit Insgesichtküssen, begrüßungshalber. Das erklärt er mir aber erst später. Seinem Tonfall kann man die friedliche Absicht nicht ohne Weiteres entnehmen, so dass ich flink einen Schritt zurückhüpfe und erstmal witternd mit den Schnurrhaaren wackle – wer gerne Eichhörnchen beobachtet, hätte an diesem Moment viel Freude gehabt.
Wir verabreden uns zum Nachtwachen auf der Stadionbaustelle, da sehen wir uns das dritte Mal. Andora hat seinen Hausmeisterschlüsselbund schon abgegeben und stellt jetzt den Rasensprenger um. Er war mal Friedhofsgärtner, sagt er, und dass er weiß, wie das geht. Er war auch mal Heizer. Und hat dabei die zartfühlende Seele einer Mutter, sogar morgens um fünf: “Ich wisch mal noch die Tische ab, damit die Frühschicht dit´n bißchen nett hat. Dit finden die jut.” Wären welche zur Hand gewesen, hätte er auch Häkeldeckchen verteilt, damit sich alle wohl fühlen. Selber schläft er, wenn er denn zwischen nachts wachen und tags arbeiten dazu kommt, im künftigen Polizeicontainer auf ausrangierten Sportmatten. Ihm ist es wichtig, diesen Stadionumbau mitzumachen. Die anderen hatte er verpasst, irgendwie, und das Hüftgelenk ist ja praktisch wie neu.
Wann immer ich an Andora denke, fällt mir der andere große Zeichner und Geschichtenerzähler ein.
Oben ist unten, und hässlich ist schön.
[Walter Moers: Der Schrecksenmeister.]
Bei Andora ist nichts das, als was es erscheint. Oder jedenfalls nie sehr lange. Etwas, das eben noch ein unscheinbarer blauer Bauhelm war, wird zur tragbaren Skulptur. Ein Raffael wird Pop-Art, eine Lampe zum Wechselbild. Man weiß vorher nie so genau, was in den Dingen steckt. Fehlt ein Spezialkringel, wird er kurzerhand erfunden. Wer sagt denn, dass ein Buchstabe keine Wimpern hat? Auch das ist eine Art, sich die Welt zueigen zu machen.
Wenn man Andora nach einer Selbstbeschreibung fragt, sagt er trotzdem nicht Erfinder, Künstler, Fußballfan, oder Unioner. Er sagt: “Botschafter”, und ich nicke dazu. Alles, was an Fußballkultur bunt ist, laut bis an die Grenze des Kreisch, dabei aber trotzdem friedlich, vermittelt er. In seinem Freundes- und Bekanntenkreis finden sich alle Sorten Menschen, auch zwischen denen vermittelt er. Es passt nämlich viel Liebe in ein großes Herz. Und die Botschaft vom besten Fußballverein der Welt vermittelt er – allen, die es hören wollen, und den anderen auch.
Ich bin immer noch beeindruckt. Nicht nur des Wodkas wegen. Über den Mann müsste wirklich mal einer was schreiben.


















