Monthly Archive for September, 2007

Noch Fragen?

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Der Gast war Bremens Zweite, und in Block J wurde unheimlich viel geraucht.

(Randnotiz: Zur fast genau selben Zeit hat Bremens erste Mannschaft Arminia Bielefeld mit 8:1 spekatulär im Regen stehen lassen. Keineswegs möchte ich unseren Sieg darauf zurückführen, dass personeller Notstand der ersten Bremer Mannschaft die zweite eventuell etwas ausgedünnt hat. Man kann einfach nicht alles haben.)

Keiner mag sie.

Wie man sich aus der Ablehnung durch andere eine Identität als Gemeinschaft bastelt:

Nick Hornby schreibt über die Fans von Millwall, die zur Melodie von “Sailing” singen “Keiner mag uns / Keiner mag uns / Keiner mag uns / Scheißegal.”

In einem speziellen Vorort von Berlin hört man “Euer Haß macht uns nur stärker”.

Elias Canetti behauptet, dass ein Gefühl von Verfolgtheit zu den auffallendsten Zügen im Leben der Masse gehöre. Der äußere Angriff auf die Masse könne diese nur stärken.

Ist das eine Antwort, oder nur eine neue Frage?

Gefühlter Sieg.

4:3 in Wuppertal verloren. Gegen den Ersten – und wir waren so kurz davor …
(Randnotiz: Die Frankfurter Eintracht unterliegt zuhause zur fast genau selben Zeit dem KSC mit 0:1)

Andere Menschen sitzen angeblich zusammen auf Sofas und kucken im Fernsehen Spielfilme. Wir nicht, wir haben gar kein Sofa, und´n Fernseher auch nicht, und wir kucken auf 2 Computerbildschirmen Liveticker. Wegen der Idylle stellen wir die Bildschirme manchmal nebeneinander.

Ist das die Zukunft, oder sind wir einfach bloß bescheuert?

Gegessen.

2:2 gegen Essen, zweimal Rückstand aufgeholt. Das hört sich an, als hätte man zufrieden sein können. War man aber nicht.

Wir aus dem Osten.

Robert Kempe und Patrick Klein* suchen “nach einer offensiv behaupteten und fortgeschriebenen ostdeutschen – oder besser ostberliner Fanidentität vor dem Hintergrund der nicht mehr existierenden Deutschen Demokratischen Republik”. Schade ist, dass sie die bei den Unaussprechlichen suchen, und nicht … sagen wir mal: bei UNS, wo sie in dem thread “Es gibt nur einen FC Union” gerade heiß diskutiert wird.

*Robert Kempe/Patrick Klein: Kategorie D. Die Fans des BFC Dynamo, in: Krankenhagen/Schmidt: Aus der Halbdistanz, LIT Verlag, Berlin 2007, S.137.

Schilddrüsenunterfunktion.

Männer, die wissen, wo sie hingehören, Teil 2:

Funny van Dannen: Wenn wir Fußball spielten, musste ich immer ins Tor / und meistens war es so, dass meine Mannschaft verlor / und soll ich euch mal was sagen, es war mir scheißegal / denn bei Schilddrüsenunterfunktion ist das total normal.

Er ist und bleibt trotzdem einer meiner größten Helden.

… meine Fußball-Religion bleibt Eisern Union.

Schöner Beitrag zum fast genau selben Thema drüben bei den 11Freunden.

Für Ungläubige und solche, die noch nie David Bergner FUSSBALLGOTT hinterhergeschmettert haben: Peter Noss (Hrsg.), fußball ver-rückt – Gefühl, Vernunft und Religion im Fußball – Annäherungen an eine besondere Welt, Forum Religion & Sozialkultur, LIT Verlag, 3. Auflage,  2006.

Ich staune immer wieder. Jetzt grade zum Beispiel.

Ein Krokodil im Streichelzoo.

Die meisten meiner Freunde wissen, dass ich zu Fußballspielen gehe. Wenige verstehen es. Eine Handvoll geht mit. Zwei Kritiken, die grundsätzlich geäußert werden: Das ist zu wenig intellektuell. Das wird zu sehr intellektualisiert.*

Wer sagt »zu wenig intellektuell«, denkt »Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien« (Andreas Möller). Die klügeren Fußballer entgegnen darauf wie aus der Pistole geschossen »Albert Camus« und lachen laut.**

Wer sagt »zu sehr intellektualisiert«, hat entweder die Glossen in der Süddeutschen anlässlich eines nicht näher zu bezeichnenden Fußballgroßereignisses der jüngeren Vergangenheit gelesen, oder eine Studie aus der Kommunikationswissenschaft wie die von Holger Schramm und Christoph Klimmt.***

Schramm/Klimmt untersuchen, mit welcher Motivation sich unterschiedlich alte und verschieden kluge männliche und weibliche Menschen Fußballspiele im Fernsehen ansehen.**** Ausgangspunkt ihrer Studie ist die folgende Liste möglicher Motive, die sich aus allgemeinen Unterhaltungstheorien, aus speziellen Eigenschaften des Fußballspiels und aus dem Faktor »Fußballgroßereignis« zusammen setzen.

1. Eskapismus
2. Parasoziale Interaktionen und Beziehungen zu Akteuren
3. Spannungserleben
4. Stimmungsregulation
5. Beobachtung von intensivem Wettbewerb, Emotionen und Konflikten
6. Kanalisierung eigener Konfliktbedürfnisse
7. Unvorhersehbarkeit des Spielverlaufs
8. Ausbrechen aus sozialen Verhaltensnormen
9. Aktualisierung der Geschlechtsrolle und des Selbstbildes
(heisst frei übersetzt: Männer kucken Kampf, Frauen kucken Männer)
10. Lernen von den Profis / Schöner Fußball
11. Darstellung eigenen Expertentums
12. Verbundenheit/Identifikation mit Ländern, Spielern, Mannschaften
13. Völkerverständigung
14. Gemeinschaftserlebnis
15. Informationsbedürfnis / Teilhabe an relevantem Ereignis
16. soziale Integration bei Anschlusskommunikation

Die Liste fasst alle erdenklichen Gründe zusammen, aus denen man Fußball kucken könnte. Allerdings geht es ausschließlich um medial vermittelten Fußball, nicht um Fußball im Stadion.*****

Dazwischen liegen Welten. Und als Fußballfan kommt man sich angesichts einer solchen Liste vor wie ein Krokodil im Streichelzoo.
Ein medial erforschtes Krokodil.
Ein Krokodil erforscht am Beispiel einer Eidechse.

01.
Eskapismus ist eine Frage der Perspektive. Was heisst denn »Eskapismus«, wenn dein Verein dein Leben IST?
02.
»Spieler kommen, Trainer gehen – Fans bleiben« lautet ein geflügeltes Wort. Es gibt Lieblingsspieler. Die »Beziehung zu den Akteuren« ist trotzdem eine rein theoretische. Wie will man sich zu Spielern verhalten, die heute gegen den Verein spielen, für den sie gestern noch angetreten sind? Wer da unten steht, ist mehrfach ausgewählt und steht dort aus beruflichen Gründen. Die meisten Fans wissen das.
03.
Man geht auch, wenn man zuverlässig weiß, dass man verlieren wird.
04.
Stimmungsregulation durch Bier anlässlich von Fußball. Eventuell.
05.
Ein Haßgegner will sorgfältig gewählt sein. Von diesen Spielen gibt es, wenn überhaupt, je eines in der Hin- und eines in der Rückrunde. Die anderen 36 Spiele haben Familienfestcharakter.
06.
Die eigenen Konfliktbedürfnisse werden in der Dritten Halbzeit abgehandelt. Nicht im Spiel.
07.
Meistens kommt es genauso schlimm wie man vorher dachte.
08.
Im Stadion gelten andere soziale Verhaltensnormen. Denen entsprechend verhält man sich.
09.
Aus rein weiblicher Sicht: ich erkenne meinen Torwart an seinem Flugverhalten und an seiner Rückennummer. Ich hätte große Schwierigkeiten, ihn in Zivil auf der Straße zu identifizieren. Dafür ist sein Gesicht 90 Minuten lang einfach zu schlecht erkennbar, weil er entweder in der anderen Hälfte oder mit dem Rücken zu mir steht.
10.
Wenn tatsächlich mal eine schöne Kombination gezeigt wird, gibt es Szenenapplaus. Daran kann man ermessen, wie oft das vorkommt.
11.
Ich weiß seit neuestem, was Pärchenbildung im Fußball bedeutet, und welche verschiedenen Arten von Textilvergehen es gibt. Ich versuche allerdings mit diesem Wissen niemanden zu belästigen.
12.
Auch wenn hier eine Mannschaft unterstützt wird: was in einem Fanblock passiert, ist eher Selbstinszenierung der Marke »Ultra«.
13.
Man ist sehr bestrebt, politische Fragen aus dem Stadion raus zu halten. Wenn das mal nicht klappt, ist man baß erstaunt, wie weit man von Völkerverständigung wirklich entfernt ist.
14.
Es geht weniger um das gemeinsame Erleben, sondern um das viel stärkere Erlebnis, eine Gemeinschaft zu sein.
15.
Ich sehe inzwischen ein, dass Regionalligafußball für den Rest der Menschheit kein relevantes Ereignis ist. Trotzdem bin ich der Sportschau gram, wenn sie UNS nicht zeigt, obwohl Kamerateams im Stadion waren.
16.
Ich gebe mir im Gegenteil große Mühe, meine Anschlusskommunikation vom Thema Fußball möglichst weit entfernt zu halten. Die meisten meiner Gesprächspartner zeigen sich darüber dankbar und erfreut.

Schramm/Klimmt erklären mit ihrer Studie zwar, aus welchen Motiven sich Fernsehzuschauer beispielsweise zwischen »Tatort« und »Bayern München gegen Wacker Burghausen« für das Spiel entscheiden.Für Fußballfans gibt es dagegen gar keine Wahl. Und das finde ich viel interessanter.

* Zu möglichen Gründen der Intellektualisierung Klaus Theweleit: Das Tor zur Welt, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006, S.86.
** Florian Weber: You´ll never walk alone, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2006, S.153. Albert Camus war Torwart bei Racing Universitaire Algier.
***Schramm/Klimmt: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Die Rezeption der Fußballweltmeisterschaft 2002 im Fernsehen: Eine Panel-Studie zur Entwicklung von Rezeptionsmotiven im Turnierverlauf, Medien & Kommunikationswissenschaft, Jg. 2003/1, S.55-81 [61]
**** Sie untersuchen darüber hinaus im eigentlichen Schwerpunkt ihrer Studie, ob und wie sich diese Motive während des Turnierverlaufs verschieben.
***** Christian Meister: Der Fernseher ist kein Stadionfenster, in: Ballbesitz ist Diebstahl – Fußballfans zwischen Kultur und Kommerz, Hrsg. BAFF, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2004, S.63 und Stefan Hermanns: Im Land der Besserwisser, 11Freunde.de

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Ich wollte eigentlich nur fotografieren. Das Porträt einer Freundin. Schwierige Freundin, die immer sehr angestrengt aussieht, wenn eine Kamera auf sie zeigt. Ins Stadion sollte ich mitkommen. Im Stadion sei sie ganz sie selbst. Da wusste ich noch gar nichts, und Union spielte in der zweiten Bundesliga, mit Steffen Baumgart als Kapitän.
Spätestens nach dem dritten Stadionbesuch -ich hatte inzwischen nicht nur meine Freundin, sondern auch ihre Eltern, ihren Bruder, ihre Cousine und alle gemeinsamen Freunde, die mit uns im Block standen, fotografiert- war klar, dass ich wiederkomme.
Mit oder ohne Kamera.
Mit oder ohne Vorwand.
Seitdem bin ich zweimal ab- und einmal aufgestiegen, habe 8 Trainer verschlissen, ein Praktikum in einer Agentur für Sportfotografie gemacht, für Union geblutet und kaum ein Heimspiel verpasst.

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Ich verstehe bis heute nicht, was mir da passiert ist.

Ich fühle mich unwohl bei dem Gedanken, dass es auch ein anderer Verein hätte sein können. (Inzwischen unvorstellbar.) Mich irritiert, dass ich meinem Fußballverein schon länger treuer bin als jeder anderen Beziehung. Ich finde den Satz “Ich werde Vereinsmitglied, weil ich einen festen Punkt in meinem Leben brauche” nicht mehr merkwürdig. Keine Verabredungen, wenn zuhause gespielt wird, ganz gleich, ob Punktspiel, Pokalspiel, Testspiel, Freundschaftsspiel, Abschiedsspiel oder Trainingsauftakt. Trotzdem ich es besser weiß, und selbst wenn sie berechtigt ist, reagiere ich ungehalten auf Kritik von Außenstehenden an der Alten Försterei, der Mannschaft des 1.FC Union Berlin und an der Tatsache, dass ich da hin gehe.

Ich denke manchmal, ich habe schlecht gewählt. Wobei ich mich eben nicht erinnern kann, überhaupt gewählt zu haben.

Eine von vielen möglichen Erklärungen dazu ist diese:

Menschen von verschiedenartigster Intelligenz haben äußerst ähnliche Triebe, Leidenschaften und Gefühle. In allem, was Gegenstand des Gefühls ist: Religion, Politik, Moral, Sympathien und Antipathien usw. überragen die ausgezeichnetsten Menschen nur selten das Niveau der gewöhnlichen einzelnen.“

(Gustave Le Bon: Psychologie der Massen » Die Masse vom Unbewussten beherrscht, 1895)

Sag mir, wo Du stehst.

Männer, die wissen, wo sie hingehören.

Nick Hornby: I´m a striker; or rather, I am not a goalkeeper, defender or midfield player [...].

Klaus Theweleit: [...] ich kam auf Linksaußen, meine Lieblingsposition, wenn ich nicht linker Halbstürmer spielen durfte.

Florian Weber: Scheiß auf Howie und Colt. Scheiß auf Mathe. Ich war Kevin “The Mighty Mouse” Keegan!

Manuel Alegre: Há muitos anos atrás, eu marcava muitos golos nos Largo do Botaréu, em Águeda, como avançado centro da equipa da Rua de Baixo.

Birger Schmidt: Mit blauer Donald Duck-Jogginghose stand ich wie damals auch mein Vater als Torwart zwischen den Pfosten.

Erwin Kostedde: Ich möchte nie mehr arbeiten, sondern nur noch am Tresen stehen und saufen.