Monthly Archive for November, 2008Page 2 of 3

Rapider Zeitlupenfußball.

Wer mit mir urlaubt, muss unabhängig vom Urlaubsziel zu mindestens einem Fußballspiel gehen. Die Wiener Freundin meinte, sich mit “I kenn mi da net aus” herausreden zu können, jedoch: es gibt Internet. Auch in Österreich. Und es gibt das österreichische Pendant zur 11Freunde, den ballesterer fm. Trotzdem ich in Brandenburg aufgewachsen bin, habe ich lesen gelernt. Rapid Wien gegen LASK Linz, Sonnabend, 18 Uhr. Die Wiener Freundin sah sich genötigt, die Ticket-Hotline anzurufen. Es war ihr fürchterlich unangenehm. Sie kannte sich noch immer nicht aus. “Ja, was weiß ich denn, wo wir sitzen wollen?!” – “Na, gar nicht! Wir stehen.” – “Oh … ähm … mach Du mal.” – “Tach! Ick steh zuhause imma hinterm Tor. Jeht dit bei euch ooch?”

Es ging, und zwar ganz vorzüglich. Das Gerhard Hanappi Stadion ist ein komplett überdachtes reines Fußballstadion, und auch von der Größe her weckt es Heimatgefühle. Stadionheft ist für umme, Ottakringer ist nicht zum Trinken, sondern wird ausschließlich für Becherwürfe produziert, und weltweit sollte die Thüringer Rostbratwurst mehr Verbreitung erfahren. Die Sitze gibt es nur, damit man sich drauf stellen und besser sehen kann. Zu sehen gab es so einiges, am letzten Samstag: Elfmeter, rote Karte, Spielunterbrechung, Jongliereinlagen bei Ballannahme, slow motion Fußball at it´s best und einen 5:0 Kantersieg der Hausherren, die noch am vorhergehenden Spieltag das Derby gegen die Wiener Austria verloren hatten. Nebenher feierten die Rapid-Ultras mit sehr feiner Choreo ihr 20jähriges.

Verliebenswerteteste aller je gehörten Redewendungen im Zusammenhang mit Fußball: “Hau eini die Wuchtl, Du Voikoffer!” , und für´s hausinterne Lexikon: Textilvergehen heisst in Österreich “Leiberlziehen”. Wieder was gelernt.

Und an den Bäumen, Blatt für Blatt, hängt Urlaub.

Ich bin denn mal weg.

Herr mööp übernimmt, während ich mich bei Rapid amüsiere, den Chefsessel im Chefbüro auf der Chefetage. Chefaufgaben erwarten ihn. Etwa die Klärung der Frage, wie uns das mit dem Eröffnungsspiel gegen Hertha gefällt. Der nächste Spieltag will besprochen werden. Sandhausen. Und wer weiß, was noch alles passiert.

Angeblich gibt es auch in Österreich Internet. Sollte sich das bewahrheiten, melde ich mich vielleicht von unterwegs.

Kategorie C.

Franziska Tenner hat einen Dokumentarfilm über die gewaltsuchende Anhängerschaft im Umfeld der beiden Leipziger Fußballvereine gemacht. Kategorie C heißt der Film, der auf dem Leipziger DOK 2008 lief und am nächsten Donnerstag das erste Mal in Berlin gezeigt wird. Das Meinungsspektrum über den Film könnte schon innerhalb der Fansszene des einen der beiden Vereine kaum weiter auseinander gehen.

der erste eindruck ist absolut positiv. [...] dem aufmerksamen zuschauer wird nicht entgangen sein, dass viele botschaften deshalb auch nicht gebetsmühlenartig wiederholt wurden, sondern in “franziska-tenner-manier” subtil und unterschwellig durch unkommentierte bilder oder unkommentierte interviews angedeutet wurden. so beispielsweise der zusammenhang von verrohung und sozialem absturz, die abgrenzung der “szene” vom kommerziellen fussballhype der wm, oder die “internationale verbrüderung” von lok und manchester im kampf um den “ehrlichen sport”.

[Alter Dessauer, Chemie-Forum]

Der Film ist nichts halbes, aber auch nichts ganzes. Mal Wiesen-Kämpfe, mal WM, mal Arbeitsamt, biedere Wohnzimmeratmosphäre und dann wieder Platzsturm der Diablos in Halle. Verständnis soll der Film für die Jungs aufbringen, die ja bloß ihren Frust rauslassen. Ich habe kein Verständnis. Die Typen sollen sich in Fitneß-Studios sich austoben oder nen Marathon laufen. Die ganzen Begleitumstände, wie beim Leipziger Derby, vermiesen einen den Spaß am Leipziger Fußball. Und dafür wird denen auch noch ein Film gewidmet. Hauptsache, die Gesellschaft wird dafür verantwortlich gemacht. Die isses ja immer.

[Prisma, Chemie-Forum]

Wie oft wurde in dem Film von Fans die Kamera runtergerissen? Wie oft spürte Franziska Tenner Ablehnung in ihrem Vorhaben, in die Fanszene einzudringen. Die Protagonisten des Film widerspiegeln gerade mal im Ansatz Denken, Fühlen und Handeln der Realität. Der Film ist ein Protokoll des Nichterreichens selbstgesteckter Ziele.

[Prisma, Chemie-Forum]

es is also nicht einfach nur ein derby gewesen,sondern ein leipziger derby. Leipzig die einzige stadt in der es 2 erfolgreiche vereine gibt (erfolgreich im sinne von einer grossen anhängerschaft). 2 vereine welche in ihrer anhängerschaft nicht unterschiedlicher sein könnten, 2 vereine in denen sich sogar die spieler nicht leiden können und die chef-etage sich angiftet. und diese 2 vereine treten in einem derby gegeneinander an, und das einzige was dir dazu einfällt ist das es dir den spaß am fussball vermießt wenn du siehst das die leute ihrem hass luft machen, das sie nicht zum fussball gehen und sich dort hinsetzen,an den richtigen stellen emotionslos klatschen und nach knapp 2 stunden wieder draussen sind,sich mit den fans der anderen mannschaft in die bahn setzen und dann alle stillschweigend nach hause fahren. man dann setz dich vor den fernseher und guck dir tennis an, oder werd aktiver fan beim schach.

[twenty3, Chemie-Forum]

Glaube, wir müssen mal über Fußballfans und Fußballfans reden. Aber nicht heute. Will mir vorher den Film ansehen.

(Im gleichen Thread, dem die Zitate entnommen sind, kann man übrigens einen possierlichen Disput über die Kommasetzung nach erweitertem Infinitiv mit zu lesen. Falls das jemandem was sagt.)

13. November 2008
20.00 Uhr im Kino Toni

SpVgg Unterhaching vs. 1. FC Union Berlin

Live aus Unterhaching.

Morgen wagen wir uns erneut an ein munteres Liveblogging aus dem Generali-Sportpark von der Partie SpVgg Unterhaching vs. 1. FC Union Berlin. Sofern der Reporter seinen Flieger nicht verpasst ;)

Bis dennewitz, tschö mit ö, rinjehauen!

Mutti, ich mache mir Sorgen.

In Blogs wird die gedruckte Presse traditionell kritisch gesehen – soweit man in Zusammenhang mit Blogs das Wort “Tradition” verwenden darf. Die online-Ableger diverser Sport- und Tageszeitungen bleiben zudem qualitativ oftmals hinter dem Papierformat zurück. Und dann ist wieder Montag, ich steh in der Bahnhofsbuchhandlung, ich kaufe die Fußball-Woche, weil ich jeden Montag die Fußball-Woche kaufe, und schon sind die ersten beiden Sätze hinfällig. Der gesamte Berliner Fußball auf einen Blick, steht in der Zeile unter dem Titel. Und die meinen das ernst. Von Hertha bis zur Kreisliga C.

Die Fußball-Woche ist wie der Konsum* in meinem Dorf. Da kann man sich drüber aufregen, immer die unfreundlichen Weiber, und keene Bananen hamse ooch wieda nich, und jestern hamse mir alte Schrippen anjedreht – aber hey: es ist der einzige Konsum im Dorf, und alle sind froh, dass es ihn gibt, denn die Antwort auf die Frage “Woher weißt´n das?” lautet noch immer “Hab ick im Konsum jehört.” Genauso wie mein Konsum hat auch die FuWo überhaupt gar keine online-Präsenz. Im Hinblick auf meinen Konsum geht das klar, aber die Fußball-Woche betreffend ist das so ähnlich wie … keine Bananen und alte Schrippen für all die Dörfer, die Berlin sind.

Das altmodische Design ist schlicht, schön und erhaltenswert, aber einmal die Woche ein Heft rausbringen – das reicht schon lange nicht mehr. Die FuWo ist jetzt wieder in Berlin, sie erscheint bei der Fußball-Woche Verlags GmbH. Man kann ihr schreiben, sogar E-Mails (!) – infoATfussballwochePUNKTde. Das könnte ein Anfang sein.

*Für Zugereiste: das spricht sich Kónsum, nicht Konsúm und bedeutet: Kaufmannsladen.

Lernen von den Alten.

Wie versprochen kommt heute die Fortsetzung der Plauderstunde mit Andora, Matti und Bunki. Im zweiten Teil geht es vor allen Dingen furchtbar laut zu. Alle reden. Gelegentlich gar gleichzeitig. Es gibt mehr höhö und hähä und hihi meinerseits – ich mache praktisch nichts anderes. Beispielsweise, als Andora von einem Fußballspieler berichtet, der lieber Designer sein wollte, und am Ende keins von beiden war. Es geht um Braunschweig und um die Unentschlossenheit der 96er aus Hannover, die nicht sicher wissen, ob sie die Roten oder die Grünweißschwarzen sind, um die grausamsten Städte der DDR sowie die 70er und die 90er Jahre. Ein Trainer wird beschreiert, und Bunki widerlegt. Selbstredend wissen wir alle, wer der Trainer des 8:0 war.

Matti ist übrigens Unioner, weil er an der richtigen Stelle auf seinen Opa gehört hat. Sagt er. Guter Opa! Professionelle Strukturen werden angesprochen und unsere Hoffnungen in die Arbeit von Christian Arbeit geäußert. Als die Rede auf Andoras “Madonna von Oberschöneweide” kommt, unterhalten wir uns über Raffael. Raffael wie Tizian, nicht wie der eine da von Hertha. Ich bin übrigens persönlich mit dem einzigen Mißerfolgsfan des FC Bayern München bekannt, stelle ich fest.

Wir finden heraus, wie schwierig es ist, im Umfeld des geliebten Vereins zu arbeiten, und dass wirklich & wahrhaftig einige Unioner 3Sat kucken. Ferner wird bewiesen, dass es Zweidollarnoten gibt und was man damit machen kann. Ich lerne etwas über polnische Propagandafahnen, Senf und handgeschnitzte Rollstangen. Keiner von uns will mit Union in die Championsleague, was unmittelbar in die Frage gipfelt: wohin denn dann? Und wir reden natürlich über Berlin, die Stadt der Städte, Eventpublikum, Arenen und Fußballunfreundlichkeit.

[>> Teil 2 ist ein bißchen ausgeufert, ja. Ich habe trotzdem nichts geschnitten. Es war ein Experiment. Danke allen, die dabei waren!]

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Darf es etwas mehr sein?

Abends, kurz nach acht, stolpern wir mit Bunki zusammen in die “5Ziegen” rein. Drinnen sitzt Andora schon an Milans Tresen, von Matti noch keine Spur, aber ehe wir uns versehen, befinden wir uns mitten in einem Gespräch. Ich packe meine vorbereiteten Fragen erst aus und dann gleich wieder ein und lasse ab irgendwann einfach das Diktiergerät laufen.

Andora

Andora lobt das Textilvergehen, ich kichere die ganze Zeit wie die Hexe im Märchen, mööp sagt “ja” und “ja” oder auch mal “jaja”, und Bunki hat angeblich keine große Klappe. Wir reden über Groupies, Ottos Mutter und sonstige Frauen beim Fußball. Wir thematisieren Wismut Aue, Freundschaften und Feindschaften, gefühlte Niederlagen, Väter und Jimmy Hoge, Telefonanschlüsse im Osten, Patsche und das Kombinat Union, Mäckie Lauck, das Besondere bei Union und warum unsere Mannschaft augenblicklich so erfolgreich ist. Wir stellen fest, dass Hiddensee eine schöne Insel und Andora im Grunde Sozialpädagoge ist, Union das aus grafikdesignerischer Sicht zeitloseste und beste Logo aller Zeiten und Ligen hat, nämlich eines, das dynamisch ist, was man aber nicht sagen darf. Wir diskutieren die Verbindung zwischen Fußball und Kultur. Wir sprechen über Bulle Sigusch und Heckenscheren, die hohe Kunst des Scheiterns und darüber, warum “Schmetterling” Andora nicht Profifußballer geworden ist.

“Wir” stimmt aber nur so halb – eigentlich redet Andora. Zwischendurch telefoniert er auch mal, wir klappern währenddessen mit Flaschen, lassen Kronkorken ploppen und stellen gelegentlich eine Frage. Falls wir zu Wort kommen.

Am Ende des Abends schenkt mir Milan die schönste Kaffeetasse der Welt (tausend Dank!), und ich denke, dass es das viel öfter geben müsste: Leuten zuhören, die was erlebt haben.

[>>Teil 1 unserer Plauderei heute und hier, der zweite kommt morgen oder übermorgen. Und weil ich immer noch kein funktionierendes Plugin für einen mp3-Player gefunden habe, müsst ihr leider erst umständlich den Link anklicken und die mp3-Datei irgendwohin speichern, bevor ihr´s anhören könnt. Danke, Max!]

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Und jetzt kommt: Reklame.

Manchmal bekommt man E-Mails, in denen steht drinne „Guten Tach, ich bin von der Firma X und würde gern ein blinkendes, häßliches Banner bei Ihnen platzieren. Wir gäben Ihnen auch Geld dafür.“ Bevor ich das blinkende, häßliche Banner gesehen hatte, dachte ich zumindest noch: Naja. Nachdem ich das blinkende, häßliche Banner gesehen hatte, erwog ich die Rückfrage, ob nicht viel dringender ein Gestalter gesucht würde. Ich wollte aber nicht unhöflich wirken.

An anderen Tagen bekommt man E-Mails, über denen steht drüber „Sehr geehrter Herr Lamm“ – da geht’s dann entweder um KfZ-Versicherungen oder um Fußball. Wenn diese Mails aber so unerhört sympathisch weitergehen wie die von Benjamin Lutz, der zusammen mit Christian Eckenweber die Mitfahrzentrale für Fußballfans www.ichfahrauswaerts.de betreibt, kann es sein, dass ich mich entschließe, für gar kein Geld trotzdem Werbung zu machen. Nämlich dann, wenn mir eine Idee wirklich gut gefällt.

Die beiden sind aus Mannheim, und, soviel Lokalpatriotismus darf sein, sie sind Fans von Waldhof Mannheim. Auch ´n Schicksal. Ich sag mal: Hajrudin Catic. Mit Benjamin, der in Heidenheim Sozialpädagogik studiert, verabrede ich mich zum telefonieren. Heidenheim ist 230 km von Mannheim entfernt, und damit ist für ihn jedes Spiel ein Auswärtsspiel.

Die Plattform www.ichfahrauswaerts.de vermittelt Mitfahrgelegenheiten zu Fußballspielen. Mitfahrgelegenheit kann dabei alles sein: im Käfer ist noch ein Plätzchen frei, wir teilen uns ein Wochenendticket, der Fanbus hat noch Kapazitäten. Es geht nicht nur darum, Auswärtsfahrten zu ermöglichen, sondern auch und vor allem die Exiler mal wieder ein Heimspiel erleben zu lassen. Die normale Mitfahrzentrale ist dafür eher ungeeignet. Man will eben ins Stadion und nicht irgendwohin. Man möchte zum Anpfiff da sein, und nicht irgendwann. Vor allem aber: man muss nach dem Spiel wieder nach Hause fahren. Wann auch immer das ist, mit Nachspielzeit, Verlängerung, Elfmeterschießen.

In Konkurrenz zu den Angeboten der Vereine sehen sich Benjamin und Christian nicht. Eher als Ergänzung. Eine Zusammenarbeit besteht beispielsweise mit dem SV Sandhausen. Ansonsten stellen momentan die Dortmund-Fans die reiselustigste Gruppe, gefolgt von Eintracht Frankfurt, Bayern, Schalke, Kaiserslautern, Bremen, Hamburg und Köln.

Nach einem sehr positiven Artikel bei SpOn haben die beiden inzwischen 709 Anmeldungen auf ihrer Seite. Der Service soll kostenfrei bleiben, gegebenenfalls durch Werbung finanziert werden. Es ist schwer, sagt Benjamin, ein solches Projekt ohne Budget zu etablieren, und dann noch „mal kucken, wie´s läuft.“

Ich hoffe, es läuft hervorragend. Alles Gute für euch!

Gipfeltreffen.

Wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht, das Internet überraschend abgeschafft wird oder so, sitzen Herr mööp und Frau steffi heute mit Andora, Matti Michalke und Mathias Bunkus bei Milan.

Es sieht ein bißchen danach aus, als würde mein Traum vom ersten Podcast Wirklichkeit. Vielleicht trinken wir aber auch nur fürchterlich viele Biere und besprechen die Welt. Oder beides. Oder keins davon. Man weiß das immer nicht so genau, wenn man mit Künstlern zu tun hat. Sowohl Matti als auch Andora verarbeiten ihr Union-Fantum in Bildern, Filmen, Skulpturen und Buchprojekten. Mathias lebt in dem Widerspruch, Sportberichterstatter, aber eben auch Unioner zu sein. Alle drei sind für mich Menschen, die ihren Verein auf ganz eigene Art unterstützen. Ich möchte wissen, was sie motiviert, worüber sie sich ärgern, welches Feedback sie vom Verein und von anderen Fans bekommen und wie ihnen der bisherige Saisonverlauf gefällt.

Ich freu mich sehr auf euch!

[Wer mir noch eine Frage mit auf den Weg geben möchte: bis 19 Uhr, per Mail oder in die Kommentare, bitte!]