Die meisten meiner Freunde wissen, dass ich zu Fußballspielen gehe. Wenige verstehen es. Eine Handvoll geht mit. Zwei Kritiken, die grundsätzlich geäußert werden: Das ist zu wenig intellektuell. Das wird zu sehr intellektualisiert.*
Wer sagt »zu wenig intellektuell«, denkt »Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien« (Andreas Möller). Die klügeren Fußballer entgegnen darauf wie aus der Pistole geschossen »Albert Camus« und lachen laut.**
Wer sagt »zu sehr intellektualisiert«, hat entweder die Glossen in der Süddeutschen anlässlich eines nicht näher zu bezeichnenden Fußballgroßereignisses der jüngeren Vergangenheit gelesen, oder eine Studie aus der Kommunikationswissenschaft wie die von Holger Schramm und Christoph Klimmt.***
Schramm/Klimmt untersuchen, mit welcher Motivation sich unterschiedlich alte und verschieden kluge männliche und weibliche Menschen Fußballspiele im Fernsehen ansehen.**** Ausgangspunkt ihrer Studie ist die folgende Liste möglicher Motive, die sich aus allgemeinen Unterhaltungstheorien, aus speziellen Eigenschaften des Fußballspiels und aus dem Faktor »Fußballgroßereignis« zusammen setzen.
1. Eskapismus
2. Parasoziale Interaktionen und Beziehungen zu Akteuren
3. Spannungserleben
4. Stimmungsregulation
5. Beobachtung von intensivem Wettbewerb, Emotionen und Konflikten
6. Kanalisierung eigener Konfliktbedürfnisse
7. Unvorhersehbarkeit des Spielverlaufs
8. Ausbrechen aus sozialen Verhaltensnormen
9. Aktualisierung der Geschlechtsrolle und des Selbstbildes
(heisst frei übersetzt: Männer kucken Kampf, Frauen kucken Männer)
10. Lernen von den Profis / Schöner Fußball
11. Darstellung eigenen Expertentums
12. Verbundenheit/Identifikation mit Ländern, Spielern, Mannschaften
13. Völkerverständigung
14. Gemeinschaftserlebnis
15. Informationsbedürfnis / Teilhabe an relevantem Ereignis
16. soziale Integration bei Anschlusskommunikation
Die Liste fasst alle erdenklichen Gründe zusammen, aus denen man Fußball kucken könnte. Allerdings geht es ausschließlich um medial vermittelten Fußball, nicht um Fußball im Stadion.*****
Dazwischen liegen Welten. Und als Fußballfan kommt man sich angesichts einer solchen Liste vor wie ein Krokodil im Streichelzoo.
Ein medial erforschtes Krokodil.
Ein Krokodil erforscht am Beispiel einer Eidechse.
01.
Eskapismus ist eine Frage der Perspektive. Was heisst denn »Eskapismus«, wenn dein Verein dein Leben IST?
02.
»Spieler kommen, Trainer gehen – Fans bleiben« lautet ein geflügeltes Wort. Es gibt Lieblingsspieler. Die »Beziehung zu den Akteuren« ist trotzdem eine rein theoretische. Wie will man sich zu Spielern verhalten, die heute gegen den Verein spielen, für den sie gestern noch angetreten sind? Wer da unten steht, ist mehrfach ausgewählt und steht dort aus beruflichen Gründen. Die meisten Fans wissen das.
03.
Man geht auch, wenn man zuverlässig weiß, dass man verlieren wird.
04.
Stimmungsregulation durch Bier anlässlich von Fußball. Eventuell.
05.
Ein Haßgegner will sorgfältig gewählt sein. Von diesen Spielen gibt es, wenn überhaupt, je eines in der Hin- und eines in der Rückrunde. Die anderen 36 Spiele haben Familienfestcharakter.
06.
Die eigenen Konfliktbedürfnisse werden in der Dritten Halbzeit abgehandelt. Nicht im Spiel.
07.
Meistens kommt es genauso schlimm wie man vorher dachte.
08.
Im Stadion gelten andere soziale Verhaltensnormen. Denen entsprechend verhält man sich.
09.
Aus rein weiblicher Sicht: ich erkenne meinen Torwart an seinem Flugverhalten und an seiner Rückennummer. Ich hätte große Schwierigkeiten, ihn in Zivil auf der Straße zu identifizieren. Dafür ist sein Gesicht 90 Minuten lang einfach zu schlecht erkennbar, weil er entweder in der anderen Hälfte oder mit dem Rücken zu mir steht.
10.
Wenn tatsächlich mal eine schöne Kombination gezeigt wird, gibt es Szenenapplaus. Daran kann man ermessen, wie oft das vorkommt.
11.
Ich weiß seit neuestem, was Pärchenbildung im Fußball bedeutet, und welche verschiedenen Arten von Textilvergehen es gibt. Ich versuche allerdings mit diesem Wissen niemanden zu belästigen.
12.
Auch wenn hier eine Mannschaft unterstützt wird: was in einem Fanblock passiert, ist eher Selbstinszenierung der Marke »Ultra«.
13.
Man ist sehr bestrebt, politische Fragen aus dem Stadion raus zu halten. Wenn das mal nicht klappt, ist man baß erstaunt, wie weit man von Völkerverständigung wirklich entfernt ist.
14.
Es geht weniger um das gemeinsame Erleben, sondern um das viel stärkere Erlebnis, eine Gemeinschaft zu sein.
15.
Ich sehe inzwischen ein, dass Regionalligafußball für den Rest der Menschheit kein relevantes Ereignis ist. Trotzdem bin ich der Sportschau gram, wenn sie UNS nicht zeigt, obwohl Kamerateams im Stadion waren.
16.
Ich gebe mir im Gegenteil große Mühe, meine Anschlusskommunikation vom Thema Fußball möglichst weit entfernt zu halten. Die meisten meiner Gesprächspartner zeigen sich darüber dankbar und erfreut.
Schramm/Klimmt erklären mit ihrer Studie zwar, aus welchen Motiven sich Fernsehzuschauer beispielsweise zwischen »Tatort« und »Bayern München gegen Wacker Burghausen« für das Spiel entscheiden.Für Fußballfans gibt es dagegen gar keine Wahl. Und das finde ich viel interessanter.
* Zu möglichen Gründen der Intellektualisierung Klaus Theweleit: Das Tor zur Welt, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006, S.86.
** Florian Weber: You´ll never walk alone, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2006, S.153. Albert Camus war Torwart bei Racing Universitaire Algier.
***Schramm/Klimmt: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Die Rezeption der Fußballweltmeisterschaft 2002 im Fernsehen: Eine Panel-Studie zur Entwicklung von Rezeptionsmotiven im Turnierverlauf, Medien & Kommunikationswissenschaft, Jg. 2003/1, S.55-81 [61]
**** Sie untersuchen darüber hinaus im eigentlichen Schwerpunkt ihrer Studie, ob und wie sich diese Motive während des Turnierverlaufs verschieben.
***** Christian Meister: Der Fernseher ist kein Stadionfenster, in: Ballbesitz ist Diebstahl – Fußballfans zwischen Kultur und Kommerz, Hrsg. BAFF, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2004, S.63 und Stefan Hermanns: Im Land der Besserwisser, 11Freunde.de